Parallelgesellschaft

Ich kann mit jedermann verkehren – aber ich muss nicht. Was ist eigentlich so schlimm daran, dass sich Milieus verpuppen? Standard, Dezember 04

 

 

Ein neues Schreckenswort bemächtigt sich unser: Parallelgesellschaft. Brrr, da schüttelt es auch den aufgeklärten Westeuropäer, der gestern noch warmherzig auf’s kreative Nebeneinanderherleben der Kulturen hoffte. Parallelgesellschaft, das ist dieses düstere, uneinsehbare, buchstäblich verschleierte Kellergeschoß unserer Hochglanzgesellschaft, in dem verprügelt, versklavt, vergewaltigt und ehrengemordet wird, in dem fiese Terroranschläge ausgeheckt werden: das Mittelalter, das sich neben der Postmoderne einnistet. Bestimmt ist auch mein schönes, neues Mountainbike, das eines Tages nicht mehr an seinem Platz war, in einer solchen Parallelgesellschaft verschwunden. Parallelgesellschaften darf es nicht geben, so der neue Konsens von links bis rechts.

 

Dabei war das gar nicht immer so, dass Parallelgesellschaften derart negativ gesehen wurden. Wie haben sich früher noch einmal Parallelgesellschaften – zugegeben unterschiedlicher Natur – genannt? Underground, Subkultur, Szene, Chinatown, Little Odessa, Little Italy, Bronx, Vorstadt, Schtettl. In manche wurde man mehr hineingeboren, andere waren mehr selbst gewählt (in der Realität war’s meist ein Mittelding). Da wurden Filme drüber gedreht, und keineswegs nur Horrorschocker! Dabei hat keiner angenommen, dass es immer freundlich zugeht in der Parallelgesellschaft. Filme wie "Der Pate" und Elvis Presleys Song "In the Ghetto" sparten nicht mit der Abbildung der negativen Seiten. Aber man wußte auch, was man hat an den Parallelgesellschaften. Wie kämen wir zu unserem Fladenbrot ohne Parallelgesellschaft? Aber, mag man einwenden, bisher hat die Existenz von Parallelgesellschaften die hiesige rechtsstaatliche Ordnung nicht untergraben. Das mag im großen und ganzen gelten, doch das Argument wird schon fragwürdiger, zieht man italienische Schutzgelderpresser, die Chinesengastronomie oder auch die Hausbesetzerszenen in Betracht – sowie das Schweigegebot, das für Parallelgesellschaften szenetypisch ist.

 

Wie auch immer die Unterschiede im Detail oder auch im Prinzipiellen sich darstellen mögen: Die künstlerische und die kulinarische Avantgarde – alle inspiriert von Parallelgesellschaften! Alternativ-, Pop- und sonstige Szenen, alles Parallelgesellschaften, mit ihren eigenen Codes, ihren eigenen Lebensräumen, die gerade dadurch definiert waren, dass sie von Außenstehenden nicht verstanden werden konnten.

 

Aufgehen in der Mehrheitskultur? Also das war ja wirklich nur etwas für BMW-Fahrer und die Langweiler, die bei Kleider Bauer einkaufen. Doch das ist jetzt alles vergessen. Dass Menschengruppen in größeren Agglomerationen nebeneinanderherleben, indifferent, weder besonders aggressiv aufeinander, noch sonderlich interessiert aneinander – das ist das zweitgrößte Übel, die Vorstufe zum Größten: dem blutigen Bürgerkrieg.

 

Aber ist nicht gerade das Gegenteil der Fall? Ist nicht das emotionslose und bindungsarme Nebeneinanderher die Bedingung für’s Überleben in den modernen Großstädten? Ist die Verpuppung in Paralleluniversen nicht die Voraussetzung für Konfliktvermeidung in einer kleiner gewordenen Welt, in der potentiell jeder jederzeit mit jedem Kontakt hat? Begründet sich darin nicht das Schöne der Optionengesellschaft? Ich kann mit jedermann verkehren – aber ich muss nicht, wenn ich nicht will. Ich kann mir bei der nächsten Bude eine Wurst oder beim Türken einen Kebap kaufen – bin darum aber keineswegs verpflichtet, mich sonderlich für Leben und Sorgen des Verkäufers zu interessieren. Und die Parallelgesellschaft der Golfer, der Jäger, der Praterstrizzis, der Kirchgänger, der Swinger-Club-Besucher und der Do&Co-Habitues: die bleibt allermeistens völlig unter sich, mir völlig fern, wenn ich mit ihr nichts zu tun haben will. Wunderbar!

 

Tatsächlich ist die parallele Existenz unterschiedlicher Milieus ein Ausweis für die Zivilisiertheit eines Gemeinwesens: Man stelle sich vor, das Rotlicht- und das Kirchenmilieu würde die Zonen des jeweils anderen nicht akzeptieren, oder die Schnösel würden sich allüberall mit den Eckkneipen-Schnapsnasen vermischen – es gäbe eine einzige, endlose Prügelei.

 

Und, jetzt ganz im Ernst: Dort, wo Parlallelgesellschaften sich kulturell und ethnisch vollkommen abkapseln und undurchdringbar werden, sich gewissermaßen verhärten, da sagt das fast immer mehr über die Stigmatisierung aus, die sie von Seiten der Mehrheitsgesellschaft erfahren als über die Engstirnigkeit derer, die sich abkapseln. Ist die Parallelgesellschaft die Ursache von Gewalt – oder vielleicht doch eher die Chancenarmut in derselben? Sollen wir uns wirklich eine Welt ohne Parallelgesellschaften wünschen – oder nicht doch eher durchlässigere Grenzen zwischen diesen? Eine Handvoll junger Türkinnen als TV-Moderatorinnen, Kolumnistinnen oder Filmstars – und somit als Identifikationsfiguren für Ihresgleichen – wären ein härterer Schlag gegen den Patriarchalismus als jedes Anti-Multikulti-Getöse. Man sollte sich das alles noch einmal genau überlegen, bevor man den Kampf der Subkulturen ausruft.

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