Was heißt Globalisierung

Ein Kommentar für das Jahrbuch der Zukunftswerkstätte, Oktober 2005

Kommentar Globalisierung von Robert Misik

 

Mit Catch-Phrasen ist es so eine Sache – sie bringen amorphe Prozesse auf einen Begriff, benennen bisweilen, was nicht so leicht zu begreifen ist. Etwas "auf einen Begriff" bringen bedeutet immer auch Komplexitätsreduktion, was einerseits eine Voraussetzung für das Begreifen ist, dieses aber andererseits wieder verkompliziert. Besonders vertrackt wird es, wenn sich solche Begriffe auch noch mit Affekten verbinden.

 

Der Begriff "Globalisierung" ist ein ganz hervorragendes Exempel dafür. Er umschreibt eine ganze Reihe von Prozessen, die mit einer wachsenden Internationalisierung der Wirtschaftswelt zu tun haben können – aber nicht notwendigerweise müssen. Dazu gehören die Liberalisierung des Waren- und Güterverkehrs, der Aufstieg ehemaliger Dritte-Welt- und Schwellenländer wie China oder der südostasiatischen Tigerstaaten zu Konkurrenten der Ersten Welt um Marktanteile, dazu gehört das globale Netzwerk Multinationaler Konzerne mit ihrem internen Arbeitsteilungs- und Verrechnungssystemen, dazu gehört die wachsende Bedeutung global agierender Finanzinvestoren. Da das Kapital grundsätzlich überall auf der Welt die günstigsten Anlagemöglichkeiten wahrnehmen kann, verstärkt das natürlich die Renditeerwartungen und damit den ökonomischen Druck – es reicht für Unternehmen nicht mehr, profitabel zu sein, sie müssen versuchen, immer profitabler zu werden.

 

So zieht eine gewisse Kampfesstimmung in die westlichen Wohlfahrtsgesellschaften ein, die aber nicht nur aus der globalen Konkurrenz erwächst, sondern auch aus dem Strukturwandel im "inneren", der mit Internationalisierung verbunden ist, sich aber nicht ausschließlich und wohl nicht einmal vorrangig durch diese erklären läßt.

 

Die technologische Revolution führt dazu, dass für die Produktion von Gütern immer weniger Menschen nötig sind – und die gestiegenden Möglichkeiten zur internationalen Arbeitsteilung führen auch noch dazu, dass diese Produktion in Billiglohnländer verlagert werden kann. Der Wohlstand wandert aus – er kommt aber auch nicht vollständig an.

 

Der Strukturwandel hat aber auch zur Folge, dass die Produktion von Gütern ohnehin die simplere Seite der ökonomischen Operationen ist – viel wesentlicher ist, was die Güter erst zur Ware macht: Das Branding, der Handel mit einem Lifestyle, die Positionierung eines Gutes als unabdingbares Accessoir einer hegemonialen Kultur. Dies setzt einerseits wiederum das Entstehen einer globalen Kultur voraus, an der möglichst alle Menschen zwischen Phönix und Peking, zwischen Jekaterinen- und Johannesburg teilhaben wollen, andererseits wertet dies alle jene Fertigkeiten auf, die mit den "weichen" Aspekten der Produktion zu tun haben. Derweil können die "harten" Aspekte zunehmend von Handlangern und Helfern erledigt werden. Hinzu kommt, dass sich der Zeithorizont ökonomischer Operationen verringert: es wird, quasi in Echtzeit, global investiert, produziert, geliefert und konsumiert.

 

Beides, die Entstehung eines Weltmarktes, der Autarkie schlechterdings verunmöglicht, wie die Beschleunigung, machen es den politischen Akteuren schwer, im ökonomischen Feld steuernd zu intervenieren (hinzu kommt noch die Austrocknung der öffentlichen Haushalte durch Standortkonkurrenz und Steuerdumping). Weder ist der Nationalstaat noch das Terrain, auf dem umfassende Steuerung möglich ist, noch hält der Zeithorizont politischer Prozesse mit dem ökonomischer mit. Die Zeit der keynesianischen Globalsteuerung ist vorbei.

 

Das heißt natürlich nicht, dass Politik nichts mehr tun kann – aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt und die Anforderungen an sie haben sich verändert. Politik hat gelernt, dass eine ihrer ganz wesentlichen Möglichkeiten die ist, ihren Bürgern die Fertigkeiten in die Hand zu geben, die diese benötigen, um in ökonomischen Prozessen zu bestehen, die die Politik nicht mehr zu steuern vermag. Darum steht etwa die Bildungspolitik heute im Zentrum aller politischen Diskurse. Weil Kommunikation heute ein viel entscheidenderer Aspekt des Ökonomischen ist, verurteilt mangelnde Sprachkompetenz heute zu einer lebenslangen Unterschichtenexistenz, was fatale Auswirkungen auf Einwanderer und ihre Kinder hat. Bildungspolitik ist, wie eh, aber doch auch heute in verschärftem Maße, Sozialpolitik. Um noch einigermaßen die Instrumente zur Gesellschaftsgestaltung in der Hand zu behalten – und die Möglichkeiten zur Finanzierung dieser Instrumente zu wahren -, müssten der wirtschaftlichen Internationalisierung transnationale politische Insitutionen nachwachsen. Wie schwierig das ist, das zeigt die Krise, in die die Europäische Union im vergangenen Jahr geschlittert ist.

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