Post von der „Grünen Erde“

In meinem "Kultbuch" habe ich, unter anderem, auch das Segment des politisch korrekten Konsums aufgespießt. Darin heißt es:

“Firmen wie Grüne Erde … treiben das Konzept des »ethischen Wirtschaftens« auf seine groteske Spitze: »Good Business« ist in diesem Segment gehobenen, politisch korrekten Konsums nicht mehr nur eine Versicherung gegen Imageverlust und gegen eine Bedrohung der Profite, nein, findig und kompromisslos umgesetzt, kann es der Königsweg zu Extraprofiten sein”

Jetzt erreichte mich ein sehr engagierter Brief des Geschäftsführers der "Grünen Erde", der naturgemäß meine Kritik zurückweist:

Sehr geehrter Herr Misik,

ich bin auf Ihre Bemerkungen zum Unternehmen Grüne Erde in „Das Kult-Buch –
Glanz und Elend der Kommerzkultur“ gestoßen. Als geschäftsführender
Gesellschafter der Grünen Erde möchte ich Ihnen hier meine Gedanken dazu
mitteilen:



Zu den Preisen:
Sie schreiben, dass es bei uns Preise von "780 € für eine simple Federdecke"
gibt, was nicht stimmt. Da wir Federn oder Daunen gesundheitlich für
ungeeignet halten und uns auch der Tierschutz ein Anliegen ist, führen
wir prinzipiell keine Federdecken, sondern vor allem Decken aus
Schafschurwolle, die ab ca. 200,- kosten, also nicht mehr als Daunendecken
der günstigeren Sorte.

Ein Gitterbett um 850,- haben wir tatsächlich, aber wir werden es vermutlich
bald aus dem Programm nehmen, da wir nicht noch teurer werden wollen. Zu dem
genannten Preis, sind wir damit nicht rentabel. Die Fertigung in Österreich
in dieser Qualität ist eben zu teuer, um damit "Extraprofite abzuschöpfen".

Unsere KundenInnen gehören zum allergrößten Teil eben nicht zu den oberen
10.000. Sie müssen zum Gutteil für ein Grüne Erde Bett auf etwas anderes
verzichten. Zum Beispiel auf ein für den Status in unserer Gesellschaft so
wichtiges teureres Auto. Dass Grüne Erde Produkte besonders statusrelevant
wären, ist nahezu unvorstellbar, da sie nicht vor der Haustür, sondern
zumeist im Schlafzimmer stehen.

Das Problem sind nicht geldgierige Unternehmen, die statusgeilen Reichen
auch noch ein gutes Gewissen verkaufen wollen. Das Problem ist, dass viele
(und offenbar auch viele Journalisten) keine Ahnung mehr davon haben, was
die Produktion in Österreich mit anständigen Qualitäts- und Sozialstandards
kostet. Das liegt wohl daran, dass wir uns seit Jahrzehnten von Ikea, H&M
und Co., billigst mit Produkten versorgen lassen, die auf Kosten der
Arbeiter in Billiglohnländern gefertigt werden. Das hat offensichtlich auch
dazu geführt, dass wir uns daran gewöhnt haben, uns vorwiegend mit
qualitativ minderwertigem Krempel zu umgeben. Von der ökologischen
Problematik ganz zu schweigen.

Würden wir "Phantasiepreise" verlangen, müssten wir deutlich höhere Spannen
haben als die genannten Billiganbieter. Haben wir aber nicht, ganz im
Gegenteil: Die Spanne zwischen Produktionskosten und Verkaufspreis liegt bei
uns deutlich unter dem Durchschnitt des Handels im Bereich Möbel,
Heimtextilien und Kosmetik. Wer macht dann also Phantasiepreise? Firmen wie
Grüne Erde, die in Produktionsstätten in Österreich fertigen und eher
unterdurchschnittliche Betriebsergebnisse machen oder Unternehmen wie Nike
und Co, bei denen die Fertigungslöhne in Bangladesh und Co. teilweise unter
1 % des Verkaufspreises eines Produktes ausmachen?

Die heimische Fertigung ist uns nicht deswegen wichtig, weil wir den
Menschen in der "Dritten" Welt nichts vergönnen, sondern weil wir z.B. den
ökologischen Unfug, Buchenholz aus Europa nach China zu transportieren, dort
bearbeiten zu lassen und dann wieder retour zu schicken, nicht mitmachen
wollen. Und hier in Österreich und der EU können wir eben die sozialen und
ökologischen Produktionsbedingungen überwachen. Als relativ kleines
Unternehmen können wir das in Fernost oder Lateinamerika nicht tun.

Ja, wir sind für einen fairen Zugang der Länder der südlichen Hemisphäre
auch zu unseren Märkten. Unter zwei Bedingungen: gerechte, also deutlich
höhere Löhne und ähnliche ökologische Standards. Denn jetzt bekommen die
Menschen in diesen Ländern von unserem Wohlstand lediglich die Arbeit und
den Dreck ab, die Gewinne aber nicht. Die bleiben vorwiegend in Europa und
den USA – aber nicht bei den Menschen, die durch dieses Lohndumping in
MacJobs arbeiten oder gar arbeitslos werden.

Zum Abschluss kann ich Ihnen die Frage nicht ersparen, was wir Ihrer Meinung
nach so ganz anders machen sollen? Für Patentrezepte sind wir immer dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

Reinhard Kepplinger

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.