Und Marx hatte doch Recht

 

Iring Fetscher, der 82jährige Doyen der deutschen Politikwissenschaft, über seine Wiener Wurzeln, den Tod seines Vaters am allerletzten Kriegstag, Karl Marx‘ eklatante Wahrheiten und die Sehnsucht nach freien Tätigkeiten jenseits von Markt und Kommerz. Falter, Dezember 04

 

 

Irgendwie war er immer schon da. Es gibt Leute, die haben mit ihm lesen gelernt, die heute auch schon wieder grau sind. 82 Jahre ist Iring Fetscher jetzt. Vor allem seine berühmte vierbändige "Marx-Engels-Studienausgabe" hat ganze Generationen von Studenten geprägt. Aber Fetscher, langjähriger Professor an der Universität Frankfurt/Main und Doyen der deutschen Politikwissenschaft, hat nicht nur über Marx, sonder auch über Hegel, Nietzsche, Rousseau, über Märchen und über das Altern geschrieben und er war so ziemlich der letzte Partei-Denker der deutschen Sozialdemokratie, jedenfalls einem strengen und traditionellen Sinn. Jetzt wurde Fetschers "Marx-Engels-Studienausgabe", selbst schon fast ein Klassiker, neu aufgelegt, ergänzt um einen fünften Band mit erstaunlichen prognostischen Texten, vor allem von Karl Marx. Fetscher lebt in Frankfurt, wo er, wie er uns glaubhaft versichert, täglich die taz liest.

 

Herr Fetscher, wann haben Sie denn das erste Mal Marx gelesen?

 

Fetscher: Während des Krieges habe ich in einem Brüsseler Antiquariat eine Marx-Auswahl in französischer Sprache gefunden.

 

Marx war doch verboten unter den Nazis.

 

Fetscher: Im Antiquariat konnte man alles finden. Leider habe ich den Band nicht mehr, ich glaube das war eine Auswahl aus dem "Kapital".

 

Bleibenden Eindruck hat das noch keinen gemacht?

 

Fetscher: Ich habe nicht genug verstanden. Mit dem "Kapital" zu beginnen und das auf Französisch ist nicht beste Anfang.

 

Wie haben Sie Marx dann entdeckt?

 

Fetscher: Über den Umweg über Hegel und über Georg Lukács "Geschichte und Klassenbewußtsein". Marx‘ Frühschriften waren es dann, die mich begeisterten. 

 

Jede Zeit liest Marx mit anderen Augen und ein 25jähriger anders als ein 80jähriger. Wenn man als junger Mensch Marx liest, liest man vor der Folie eigener Sehnsüchte. Wenn man über die "Entfremdung des Menschen" liest, ruft das die Wünsche nach einem freien, selbstbestimmten, nichtregulierten Leben an, manchmal auch einen romantischen Vitalismus, der den meisten Teens eigen ist: der Wunsch, wild und frei zu leben. Gab es das bei Ihnen auch? Und hat sich ihre Marx-Lektüre über die Jahrzehnte verändert?

 

Fetscher: Ja, diese Vorstellung eines nicht-entfremdeten Lebens hat mich elektrisiert. Eigentlich ist das auch heute noch das Eindrucksvollste an Marx, dass er sich eine Tätigkeit vorstellt, die nicht fremdbestimmt, nicht entfremdet, nicht mit Unlust verbunden ist. Er wirft das dem großen britischen Nationalökonomen Adam Smith ja vor, dass er sich Arbeit nur als Last vorstellen kann. Marx bringt dagegen als Beispiel für erfüllte Tätigkeit das Komponieren ins Spiel. Die meisten Leute, die über Arbeit reden, würden nicht sofort an das Komponieren denken. Dass Marx sich das für alle Menschen vorstellte, hat mich sehr beeindruckt.

 

Die Kehrseite davon ist, auch heute, dass viele junge Leute "ihr Ding" machen wollen und es aber den stummen Zwang der Verhältnisse gibt, die Totalkommerzialisierung, die dem engste Grenzen setzen. Wie war das bei Ihnen?

 

Fetscher: Ich habe das Glück gehabt, dass ich als Hochschullehrer und Schriftsteller immer in einer privilegierten Position war und die Dinge Anfang der Nachkriegszeit auch einfacher waren: Man konnte sich ja praktisch aussuchen, was man machen will.

 

Ihre vierbändige Studienausgabe, die selbst schon ein Klassiker ist, haben Sie jetzt um einen fünften Band ergänzt – der heißt "Prognose und Utopie". Damit zielen Sie weniger auf Marx‘ Vorstellung von der Naturnotwendigkeit der Revolution, sondern auf sein prophetisches Genie, was die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus betrifft.

 

Fetscher: Der Irrtum von Marx besteht eigentlich nur darin, zu glauben, dass das Ende kapitalistischer Dynamik knapp bevorsteht – dabei war sie gerade erst losgegangen. Inzwischen hat sie Gebiete erreicht, von denen Marx sich gar nicht vorstellen konnte, dass sie kommerzialisiert werden könnten. Es gibt ja heute nichts mehr, was nicht in die Warenproduktion einbezogen ist, nehmen wir nur die Unterhaltungsindustrie. Alles ist Business. Die andere Seite ist die, die ich jetzt einmal die utopische Seite nenne, dass Marx davon ausging, dass der Kapitalismus den Reichtum und damit die Bedingung schafft für eine freie Tätigkeit, die dann nicht mehr kommerzialisiert ist, zu der man nicht gezwungen ist, um einen oft kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Er hat diese permanente Landnahme durch die kapitalistische Warenproduktion aber nicht in Form einer Jeremiade beschrieben, Marx war davon im Gegenteil sehr fasziniert, er hat dem Kapitalismus eine ungeheure zivilisatorische Kraft zugeschrieben.

 

Fetscher: Ja, dieser Entwicklungsschub war für ihn die Voraussetzung für eine bessere Welt.

 

Er hat den Kapitalismus bewundert!

 

Fetscher: Selbst die größten prokapitalistischen Ökonomen haben den Kapitalismus nicht derart begeistert beschrieben wie Marx. Das überrascht viele, die Marx nie gelesen haben.

 

In mancher Hinsicht ist Marx geradezu verstörend aktuell – etwa, wenn er die Dilemmata des Kapitalismus beschreibt. Etwa, dass wir die Produktionkräfte so weit entwickelt haben, dass mit viel weniger Arbeit den Reichtum produzieren können – mit dem Ergebnis, dass die Produzenten als Unnötige am Arbeitsmarkt landen. Noch so ein Widerspruch, den er in schönen Wendungen beschreibt: Dass jeder Kapitalist wünscht, dass die Arbeiter viel Geld zum Konsumieren haben, außer seine eigenen – die sollen möglichst billige Arbeitskräfte sein. All das ist heute noch wahrer als zu Marx‘ Zeiten.

 

Fetscher: Das ist heute so eklatant wahr, dass man sich fast scheut, es als irgendwie originelle Erkenntnis vorzutragen.

 

Marx hat gleichzeitig grandios recht gehabt, nur leider auch grandios geirrt. Die Gesellschaft, in der die "freie Entwicklung eines jeden" garantiert ist, blieb ein Blütentraum. Wenn wir das, etwas unscharf, Utopie nennen – dann ist davon ja nicht viel geblieben geblieben, nicht wahr?

 

Fetscher: Er hat das revolutionäre Potential des Industrieproletariats überschätzt. Und er hat eine falsche Analogie zwischen der vergangenen bürgerlichen und der prophezeiten proletarischen Revolution konstruiert. Den großen Sprung ins Reich der Freiheit gab es nicht. Daraus ziehen viele den Schluss, dass alles so weiter geht, dass wir uns nur mehr einfach weiterwursteln können. Ich meine: Dazwischen muss es ein Drittes geben.

 

Was wäre das Dritte?

 

Fetscher: Eine schrittweise Transformation der Gesellschaft – in Richtung der Verbesserung der Lebensbedingungen für alle. Dazu gehören: Arbeitszeitverkürzung, Zugang zu höherer Bildung, eine andere Form von befriedigender Tätigkeit als nur das Eingesperrtsein in den Zwang zur Lohnarbeit. Tätigkeiten jenseits der Marktzone. Manche sagen gern, jedes Kind ist ein Künstler, und das wird dann zerstört. Natürlich schwingt da ein naiver Utopismus mit – aber, seien wir doch ehrlich: irgendetwas ist da doch auch dran. Nur: Die Veränderung muss gewollt werden, sie wird sich nicht von alleine entwickeln.

 

Heute wächst zumindest ein Unbehagen. Es gibt die Anti-Globalisierungsbewegung, mit Kapitalismuskritik kann man Bestseller landen und sogar Kassenschlager im Kino wie derzeit "Die fetten Jahre sind vorbei". Und es gibt fast eine kleine Marx-Renaissance.

 

Fetscher: Zumindest könnte man Marx anders lesen, als man das bisher getan hat. Das ist es auch, was ich in dem fünften Band versuche: es ist mit der Begeisterung für die kapitalistische Dynamik nicht getan; wir müssen uns von ihren Exzessen befreien; in welche Richtung könnte diese Befreiung gehen? In Hinblick auf diese Themen findet man viel in Marx’"Grundrissen" und den "Theorien über den Mehrwert".

 

Haben Sie einen Lieblingstext von Marx?

 

Fetscher: Die Frühschriften faszinieren mich immer noch. Doch würde ich heute eher sagen: Einige Stellen aus den "Grundrissen". Und vom Stilistischen her ist das "Kommunistische Manifest" immer noch ein eindrucksvoller Text, diese Begeisterung des Entdeckers!

 

Wahrscheinlich der wuchtigste Text…

 

Fetscher: …in der ganzen Geschichte der politischen Publizistik. Ganz sicherlich!

 

Herr Fetscher, Ihr Vater stammt aus Wien, war Mediziner, wurde dann auch ein bedeutender Dresdner…

 

Fetscher: Ich habe ja die ersten achtzehn Jahre in Dresden gelebt. Mein Vater hat mich stark geprägt. Er war literarisch sehr interessiert. Er hatte auch diesen Wiener Akzent und diese österreichische Höflichkeit.

 

Er hat in Dresden Juden bis 1945 medizinisch versorgt, was damals streng verboten war, er hat die Habe von Verfolgten in Sicherheit gebracht. In den berühmten Tagebüchern Victor Klemperers kommt Ihr Vater immer wieder vor. Er stand in scharfer Distanz zum Regime und wurde auf tragische Weise am allerletzten Kriegstag, am 8. Mai, noch erschossen.

 

Fetscher: Wir hatten immer zu Neujahr das Glas darauf erhoben, dass die Nazityrannei zu Ende geht: "Auf den Tag", haben wir gesagt. Er hat den Tag noch erlebt – und ist selbst an ihm getötet worden. Aber immerhin: Er hat den Tag, den er herbei sehnte, noch erlebt.

 

Weiß man eigentlich genau, wer geschossen hat?

 

Fetscher: Es ist mittlerweile ziemlich klar, dass das verstreute SS-Männer waren, die noch mit Autos durch die Stadt fuhren und herausschossen.

 

Sie kommen aus liberaler bürgerliche Familie, waren als Teenager von Nietzsche fasziniert, waren ein bißchen vom "Herrenreitertum" angesteckt, wie Sie einmal schrieben. Wie wurden Sie eigentlich zu einem der führenden sozialdemokratischen Denker der Nachkriegszeit?

 

Fetscher: Mein Vater war ein Liberaler, meine Mutter war eher sozialdemokratisch orientiert. Ich wurde im Krieg zum Sozialdemokraten. Ich war in einer Division, in der viele Soldaten – viele von ihnen Adelige – Hitler ablehnten, weil er so plebejisch war, weil er ein Mann von unten war. Mir schien das schon damals nicht das beste Argument. Das Unbehagen mit diesem Elitismus hat mich zum Sozialdemokraten gemacht.

 

Das Buch:

 

Iring Fetscher: Karl Marx, Friedrich Engels Studienausgabe in fünf Bänden. Berlin, Aufbau Verlag, 2004. Preis je Band: 8,95 Euro.

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