Danke, George!

Er hat die Linke geeinigt. Er hat die zutiefst demokratische Auffassung durchgesetzt, dass jede Tröte das Recht hat, zu regieren. Und er hat die Illusion zerstört, heutzutage gebe es zwischen links und rechts keinen nennenswerten Unterschied mehr. Keine schlechte Leistung. Würde George W. Bush abgewählt, wird er uns direkt fehlen. taz, Oktober 2004

 

 

Ich kann den amerikanischen Essayisten Jonathan Chait gut verstehen. "Ich hasse Präsident Bush", hatte er unlängst geschrieben. "Da, jetzt ist es raus. Ich hasse, wie er geht. Ich hasse, wie er redet." Ich würde noch hinzufügen wollen: ich hasse seinen Blick, seine leeren, dummen Augen. Bush ist wie Zahnweh – unerträglich.

 

Eine tiefe, tiefe Abscheu, die über die normale Reserve hinausgeht, die man normalerweise gegenüber einen schlechten Politiker hegt, dessen Haltungen man ablehnt, verbindet heute weite Teile der Welt: die große Mehrheit der Europäer, der Araber, die erdrückende Mehrheit der Süd- und eine starke Minderheit der US-Amerikaner, bis weit in die liberale Mitte hinein. Chaits Essay, in dem er seinen Hass auf Bush verkündete, war immerhin als Coverstory im liberalen US-Magazins "The New Republic" erschienen. Titel: "Bush hassen".

 

Der amerikanische Präsident: das ist ein Politiker, dem gegenüber man noch echte, große Gefühle haben kann, der selbst die coolsten Coolen in Rage bringt. Hatte man sich nach so einem nicht fast gesehnt? Sollte er am nächsten Dienstag abgewählt werden, steigen von New York bis Jarkata, von Berlin bis Rio die Freudenparties. Womöglich wird er uns, wenn’s so käme, noch fehlen.

 

Nur keine Mißverständnisse: Gewiß ist es notwendig, dass er zum Teufel gejagt wird. Keine Frage. Er hat Amerika unfreier, die Welt unsicherer, die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht und ein paar zehntausend Menschen um die Ecke gebracht. Die Liste ist lang: die Auswärtsspiele der US-Army, die städtebaulichen Erneuerungsprogramme der Air Force, der Patriot Act, das Folter­-Rivival und Private Lynndie Englands Sado-Maso-Flur. Wissen wir alles. Weiß jedes Kind. Beten wir zum Schutzheiligen der anonymen Alkoholiker, dass Kerry gewinnt. Und doch werden wir uns an Bush vielleicht noch mit stiller Nostalgie erinnern. Es muss nur etwas Zeit vergehen. Irgendwann halten wir vielleicht auch Guantanamo für einen kitschigen Song aus den Anden.

 

Es ist eine Binsenwahrheit, dass von jemanden, der derart starke negative Gefühle mobilisiert wie Bush, auch eine starke Faszination ausgeht, so wie die Verneinung eines verdrängten Vorstellungsinhalts gerade auf die Präsenz des Verdrängten hinweist (Sigmund Freud, "Die Verneinung", 1925); und dass solche starken, negativen Gefühle positive Folgen zeitigen können.

 

Beginnen wir mit seiner größten Leistung: George W. Bush hat sich um die Einheit der planetarischen Linken verdient gemacht. Dafür allein gebührt ihm die Che-Guevara-Gedächtnismedaillie. Der Einmarsch im Irak hatte gerade erst begonnen, da freute sich Tariq Ali, seit 1968 eine Celebrity im globalen linksradikalen Kongress-Jet-Set, auch schon über beide Ohren: "Beim Kosovo waren wir unterschiedlicher Meinung. Bei Afghanistan waren wir unterschiedlicher Meinung. Über den Irak können wir uns endlich einigen." Für einen Augenblick war der Krach der Kulturen vergessen, der so lange im linken und linksliberalen Milieu für Verstimmung gesorgt hat, jener zwischen melancholischen Pazifisten, altväterlichen Antiimperialisten und bellizistischen Menschenrechtsinterventionisten. Endlich konnte man wieder gemeinsam einen heben, ja sogar wieder auf Demos gehen. Und wen traf man da? Junge Leute! Echte junge Leute! Und den schwarzen Block, nicht den mit den Motorradmasken, sondern den mit den schwarzen Anzügen, schwarzen Hemden, den schwarzen Brillen, die ästhetisch den Kassengestellen nachempfunden, dafür aber sündteuer sind. Engagement war plötzlich nicht mehr uncool. Popsternchen stolzierten mit "War-is-not-the-anwer"-T-Shirts über die Bühnen. Und wer hat das zuwege gebracht? Eben. Das macht George W. Bush keiner so schnell nach.

 

Über Bush‘ Schlichtheit kann man natürlich herrlich scherzen, wie das etwa der britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton unlängst tat: "Manche Delfine können den Satz ,Bring das Surfbrett zum Frisbee‘ von ,Bring das Frisbee zum Surfbrett‘ unterscheiden, eine Operation, mit der manche Führer der Welt ihre Schwierigkeit hätten." Doch solcher Spott verdeckt, dass Bush nicht nur auf die Dummen, sondern auch auf die Klügeren wirkt, gerade wegen seiner Schlichtheit. Zunächst schien es nach seiner Wahl so, als sei der Mann ja klüger als er sich gibt. Dies war deshalb die allgemeine Annahme, weil man dachte, jemand, der intellektuell derart herausgefordert ist wie die öffentliche Person Bush, könnte es doch unmöglich schaffen, Präsident der USA zu werden. Man suchte nach einer Form verborgener Intelligenz, tief überzeugt, man würde sie entdecken, wenn man nur lange genug suchte, so wie die Ufologen, die unverrückbar daran glauben, es existiere irgendeine Form von Intelligenz "da draußen". Es stellte sich aber heraus: der Mann ist so, wie er scheint. Er starrt ins Leere, liest Kinderbücher, während sein Land angegriffen wird – wie am 11. September 2001 – und er ist von einer derartigen vegetativen Unberührtheit, dass er es schafft, nur 45 Minuten nach der Live-TV-Ansprache, in der er den Beginn des Bombenkrieges im Irak verkündete, im Bett zu liegen und friedlich zu schlafen. Nur hat diese Simplizität eine eigene Attraktivität. Jemand, der nur mit Schwierigkeiten zu formulieren vermag, was er meint, dem traut man nicht die Raffinesse zu, die Leute auch noch vorsätzlich zu täuschen. Bill Clinton etwa, der war ein kluger Kopf, der konnte lügen, aber Hallo! Der konterte Fragen nach heiklen Sachverhalten mit Ausflüchten wie der legendären Formulierung, "das hängt davon ab, was die Bedeutung von ,ist‘ ist". Aber Bush? Bush brächte einen solchen Satz nie über die Lippen, jedenfalls nicht absichtlich. Das weiß jeder und aus diesem Umstand machte Bush eine Stärke, sozusagen die Stärke des Schwachen, seine eigene Art der "asymetric warfare". Programmatisch seine Bemerkung bei der Convention der Republikaner Anfang September: "Auch wenn Sie nicht meiner Meinung sind, zumindest wissen Sie, woran ich glaube und wofür ich stehe." Bei Kerry ist man sich da nicht so sicher, denn der Mann hat ja bisweilen schon Unerhörtes getan: nämlich seine Meinung geändert. Und übersehen wir nicht, dass öffentlich zur Schau gestellte Schlichtheit demokratische Instinkte anruft: Wenn Bush den Staat führen kann, kann jeder den Staat führen. Wenige Staatenlenker haben so viel für das berühmte Leninschen Ideal getan, wonach jede Köchin für die Führung des Gemeinwesens in Frage kommen sollte.

 

Vielleicht geht Bush in die Geschichte ein als ein großer Aufklärer. Hatte sich nicht durchzusetzen begonnen, dass in modernen, liberalen, interdependenten westlichen Gemeinwesen eigentlich egal ist, wer regiert? Die Meinung des verstorbenen Soziologieprofessors Luhmann, wonach die Politik ein operativ geschlossenes System ist mit eigener Dynamik, das gleichzeitig kaum mehr nennenswerten Einfluss auf die Dynamik anderer Funktionssysteme (wie Wirtschaft, Kultur, Recht, Wissenschaft) habe, war zum Common Sense geworden und drückte sich, in das populäre Wissen des Alltagsverstandes diffundiert, in der bekannten zeitgenössischen Indifferenz aus: "Rechts und Links? Sind doch alle gleich." Nun, es brauchte einen Bush und diese Irrlehre liegt in Trümmern.

 

Schlußendlich verdanken wir George W. Bush noch die Zerstörung einer weiteren Illusion – der Idee, die Globalisierung nivelliere und vereinheitliche Werte, Affekte, Meinungen und Hoffnungen. "Der globale Handel mit Kleidungsstücken und anderen Produkten hat die Illusion aufkommen lassen, wir werden am Ende alle gleich aussehen, das gleiche essen und das gleiche denken", bemerkte unlängst der britisch-niederländische Publizist Ian Buruma. "Doch die Leute haben unterschiedliche Fantasien in unterschiedlichen Teilen der Welt. Moden sind anders. Fernsehwerbung ist anders. Der Humor ist ein anderer." Wie recht der Mann hat, darauf stieß einem förmlich der Zuspruch für Bush in Amerika. Eine starke Minderheit, wenn nicht sogar die Mehrheit der Amerikaner fährt auf  bigotte Erweckungsrhetorik ab, findet nichts dabei, dass die Regierung ihre Sitzungen mit einem Gebet beginnt. 40 Prozent der Amerikaner bekunden, sie hätten eine tiefgreifende religiöse Erfahrung gemacht, die ihr Leben veränderte, 45 Prozent von ihnen glauben, "Gott erschuf die Menschen ziemlich genau in ihrer heutigen Form irgendwann während der letzten 100.000 Jahre". Hollywood, Popmusik und Bill Clinton hatten den falschen Eindruck erweckt, die Amerikaner mögen die gleichen Dinge wie normale Menschen auch: steile Sounds, Fast-Food, Sex, Joggen und fröhlichen Hedonismus. Dabei gehört gut die Hälfte dieser zutiefst und schroff gespaltenen Nation einem Menschenschlag an, den unsereins nicht viel besser verstehen kann als einen Pygmäenstamm im hinteren afrikanischen Busch. Das wissen wir nun, und das ist George W. Bush‘ Verdienst.

 

Man hörte in den vergangenen Jahren immer wieder, in der Welt grassiere dumpfer Antiamerikanismus. Das ist natürlich Unfug. Denn bisher war die Kritik – auch die schroffste – überwiegend von dem Gestus getragen, das ideale Amerika gegen etwas zu verteidigen, was als illegitime Usurpation gesehen wurde. Bush wurde irgendwie als Irrtum betrachtet, eine Deutung, die durch die Umstände seiner "Wahl" ja auch nicht unberechtigt war. Echten Antiamerikanismus wird es erst geben, wenn Bush wiedergewählt werden sollte. "Wir entscheiden mit dieser Wahl nicht nur, wer uns anführen soll. Wir zeigen der Welt und uns selbst auch, wer wir sind", formuliert der ehemalige New-York-Times-Kolumnist Anthony Lewis im aktuellen "New York Review of Books". Noch eine Nuance schärfer sagt das der große amerikanische Historiker Fritz Stern: "Wenn wir Bush wiederwählen, dann ist das ein Urteil über alle von uns".

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