Jetzt erschienen: „Politik der Paranoia – Gegen die neuen Konservativen“


paranoia.JPGPolitik der Paranoia

Gegen die neuen Konservativen

 

Robert Misik schickt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer die neokonservative Ideologie ins Museum der großen Irrlehren.

 

„Bei Robert Misik können Sie nachlesen, wie man den modernen Konservativismus in seine Einzelteile zerlegt“ Stephan Hebel, Frankfurter Rundschau

 

„Fulminant“ WDR 3, Resonanzen

 

„Brillant“ The Gap

 

„Robert Misik hat das Buch zur Zeitenwende geschrieben … Dieses Buch macht mich sehr froh“ Spreeblick.de

 

„Ebenso leidenschaftlich wie fundiert… Eine Anleitung zum besser-, nein: richtigmachen“ Fritz Ostermayer, „Im Sumpf“, Radio FM 4

 

„Brillant geschriebene Polemik … Ein vergnüglich zu lesendes, höchst aktuelles Buch“ profil

 

„Klug“ Oliver Pink, Die Presse

 

„Lesenswert. Vermag zu überzeugen“ Kontext, Radio Ö1

 

„Überzeugend“ Deutschlandradio Kultur

 

„Obwohl er bedauerlicherweise an einer völlig therapieresistenten marxistoiden Neigung leidet, ist Misik ein intelligenter (und noch dazu vernüglich zu lesender) Autor, was ja … recht ungewöhnlich ist“ Christian Ortner, Die Presse

 

„Österreichs bester BloggerMartin Blumenau, FM-4

 

„Robert Misik hat in einigen punkten sehr recht . einen wesentlichen fehler begeht er meiner ansicht nach. er denkt, er hat immer recht.“ EnlageYourPen

 

Eine Debatte des Buches aus sozialdemokratischer Sicht gibt es hier bei der SektionAcht dere SPÖ.

 

„Worte können die Welt verändern. Sie können das Beste in den Menschen hervorholen, aber auch niedrigste Instinkte schüren. Die neokonservativen Ideologen wissen das seit langem, und sie haben vierzig Jahre harte Arbeit investiert, um die Dominanz im Meinungsstreit zu erlangen. Es ist an der Zeit – und wir haben auch die historische Chance -, dass diese Ideologie ihre letzte Ruhe dort findet, wo sie längst schon hin gehört: ins Museum der Irrlehren.“

 

Der neue Konservativismus schildert den Werteverfall in den grellsten Farben. Dabei widerspricht er sich so herzerweichend, dass es oft richtiggehend drollig ist.

 

Die neuen Konservativen sind besessen von der Idee eines „Kampfes der Kulturen“, in dem man mit militärischer Entschlossenheit vorgehen muss. Sie sind, was immer sie sich subjektiv einbilden mögen, eine Gefahr für die Freiheit, den Frieden und die Liberalität.

 

Weil der Sozialstaat die Menschen in einem Sicherheitswattebausch verweichliche, muss er abgeschafft werden, um den moralischen Verfall des Volkes zu stoppen, meinen die neuen Konservativen. Sie wollen die Härte ins Leben zurückbringen – wohlgemerkt, ins Leben der Anderen.

 

Die Verteidigung gesellschaftlicher Ungleichheiten ist das Herzstück der konservativen Ideologie. Doch die Ungleichheit ist, anders als die konservativen Prediger uns Glauben machen wollen, keineswegs nützlich. Ungleichheit schadet. Wenn viele Menschen nur geringe Lebenschancen haben, hat das negative Auswirkungen – auf diese Menschen, aber auch auf uns alle. Dass der Eigennutz des Einzelnen nützliche Auswirkungen zeitigt, werden im Lichte des globalen Finanzcrash wohl nur mehr Phantasten behaupten.

 

„Dass rücksichtsloser Egoismus in moralischer Hinsicht falsch ist, wussten wir schon; jetzt wissen wir, dass er auch in wirtschaftlicher Hinsicht falsch ist“. Franklin D. Roosevelt

 

Rezensionsexemplare für die Presse gibt es beim Aufbau-Verlag. Kontakt mit dem Autor: robert@misik.at.

 

 

Wenn Sie das erste Kapitel als Leseprobe sehen wollen, klicken Sie bitte unten.

Untergang des Abendlandes

 

Warum die neuen Konservativen die kapitalistische Konsumkultur lieben, den hedonistischen Konsumenten aber verabscheuen.

 

Alles ist fürchterlich. „Sozialdemokratie und Feminismus haben die klassische Familie endgültig entheiligt und dagegen ist kein Rollback möglich“[i], klagt Norbert Bolz, Medienphilosoph an der Freien Universität Berlin. Sexuelle Freizügigkeit, antiautoritäre Erziehung, arbeitende Frauen, Homosexuelle in Hollywood, die Achtundsechziger, der Wohlfahrtsstaat, die Pille, all das habe der guten alten Familie den Garaus gemacht, so der Denker, der in den achtziger Jahren noch ein großer Zampano in den linken Zellen der FU war – und irgendwann steil nach rechts außen abgedriftet ist. Die klassische Rollenverteilung mache aus Frauen maskulinisierte Emanzen, so Bolz, und aus dem einstmals starken Geschlecht den „feminisierten Mann“[ii]. Abtrainiert würde den Burschen die Männlichkeit schon im Kindesalter, und zwar von einem Schulsystem, in dem, horribile dictu, die Lehrerinnen das Sagen haben und das deshalb „weibliches Verhalten belohnt“[iii]. Eine große Tragödie ist das natürlich sowohl für Männer und Frauen, weil „Rollenambiguität“  unglücklich macht. Bolz: „Es kann nicht überraschen, dass in kulturrevolutionären Kreisen Schwangerschaft zunehmend als Behinderung behandelt wird.“[iv] Und: „Es gibt keine tiefer angelegte Analyse zu unserem Thema als die von Oswald Spengler in seinem Hauptwerk über den Untergang des Abendlandes.“

 

Dabei gab’s zu Spenglers Zeiten noch nicht einmal Pille und Fernsehen.

 

Aber Bolz ist nur ein Virtuose in einem vielstimmigen Lamento. Nirgendwo mehr Familiensinn, nirgendwo mehr Leistungswille, nirgendwo mehr Manieren, nirgendwo werden mehr die Tugenden des freien Unternehmertums geachtet, schallt es aus einer kaum mehr übersehbaren konservativen Publizistik. Keine Talkshow, in der nicht der „Werteverlust“ beklagt wird, keine Wortmeldung zur Integrationspolitik, wo es nicht um die „Leitkultur“ ginge und darum, dass wir „unsere“ Werte gegen „sie“ verteidigen müssten – „sie“, das sind die Anderen, die anders sind als „wir“. In schrillen Tönen wird zur Verteidigung einer abstrakten westlichen „Freiheitskultur“ aufgerufen, nicht ohne dass die konkreten Erscheinungen dieser „Freiheit“ gegeißelt werden – der Hedonismus oder das Anything-Goes-Prinzip, die Idee also, dass jeder Tun könne, wozu er lustig ist, sofern er niemandem damit Schaden zufügt, oder die Toleranz gegenüber anderen Lebensstilen und Kulturen.

 

„An die Verächtlichmachung des christlichen Bekenntnisses, an die Verhöhnung des Papstes, an die Beschimpfung der Familie und die Beschmutzung nationaler Symbole haben wir uns bestens gewöhnt und all das für ‚Fortschritt‘ gehalten“, schreibt Udo di Fabio in seinem neukonservativen Manifest „Die Kultur der Freiheit“[v]. Immer seltener dagegen werden in unserer hedonistischen Freizeitgesellschaft Menschen, die wissen, was sich gehört, grämt sich di Fabio, im bürgerlichen Beruf Richter am deutschen Verfassungsgericht. Di Fabio sieht sich um in unserer Gesellschaft, und was sieht er da? Nichts als „Menschen, die bei der Wahl ihrer Kleidung, in der Art, wie sie speisen oder wie sie reden, inzwischen wieder dem Niveau vorkultureller Zeit zuzustreben scheinen“[vi]. Das Abstreifen „bürgerlicher Gesittung“ wurde als Befreiungstat gefeiert, schüttelt es di Fabio, und angesichts des Konsenses, dass jedem Lebensstil Respekt entgegenzubringen sei, dürfe man Menschen die schlürfen und rülpsen, in der U-Bahn Bier trinken, ein ausschweifendes Sexualleben pflegen, Messer und Gabel falsch halten oder sich morgens nicht kämmen nicht einmal mehr Missachtung entgegenbringen. Stattdessen überall die „Politische Correctheit“, die die schönsten Dinge im Leben zerstört: „Der prickelnde Unterschied von Frauen und Männern wird geleugnet und unter Diskriminierungsverdacht gestellt.“[vii]

 

Es mäandert weiter in diesem Ton. „Kultur der Freiheit“ heißt die Fibel nicht etwa deshalb, weil di Fabio das verteidigen würde, was man so gemeinhin unter Freiheit versteht, sondern weil der Richter ein Plädoyer für die „individuelle Freiheit zur nützlichen sozialen Bindung“ hält. Freiheit heißt für di Fabio, dass jeder die Freiheit haben soll, so zu leben, wie sich das der Udo die Fabio wünscht. Eine „Mutinjektion“ für „konservative Politik“ sei das, feierte die „Politische Akademie“ der konservativen österreichischen Volkspartei das Pamphlet, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte es schlicht „ein großes Buch“ und in der „Welt“ war gar von einem „konstruktiven Konservativismus“ die Rede, der „ohne die Ressentiments der klassischen Kulturkritik“ auskommt.

 

Man fragt sich, ob die Laudatoren nicht irrtümlich ein anderes Buch gelesen haben müssen.

 

Werte stehen wieder hoch im Kurs. Der amtierende Papst Benedikt XVI. hat sein Pontifikat buchstäblich dem Kampf gegen „die Diktatur des Relativismus“ gewidmet – dem sogenannten „Werterelativismus“. Für den smarten Universitätsprofessor Paul Nolte rührt das Gros der gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme daher, dass der „Neuen Unterschicht“ keine Werte mehr vermittelt werden, weil die nur mehr Trash konsumiert – schließlich hängt die dauernd vor der Glotze, schaut Müllfernsehen und ernährt sich von Tiefkühlkost. Eva Hermann propagiert die Mutterkreuz-Mütterlichkeit, und Fernsehprediger Peter Hahne gibt den Sinnstifter für alle, die nur Soundbytes verdauen können. Kurzum: Ein neuer Konservativismus macht sich breit.

 

Der ist zwar nicht in dem Sinne neu, als dass er nicht in das Klagelied einfiele, das Konservative seit jeher anstimmen. Aber er ist auf seltsame Weise schrill, schneidig, ja paranoid. Er muss den Werteverfall in den grellsten Farben schildern. Welche Probleme es in unserer Gesellschaft auch immer geben möge, die Autoren der neukonservativen Jeremiaden müssen sie stets besonders drastisch ausmalen. Der kleinste Nonkonformismus hat mindestens den Untergang des Abendlandes zur Folge und Wertepluralismus mündet in Handumdrehen in verderblichen Nihilismus. Wenn etwas den neuen Konservativismus auszeichnet, dann ist das eine überspannte Krisensemantik, dann sind das diese überhitzten Untergangsphantasien, die paranoide Angstlust vor dem absoluten Bösen, das sich breit mache in unseren modernen Gesellschaften. Der Konservative fühlt sich maximal bedroht.

 

Dabei widerspricht sich der Konservative so herzerweichend, dass es oft richtiggehend drollig ist. Der totale Werteverfall wird beklagt, oft aber nur ein paar Sätze weiter in Richtung muslimischer Einwanderercommunities herrisch eingefordert, „sie“ müssten sich zu „unseren“ Werten bekennen. Nur, bitteschön, wie soll das gehen? „Sie“ sollen sich zu etwas bekennen, was „wir“ verloren haben? Das Emanzipationsbestreben der Frauen wird als Ausweis des Werteverfalls gesehen, dann aber wird die Gleichberechtigung der Frau als einer jener Werte angepriesen, den Einwanderer aus patriachaleren Kulturen unbedingt akzeptieren müssen. Mal ist der Feminismus also eine Bedrohung der westlichen Kultur, dann wieder integraler Bestandteil derselben. So schrill, wie der Neukonservativismus die alten Werte beschwört, so grell malt er deren Verfall, was schon ein bisschen unlogisch ist, wie auch denkfähigeren Neokonservativen auffällt.  Der amerikanische Autor Tod Lindberg etwa merkte an, dass seine Mitstreiter eine „Remoralisierung“ fordern, „obwohl es andererseits recht schwer fällt zu sagen, ob die neokonservative Kritik theoretisch etwas anderes als einen endgültigen Verfall in Betracht ziehen“ könnte[viii]. Die Liste solcher Kuriositäten ließe sich endlos fortsetzen.

 

Der neue Konservativismus ist erratisch und ideologisch zugleich. Erratisch, weil er aus einem Sammelsurium an Meinungen besteht, die sich stets widersprechen, ideologisch, weil er diese Meinungen wie Gewissheiten vor sich her trägt, mit der Schneidigkeit des Revolutionärs, der eine letztgültige Wahrheit entdeckt hat. Das ist es, was den neuen Konservativen von den Konservativen alten Schlages unterscheidet. Der klassische Konservativismus war vergleichsweise aus einem Guss. Er wurzelte eher im Feudalismus und im Kleingewerbetum und stand dem Kapitalismus skeptisch gegenüber, er war mit den traditionellen Mächten verbunden, hielt zu Kaiser, König, Fürsten und war ein Gegner der Demokratie. Er favorisierte in allen Lebensbereichen eher die Kräfte des Beharrens als die des Wandels, und wenn er die Parole „Freiheit“ hörte, dann versetzte er seine Kanoniere in Alarmzustand. Er war elitär und verachtete die Plebejer ebenso wie die Geschäftemacher. Der klassische Konservative misstraute den Ideologien und betrachtete die großen Ideen von Weltverbesserung und Fortschritt als Gefahr. Er sah im Vertrauten das Gute und wollte es nicht auf’s Spiel setzen für ein phantasiertes Besseres. Seine Vertreter waren Skeptiker und der Meinung, man könne zu vieles nicht wissen, als dass man für Ideen alles riskieren dürfe. Ohnehin sei der Mensch ein Wesen aus krummem Holz, und alle Versuche, die menschliche Gesellschaft zu perfektionieren, seien zum Scheitern verurteilt – ja, schlimmer noch, jeder solche Versuch müsse nach hinten losgehen. Bewährte Institutionen, mögen sie auch an allen Ecken knirschen und knarren, hätten in ihren Augen wenigstens ihre Funktionstüchtigkeit bewiesen. In ihnen würde eine Art kollektive Weisheit stecken, waren sie überzeugt, und auch wenn wir die nicht vollständig zu verstehen vermögen, dann liegt das weniger an einem Defekt der Institutionen, sondern mehr an unserer Beschränktheit. Der klassische Konservative war eher auf der Seite der „Realität“ als dass er an dieser, eines Idealbildes wegen, verzweifelt wäre. Er war von einer Art prinzipiellen Prinzipienlosigkeit, was nicht heißt, dass der Konservative keine Überzeugungen gehabt hätte, aber eine fundamentale konservative Utopie, die gegen die Wirklichkeit gestellt würde, war im hergebrachten Konservativismus schlicht ein Unding. In der klassischen Definition des Soziologen Karl Mannheim könne es eine konservative Theorie im strengen Sinne nicht geben, weil der Konservative sich an das Vorhandene klammere. Konservativismus ist, so gesehen, die Negation aller Ideologie. „Konservative grenzen sich ihrem eigenen Verständnis nach seit jeher von anderen dadurch ab, dass sie keine Gesellschaftstheorien entwerfen oder diese gar in die Praxis umzusetzen versuchen“, schreibt der kanadische Philosoph Ted Honderich in seinem Buch „Das Elend des Konservativismus“, „sie behaupten, Theorien könnten ein so komplexes System, wie die Gesellschaft es ist, nicht angemessen erfassen“.[ix] Statt sich von Ideen leiten zu lassen, sollte man sich eher nach der „erworbenen politischen Einsicht der Gesellschaft“ richten. Wertvoll sei, was sich „in der Zeit“ bewährt habe.[x]

 

Der traditionelle Konservativismus war also von einem spezifischen Kontext geprägt: In einer vormodernen Gesellschaft stemmte er sich gegen die aufblühende Moderne. Die Gesellschaft war noch rückständig verfasst – traditionell, undemokratisch, elitär -, doch die neuen Ideen forderten sie bereits heraus. Aber nicht nur demokratische Forderungen bedrohten die hergebrachte Gesellschaft, auch soziologische Veränderungen. Die Massengesellschaft, die industrielle Revolution, eine frühe Konsumkultur, der Aufstieg der unteren Schichten – verächtlich Pöbel genannt – zu bescheidenem Wohlstand, die Verbreiterung von Wissen und Bildung; all das zersetzte die hergebrachte Ordnung. Aber der Konservativismus wollte sie, so weit wie möglich, verteidigen. Als dies nicht mehr möglich war, setzte der Konservativismus oft auf Restauration. Er wollte das Rad zurückdrehen. Er wollte die gute alte Zeit wieder haben. Er wollte sich mit der liberalen bürgerlich-demokratischen Gesellschaft mit ihrem allgemeinen Wahlrecht nicht abfinden, er wollte die Partizipationsansprüche der – einstmals – plebejischen Schichten nicht akzeptieren, aber auch nicht den Wirbelwind des Wandels, für den der Kapitalismus sorgte.

 

Der neue Konservativismus ist in einigen, aber doch entscheidenden Nuancen anders. Der neue Konservativismus agiert schon auf dem Boden der bürgerlichen Moderne. Schließlich sind wir mittlerweile im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts – da kann man nur mehr schwer nostalgisch vorkapitalistischen Zeiten anhängen. Aber das stellt den neuen Konservativismus vor ein Dilemma. Er tritt einerseits als Anhänger „kapitalistischer“ Tugenden auf – etwa des Risikogeistes des Entrepreneurs, der Eigenverantwortung des unternehmerischen Individuums, des Wettbewerbsgeistes, demzufolge ein jeder seines Glückes Schmied sei und jeder auf sich allein gestellt sehen solle, wo er bleibe. Andererseits wendet er sich angewidert ab von der konsumistischen Zivilisation, die dieser Kapitalismus notgedrungen schafft, der alles zur Ware macht und jeden Spleen und jeden Trend noch in eine Geschäftsmöglichkeit verwandelt. Der neue Konservativismus ist also, kurzum, eine Abwehr gegen den Hedonismus der kapitalistischen Konsumkultur – aber auf Basis dieser kapitalistischen Konsumkultur. Alleine das bürgt für eine ganze Reihe abstruser Widersprüchlichkeiten.

 

Schon vor mehr als zwanzig Jahren schrieb der Frankfurter Soziologe Helmut Dubiel in seinem schmalen Bändchen „Was ist Neokonservativismus?“ über dieses erstaunliche Phänomen: Der neue Konservativismus ist „nicht neu im Sinne von Einsicht, die zuvor noch niemand hatte. Der Neokonservativismus ist eine Reaktionsbildung.“[xi] Dieser neue Konservativismus steht „auf dem Legitimationsboden eben dieser bürgerlichen Gesellschaft“.[xii] Dubiel hatte ein Phänomen vor Augen, das seit den sechziger Jahren die politische Diskurslage in den USA – und Großbritannien – signifikant verändert hat, aber in anderen Teilen der Welt, namentlich Kontinentaleuropa, noch weitgehend exotisch war: das des Neokonservativismus. Unter diesem Namen wurde eine amerikanische politisch-intellektuelle Strömung bekannt, die seither zum Bezugspunkt und Vorbild aller Konservativer wurde, die mit Schärfe und einigermaßen argumentativ aufgerüstet gegen den Zeitgeist vorgehen wollen.

 

Hierzulande sind diese „Neokons“ mittlerweile auch dem breiteren Publikum bekannt, weil sie es waren, die George W. Bush‘ aggressive Außenpolitik orchestrierten und die Propagandatrommel für den Einmarsch im Irak rührten. Weniger bekannt ist, dass das ursprüngliche Terrain des Neokonservativismus nicht so sehr eine aggressive Außenpolitik war (wenn man vom Antikommunismus des Kalten Krieges absieht), sondern das der Kulturkritik und der Sozialpolitik. Es waren die späten fünfziger und dann die sechziger Jahre, in denen sich diese Strömung formierte. Anders als traditionelle Konservative, die sich eher als „praktische Männer“ sahen, vertrauten sie von Beginn an auf die Macht der Ideen. „Ideen haben Folgen, wenn auch auf mysteriösen Wegen“, schrieb Irving Kristol, eine der intellektuellen Gründerfiguren der Neocons. Der Konservativismus der Neocons war von Beginn an weniger skeptisch oder nostalgisch, sondern utopisch und vorwärtsgewandt. Kein Wunder, denn seine Leitfiguren kamen, so paradox das klingen mag, überwiegend aus der radikalen Linken. Kristol und Irving Podhoretz, der zweite Godfather der Neocons, waren in jungen Jahren Aktivisten einer trotzkistischen Splittergruppe, andere, wie der später zu Weltruhm gelangte Soziologe Daniel Bell waren gemäßigte Progressive. Allesamt waren sie als Linke Antistalinisten und entwickelten sich während der fünfziger Jahre zu strammen Antikommunisten. Gänzlich ins rechte Lager wurden sie aber erst in den sechziger Jahren getrieben. Einerseits durch das sozialreformerische Projekt von Präsident Johnson, das, „Great Society“ genannt, aus den USA einen Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung machen wollte, vor allem aber wegen des Aufstiegs der Gegenkultur, von Hippies, Künstlerboheme und Aussteigern. In den ungewaschenen Langhaarigen sahen sie nur mehr eine Pervertierung der linken Kultur, von der sie sich angewidert abwandten. Das Präfix „Neo“ vor Neokonservativ sagt schon aus, dass hier ein ganzes Milieu neu ins rechte Lager stieß. Aber sie waren nicht nur ehemalige Linke, die sich zu Konservativen wandelten, sondern sie wandelten auch den Konservativismus. Sie legten zwar ihre Überzeugungen ab, nicht aber ihren Habitus. Sie blieben in ihrer Mentalität Radikale.

 

„Das herausragende Ereignis dieser Epoche war die Studentenrevolte und der Aufstieg der Gegenkultur“, schreibt Kristol in seinem Rückblick auf diese Zeit. Mögen die Neokonservativen zunächst von den ungewaschenen und frechen jungen Leuten ästhetisch angewidert gewesen sein, so entwickelten sie daraus schnell ein gesamtes Weltbild. Die jungen Rebellen wurden bald als ein Zeitzeichen, als ein Symptom allgemeinen Verfalls gesehen, eines Werteverlustes, dessen Keim in der liberalen bürgerlichen Ordnung schon angelegt ist. Kristol: „Von einer dissidenten Kultur über die Gegenkultur sind wir endgültig bei der nihilistischen Antikultur angekommen.“[xiii] Schon Anfang der siebziger Jahre waren alle argumentativen Figuren entwickelt, die wir heute bei Leuten wie Bolz oder Udo di Fabio finden – übrigens oft erstaunlich wortgleich. Nun, wenn es schon bei Studenten üblich geworden ist, Doktorarbeiten zu fälschen, können gewiss auch Universitätsprofessoren und Verfassungsrichter in der hohen Kunst des Abschreibens nicht abseits stehen – aber dies nur nebenbei.

 

Der drohende Nihilismus, der Relativismus und der Verfall aller Werte, dies war es, was zu Beginn an die Neocons in Schrecken versetzte. Aber als kluge und gebildete Leute wollten sie nicht einfach nur ressentimentgeladen über die Gegenwart herziehen – sie machten sich durchaus tiefschürfende Gedanken darüber, woher diese Probleme kommen. Und als Anhänger des liberalen kapitalistischen Systems der USA sahen sie sich schnell vor folgendem Dilemma: Es waren ja nicht die Gegner dieses Systems, die für den Verlust der Tugend verantwortlich waren. Es war ja dieses System selbst. Es führte zu verbreiteten Wohlstand, es brauchte die Konsumnachfrage, um dynamisch zu bleiben, es löste die althergebrachte konformistische Ordnung auf und lebte von der Gier, dem Verlangen der Menschen nach Mehr, es profitierte von der Nachfrage nach unnützem Zeug, vom Wunsch nach Zerstreuung, den die Entertainmentkultur zugleich weckte und befriedigte. In einen früheren Zeitalter seiner Entwicklung, als der Sparwille und das protestantische asketische Ideal die Kapitalakkumulation vorantrieben, sei der Kapitalismus noch mit Tugenden verbündet gewesen, nunmehr aber sei er selbst mit Lastern verbunden, so ihre Einsicht. Immer wieder wurde ein goldenes Zeitalter beschworen, der frühe Kapitalismus, in dem der umsichtige Unternehmer und Familienvater noch Güter anhäufte und seinen Reichtum vergrößerte, aber wenig ausgab, damit er sein gewachsenes Vermögen seinen Kindern vermachen konnte, die wiederum den Kapitalismus nun auf erweiterter Stufe am Laufen hielten. Diese Gesellschaft habe noch einen gesunden Individualismus gefördert, den Individualismus des Entrepreneurs, der seinem ökonomischen Eigennutz folgte, doch den Nutzen aller vermehrte.

 

Aber dieser Individualismus ist nur einen Millimeter vom ungesunden Individualismus entfernt, so die Analyse der neuen Konservativen – vom Streben nach „Selbstverwirklichung“, dem haltlosen Egoismus narzisstischer Schwärmer. „Das ist die Frage schlechthin, vor der wie heute stehen, in einer Gesellschaft, die mehr und mehr solcher Selbste ausbrütet, deren private Laster sich nicht mehr in öffentliche Tugenden für eine bürgerliche Ordnung verwandeln“, schreibt Kristol. Die ursprüngliche liberale Ideologie konnte sich einfach nicht vorstellen, „dass der Eigennutz, wenn er nicht von Religion, Moral, den Gesetzen umhegt ist, einfach nur zur Lasterhaftigkeit führt und nicht zu Tugend. Sie hatte einfach nicht daran gedacht, dass ein selbstzerstörerischer Nihilismus eine wirkliche und permanente Gefahr für jede Gesellschaft darstellt.“[xiv]

 

Der Neokonservativismus erzählte gewissermaßen eine Geschichte, hat die Form einer „narrativen Struktur“, wie Helmut Dubiel schreibt, lässt sich „zu einer Art ‚Märchen‘ verdichten“. Und das geht so: „Es war einmal ein goldenes Zeitalter bürgerlicher Rationalität, eine durch den Rationalismus geformte Kultur. Dieses goldene Zeitalter wurde durch einen Sündenfall beendet. Die Gegenwart stellt in diesem Märchen ein Reich kultureller und sittlicher Finsternis dar, beherrscht von einer zügellosen Zersetzung, einer schrankenlosen Habgier, dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, dem Kult des Trivialen. Die nachbürgerliche Kultur ist ein bloßes Dekadenzphänomen. Ihre Symptome fügen sich zu einem einheitlichen Signum des Verfalls.“[xv]

 

Das Drama, das sich in den Augen der Neokonservativen abspielte, könnte man so formulieren: Der tugendhafte Kapitalismus braucht Individualismus, der von einer traditionellen Moral eingehegt ist. Doch dieser Individualismus zerstört die traditionelle Moral, die er so dringend benötigt. Sehr bald mündet er in dem Postulat, dass jedes Individuum die Freiheit haben muss, „seine eigene Moral zu entwickeln“. [xvi] Und nichts anderes ist verderblicher Nihilismus. Kurzum: Der Kapitalismus und die liberale Moderne sägen an dem moralischen Ast, auf dem sie sitzen. Die Tugendhaftigkeit des früheren Bürger-Kapitalismus wurde von der Prosperität zerstört, welche sie ermöglichte, und so wurde der Charakter des Bürgers verdorben zu dem des Konsumenten. Der Kapitalismus, fasst Helmut Dubiel diesen Argumentationsstrang zusammen, „verlange zwar weiterhin eine asketische Ethik im Bereich der Produktion, stimuliere aber zugleich eine Ethik des schrankenlosen Hedonismus im Bereich der Konsumtion“[xvii].

 

Es ist, liest man die Schriften der neokonservativen Ideologen, schon erstaunlich, mit welcher Obsession sie dem „Werterelativismus“ und dem „Nihilismus“ für alle Übel der Welt verantwortlich machen. Wobei sie, wohlgemerkt, wenn sie vom Nihilismus sprechen, nicht etwa nur amoralische Individuen vor Augen haben, sondern auch höchst moralische Menschen, die nur der Ansicht sind, dass in einer demokratischen, pluralistischen, säkularen und posttraditionellen Gesellschaft es durchaus schwer ist, eine verbindliche Moral zu formulieren; Menschen also, die nicht etwa dafür eintreten, alle „Werte“ mit Füßen zu treten, die aber zu bedenken geben, dass moralische Individuen durchaus unterschiedliche Wertvorstellungen haben können und dass es keine gesellschaftliche Autorität mehr gibt, die eine vorherrschende Moral zu definieren vermag. Menschen, kurzum, die mit dem schwierigen Sachverhalt zurande zu kommen versuchen, dass die Moral heutzutage gewissermaßen im Plural auftritt.

 

Sehr zur Popularisierung des neokonservativen Postulats vom verderblichen Werterelativismus hat das Buch „Der Niedergang des amerikanischen Geistes“ des Philosophieprofessors Allan Bloom beigetragen. Heutige Studenten, beklagte Bloom, seien der festen Überzeugung, die Wahrheit sei relativ. „Die Relativität der Wahrheit ist nicht eine theoretische Erkenntnis, sondern ein sittliches Postulat, die Voraussetzung für eine freie Gesellschaft, jedenfalls so, wie diese Studenten es auffassen.“[xviii] Diese Irrlehre führe nicht nur dazu, dass es unmöglich wäre, Gut von Böse zu unterscheiden, sie mache die jungen Leute auch seltsam indifferent: Wenn es Wahrheit nicht gebe, sondern nur je kulturell oder historisch begrenzte Wahrheiten, dann muss man sich für nichts mehr wirklich einsetzen – weil dann ja das eine gültig sein kann, das andere aber auch. Nichts müsse man dann mehr ernst nehmen. Welche Meinungen jemand vertrete – nicht so wichtig. Welches Leben jemand auch immer führe – es ist ja seines. Noch das falscheste Leben ginge dann als individueller Lebensstil durch. Heldentum und Feigheit – alles gleich viel wert. „Die bei uns übliche Geringschätzung des Heroischen ist einfach eine Verlängerung des pervertierten Verständnisses des demokratischen Prinzips, das Größe leugnet und nichts weiter will, als dass jeder sich in seiner Haut wohl fühlt, ohne unter unbehaglichen Vergleichen leiden zu müssen“[xix], klagte Allan Bloom in seinem Buch, das zu einem Bestseller wurde. Geradezu eine neue Sprache entwickele sich, die Sprache „des Werterelativismus, und sie führt zu einem Wandel in unseren Moralvorstellungen und unserem politischen Verständnis, einem Wandel, dessen Bedeutung genauso hoch einzuschätzen ist wie seinerzeit die Phase, in der das Christentum das griechische und römische Heidentum ablöse“[xx].

 

Klar, klar – unter einem veritablen Epochenbruch von der Art der Achsenzeit tun es die schrägen Neokons nicht.

 

Der große geistige Übervater der Neokonservativen war der Philosoph Leo Strauss, ein deutsch-jüdischer Denker, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 zuerst nach England auswanderte, 1938 in die USA übersiedelte und zuletzt in Chicago von 1949 bis 1969 eine erstaunlich nachhaltige Lehrtätigkeit entfaltete. Über den Einfluss der Strauss-Schüler haben in den vergangenen Jahren, vor allem angesichts des Zugriffs der Neocons auf die Politik von George W. Bush, viele Verschwörungstheorien kursiert. Das US-Magazin „The New Republic“ nannte die Straussianer eine „der Top-Ten-Gangs des Millenniums“, der britische „Observer“ beförderte Strauss zum „Hohepriester der Ultrakonservativen“. Strauss, ein Verehrer der antiken Philosophie, war nicht nur von der Tugendhaftigkeit der Alten überzeugt, sondern auch von der Überlegenheit ihres Denkens. Er hatte eine Reihe philosophischer Überzeugungen, die auf den ersten Blick reichlich verschwurbelt anmuten – etwa, dass die Philosophie so gefährlich ist, dass sie für Aufruhr sorgen kann, und deshalb für das einfache Volk nicht geeignet sei. Die Alten hätten das gewusst und deshalb gewissermaßen zwischen den Zeilen geschrieben, um ihre Überzeugungen zu verbergen, weshalb man sie in etwa so lesen müsse, wie eine Presseerklärung aus dem Pentagon – man müsse lesen, was sie zu vertuschen suchten. In seinen Jugendtagen war der berüchtigte nationalkonservative Staatsrechtler Carl Schmitt der Förderer von Strauss. An ihn schrieb Strauss: „Weil der Mensch von Natur böse ist, darum braucht er Herrschaft. Herrschaft ist aber nur herzustellen, d.h. Menschen sind nur zu einigen in einer Einheit gegen – gegen andere Menschen. Jeder Zusammenschluss von Menschen ist notwendig ein Abschluss gegen andere Menschen.“

 

Freilich, Strauss, den manche für einen der größten Denker des 20. Jahrhunderts halten, war ein vielschichtiger Philosoph, ohne direkte politische Absichten – einem breiteren Publikum blieb der Mann, der vor allem die antiken Texte mit Akribie lesen wollte, Zeit seines Lebens ein Unbekannter. Erst seine Epigonen schlugen seine Ideen etwas grob mit der Axt zu. Andererseits: Vieles, was bei seinen Schülern etwas plump daher kommt, ist bei Strauss angelegt. Und dies gilt vor allem für seine Kritik an Werterelativismus und Nihilismus. „Die große Bedeutung, die Strauss für Konservative hat, beruht darauf, dass er den tiefsten philosophischen Nachweis dafür erbracht hat, was falsch am Liberalismus ist“, schreibt Robert Locke im Neocon-Kampfblatt „FrontPage“[xxi]. Der Liberalismus, jedenfalls wie er im 20. Jahrhundert in den hochentwickelten Ländern praktiziert würde, hat „eine intrinsische Tendenz zum Relativismus, der zum Nihilismus führt“.

 

Liberalismus im weitesten Sinne sieht von den einzelnen Menschen ab, ob sie tugendhaft seien, welchen Werten sie anhängen etc. Der Liberalismus der klassischen Ökonomie geht ja davon aus, dass Eigennutz – also eigentlich eine Untugend – sich auf wundersame Weise durch die Aktivität der berühmten „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith in eine öffentliche Tugend verwandelt. Der politische Liberalismus ist davon überzeugt, dass aufgeklärte Verfahrensregeln, denen sich ein demokratischen Gemeinwesen verschreibt, „funktionieren“ können, unabhängig von der Tugendhaftigkeit der Bürger – eine gute Verfassung, so Kant, zeichne sich dadurch aus, dass sie selbst das vernünftige Zusammenleben einen „Volkes von Teufeln“ zu strukturieren vermag. Der wissenschaftliche Liberalismus eines Max Weber geht davon aus, dass die Wissenschaft wertfrei sein, also Erkenntnisse unabhängig von der Meinung des Wissenschaftlers produzieren müsse. Dieser Liberalismus führe, meinte Strauss, zu einer wert-freien Sozialwissenschaft und in der Folge zu technokratischer Sozialpolitik, der es nur mehr um mechanistische Maßnahmen ginge, für die es aber ein Unding sei, die Bürger mit Werturteilen zu belästigen.

 

Strauss war überzeugt, dieser Liberalismus, wie hehr seine Absichten auch sein mögen, sei schon ein Weg in den Abgrund. Denn dieser Liberalismus postuliere, dass es eine Vielzahl von Werten gibt, „deren Forderungen einander widersprechen und deren Konflikt durch menschliche Vernunft nicht gelöst werden kann. Die Sozialwissenschaft und die Sozialphilosophie können nicht mehr tun, als diesen Konflikt mit allen seinen Nebenwirkungen klarstellen“, schrieb Strauss. Und fuhr fort: „Ich behaupte, dass Webers These mit Notwendigkeit zum Nihilismus oder zu der Ansicht führt, dass die Vernunft außerstande ist, zwischen dem Bösen, Gemeinen oder Unsinnigen und deren Gegenteil zu entscheiden.“ Eine solche Ethik der „Wertfreiheit“ müsse, selbst wenn sie von den edelsten Motiven getragen ist, bindende Normen und moralische Imperative verwerfen. Sie sei sogar in sich unlogisch, monierte Strauss. Denn gewiss sei der „Nihilismus“ von Weber von edlerer Art als der gemeine Nihilismus eines Massenmörders, aber auch eine solche Charakterisierung könne man nur vornehmen, solange man ein Wissen darüber besitzt, was „edel“ und was „gemein“ ist – und ein solches Wissen könne die „Wertfreiheit“ gerade nicht bereit stellen[xxii]. Strauss Pointe: „Wenn alle Werte relativ sind, dann ist der Kannibalismus eine Geschmacksfrage.“[xxiii]

 

Ach der Werterelativismus! Davon ist heute ja sehr viel die Rede. Der oberste Kämpfer gegen den Werterelativismus ist heute Papst Benedikt XVI. Berühmt wurde die Wendung, die Josef Kardinal Ratzinger in der Eucharistiefeier benutzte, die das Konklave eröffnet hat, welche er dann als Papst verlassen hat. Darin wandte er sich gegen „eine ‚Diktatur des Relativismus‘, der nichts als endgültig anerkenne und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelöste gelten lässt“. Der Papst ist geradezu besessen vom Kampf gegen den Relativismus. Relativismus, das ist ein schneidiger Vorwurf. Zunächst sagt er ja nicht mehr aus, als dass es keine verbindliche Moral mehr gibt. Aber er hat auch einen Subtext: Verfall der Moral. Untergang der Werte. Anything goes. Jeder tut, was er will. Und was die Menschen tun, das ist dann meist nichts Gutes. Letztendlich insinuiert das Lamento vom Werterelativismus, dass der Verfall der verbindlichen, durch Sitte, Tradition und sanften sozialen Zwang überlieferten konservativen Werte zum Verschwinden jeder Ethik führe. Dass es also entweder die konservativen Werte gäbe oder eben keine mehr. Das ist natürlich ein Taschenspielertrick und keineswegs ausgemacht. Aber dazu später.

 

Bleiben wir zunächst bei der Werterhetorik der neuen Konservativen, und widmen wir uns dieser einmal im Detail. Unter „Werten“, „Ethik“, „Tugenden“ verstehen wir spontan ja etwas, nunja, Freundliches. Unter jemanden, der von Werten geleitet wird, stellen wir uns jemanden vor, der, beispielsweise, alten Frauen über die Straße hilft, einem Gestolperten dabei unterstützt, wieder auf die Beine zu kommen, jemanden, der nicht nur seinen eigenen Vorteil sucht, sondern sich auch um das Geschick seiner Nächsten kümmert und so weiter. Jemanden, der Anderen mit Respekt begegnet, oder jemanden, dem eine solidarischere oder eine friedfertigere Welt ein Anliegen ist. Und nun stellen wir uns einen imaginären Konservativen vor: Treffen diese Charakteristika in aller Regel oder zumindest häufig auf konservative Politiker und Ideologen zu? Sind das die Werte, die sie propagieren, für deren Verbreitung sie sich einsetzen?

 

Nun, um das zurückhaltend zu formulieren: Nicht immer. Nicht oft.

 

Aber was meinen Konservative dann, wenn sie von Werten sprechen und wie ist dieses Meinen mit den politischen Auffassungen verbunden, die sie in aller Regel äußern? Betrachten wir, beispielsweise, eine politische Überzeugung, die praktisch von allen neuen Konservativen vertreten wird. Der Sozialstaat knüpfe ein viel zu dichtes Netz, sodass die sozialen Sicherheitsmaßnahmen nicht nur zu teuer, sondern auch kontraproduktiv seien. Man solle daher den Armen die Stütze kürzen oder ganz streichen. Für alle anderen Menschen, außer für Neokonservative und hartleibige Wirtschaftsliberale, ist das hartherzig – und Hartherzigkeit ist keine Tugend. Aber für Konservative ist es eine Kleinigkeit, solche Hartherzigkeit im Handumdrehen in eine Tugend zu verwandeln. Führen wir das an einem Beispiel aus, das zentral und wirklich exemplarisch ist für das, was die neuen Konservativen unter moralischer Politik verstehen.

 

Die Geschichte geht so: Konservative sind der Meinung, dass die Familie sehr wichtig ist. Sie ist der beste Platz, um als Kind aufzuwachsen, und sie ist ein wichtiger stabilisierender Faktor einer Gesellschaft. Aber für sie ist die Familie, mit Daddy, Mama und Kindern nicht so sehr ein Ort der Fürsorge füreinander, sondern ein ökonomischer Mikroorganismus. Ein guter Vater ist nicht jemand, der mit seinen Kindern spielt oder ihnen sagt, dass er sie liebt, ein guter Vater ist einer, der arbeiten geht, um seine Kinder zu ernähren. „Ein guter Vater hat zwei Eigenschaften. Erstens, er ist einfach da, als loyales Mitglied des Haushalts. Zweites ernährt er seine Familie“, meint Irving Kristol. „Die Tatsache, dass seine Frau möglicherweise auch arbeitet, sei es Teilzeit, so es Vollzeit, ist irrelevant. Denn sie darf arbeiten, aber er muss arbeiten, weil Vaterschaft und arbeiten sind das selbe. Ob er seine Freizeit mit ihnen verbringt oder sie umsorgt, ob er sie liebt, das ist weit weniger wichtig.“ Wichtig ist nämlich ausschließlich, dass der Vater arbeitet – „es ist die ‚väterlichste‘ Sache der Welt“.[xxiv] Der zeitgenössische Kapitalismus und der Wohlfahrtsstaat haben nun aber folgendes Resultat gezeitigt. Erstens: Frauen wollen arbeiten, weshalb sie schon seltener Kinder bekommen. Aber wenn sie Kinder haben, dann sind sie nicht mehr auf den Vater auf Gedeih und Verderb als Ernährer angewiesen. Sie können sich auch trennen – sei es, weil sie selbst über Einkommen verfügen; sei es, weil sie wissen, dass sie Sozialhilfe, Kindergeld, Wohngeld usw. erhalten, also weder verhungern noch auf der Straße landen werden. Das beeinflusst das Verhalten der Frauen, was die Neokonservativen schon nicht wirklich freut. Aber es beeinflusst auch das Verhalten der Männer, und das ist noch viel entsetzlicher. Denn ebenso wie die Frauenerwerbstätigkeit raubt der Wohlfahrtsstaat den Familien ihre ökonomische Funktion. Und damit gilt auch: „Wohlfahrt nimmt dem Familienoberhaupt seine ökonomische Funktion und macht aus ihm einen ‚überflüssigen Mann‘.“[xxv] Die Wohlfahrtsprogramme kicken den „Vater aus seiner Rolle als Brotverdiener“[xxvi], wer keine höhere Schulbildung habe, könne kaum mit dem „Wohlfahrt-Einkommen konkurrieren“[xxvii]. Deshalb würden Wohlfahrtsprogramme nicht dazu beitragen, soziale Probleme zu lösen – etwa die ökonomische Lage armer Familien zu verbessern oder alleinerziehende Mütter zu unterstützen -, sie produzierten gewissermaßen die sozialen Probleme. Weil diese Programme existieren, müssten Männer keine Verantwortung mehr übernehmen, können lebenslang Kleinkinder bleiben, verlassen sie ihre Familien, wann immer sie Lust darauf haben; weil sie existieren, packen Frauen Flugs ihre sieben Sachen und ihre Kinder zusammen und lassen den Mann hinter sich, wenn der sie nicht mehr interessiert. „Wohlfahrtsstaatliche Leistungen sind in hohem Maße für die Desorganisation der Familien verantwortlich“[xxviii], lautet das Credo der neuen Konservativen. Der Sozialstaat, so ließe sich die Meinung der neuen Konservativen zusammenfassen, „müsse abgeschafft werden, um den moralischen Verfall des Volkes aufzuhalten“[xxix]. Sozial „unerwünschtes“ Verhalten wird nicht mehr als Folge von Armut gesehen, umgekehrt erscheint plötzlich die Armut als Folge des sozial unerwünschten Verhaltens. Staatliche Hilfe ist damit nicht Hilfe gegen Armut, sondern eine Art Komplizenschaft beim sozial unerwünschten Verhalten, das dann auch noch zur Armut führt.

 

Diese Logik führte dazu, dass die amerikanischen Konservativen das Problem der alleinerziehenden schwarzen Frauen als das zentrale soziale Problem anzusehen begannen, aber als Lösung nicht etwa vorschlugen, die existentielle Lage der amerikanischen Schwarzen zu heben. Im Gegenteil, für kaum etwas haben sie sich mit so viel Energie und Enthusiasmus eingesetzt wie für die Abschaffung der Sozialhilfe für alleinstehende Mütter. Mittlerweile ist die argumentative Figur auch in unseren Breiten angekommen. „Wohlfahrtsstaatliche Leistungen verringern die Kosten unehelicher Kinder und ermutigen die Frauen, auf einen Haushalt mit dem Vater ihrer Kinder zu verzichten. Und umgekehrt fühlen sich Väter weniger verantwortlich für ihre Kinder“, behauptet der Berliner Universitätsprofessor Norbert Bolz[xxx], um dann in der milieutypischen Überspanntheit hinzuzufügen: „In Schweden ist der anonyme Steuerzahler schon ganz selbstverständlich an die Stelle des Ehemannes getreten. Und wie stets bei wohlfahrtsstaatlichen Leistungen muss man damit rechnen, dass der Versuch, den Opfern zu helfen, das Verhalten reproduziert, das solche Opfer produziert.“[xxxi]

 

Übrigens gehört es seit jeher zum Standard in der „Rhetorik der Reaktion“: dass die Programme der Sozialfürsorge die Armut verbreiten, „statt sie zu vermindern“; dass jeder Schuss nach hinten los geht.[xxxii]  Wie der US-Soziologe Albert O. Hirschmann belegte, wurde dieses Argumentationsmuster von den neuen Konservativen nur wieder aufgenommen und modernisiert. Armenfürsorge verführe „zur ‚Faulheit‘ und ‚Sittenverderbnis‘ und erzeuge damit die Armut, statt sie zu lindern“, liest man schon bei englischen Essayisten des frühen 19. Jahrhunderts: „Erdacht, den Elenden zu helfen, wurden die Armengesetze zur Grundursache des Elends…“[xxxiii]

 

Gerade dieses Exempel zeigt, wie obskur die Argumentation der neuen Konservativen ist. Natürlich können staatliche Maßnahmen unintendierte Folgen zeitigen – dann muss man sie eben korrigieren und Verbesserungen vornehmen. Aber indem sie allen Ton auf diese unintendierten Folgen legen, suggerieren die neuen Konservativen, wohlfahrtsstaatliche Leistungen hätten ausschließlich kontraproduktive Wirkungen. Und das ist natürlich bei weitem nicht der Fall. Hätte man den altkonservativen Warnern vor den „Armengesetzen“ Glauben geschenkt, würden die Unterschichten heute immer noch so leben wie die Elenden im England des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich waren die sozialreformerischen Anstrengungen, durch Hilfe, Umverteilung und Beteiligung am Reichtum die Lage der Unterklassen zu verbessern, im Ganzen ein grandioser Erfolg.

 

Und auch wenn es unintendierte Nebenfolgen geben mag, sind die möglicherweise durchaus wünschenswert. Die Behauptung der neuen Konservativen, dass die wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen einen Anteil am Zerfall von Familien haben, ist nicht völlig von der Hand zu weisen, weil weniger Menschen durch materielle Ausweglosigkeit in Familienverbände eingepfercht bleiben, in denen sie eigentlich unglücklich sind. Wenn Frauen heute ihre Männer wirklich leichter verlassen, als das noch vor dreißig, vierzig Jahren der Fall war, was ist daran so schlecht? Was ist, fragt Albert O. Hirschmann, so verdammenswürdig, wenn es einer „mittellosen Frau heute möglich ist, sich aus einer Ehe zu befreien, in der sie körperlich drangsaliert oder auf andere Weise misshandelt wird“[xxxiv]? Oder anders gefragt: Was war so gut an einer Zeit, in der Frauen bei ihren Männern bleiben mussten, auch wenn diese sie mies behandelt haben, sodass sie später ihren Töchtern, die das nicht mehr müssen, sagen: „Hätte ich Deine Möglichkeiten gehabt, ich hätte mich von Deinem Vater schon vor dreißig Jahren getrennt.“

 

Warum spricht es für „Werteorientierung“, wenn man einen solchen Jammer prolongieren will?

 

Von der erstaunlichen „Entdeckung“, dass die Hilfe für arme Familien nicht etwa zur Verbesserung der sozialen Lage, sondern im Gegenteil zu deren Verschlechterung beiträgt, sind die neuen Konservativen derart elektrisiert, dass sie geradezu außer Rand und Band geraten. Im Überschwang nennen sie die „unverheirateten Mütter und ihre Babys“ schon mal ein „menschliches Desaster“. Nun, ich bin schon mehreren alleinerziehenden Müttern begegnet und kenne auch diverse Kinder, die in einer solchen Konstellation aufwachsen oder aufgewachsen sind; manchmal läuft die Sache runder, manchmal ist sie komplizierter, nicht viel anders übrigens, als bei klassischen Vater-Mutter-Kind-Familien, wenn man davon absieht, dass die organisatorische und lebenspraktische Leistung, die alleinerziehenden Müttern abverlangt wird, noch deutlich fordernder ist. Kurzum, ich kam schon auf die unterschiedlichsten Gedanken, wenn ich mit solchen Alleinerzieher-Haushalten konfrontiert war. Aber auf eine Idee bin ich bisher noch nicht verfallen: Dass es sich bei diesen tapferen Frauen, die Job und Kind und Leben ohne viel Hilfe organisieren und ihren Babys um ein „menschliches Desaster“ handeln könnte. Jedenfalls wäre ich nie auf den Gedanken verfallen, dass es irgendeine Hilfe für diese Mütter wäre, wenn ich sie als „menschliches Desaster“ beschimpfe.

 

Wir sehen also: Es wäre ein Missverständnis, anzunehmen, die „Werte“, von denen die Konservativen immerzu sprechen, hätten irgendetwas mit Menschenfreundlichkeit oder mit Achtung vor Mitbürgern in komplizierten Lebenssituationen zu tun. Völlig irreführend wäre zudem die Annahme, es wäre für Konservative „moralisch“, anderen Menschen in sozialer Bedrängnis zu helfen. Das würde nämlich in ihren Augen nur dazu führen, dass sie sich in dieser Bedrängnis bequem einrichteten und andere einen Anreiz bekommen, sich in eine ebensolche Lage zu bringen. Staatliche Unterstützung für die sozial Schwachen ist in dieser Logik nicht moralisch, sie ist sogar unmoralisch. Übrigens ist es keineswegs so, dass die Konservativen der Meinung sind, die Männer, Frauen und Kinder wären in klassischen Familien unbedingt glücklicher. Sie wissen sehr wohl, dass die traditionelle Vater-Mutter-Kinder-Familie durchaus ein recht unerquicklicher Ort zum Leben sein kann und es manchmal besser ist, sich zu trennen und sich weiter mit Respekt und Zuneigung zu begegnen, als endlos eine zerrüttete Beziehung aufrecht zu erhalten. Das wissen sie durchaus. Es ist ihnen jedoch egal, wie Allan Bloom in erfrischender Offenheit bekundete: „Natürlich gibt es viele unglückliche Familien. Aber das ist irrelevant.“[xxxv]

 

Für die neuen Konservativen sind die „Werte“ womöglich noch zentraler als für die traditionellen Konservativen. Letztere standen ja jedem Wandel kritisch gegenüber und hatten ihren Vorbehalt gegen die Moderne – die Skepsis gegenüber dem Wertewandel fügte sich da hinein, mehr nicht. Bei den neuen Konservativen ist das obskurer, man könnte auch sagen: schizophrener. Der neue Konservativismus ist eine Reaktionsbildung auf Basis der Akzeptanz der liberalen Moderne und des freien, marktwirtschaftlichen kapitalistischen Systems. Die Neukonservativen sind glühende Anhänger des liberalen kapitalistischen Systems, wissen aber, dass dieses eine hedonistische Konsumkultur hervorbringt, oder, um das in ihren Worten zu sagen, den Nihilismus. Und für den liberalen Kapitalismus besteht darin nicht einmal ein Problem: „Er sieht im Nihilismus keinen Feind, sondern nur eine neue glänzende Geschäftsmöglichkeit“, empört sich Irving Kristol[xxxvi]. Die globale Turboökonomie, die keinen Stein auf dem anderen lässt, hat für die modernen Gesellschaften zersetzende Wirkung. Gegen die ökonomische Dynamik wollen sich die Neukonservativen als überzeugte Marktwirtschaftler nicht stellen. Im Gegenteil: Sie sind ja gegen alle Regularien, die die freie Marktwirtschaft ein bisschen in geordnete Bahnen lenken würden, etwa in Richtung eines ethischen Wirtschaftens oder eines schonenden Umgangs mit Ressourcen. Also müssen die Werte ran. Mehr denn je, ist man versucht zu sagen: Je radikaler die alles revolutionierenden Tendenzen des globalen Turbokapitalismus, umso notwendiger ist es, die Gesellschaften mit verbindlichen Werten zusammenzuhalten. Es geht den Konservativen nämlich, wenn sie von „Werten“ reden, keineswegs um diese oder jene Moralvorstellungen, die die einzelnen Menschen aus Überzeugung haben, sondern eher um eine gesellschaftlich verbindliche Moral, eine allgemeine Sittlichkeit. Am besten stellt man sich, um einen Begriff dessen zu erhalten, was die neuen Konservativen unter „Werten“ verstehen, weniger positive Überzeugungen vor, sondern eher einen Kodex, an den „man“ sich halten muss – also so etwas wie ein Regelwerk, oder anders gesagt: eine Sammlung von Verboten. Letztendlich ist den neuen Konservativen sogar bis zu einem gewissen Grad egal, um welche Werte es sich dabei handelt: Hauptsache, sie funktionieren in Hinblick auf die Stabilisierung der Gesellschaft. Und dies schaffen vor allem Wertegemeinschaften, die traditionell von möglichst vielen Menschen geteilt werden. Ihre gesamte Anstrengung zielt auf die Frage ab, wie „die Ausbreitung einer postmaterialistischen, letztlich hedonistischen Alltagsethik eingedämmt und durch neue traditionelle Wertorientierungen ersetzt werden kann“ (Helmut Dubiel)[xxxvii]. Dabei setzten sie in den USA vor allem auf fundamentalistische und charismatische protestantische Gemeinden, was umso paradoxer ist, als es sich bei vielen neokonservativen Intellektuellen um säkulare, bei einer signifikanten Minderheit auch um jüdische Denker handelte. Aber ihr Streben nach einer neuen religiösen Fundierung der öffentlichen Moral bedeutet ja keineswegs, dass sie selbst diesen religiösen Glaubenssätzen anhängen müssten. Es geht ja nicht um eine konservative, tugendhafte, weise Elite, sondern um das einfache Volk, das nur über ein Set gesellschaftlich anerkannter Normen zur Tugendhaftigkeit gelangen kann. Das einfache Volk kann nicht selbst denkend eine Moral ausprägen, sondern nur indem es sich an eine traditionelle Moral hält. Erst unlängst hat das Irving Kristol in aller Offenheit gesagt: „Der stetige Niedergang unserer demokratischen Kultur, dieses Absinken zu immer neuen Niederungen der Vulgarität, hat die Neokonservativen mit traditionellen Konservativen verbunden. Das Resultat ist eine durchaus überraschende Allianz von Neokonservativen, zu denen eine große Zahl säkularer Intellektueller zählt, und religiösen Traditionalisten.“[xxxviii] Auch in Europa kann man das mittlerweile häufiger beobachten: Dass Menschen der vielbeschworenen „Renaissance der Religionen“ applaudieren, obwohl sie selbst keineswegs gläubig sind – weil sie glauben, dass nur die christliche Glaubensgemeinschaft die Gesellschaften zusammen halten kann.

 

Dass die Konservativen trotz ihres zynischen Verhältnisses zur Moral und trotz der oft menschenfeindlichen Haltungen, die sie schnurstracks aus ihrer „Moral“ ableiten, als die „werteorientierte“ Kraft gelten, hat mit einem grandiosen Missverständnis zu tun: damit nämlich, dass „Werte“ nahezu automatisch mit konservativen Werten gleichgesetzt werden. Ihre Werte nennt man dann gerne die „wahren Werte“ – womit offenbar eine Opposition zu „falschen Werten“ gemeint ist, den Werten der Moderne, zu liberalen und demokratischen Werten. Dass die Konservativen ihre „Werte“ nicht so genau nehmen, wird dann auch noch zu ihren Gunsten ausgelegt, als Realismus nämlich. So kann der Konservativismus einerseits die Gottesebenbildlichkeit des Menschen postulieren, muss die Sache aber nicht allzu eng sehen – im Ernstfall ist auch nicht ausgeschlossen, dieses Ebenbild Gottes auf die Folterbank zu spannen. Die Werte leisten dem Konservativismus gerade deshalb so gute Dienste, weil sie elastisch sind wie ein guter Hosenträger. Dennoch ist die Identifikation von Werten und Konservativismus im allgemeinen Sprachgebrauch so stark, dass, wer von Werten spricht, meist auch automatisch konservative Werte meint. Aber nicht nur deshalb haben Progressive eine instinktive Abneigung gegen „Wertediskurse“: Weil traditionell die Rede von „Werten“ den Hautgout des Pfäffischen hat, wollen Progressive mit Werteorientierung nichts zu tun haben; weil allein moralische Beweggründe mit einem gewissen Recht als intellektuell fragwürdig gelten, gelten sie als eine Sache, die vor allem für schlichte Charaktere geschaffen ist. Weil Moralismus einfach uncool ist, wollen aufgeweckte Zeitgenossen mit Ethik-Kitsch nicht behelligt werden. Und vor allem: Das Wertegerede insinuiert ja stets, dass man eine „schlechte“ (eine ungerechte, eine gewalttätige usw.) Welt, verbessern könnte, indem man die Menschen moralisch schulmeistert, wohingegen es nicht so wichtig sei, die strukturellen Ungerechtigkeiten in der Welt zu kurieren. Die Linken wollen nicht die Menschen verbessern, sondern die Verhältnisse. Oder besser: Sie glauben, dass man es den Menschen nicht leicht macht, „gut“ zu sein, wenn man schlechte Verhältnisse toleriert. Aus all diesen Gründen würden Progressive ihre Überzeugungen nicht gerne als „werteorientiert“ bezeichnen.

 

Dabei ist natürlich die Linke in Wahrheit jene Kraft, deren Politik, deren Set an Überzeugungen auf Werten basiert. Mit dem Slogan „Das Private ist politisch“ wurde sogar der Alltag in einem Maße moralisiert, das auf Seiten der Rechten undenkbar wäre. Während konservative Werteschwadroneure auf ausgedehnten Vortragsreisen vom Glück der Vierkinderfamilie singen, indes die Gattin sich um die Erziehung der kleinen Plagegeister kümmert, während konservative Kampfpublizistinnen verkünden, Frauen sollten nicht arbeiten, damit die Kinder „das Beste“ von der Mutter bekämen (ihre eigenen Kinder haben es noch besser, sie bekommen von Mama das Beste und noch von der Kinderfrau dazu), ist auf Seiten der Progressiven jeder Widerspruch zwischen den eigenen Überzeugungen und der Alltagsmoral ein Thema. Und die Linken hängen dem Gleichheitsideal nicht nur deshalb an, weil sie der Überzeugung sind, dass es der allgemeinen Entwicklung dienlich ist, also, weil mehr Egalitarismus nützlich ist. Für sie ist dieses Ideal ein Wert, der sie leitet – davon ausführlich später. Sie sind der Überzeugung, dass jeder aufgrund der Würde, die ihm als Mensch zusteht, einen Anspruch auf respektvolle Behandlung hat und dies selbst für Asylbewerber, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Obdachlose, ja auch für Frauen und Kinder gilt. Sogar für Alleinerzieher und ihre Babys.

 

„Es ist in Wahrheit die Linke, deren Politik auf Werten basiert“, urteilt der US-Sozialphilosoph Michael Walzer.



[i] Norbert Bolz: Der Held der Familie. München, 2006 Seite 49

[ii] Bolz, Seite 84

[iii] Bolz, Seite 84

[iv] Bolz, Seite 31

[v] Udo di Fabio, Die Kultur der Freiheit. München 2005, Seite 33

[vi] Di Fabio, Seite 9

[vii] Di Fabio, Seite 42

[viii] Tod Lindberg: Von der Realität überfallen. Was wollen die Neokonservativen? In: Merkur, 677/678, September/Oktober 2005. S. 845

[ix] Ted Honderich: Das Elend des Konservativismus. Hamburg 1994, Seite 33

[x] Honderich, Seite 44

[xi] Helmut Dubiel: Was ist Neokonservativismus? Frankfurt/M. 1985, Seite 12

[xii] Dubiel, Seite 131

[xiii] Irving Kristol: Neoconservativism. The Autobiography of an Idea. 1995.  Seite 131

[xiv] Kristol Seite 103

[xv] Dubiel, Seite 38

[xvi] Kristol, Seite 103

[xvii] Dubiel, Seite 34

[xviii] Allan Bloom: Der Niedergang des amerikanischen Geistes. Hamburg 1988, Seite 27

[xix] Bloom, Seite 80

[xx] Bloom, Seite 179f.

[xxi] Robert Locke: Leo Strauss, Conservative Mastermind. Frontpage, May 31, 2002

[xxii] Leo Strauss: Tatsachen und Werte. http://euro.mein-serva.de/mauthner2004/mauthner/tex/strauss.html

[xxiii] Zitiert nach: Bret Stephens: Hands up, Straussians! In: Jerusalem Post, June 4, 2003

[xxiv] Kristol, Seite 68

[xxv] Kristol, Seite 46

[xxvi] Kristol, Seite 49

[xxvii] Kristol, Seite 49

[xxviii] Kristol, Seite 49

[xxix] Honderich, Seite 51

[xxx] Bolz, Seite 35f.

[xxxi] Bolz, Seite 35f.

[xxxii] Albrecht O. Hirschmann: Denken gegen die Zukunft. Die Rhetorik der Reaktion. Frankfurt/M. 1995, Seite 21

[xxxiii] Hirschmann, Seite 37

[xxxiv] Hirschmann, Seite 48f.

[xxxv] Bloom, Seite 152

[xxxvi] Kristol, Seite 101

[xxxvii] Dubiel Seite 34

[xxxviii] Irving Kristol: The Neoconservative Persuasion. Weekly Standard, August 25, 2003

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2 Gedanken zu „Jetzt erschienen: „Politik der Paranoia – Gegen die neuen Konservativen““

  1. Wann hat jemals ein Mensch einen anderen unter den sehr spezifischen Bedingungen beobachtet, die in jedem einzelnen Fall, da davon gesprochen wird, implizit, und das heißt hier nicht explizierbar, mitgemeint sind, unter denen der Mensch „von Natur aus“ sein Sein bestritte? Hat Hobbes, hat Rousseau, hat Leo Strauss? Es lässt sich einwenden, dass der Satz „Der Mensch ist „von Natur aus“ böse“ nicht als semi-empirischer, lediglich als normativer zu verstehen sei. Dann kann sich der Äußernde (w/m) auf die Position zurückziehen, dass ihm zugestanden werden müsse, seiner gesellschaftlichen Analyse, resp. Theoriebildung einen solchen Satz über eine empirisch unentscheidbare Frage sozusagen als axiomatische Annahme zu Grunde zu legen. An dieser Stelle ist das argumentative Schauspiel aber nicht an ein Ende gelangt, sondern vertagt worden: der Proponent des obigen Satzes hat nunmehr die Aufgabe, dessen Implikationen im Rahmen der zu entwerfenden Theorie, hier Gesellschaftstheorie, zu eruieren und zu untersuchen. Die Weigerung, sich gerade dieser Herausforderung zu stellen, nährt und „rechtfertigt“ Sarkasmus der Art wie er in dem sehr gelungenen Satz über die Folter des Gottesebenbildlichen zum Ausdruck kommt. Wie dem auch sei, jeder tatsächlich durchgeführte Versuch, die zwei Enden Axiome einer Theorie und Protokollsätze über die durch deren Brille wahrgenommene Praxis zusammenzubringen verdient Aufmerksamkeit. Im besonderen wenn es sich um eine Theorie und Praxis handelt, die logisch-inhaltlich gar nicht widerspruchsfrei, lediglich hermeneutisch so erklärt werden kann. In jedem Fall bleibt das Erscheinen des Buches im Jänner abzuwarten – möchte man meinen.

  2. Die Covergestaltung erinnert mich stark an „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk.
    Das war aber sicher nur Zufall 😉
    Freue mich schon auf das Buch!

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