Wie Konservative denken …

… wenn sie denken. Und wie Linke denken sollten. taz, theorie&technik, 1. Juli 2008

Wie denken eigentlich Konservative? Und wie denken eigentlich Linke? Vordergründig ist das ja eine einfache Frage. Schließlich wissen wir doch: Rechte sind für Patriotismus, Linke für Multikulti, Rechte sind für den freien Markt, Linke für mehr Soziales, Konservative sind für’s Bewahren, Linke für den Wandel. Aber vielleicht gibt es da doch mehr Geheimnisse, als wir glauben mögen. In der prächtigen Jubiläumsausgabe von „Lettre“ habe ich einen feinen Essay des italienischen Psychoanalytikers Sergio Benvenuto gefunden, der mit folgenden Worten beginnt: „Lange war mir nicht klar, was den konservativen Block und seine moralisch-politische Welt zusammenhält. Es wollte mir nicht einleuchten, was ein skrupelloser Finanzinvestor, der an der Wall Street spekuliert, mit einer mittellosen Rentnerin in einer Kleinstadt des amerikanischen Mittleren Westens verbindet, die täglich in der Bibel liest.“
 
Benvenuto stützt sich in seinen weiteren Überlegungen auf die Forschungen des amerikanischen Sprachwissenschaftlers George Lakoff, einer führenden Kapazität in der Disziplin der „Cognitive Linguistics“. Lakoff ging von der selben Problemstellung aus wie Benvenuto. Konservative sind für Abtreibungsverbot, für die Todesstrafe, gegen Stammzellenforschung, für Präventivkriege, für niedrige Steuern und gegen Sozialleistungen, für Familienwerte und für den harten Wind des Wettbewerbs, gegen Umweltschutz und für den Eigennutz. „Ich sagte mit: ‚Das sind ja wirklich höchst merkwürdige Leute. Ihre politischen Positionen haben keinen gemeinsamen Sinn’“, sagt Lakoff in dem eben auf deutsch erschienen Interviewband „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ (gemeinsam mit Elisabeth Wehling). Lakoff überlegte, was diese eklektischen Positionen strukturieren konnte. Lakoffs Hypothese, die auf seinen linguistischen Forschungen gründete, lautete nun: Unser Denken wird von Metaphern formatiert, eingerahmt. Dem konservativen Denken liege, so Lakoff, ein spezifisches Familienmodell zugrunde: der Ethos des „strengen Vaters“. Der Vater ist eine Autorität. „Father knows best“, so ein Standard dieses Ethos. Der Vater muss die Familie ernähren und verteidigen. Er muss stark sein. Und er muss auch seine Kinder zu starken, disziplinierten Menschen erziehen, damit sie sich zurecht finden im Kampf der da draußen tobt. Jeder hat die Möglichkeit, erfolgreich zu sein. Was im Umkehrschluss heißt: „Wenn einer nicht erfolgreich ist, dann ist er einfach nicht diszipliniert genug, besitzt keine moralische Stärke.“ Wesentlich zum Erziehungsmodell des strengen Vaters gehören die Prinzipien von Belohnung und Strafe. Deshalb die Präferenz der Konservativen für harte Richter und für die Illegalisierung der Abtreibung – bei letzterer gehe es weniger um das „ungeborene Leben“ sondern um die Strafe für eine ungewollte Schwangerschaft, die ja nur aus einem liederlichen sexualisierten Lebenswandel resultieren kann. Der Freiheitsbegriff des Konservativismus heißt in diesem Zusammenhang, dass man allein gestellt ist im Kampf da draußen, und keineswegs, dass man tun darf, wozu man gerade lustig ist, sofern man niemandem anderen damit schadet.
 
Die Rechten, so Lakoff, sind sehr erfolgreich darin, ihre widersprüchlichen Positionen in eine metaphorische Sprache zu fügen. Und die Linken sind den Konservativen darin zuletzt hoffnungslos unterlegen, weil sie das Prinzip nicht verstehen: Sie argumentieren mit Fakten und mit Interessen, sie wirken technokratisch, statt eine eigene moralische Geschichte zu erzählen. Diesem linken Narrativ müsste die Idee vom „sorgenden Elternteil“ zugrunde liegen. Eine Geschichte von Respekt und Gleichberechtigung, von Hilfe zur Ertüchtigung der Schwachen, von der Sicherheit, die alle gewinnen, wenn der Dschungel pazifiert wird, vom gegenseitigen Nutzen der Kooperation, weil wir alle miteinander verbunden sind, vom gemeinsamen Gewinn, den eine Freiheits- und Gleichheitskultur bringt, die allen erlaubt, ihre Talente zu entwickeln und vom Wert der Selbstbestimmung über sich selbst. Erst im Kontext eines solchen metaphorischen Denkens können Fakten ihre Überzeugungskraft haben. Klingt übrigens verdammt nach Obama-Rhetorik.
 
Gewiss, Lakoffs etwas schematische Dichotomie der zwei Ethiken – jene vom „strengen Vater“ und vom „sorgenden Elternteil“ – hat selbst ihre fragwürdigen Seiten: Beide Ethiken sind von Familienmodellen inspiriert, und auch wenn das eine sympathischer ist als das andere, so ist es doch eines des paternalistischen Kümmerns der Erwachsenen um die unreifen Kleinen, weshalb schon gefragt werden muss, ob es die optimale Metapher für eine Gesellschaft gleichberechtigter Bürger ist.
 
Aber alles in allem ist Lakoffs Modell extrem inspirierend.
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