Ein Gedanke zu „Misiks Wochenschau: Unter Opfern“

  1. Misiks Opferbegriff und andere Verwirrungen
    Robert Misik schlägt in seinem „Kommentar der anderen“ (Standard vom 25.11.’06) unter dem Titel „Opfertum und Amoklauf“ einen gewagten Bogen von Streeruwitz’ Klage bezüglich der Hamburger Aufführung des Jelinek-Stücks „Ulrike Maria Stuart“ über Natascha Kampusch zum Emsdetter Schul-Amokläufer Sebastian B. Dabei soll der Begriff Opfer zusammenhalten, was so nicht zusammengehört.
    Wenn er Streeruwitz Werk als „Opferliteratur“ mit „Selbstviktimisierung“ als Kehrseite bezeichnet, bedeutet das nur, dass er diese Werke in eine Kiste stopft um nicht mehr reinzuschauen. Er tut ihr unrecht. In „Verführungen“ z. B. geht es um eine Frau, die tatsächlich Opfer werden könnte, die jedoch ganz sicher nicht Opfer werden will und auch nicht als solches behandelt werden will – also ganz das Gegenteil von lustvoller Selbstviktimisierung.
    Misik findet es komisch, wenn Streeruwitz gegen eine öffentliche Darstellung ihrer Person Klage führt, gegen eine Darstellung, die nach Ästhetik und Aussage einem Mittelschul-Pissoir entstammen könnte. Ja, wie hätte er es denn gerne? Soll sie mitkichern und sich so mit den öden Witz-Reißern verbrüdern – wie eine blonde Frau, die bei einem Blondinen-Witz gequält mitlacht? Oder soll sie nobel darüber hinweggehen, es also geschehen lassen? Nur wehren soll sie sich offensichtlich nicht, denn dann findet Misik sie komisch.
    Opfer zu sein bedeutet von anderen am selbstbestimmten Handeln gehindert zu werden, bis hin zum Entzug der Verfügungsgewalt über sich selbst. Wenn Streeruwitz Klage führt, drückt das intensive Ablehnung von Fremd- und Selbstviktimisierung aus. Und wenn Misik das lächerlich findet, dann wünscht er sie offensichtlich wort- und wehrlos.
    Je mehr Handlungsmacht Opfer zurückgewinnen, desto weniger sind sie noch Opfer. Die Gesellschaft muss dann allerdings ertragen, dass sie Rechte einfordern, darunter nicht zuletzt das Recht auf Anerkennung als ehemalige Opfer und damit verbundene Forderungen. Sich diese Opfer still zu wünschen, bedeutet sie in die Opfersituation zurückdrängen zu wollen. Für Täter sind ehemalige Opfer ein Problem, wenn sie leben und nicht schweigen wollen. Dann sprechen Täter ihnen ihr Opfer-Sein ab – oder erklären sie zu Tätern. Das ist es, was Streeruwitz auch am Beispiel der Darstellung von Frau Kampusch in den Medien ausführt: Anfangs erging sich die Sensationspresse in Schilderungen, die Frau Kampusch nur als passives Opfer in der Leideform beschrieben. Als sie sich dann als durchaus widerständig und selbstbewusst erwies, dauerte es nicht lange, bis in üblen Druckwerken Kollaboration mit dem Täter angedeutet wurde.
    Und dann leitet Robert Misik von Streeruwitz zu Sebastian B., dem Amokläufer von Emsdetten, über. Dessen Abschiedsbrief vermag zu berühren, SchulpsychologInnen oder DeutschlehrerInnen wird er wohl kaum überraschen. Er ist sicher ein Aufschrei eines verzweifelten Individuums, das keine Chancen mehr erkennen konnte und wahrscheinlich nie sehr viele bekommen hat. Gleichzeitig allerdings hat Sebastian B. seine „Individualität“ in einem subkulturellen Umfeld von Waffennarren und Counterstrike-Spielern ausgelebt. Misik erklärt nun, Sebastian habe sich auch als Opfer gesehen und deshalb sei er explodiert. In der Zusammenschau mit seiner Darstellung von Streeruwitz drängen sich nun Bilder aus dem Schlingensief’schen Kosmos auf: Streeruwitz stürmt mit der Pumpgun die Eröffnung des Berliner Theatertreffens und durchsiebt ein Dutzend Exponenten des Regietheaters.
    Sebastians Amoklauf ist eines, Natascha Kampuschs Geschichte ist etwas grundlegend anderes und Misiks Umgang mit Streeruwitz’ Literatur ist ein Drittes.
    Georg Furtner, Wien

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