Gegen Verwestlichung

Nicht nur in Polen, auch in Russland mengen sich Kleriker zunehmend in die Politik ein. Lokale Marotte ist das nicht – sondern ein gefährlicher Trend der Zeit. Report, April 2008

 
Religionen sind nie unpolitisch – mögen wir uns, aus der Perspektive des weltanschaulich neutralen, säkularen Staates, wie er sich in Westeuropa herausgebildet hat, auch angewöhnt haben, den Glauben als Privatsache anzusehen. Glaubensgemeinschaften produzieren etwas, ohne das auch politische Gemeinschaften nicht auskommen: Zusammengehörigkeitsgefühl, die Bereitschaft der Mitglieder einer Gemeinschaft, füreinander einzustehen. Der Glaube ist nie zur Gänze etwas, das der Gläubige nur mit seinem Inneren ausmacht. Die Glaubensgewissheiten und die Vorstellungen von einem guten – und im Umkehrschluss: einem schlechten – Leben gehen Hand in Hand wie Laurel und Hardy. Kurzum: Eine religiöse Gemeinschaft hat immer auch eine, manchmal klarere, manchmal diffusere Vorstellung von dem, was ein sittliches Leben ausmacht. Sie hat in ihrem Innersten ein Set an Gewissheiten, wie das sittliche Zusammenleben der Menschen in einer moralischen (oder gottgefälligen) Gesellschaft geregelt werden sollte.
 
Haben sich in Westeuropa die religiösen Autoritäten in den vergangenen vierzig Jahren auch zurückgehalten mit offenem politischen Engagement, so greifen religiöse Lobbygruppen auch hier zunehmend in den öffentlichen Diskurs und die politische Debatte ein. Sie haben ihre Meinung zu Fragen wie Abtreibung, Anti-Baby-Pille und Kondomnutzung, Blasphemie, Pornografie, Lehrplänen in den Schulen, zur Evolutionstheorie, zur Eheschließung von Homosexuellen oder zu den Außengrenzen der Europäischen Union. Und sie wollen meist auch, dass aus ihren Meinungen staatliche Gesetze werden.
 
Warum, fragte unlängst der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn, sollten die religiösen Überzeugungen auch nicht in Politik umgesetzt werden dürfen? Schönborn: „Natürlich dürfen sie das. Das sind ja die Überzeugungen der Bürger.“ Die katholische Kirche in Westeuropa mengt sich neuerdings wieder mit weniger Zurückhaltung in die politische Sphäre ein. Das hat mehrere Gründe. Einer ist, dass sich schlicht die Perspektive auf „Säkularisierung“ geändert hat, seit von der „Renaissance der Religionen“ die Rede ist. Bisher hatten auch die Religiösen den Eindruck, die Säkularisierung sei einfach ein Zug der Zeit und sie müssten sich mit schwindendem Einfluss abfinden. Doch in den vergangenen fünfzehn Jahren wurden weite Weltgegenden von einer regelrechten Spiritualisierungswelle überzogen. Die muslimische Welt besann sich auf einen – oftmals radikalen – Islam, in den USA entwickelten sich evangelikale Protestanten zu eine schlagkräftigen politischen Macht, Lateinamerika erlebte eine zweite Christianisierung und Afrika wird wieder aggressiv missioniert. Und in Osteuropa stießen die christlichen Kirchen (und im asiatischen Süden der ehemaligen UdSSR der Islam) in das Vakuum vor, das die Kommunisten hinterlassen hatten. Plötzlich wirkt der westeuropäische Säkularismus wie der welthistorische Sonderweg, die politisierenden Religiösen scheinen der Normalfall zu sein. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Kleriker aller Richtungen.
 
Die osteuropäischen Kirchen hatten ohnehin einen Sonderweg eingeschlagen – die einen in den vergangenen sechzig, die anderen über viele hundert Jahre schon. Kein Fall gleicht hier dem anderen. In den Ländern, in denen die Reformation stark war – allen voran die tschechische Republik, aber auch in Ungarn –, sind die Religiösen auch heute gesellschaftlich und politisch am Rand. In anderen Ländern, vor allem in Polen, Russland, in den postsowjetischen Republiken und den Ländern des ehemaligen Jugoslawien haben die Kirchen teils entscheidenden Einfluss auf das politische Leben gewonnen.
 
In Polen, mehrfach geteilt, war die Kirche schon vor der kommunistischen Ära die Klammer, die die Gesellschaft zusammen hielt. Sie „ersetzte über Jahrhunderte den fehlenden Staat“, wie der Schriftsteller Richard Wagner formulierte, und sie war auch während der kommunistischen Volksrepublik so etwas wie der „Garant des Polentums“ gegenüber der Fremdbestimmung durch die Kommunisten, über die schließlich die Sowjets die Hand hielten. Wagner: „Das Bekenntnis zur Kirche enthielt die implizite Absage an den Kommunismus.“ Die polnische Kirche war also so etwas wie eine Wagenburg und konnte sich lange gegen den Wind der Moderne, der den westeuropäischen Glaubensbrüdern um die Ohren blies, abschotten. Auch dank des Einflusses des polnischen Papstes entwickelte sich ein politisch militanter Rechtskatholizismus, der sich heute um die nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und radikalere Kräfte gruppiert, oder um die fundamentalistische und antisemitische Medienholding von „Radio Maryja“. Die polnische katholische Kirche ist gewiss ein Fall für sich, auch wenn der Katholizismus in Kroatien oder der Slowakei ähnliche Tendenzen zeigt. Wobei in Kroatien und der Slowakei die politische Dimension des Religiösen noch in einer anderen Hinsicht offensichtlich ist: die Konfessionen sind es ja schließlich, die Kroaten von Serben und Slowaken von Tschechen unterscheidet, ein nicht unwesentliches Element des (im jugoslawischen Fall gewalttätigen) Auseinanderbrechens der früheren, multiethnischen Staaten.
 
In Russland liegen die Dinge gleichzeitig ähnlich und signifikant anders. Die autokephalen Orthodoxien des Ostens waren immer Nationalkirchen und damit beinahe so etwas wie Staatskirchen – eine Tradition, die auch die Jahre religiöser Unterdrückung durch die kommunistischen Machthaber nicht auslöschen konnten. Diese Kirchen sind schon von daher „politischer“, weil sie einerseits immer Gefahr laufen, unter staatliches Kuratel zu kommen, andererseits aber viel direktere legitimatorische Funktion für die jeweiligen Herrschenden haben. An dieses Erbe schließt die russische orthodoxe Kirche unter Präsident Wladimir Putin wieder an. Demonstrativ erbat Putin den Segen des Patriachen, „indem er sich demütig über dessen Hand beugt“ (Elfie Siegl in Eurozine). Für Kandidaten der Kremlpartei beten gelegentlich auch Popen. Offen verfolgt Putin die Strategie, die fragile russische Identität mit Hilfe der Orthodoxie zu stärken: „Gerade ihr kommt nach dem langjährigen Unglauben, nach sittlichem Niedergang und Gottesfeindlichkeit eine gewaltige Aufgabe zu, die russischen Gebiete auf geistlichem Wege zu vereinigen“, so der Präsident, der übrigens schon in seinem Vorleben als kommunistischer KGB-Agent immer ein Kettchen mit einem Kreuz um den Hals trug – damals freilich verschämt unter dem Hemd.
 
Identitätspolitik heißt immer: Homogenisierung nach innen und Abgrenzung nach außen. Dieser „orthodoxe Patriotismus“ ist doppelt brisant. Erstens: Die Orthodoxie wird als Gegenprojekt zur „Verwestlichung“ positioniert, in Abgrenzung zur liberal-demokratischen Moderne des Westens. Zweitens: Die Orthodoxie wird in den Nationalitätenkonflikten instrumentalisiert. Denn diese Konflikte am Rand des zerfransenden imperialen Staates sind ja auch religiös codiert – man denke nur an die niederkartäschten Sezessionsgelüste der „muslimischen“ Tschetschenen.
 
Das Resultat sind Anzeichen einen „orthodoxem Fundamentalismus“. Die brisante Vermischung von religiöspolitischen mit nationalitätenpolitischen Fragen macht die Kirche empfänglich für eine Politik der harten Hand und militärische Abenteuer. Der antiwestliche Reflex führt zu einer ostentativen Ablehnung all jener Praktiken, mit denen das westliche Christentum assoziert wird, und dazu gehört auch die relative politische Abstinenz des Katholizismus. So wird in der jüngsten „Sozialdokrtin“ der russischen orthodoxen Kirche eine enge Verflechtung von staatlicher und religiöser Politik als Idealbild des Staates entworfen, die weltanschauliche Neutralität des Staates dagegen als Negativentwicklung interpretiert, die von den westlichen Kirchen mitgetragen wurde.
 
Militanter Antimodernismus und Antiliberalismus wird legitimiert. So wurden sowohl in St. Petersburg und in Moskau Ausstellungen moderner Kunst von Vandalentrupps heimgesucht, die „blasphemischen“ Kunstwerke wurden zerstört (darunter ein Pop-Art Jesus mit Coca-Cola-Schriftzug oder Wodkaflaschen mit Zwiebelkuppen).
 
Man hüte sich, das als lokale Marotten leicht rückständiger Gesellschafen abzutun. Die politischen Versuchungen der religiösen Autoritäten mögen an verschiedenen Orten verschiedene Ursachen haben, sie haben aber auch eine Wechselwirkung und schaukeln sich gegenseitig hoch. Die christlichen Kirchen werden militanter, weil sie sich vom Islam herausgefordert werden, die katholischen Episkopate des Westens – etwa in Spanien und Italien – werden auch deshalb wieder politisch aktiver, weil sie mit Exempeln von Klerikalpolitik anderswo konfrontiert sind, die sie aus ihrer Sicht als erfolgreich wahrnehmen.
 
Das Resultat ist kein erfreuliches: Die Rückkehr der religiösen Leidenschaften in die Politik.
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