Die Macht der Ideen in der Ökonomie

Theorie & Technik – Die Kolumne aus der taz, 3. Jänner 2008

Der streitbare Wiener Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister feierte unlängst einen ziemlich runden Geburtstag und aus diesem Anlass hatte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts die Idee, ihm einen öffentlichen Gesprächsabend mit mir zu schenken. Das hat mich natürlich sehr geehrt und ich überlegte kurz, mir eine Schleife um den Kopf zu binden wie das die Disney-Comix-Figuren tun, wenn sie Zahnweh haben. Ich hab das dann doch bleiben lassen und anstelle dessen beschlossen, mich auf unser Thema vorzubereiten. Wir hatten gewählt: „Die Macht der Ideen in der Ökonomie.“

 

Dass in der Geisteswissenschaft „Ideen“ eine wesentliche Rolle spielen, würde ja kaum jemand bestreiten. In den „exakten“ oder den Naturwissenschaften ist dies aber eine diskutablere Annahme. Die Ökonomie steht irgendwie in der Mitte. In Methodik und Selbstverständnis sehen sich die Ökonomen den Mathematikern näher als den Philosophen. Dabei ist die Ökonomie natürlich eine Gesellschaftswissenschaft. Selbst dort, wo sie „exakt“ ist, ist sie es nur auf Basis einer je konkreten menschlichen Gesellschaft, deren Funktionsbedingungen natürlich auch geändert werden könnten. Das Streben nach persönlichem materiellen Vorteil mag es schon geben, aber natürlich nicht in einem solch exakten Sinn wie die Schwerkraft oder den Energieerhaltungssatz.

 

Auf banaler Ebene ist es natürlich nichts Neues, dass in der Ökonomie Ideen eine Rolle spielen. Der durchschnittliche Linke Aktivist würde den „Neoliberalismus“ als Ideologie charakterisieren, die sich finstere Gesellen ausgedacht haben, um die armen Ärmer und die reichen Reicher zu machen. Das ist zwar auch nicht ganz falsch, erklärt aber noch nicht die intellektuelle Anziehungskraft bestimmter ökonomischer Theorien.

 

John Maynard Keynes, der große britische Wirtschaftstheoretiker, hat sich explizit mit dieser Frage auseinander gesetzt – dass Menschen, die sich selbst ostentativ als Praktiker sehen (im Unterschied von realitätsfremden Weltverbesserern) von Ideen, Bildern, Narrativen gefangen sind. „Die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen“, schrieb er in den berühmten „Concluding Notes“ seiner „General Theory“, hätten „mehr Macht als man üblicherweise annimmt – egal, ob sie richtig oder falsch sind.“ Tatsächlich, schrieb er, „wird die Welt kaum von etwas anderem regiert.“

 

An anderer Stelle schrieb er über die Laissez-Faire-Doktrin, sie sei „etwas Kurioses und Rätselhaftes. Diese Doktrin muss dadurch entstanden sein, dass sie eine Menge enthielt, was der Umwelt, auf die sie projiziert wurde, nur zu willkommen war. Dass sie zu Schlüssen kam, die der einfache Laie nie erwartet hätte, erhöhte vermutlich ihr intellektuelles Prestige. Dass ihre Lehre, in die Praxis übersetzt, spartanisch und oft widerwärtig war, verlieh ihr einen Anstrich von Tugend. Dass sich auf ihr ein gewaltiger, starrer, logischer Überbau errichten ließ, verlieh ihr Schönheit.“

 

Ohnehin steht hinter jeder Theorie ein Menschenbild. Im Grunde kann man jede Theorie – ökonomisch, politisch – danach unterscheiden, ob sie den Menschen von Grund auf als gut, aber durch gesellschaftliche Mechanismen beschädigt ansieht, oder von im Grund auf schlecht und von gesellschaftlichen Regulativen gezähmt. Dies sind die groben Dichotomien, dazwischen gibt es hunderte Spielarten. Auf die neoliberale Ökonomie umgelegt: Die Menschen sind von Natur aus auf ihren materiellen Eigennutz aus. Aber dieses Streben nach Eigennutz führe auf mirakulöse Weise zum Wohlergehen aller, während die Beschränkung dieses Triebs negative Folgen für alle habe. Im Grunde seien die Menschen in allen Handlungen auf Nutzenmaximierung aus, vor allem aber im Marktgeschehen: da seien sie Homo Oeconomicus, also rein materiell orientiert.

 

Eine solche Sicht hat natürlich eine spezifische Attraktion in der Ökonomie. Diese materielle Orientierung lässt sich vergleichsweise leicht in Formeln gießen, würde dagegen anerkannt, dass Altruismus, Mitgefühl, Verantwortung für andere oder ähnliche ethische Kategorien ins Kalkül hineinspielen, gäb’s bald keine Kurven und keine Mathematik mehr in der Wirtschaftswissenschaft. Auch die Vorstellung, dass der Markt automatisch für „Gleichgewicht“ sorge, ist betörend: Das klingt nach Harmonie, und Harmonie ist ja was Schönes.

 

Die Schönheit dieses Konstrukts hat etwas Betörendes, und dies erklärt auch den Erfolg der Laissez-Faire-Doktrin. Keynes dagegen wusste, dass die reale Welt nicht exakt ist, und hielt seine Theorie vage, weil er auch wusste, dass Gefühle, Massenhysterien und Herdentrieb ins Wirtschaftsleben hineinspielen. Deswegen vertrat er auch die Ansicht, es sei besser, grob richtig zu liegen, als exakt falsch.

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