Gott Reloaded

In den USA grassiert christlicher Polit-Obskurantismus. Hierzulande kommt Gott auf leisen Sohlen durch die Hintertür. Als Seelendoktor, der gegen die spirituelle Leere helfen soll und als Wachmann gegen die entfesselte säkulare Vernunft. Falter, November 2004

 

Ein Präsident, der täglich die Bibel liest, Jesus fest an seiner Seite glaubt und der sich wohl  auch darum in seiner Politik durch Tatsachen nicht beirren läßt; der dauernd vom Beten redet und wiedergewählt wurde, weil die Leute "Werte" für wichtig halten. Irgendwie sehen die Vereinigten Staaten – "a Nation under God" – leicht nacht Theokratie aus. Da schüttelt es den aufgeklärten Europäer – auch, weil die Erfahrung lehrt, dass das, was aus Amerika kommt, irgendwann über den großen Teich schwappt. Nach Rockmusik, Crack und Marktradikalismus nun also die Frömmelei?

 

Immerhin fand Italiens Premierminister Silvio Berlusconi nichts dabei, den obskuren Papstvertrauten Rocco Buttiglione als EU-Kommissar zu nominieren. Ausgerechnet Justizkommissar hätte der Mann werden sollen, von dem fraglich schien, was für ihn im Zweifel mehr zählt – Gottes Gesetz oder der weltliche Grundrechtskatalog. Nachdem Buttiglione zurückgezogen werden musste, echauffierten sich auch Christpolitiker und Theologen, die normalerweise als vernünftig gelten: Hat man als Katholik schon Berufsverbot in Europa? – Als wäre das hohe politische Amt des Justizkommissars eine Arbeitsstelle wie die des Lehrers oder Briefträgers, für dessen Auswahl nur die Rechtstreue, keineswegs aber die Weltanschauung des Bewerbers in Betracht kommen dürfe. Der krause Buttiglione selbst sah sich als Opfer von "Hexenverfolgung" und einer neuen "Inquisition" – er muss da im Überschwang etwas verdreht haben. Pathosgeschüttelt beruft er sich auf Gewissens- und Meinungsfreiheit, als beließen es katholische Politiker dabei, in der Homosexualität ganz privat eine "Sünde" zu sehen und würden sie nicht versuchen, wo immer ihnen das möglich ist, aus ihren Meinungen staatliche Gesetze zu machen.

 

Wird, fragt man sich, der Clash of Civilizations demnächst zu einer Konkurrenz der Fundamentalismen?

 

Gemach, gemach. Weder Bush‘ theologische Politik noch die Affäre Buttiglione müssen auf eine Rechristianisierung der Politik in Europa hindeuten. Zwar wird, etwa bei der Türkei-Debatte, von manchen Seiten die christliche Identität Europas beschworen, wird Gott in die Verfassung reklamiert, und einige konservative Politiker mögen damit liebäugeln, mit Kampagnen gegen die Home-Ehe Wahlen zu gewinnen – doch für Europas Christdemokraten ist Bush und sein Zug ins Fundamentalistische mehr eine Belastung.

 

Der Aufschwung der religiösen Eiferer in den USA "fordert das liberale Christentum in Europa heraus" formulierte die für Glaubensfragen stets aufgeschlossene Hamburger "Zeit" vergangene Woche in ihrem Leitartikel und fragt sich, ob die Nichtwahl "des katholischen Schwulengegners Buttiglione zum EU-Kommissiar" nicht sogar als "genial-präventives Signal" gegen die fundamentalistische Vergiftung gedeutet werden könnte. Da das Vereinigte Europa seine Identität in wachsendem Maße in Abgrenzung gegenüber der Hypermacht USA definiert, wächst auch der Sinn für‘ Säkulare.

 

Allerdings: Gott kommt in unseren Breiten dafür durch die Hintertür – auf sanften Pfoten, verständig, gibt sich der alte Rauschebart auf der Höhe des Diskursiven. Da wird auch in linksliberalen Blättern wie selbstverständlich von "der spirituellen Leere der westlichen Welt" gesprochen, die "seit dem 11. September 2001 so schmerzhaft ins Bewusstsein gedrungen ist" (Süddeutsche Zeitung). Dabei könnte man ja auch fragen, ob es tatsächlich so ein Defizit ist, dass sich im Westen die Leute für ihre Glaubenswahrheiten seltener in die Luft sprengen.

 

Seit Gott aus dem öffentlichen Leben verbannt ist, fehlt uns etwas, wird suggeriert. Die Schlüsselformel, die heute aus keinem philosophischen, politikwissenschaftlichen oder theologischen Diskurs mehr wegzudenken ist, wurde vor fast vierzig Jahren vom deutschen Staatsrechtler Ernst Wolfgang Böckenförde geprägt: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann", so das Credo des späteren Präsidenten des deutschen Bundesverfassungsgerichtes. Soll heißen: die moderne freiheitliche Demokratie konnte nur gedeihen, weil vorpolitische Bindungskräfte die Gesellschaft zusammenhielten. Doch die Demokratie kann diese Bindungskräfte nicht pflegen, die stetige Modernisierung untergräbt sie sogar.

 

"Gott ist doch nicht tot", dekretierte Rüdiger Safranski, der große Popularisierer der deutschen Philosophie im Frühjahr im neurechten Intelligenzblatt Cicero: "Wir befinden uns in einer Situation, in der die Einsicht wächst, dass wir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Wertorientierung ganz gut wieder eine Religion brauchen könnten, zugleich aber wissen wir oder sollten es doch wissen, dass aus dieser Einsicht allein noch nichts Religiöses folgt, sondern eben nur – der Wille zum Glauben."

 

Welche Strahlkraft das hat, erweist sich an allen Ecken: da wird auf deutschen Bühnen der Glaube wieder als das große Thema entdeckt. Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl verstörte unlängst Tout Berlin, weil er auf die Bretter von Frank Castorfs Volksbühne eine abendfüllende Gebetsrunde brachte. Titel: "Vater Unser". Nur ein paar hundert Meter weiter, am Gorki-Theater, studierten sie zu dieser Zeit gerade einen neuen Zyklus ein – die "Bibel-Factory". Bruno Cathomas, Regisseur und Schauspieler: "In unserer aufgeklärten Welt, weiß man vor lauter Wissen gar nicht mehr, woran man glauben soll."

 

Und auch Jürgen Habermas, der große nachmetaphysische Philosoph, ist bereit, seinen Frieden mit dem Transrationalen zu machen. Anfang des Jahres traf er sich mit Joseph Kardinal Ratzinger, dem päpstlichen Hüter über die katholischen Dogmen, zum hochprozentigen Gipfeltreffen von Spiritus und Ratio – und plädierte für die Anpassung des säkularen Bewusstsein an die Religion. Das Publikum vernahm’s dem Thema gemäß:  ungläubig.

 

Habermas ist in Sorge, weil in einer "entgleisenden Säkularisierung" der säkularen Vernunft niemand mehr Grenzen zieht. Was den Pontifex Maximus der Frankfurter Schule bewegt, sind allen voran die Gentechnik, aber auch der entfesselte Ökonomismus. Die Religion erscheint ihm da als einzige und wichtige Ressource, die die Sprache gegen irre gewordene Markt- und Wissenslogik bereitstelle. Wie wolle man sich gegen das Menschenklonen verwahren, ohne auf die Würde des Menschen und die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit zurückzugreifen? Warum eigentlich, wenn nicht einer höheren Moral wegen, solle der Mensch nicht tun, was der Mensch kann?

 

Habermas fragt: Was stoppt den selbstzerstörerischen Lauf der Vernunft? Und weil sonst nichts besseres zur Hand ist, greift er zur Religion. Ganz absurd ist das nicht, wenngleich schon fraglich ist, wie erfolgversprechend ein solches selbstreflexives Glaubensprojekt wäre; Menschen haben üblicherweise einen Glauben nicht deshalb angenommen, weil sie nach langen Überlegungen zu dem Schluss gekommen sind, dass es besser ist, einen zu haben, als keinen zu haben. Gerade die strengen Bindewirkungen, die Habermas sich erhofft, würde eine solche schwache Spiritualität wohl kaum entfalten.

 

Habermas Segen für die Kleriker ist aber durchaus ein Signal. Was da, im Anschluss, so sprudelte, ist bisweilen grotesk. Vom selbstgerechten Postulat, es sei wohl kein Zufall, dass das christliche Europa Demokratie und Menschenrechte erfunden habe ist es nur mehr ein kleiner Schritt zu der Überzeugung, ohne christliches Erbe seien Demokratie, universalistische Menschenrechte, Toleranz und Respekt gegen den Anderen undenkbar. Selbst die Vaterschaft der Aufklärung reklamieren manche Kirchenleute frech.

 

Ein paar Nebensachen werden da gerne unterschlagen: etwa, dass so ziemlich jedes Menschenrecht dem Christentum abgerungen wurde. Dass die Kirche Andersdenkende nicht respektierte, sondern am Scheiterhaufen rösten ließ. Dass sich die Aufklärer, von Galilei bis Lessing, gegen den erbitterten Widerstand der Theologie durchsetzen mussten. Aber solche Hinweise erinnern nur an vergangene Kulturkampf-Zeiten, wohingegen ein bißchen Geschichtsklitterung nicht so ins Gewicht fällt, geht es doch darum, die große spirituelle Leere zu füllen.

 

Gewiß ist der demokratische Rechtsstaat nicht frei von Paradoxa. Warum etwa gelten solle – wie im deutschen Grundgesetz -, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, ist rein demokratisch-prozedural nicht zu beantworten. Wenn eine demokratische Mehrheit meint, dass sie sehr wohl antastbar ist und etwa für’s Foltern plädiert, läßt sich für ein säkulares Tabu schwer argumentieren. Warum aber gerade der christliche Glaube gegen derartige Kurzschlüsse der Volksherrschaft eine Versicherung sein soll, ist kaum nachvollziehbar. Schließlich ist es nicht ein Agnostiker, sondern der bibeltreue George W. Bush gewesen, der das Foltertabu im Westen zerstört hat.

 

Nicht das Christentum generiert demokratische Werte – die Demokratie generiert die Demokratie. Wenn der demokratische Prozess als legitim erlebt wird, produziert er auch die Bindekräfte, die der demokratische Rechtsstaat braucht. Die säkulare Vernunft kann ihr Haupt ruhig hoch halten. Ihre Mängel mag sie haben. Gott hilft gegen keine davon.

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