Was ist Neo-Existentialismus?

Warum die alte Frage nach dem "richtigen Leben" neuerdings wieder gestellt wird – und was eine gelingende Existenz unter den Bedingungen des Kulturkapitalismus ausmachen könnte. Beitrag zu: Christian Reder: Lesebuch-Projekte. Springer-Verlag, Wien, 2006. Mit Beiträgen von Zaha Hadid, Alexander Kluge, Christoph Schlingensief, Dirk Baecker uva.

 

 

Von Robert Misik

 

"Ich schlief gerne mit April", berichtet Jolo, der Protagonist aus Joachim Lottmanns Pop-Roman "Die Jugend von heute" über die sexuelle Routine mit seiner Freundin, "auch wenn jede Bewegung, jede Geste, jede Sekunde von der Werbung und von den Medien vereinnahmt war und somit nicht mehr mir gehörte. Ich lieh diese Stunden von der Werbung, und sie gefielen mir trotzdem."[1] Die Schwierigkeiten, ja die schiere Unmöglichkeit, ein gelingendes Leben zu leben, ein authentisches Ich zu entwickeln – und gleichzeitig die hektisch-hysterische Suche nach echten Gefühlen, nach dem Kick, nach dem essentiellen Erlebnis, das ist das Thema von Lottmanns Buch. Wünsche und Affekte sind gesellschaftlich produziert – sind Kultur und Kapital gleichzeitig. Das Kapitalverhältnis frisst sich durch die Subjekte hindurch, richtet sie sich her. Liebe ist Kommerz, Gefühle sind Geschäfte, Sehnsüchte sind Werbebilder.

 

Kultur ist Kapital. Heute ist schon die Unterscheidung selbst ziemlich nutzlos. Kaum eine Firma kann es sich noch leisten, ein Produkt einfach so auf den Markt zu werfen. Das moderne Unternehmen ist ein Kulturunternehmen, der zeitgenössische Kapitalismus, nach einem Wort von Jeremy Rifkin, ein "Kulturkapitalismus"[2]. Es würde schon zu kurz greifen, zu formulieren: Das Image ist so bedeutend wie der Gebrauchswert einer Ware. Denn oft ist das Image der eigentliche Gebrauchswert. Design ist nicht nur Reklame, die den Verkauf befördern soll, das Design ist das eigentliche Produkt. "Was wir auf dem Markt kaufen", schreibt Slavoj Zizek, "sind immer weniger Produkte und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil"[3]. Firmen haben damit begonnen, ihre Produkte mit einem Lebensstil, einem Lebensgefühl zu verbinden, um sie besser verkaufen zu können – und heute werden die Produkte längst in erster Linie gekauft, um einen Lebensstil zu erwerben. Der trainierte Körper wirbt nicht mehr für Nike, sondern Nike repräsentiert den trainierten Körper. Wurde Kultur irgendwann in den sechziger Jahren wesentlich für den Kapitalismus, so ist sie im Zeitalter der Postmoderne eigentlich ununterscheidbar von ihm. Das Resultat ist nicht nur eine Verdinglichung der Kultur, wie mancherort beklagt, sondern eben auch eine Kulturalisierung der Dinge.

 

Wenn Identitäten eine kulturelle Konstruktion sind, das Kulturelle vom Ökonomischen aber nicht mehr zu trennen ist, hat der Kapitalismus einen viel unmittelbareren und totaleren Zugriff auf Psyche, Affekte, Selbstbild der Menschen. Alles schmeckt nach Werbung, wie ich mich sehe, ist vom kulturellen Kapitalismus affiziert. Das Unternehmen, in dem ich möglicherweise arbeite, wünscht die allseits entwickelte Persönlichkeit. Meine Persönlichkeit macht die Marke zur Markenpersönlichkeit. Arbeite ich auf eigene Rechnung, muss ich mich selbst zur Marke machen. In diesem Zusammenhang am augenfälligsten ist natürlich die Usurpation des öffentlichen Raumes durch die Marken. Aber der öffentliche Raum ist nicht nur von Marken besetzt, er wird selbst zunehmend zur Marke und keine Nische vermag dem Branding zu widerstehen – weil selbst das Widerstehen als Event nutzbar gemacht werden kann. Noch die Subkultur entkommt dem nicht, sie ist im Stadtmarketing vielmehr als Standortfaktor vorgeschrieben. So wird noch der Rebell nutzbar einverleibt, am besten mit einer kontrollierten Dosis künstlerischer Unruhe[4], er ist für eine pulsierende Metropole mit touristischer Anziehungskraft unverzichtbar. Widerständige Selbstentwürfe sind auch Rollen. Das waren sie zwar immer schon, aber heute ist kaum mehr übersehbar, dass die Dissidenz gewünscht wird – sie sorgt für ein gewisses städtisches Flair. Die Bühne Stadt ist ohne Komparsen mit leichtem Schlag in Richtung Bohéme oder Rebell nicht denkbar. Was ist das MoMa gegen das Cafe Burger, was die Burg gegen Fluc, Flex, EKH und Hundsturm-Theater?

 

Wenn aber die Produktion über die Ufer des Bereichs tritt, der traditionell als das Ökonomische gilt, wenn immer mehr Gefühle und Affekte und immer weniger Gebrauchswerte verkauft werden, der ökonomisch-kulturelle Komplex Gefühle und Affekte somit kolonisiert, dann provoziert das auch Widerstandshandlungen. Vieles deutet darauf hin, dass die Politisierung der Frage der Identität, ohne die heute keine Debatte auskommt, damit im Zusammenhang steht. Weil der Kapitalismus viel stärker auf das Innere der Subjekte zugreift, rückt die Frage "Was will ich sein?" heute ins Zentrum des Dagegenseins. Die Kulturalisierung des Ökonomischen produziert die Widerständigkeit gleich mit. Doch ist die ohne Chance? Ist die Auflehnung selbst sofort Teil des Arrangements, gegen das sie sich auflehnt? Anders gefragt: Sind die Subjekte nur weiße Flächen, die neu überschrieben werden? Dies zu unterstellen, wäre zu schwarz, um wahr zu sein. Sitzt in ihnen ein Kern an Eigentlichkeit, der bockig der inneren Landnahme widersteht? Eine solche Behauptung würde wiederum einem blauäugigen Essentialismus auf dem Leim gehen – Subjekte sind immer schon Geschichte und Gesellschaft. Die Wahrheit ist innerhalb dieses Spannungsfeldes zu suchen. Die Frage ist somit: Wogegen wehren sich die Individuen im Kulturkapitalismus und mit welchen Mitteln? Wonach sehnen sie sich? Wovon handeln eigentlich Ausbruchsversuche und Verweigerungsstrategien? In welche Richtung hier zu denken wäre, soll in der Folge lose angedeutet werden.

 

Heute will jeder ein einzigartiges, unverwechselbares Subjekt sein. Dies hat nichts mit einer gewissermaßen anthropologischen Eigensinnigkeit des Wesens "Mensch" zu tun, sondern ist direkte Folge der neoliberalen Subjektivierung. Denn, für einen Augenblick unterstellt, der Kapitalismus könnte sprechen, was ist es, was der Kapitalismus "sagt"? Mach Dein Ding! Sei nicht Mainstream! Sei mutig – sei Du selbst! Sei Dein eigener Herr! Blök nicht mit der Meute! Sei kreativ! Entwickle Deine Potentiale! Es ist diese universale Botschaft des Kulturkapitalismus, in mächtigen Bildern unter die Leute gebracht, die auch den Widerwillen gegen die Rollen produziert, die er im Angebot hat. Er ist ein großes Freiheitsversprechen und stößt die Subjekte förmlich auf die Frage: "Wer will ich sein"? Das Bedürfnis nach der Konstruktion einer alternativen Identität tritt natürlich zunächst dann auf, wenn die von der Gesellschaft zugeschriebene Identität als unbefriedigend empfunden wird, oder wenn die Idee der Selbstverwirklichung, einst ein Spleen exaltierter Künstler- oder Intellektuellenexistenzen, heute weitgehend verallgemeinert, von den Subjekten mit ihren realen Lebensumständen nicht in Einklang zu bringen ist. Aber dieses Bedürfnis wächst, recht besehen, schon dann, wenn das Grundgefühl vorherrscht, jede denkbare Identität ist schon im Angebot, steht längst bereit, was "ich" sein könnte, ist bereits vorfabriziert – und wurde auch schon marktförmig verwertet. So flüchten sich die Leute in Spiele zweiter, dritter, vierter Ordnung, experimentieren mit multiplen Identitäten, täglichen Grenzüberschreitungen, panischen Konventionsbrüchen. Sie zerlegen ihr ich und schrauben es neu zusammen. "Alles was ich bin oder sein möchte, war schon jemand vor mir", schreibt der Grazer Autor Tiz Schaffer in der ersten Ausgabe der neuen Kulturzeitschrift "BOB" (die sich dem Thema "Wer bin ich?" widmete) und erinnert an das Wort des amerikanischen Poptheoretikers Greil Marcus – "Ich bin ein Klischee". Schaffer, mit leise ironischem Heroismus: "Ich sage der Homogenität meiner Persönlichkeitsstruktur ein Lebewohl."

 

Natürlich geraten die Subjekte sofort in ein Labyrinth ohne Ausweg. Nicht nur, weil der Wunsch, wie Diedrich Diederichsen so schön formulierte, nicht Mainstream sein zu wollen, heute absoluter Mainstream geworden ist[5]; wer wüßte nicht, dass die Sehnsucht nach dem "richtigen Leben" selbst zirkelschlüssig ist? Eine Sehnsucht, die wie jede andere auch, längst von der Warenform infiziert ist. Richtiges Leben? Auch das ist im Supermarkt der Identitäten im Angebot.

 

Dennoch tun wir wahrscheinlich gut daran, diese Aporien nicht in radikaler, dürrer Konsequenz zu Ende zu denken. Man muss das ja nicht so nennen: aber die Idee, es müsste doch so etwas wie ein richtiges Leben, mit richtigen Gefühlen geben, es müsste doch irgendwo noch eine Subjektivität zu haben sein, die vielleicht nicht vollends rein ist, sich aber doch gegen den Zugriff der verallgemeinerten Warenförmigkeit sperrt, kurzum: irgendwo muss doch "ich" sein,  ist ohne Zweifel der stärkste Antrieb für kleinere oder größere Revolten, Ausbruchsversuche und Verweigerungsstrategien unserer Tage. Gerade weil der postmoderne Kapitalismus so deutlich macht, auf welch dünnen Eis sich Konzepte wie die von "Identität" bewegen, dass jedes Ich schon als Konfektionsgröße im Angebot ist, wird die Frage nach dem, was die Soziologen und Gerechtigkeitstheoretiker das "gelingende Leben" nennen, plötzlich wieder virulent.

 

Man muss nur gelegentlich mit jungen Menschen sprechen, dann begegnet man überall Leuten, die recht zielstrebig, aber gleichzeitig auch locker – und das heißt: nie konsequent – versuchen, nicht mitzutun. "Das trifft genau das, wie ich lebe", sagt etwa eine junge Frau, die ihren Lebensunterhalt mit Jobben in einem neoliberalen Wirtschaftsblatt bestreitet, ihr "Sinnvakuum" aber (wenn man das so nennen darf) damit füllt, dass sie für ein freies Radio arbeitet, das über Sozialbewegungen berichtet. Eine 22jährige, die studiert, nebenbei beim Arbeitsamt ein Mädchenprojekt betreut und, wenn dann noch Zeit bleibt, gratis in der Sozialinitiative der Frau Ute Bock afrikanischen Asylbewerbern hilft, sagt, für sie komme "nur ein Beruf in Frage, in dem ich mich für meine Ideale engagieren kann". Ein erfüllender Beruf "mit begrenztem Einkommen ist mir lieber als ein gut dotierter", bekundet sie. Wer  Tiefeninterviews nachliest, die etwa empirische Sozialforscher machen oder nur kurz aufmerksam im Internet surft, wird eine Unzahl von Menschen finden, die – wie die 15jährige Annika – äußern, sie wollten "sinnvoll leben" und nicht immer nur das tun, "was einem selber nutzt". Da tickt der theoretisch versierte Metropolentwen, der auf schräge Sounds steht, auf der Höhe der Diskurse ist und avancierte Filme guckt nicht sehr viel anders als die H&M-Verkäuferin, die sich unwohl fühlt, weil sie sich als Repräsentationsfigur der Markenpersönlichkeit ihres Unternehmens durch ihren Arbeitsalltag strampelt.

 

Die Redewendung, in der sich diese identitäre Revolte äußert, ist der Satz: "Ich mache mein Ding". Ambivalent ist dies gewiss. Die Rede von "meinem Ding" ist die Affirmation des Gegebenen und gleichzeitig der stärkste Einspruch dagegen. Sie annonciert cooles Dagegensein und doch auch die radikale Individualisierung, die unserer Zeit ihr Gepräge gibt. In ihr sitzt die subversive Eigensinnigkeit der Subjekte, die nicht mittun wollen und doch sind die vielen, die "ihr Ding" machen, auch der Motor der Verhältnisse. Aber das soll uns hier nicht allzu sehr bekümmern: In jedem Fall ist der Siegeszug dieser Redewendung ein Symptom für den Umstand, dass viele offensichtlich der Meinung sind, nur indem sie sich den herrschenden Imperativen entziehen könnten sie ganz bei sich sein.

 

Bleiben wir kurz bei diesem Punkt. Die Rasanz, mit der sich die Redewendung von "Meinem Ding" durchsetzte, wurde noch nicht ausreichend gewürdigt. Die Societygöre Ariane Sommer tut es, der Boxer Sven Ottke tut es und der Punk vom nächsten Eck tut es auch: "Ich mach mein Ding". Sie denke sich einfach, sagt das Glamourgirl, "ich bin Ariane Sommer, ich mache mein Ding, egal welches Label mir die Leute aufdrücken". Der alternde Austropoper Wolfgang Ambros verwahrt sich gegen ästhetische Renovierungstendenzen mit den Worten: "Ich mache mein Ding. Und das so gut ich halt kann." Wer unterstreichen will, dass ihm so ziemlich alles um ihn herum egal ist, wie etwa der Komödiant Hugo Egon Balder, der sagt: "Ich mache mein Ding." Wer sich verteidigen muss, sagt, wie der Raper Usher: "Ich bin nicht einfach. Ich mache mein Ding. Doch ich bin ein guter Kerl". Die Tennisspielerin Maria Scharapowa, entnervt, dauernd mit Anna Kurnikowa vergleichen zu werden, insistiert: "Ich bin kein Anna-Klon, ich mache mein Ding." Empirische Sozialwissenschaftler ziehen aus, befragen Teenager über ihr Verhältnis zu ihren Eltern und bringen in Erfahrung: "’Die machen ihr Ding und ich mache mein Ding‘, ist seine Lieblingswendung", wie es in einer Studie über einen Youngster heisst, der am liebsten abhängt. Die Wendung annonciert maximale Lässigkeit, wie in der Formulierung der Beasty Boys: "Wir sind hier und machen unser Ding. Liebt uns oder hasst uns – wir sind für euch da."

 

Wahrscheinlich kann man heute kein Gespräch mit einem Teen oder einem Twentysomething führen, ohne dass die Redewendung fällt – "ich mach mein Ding". Das ist selbst schon den Kirchenleuten aufgefallen, was die natürlich gar nicht freut. "Ist das Leben alleine nicht einfacher? Wäre es nicht viel leichter, ich mache mein Ding für mich und brauche mich um die anderen gar nicht zu kümmern?", wird in einer Publikation des Christlichen Vereins Junger Männer gefragt. Schon kursieren im Internet Vorlagen für Predigten, in denen die demonstrative "Abgrenzung vom Nächsten" schwer in Frage gestellt wird, die in der modischen Wendung zum Ausdruck kommt.

 

Ursprünglich wohl dem amerikanischen Street Jargon entstammend, hat die Formulierung schnell die Sprung in die (Hoch-)Sprache des Alltags und ins Deutsche genommen. Noch heute ist "I do my thing" die symptomatische Formulierung der Rap-Kultur. Verwandelt zu "do the right thing" (wie im Spike-Lee-Film gleichen Namens) ist sie zum Imperativ geraten. Schon vor Jahrzehnten war die Wendung poetrytauglich geworden, wie beim in Psychokreisen gern gelesenen Frederick Perls:

 

I do my thing and you do your thing /

I am not in this world to /

Live up to your expectations /

and you are not in this world to /

live up to mine. /

You are you /

and I am I /

and if by chance we find each other /

it’s beautiful.

 

Es ist eine Botschaft, die schon die Kleinsten erreicht, noch vor dem Kindergartenalter, etwa in Gestalt des Mira-Lobe-Klassikers vom "kleinen Ich-Bin-Ich", dem legendären kleinen bunten Tier, das keinem anderen gleicht und darüber tieftraurig ist, bis es erkennt und glücklich akzeptiert:

 

So, jetzt weiß ich, /

wer ich bin!

Kennt ihr mich?

ICH BIN ICH!

 

Wer sein Ding macht, ist weder entfremdet noch unterjocht, sondern ganzer Mensch, frei, lebt das wahre Leben inmitten des falschen. Wer sein Ding macht, ist von Haus aus interessant, egal, ob andere Zugang zu "seinem Ding" finden oder nicht. Vielmehr zeichnet ihn aus, dass es ihm gleichgültig zu sein hat, ob andere "sein Ding" überhaupt verstehen. Er muss konsequent sein, sein Ding durchziehen. Insofern ist er radikal. Er verkörpert aber gleichzeitig die vom Zeitgeist geforderte Mäßigung: die Legitimität anderer, ihr Ding gleichfalls zu machen, kann er nicht in Abrede stellen. "Ich mache mein Ding", ist die zeitgemäßeste Redewendung unserer Zeit, weil sie die Paradoxien zum klingen bringt, von denen diese Zeit randvoll ist.

 

So ist es durchaus folgerichtig, dass empirische Sozialforscher beim Versuch, konturierte gesellschaftliche Milieus voneinander abzugrenzen, ein Phänomen aufgespürt haben, das sie mit dem Begriff des "Neo-Existentialismus" beschreiben. Im Word-Rap der Sinus-Milieu-Forschung liest sich das so: "Lebensziel: Ungehinderte Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, Vielfältige Erfahrungen suchen, herausfinden, was man kann und was zu einem paßt; Zurückweisung von äußeren Zwängen … Patchwork-Biografien. Lustvoll und intensiv leben: bis hin zu Grenzerfahrungen… ‚plurale Identitäten‘: mit unterschiedlichen Lebensstilen experimentieren, in verschiedenen Szenen; … in Bewegung sein". Es handelt sich um Milieus, denen "soziale Gerechtigkeit" ebenso wichtig ist wie "Selbstverwirklichung, Individualität, Freiräume für sich selbst schaffen (auch gegen alle Sachzwänge)" und die "Ablehnung ’sinnentleerten‘ Konsums." Schon werden diese Kreise unter dem Begriff "gesellschaftliche Leitmilieus" verbucht[6].

 

Die Identifikation dieses Phänomens mit dem Begriff "Neo-Existentialismus" trifft die Sache wahrscheinlich ziemlich exakt. Tatsächlich grassiert so etwas wie ein Neo-Existentialismus. Vielleicht nicht als ausformulierte Philosophie, aber als Habitus, als Lebensform. Erinnern wir uns kurz an den klassischen Existentialismus, sowohl als Denken wie auch als Mode (die Philosophie-Professoren mögen die Zwanzig-Sekunden-Erklärung verzeihen…). Dessen Gedankenreihen gingen in etwa so: Der Mensch ist in die Welt geworfen. Er hat kein Wesen, das seiner Existenz vorausgeht. Er muss sich erst selbst erschaffen. "Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht", formulierte Jean-Paul Sartre[7]. Und, in einer berühmten Wendung: Er "ist dazu verurteilt, frei zu sein". Er muss täglich seine Entscheidungen treffen, um seiner Existenz Sinn zu verleihen – und keine ewigen Werte helfen ihm dabei. "Er existiert nur in dem Maße, in dem er sich verwirklicht." Diese Philosophie ist natürlich auf einen individualistischen Grundton gestimmt: vor dem Abgrund der Existenz ist der Einzelne allein. Aber er kann diese Fragen mit Anderen beantworten, seine Antwort wird zudem einen bestimmten Entwurf für das Zusammenleben mit Anderen beinhalten und seine eigene Antwort ist natürlich auch immer eine Forderung an andere. Wirksam ist ein solches Denken, wenn es zur Mode wird, zur Haltung. Untrennbar ist mit ihm eine gewisse Verachtung für Konventionen und für das banale, vorfabrizierte Meinen verbunden. Als Lebensform entsprechen ihm alle Spielarten des Rebellentums und jeder elementare Lebensrausch. Schnell stößt es auf die Frage: "Wie weit bin ich bereit zu gehen?" Ich entwerfe mich selbst und mache mich selbst zum Einsatz. Der Existenzialist bricht lieber alle Brücken hinter sich ab, als dass er sich aus Feigheit fügt, als dass er mitmarschiert im Gleichschritt.

 

Wir können das Netz nunmehr zuziehen. Resistenz im Kulturkapitalismus handelt also, wie gezeigt wurde, ganz wesentlich von Identität. Die Objektivierungen, für die früher repressive und ideologische Staatsapparate sorgten, werden heute über den Markt erledigt (nicht allein, gewiss, aber zunehmend). Die existentielle Wende oder die Politisierung des Lebens der siebziger Jahre mit Feminismus, Alternativbewegung, Gender- und Schwulenthematik waren daher womöglich nur erste Vorboten der neuen, vielleicht subtileren Auseinandersetzungen. Sie sind "unmittelbarer" als die alten Klassenkämpfe, weil sich für die Akteure viel drängender die Frage stellt: Was hat das alles mit mir, gewissermaßen mit mir persönlich zu tun? Mit meiner Seele, meinem Körper, meiner Sexualität, dem, was ich sein will. Kollektivistische und individualistische Motive halten sich dabei auf komplizierte Art die Waage. Sie betonen alles, was die Individualität des Individuums ausmacht. Das Recht auf Anderssein wird verteidigt. Aber doch auch die Verbindung des Individuums zu anderen – sei es durch die Betonung kollektiver Identitäten oder sei es durch die gleichzeitige Betonung von Gleichwertigkeit und Differenz ("Ich will, dass meine Lebensweise, die anders ist als die anderer, als gleichwertig respektiert wird").

 

So kehrt die Frage nach dem richtigen, nach dem gelingenden Leben, die lange unter schwerem Kitschverdacht stand, wieder zurück. Als Frage – die eine Antwort andeutet. Denn die Antwort selbst ist natürlich, dies ist gewissermaßen der Betriebsmodus des Existentialismus, dem Einzelnen abverlangt. Welche Fragen sind das also, die die Jungen im Kopf haben, die sich selbst entwerfen, mit pluralen Identitäten spielen, die sich aus dem Fundus der vorhandenen Rollen-Codes ihren eigenes Puzzle zusammenmixen, die, kurzum: Ihr Ding machen?

 

Sie lauten in etwa so: Wer will ich sein? Wie will ich mich erfinden? Wie komme ich zu einem authentischen Ich, wie kann ich "echt" sein, ich selbst sein – jenseits aller gesellschaftlicher Imperative und dem Hamsterrad? Wie will ich leben? Was macht eine sinnvolle Existenz aus? Auch wenn die Frage jedem Einzelnen abverlangt ist, so richtet sie sich doch an alle und die Antwort zielt auf alle ab – weil sie, wie das schon Sartre formulierte, "ein Bild des Menschen hervorbringt, wie er unserer Ansicht nach sein soll". Allergisch auf Konventionen, herrschende Imperative, die Objektivierungen von Ideologie, Staat und Markt, die vorgefertigten Imaginationen, die die Subjekte anherrschen, die je existierende Ordnung passiv zu leben, resultiert sie hauptsächlich in Verweigerungshaltungen: oft in einem diffusen Dagegensein. In Emigration, weg vom großen Marktplatz – "Exodus" und "Nomadismus" nennen das Toni Negri und Michael Hardt, die aktuellen Stichwortgeber der avancierteren rebellischen Theorieszenerie. Einige Vorstellungen, was ein richtiges Leben ausmacht, haben heute alle im Kopf: Nicht als Ware behandelt werden und andere nicht als Ware behandeln; noch echte Erlebnisse, echte Leidenschaften haben statt den vorgefertigten Rausch aus der Tube und die kommerziell verabreichten Distraktionen; etwas "Sinnvolles" tun, darin die eigenen Fähigkeiten und Kreativitäten entwickeln statt nur primär Geld zu machen; dies alles für sich und mit anderen. Oft äußert sich das gar nicht in erster Linie politisch, sondern in privaten Ausbruchsversuchen. Doch wenn der Kulturkapitalismus auf das Innere, auf Affekte und Gefühle jedes Einzelnen abzielt, dann ist natürliche auch die private Revolte nie nur privat.

 

Wir sehen: Der Neo-Existentialismus hat eine große Zukunft. Die Blinden reden vom Utopieverlust.




[1] Joachim Lottmann: Die Jugend von heute. Köln, 2004

[2] Jeremy Rifkin: Access. Das Verschwinden des Eigentums. Frankfurt / New York, 2000.

[3] Slavoj Zizek: Kulturkapitalismus. In. Zizek: Die Revolution steht bevor. Frankfurt 2002.

[4] Siehe: Dietmar Kammerer: This is my beautiful house. In: taz, 25. Mai 2005

[5] Diedrich Diederichsen: Der Mainstream und seine Masken. In: Theater heute, Jahrbuch 2004

[6] http://www.pret-a-press.de/wolfgangseeger/download/SINUS2000.pdf

[7] Jean-Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays. Reinbeck, 2000

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