Der Tapfere

Historiker, Großintellektueller, streitbarer Geist: Über
Tony Judt, der in New York nun der Horror-Krankheit ALS erlag. profil, 16. August 2010


Mit „Night“, „Nacht“, hatte er einen Essay überschrieben, erschienen ist er vor ein paar Monaten im „New York Review of Books“. Die Nacht hatte sich innerhalb kurzer Zeit über Tony Judt gesenkt. Erst 2008 wurde bei dem Historiker und streitbaren Intellektuellen ALS diagnostiziert, eine besonders heimtückische Krankheit des Nervensystems. Bald war er völlig bewegungsunfähig. Aufrecht an den Rollstuhl gefesselt, musste er künstlich beatmet werden. Dennoch arbeitete er wie besessen weiter. Diktierte Essay um Essay, ein Buch, das so etwas wie ein intellektuelles Vermächtnis werden sollte: „Ill Fares The Land“, fast eine Jeremiade, deren Grundton lautete: Was haben wir aus unserer Welt gemacht?
„Hier liege ich. Gefesselt, halb blind, bewegungslos wie eine moderne Mumie, einsam in dem Gefängnis, zu dem sich mein Körper verwandelt hat“, schrieb er über seine Krankheit, die er mit doppelter Tapferkeit ertrug und minuziös beschrieb. „Eingekerkert ohne jede Chance auf Begnadigung.“
Vorvergangene Woche starb Tony Judt, 62, in Manhattan.
Vor gerade einmal drei Jahren war er zuletzt in Wien, um für sein Buch „Postwar“, das die Nachkriegsgeschichte Europas behandelt, den „Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch“ entgegenzunehmen. Er kam mich vorher besuchen, ich hatte zugesagt, während der Weihestunde auf seinen zehnjährigen Sohn aufzupassen. Der drahtige, athletische Mann huschte von Zimmer zu Zimmer, immer in Bewegung. Er verkörperte da gewissermaßen noch seine geistige Regsamkeit: stets bereit, ein gutes Argument mit einem besseren zu kontern.
Er verkörperte eine eigentümliche Art von Intellektuellem: britisch, sehr europäisch, aber auch sehr amerikanisch. In Großbritannien war er geboren worden und aufgewachsen, in Frankreich hatte er studiert, in New York jahrzehntelang unterrichtet. Er war zugleich einer der besten Kenner der französischen Intellektuellenszene und konnte auch tiefgehende Analysen italienischer Schriftsteller abliefern. Er war ein Generalist, aber einer, der die Details ernst nahm. Wien war er übrigens nicht nur als gelegentlicher Reisender verbunden: Wesentliche Vorarbeiten zu seiner epochalen Nachkriegsstudie entstanden im Rahmen eines Projektes am Wiener „Institut für die Wissenschaften vom Menschen“.
Als Historiker von Weltformat war er unbestritten, aber er zählte auch zur heute nicht mehr gar so häufigen Spezies des „öffentlichen Intellektuellen“, die Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Da brachte er es schon mal in die Schlagzeilen: etwa mit seiner harten Kritik an der Bush-Regierung, noch mehr mit seiner kritischen Haltung Israel gegenüber. Er stammte aus kleinen jüdischen Verhältnissen und war als junger Mann glühender Anhänger sozialistischer Zionisten. Er ging nach Israel, lebte im Kibbuz und nahm 1967 am Sechs-Tage-Krieg teil. Die Erfahrung des Triumphalismus, der auf den Sieg folgte und der späteren Besatzungspolitik erschütterte seine pro-zionistische Haltung massiv. Er wurde einer der härtesten Kritiker der israelischen Politik. Als er einen Vortrag über „Die Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik“ halten wollte, erzwang eine dieser Lobby-Organisationen drei Stunden vor Beginn die Absetzung der Lecture. Israel ist nicht geholfen, „wenn wir ein künstliches Schweigen erzwingen“, sagte er damals in einem profil-Interview. Er war dafür hasserfüllten Angriffen ausgesetzt.
Letztlich ging es Judt, der sich als „universalistischer Sozialdemokrat“ bezeichnete, primär aber um eines: darum, dass gerechte Gesellschaften, die auch den einfachen Leuten ein sicheres Auskommen garantieren, die erfolgreichsten Gesellschaften sind – sozial und ökonomisch. Dies war schon die These seiner „Nachkriegs“-Studie, und mit viel Verve und dem drängenden Gestus, der jenen eigen ist, deren Zeit mehr als bei anderen drängt, verfocht er sie noch einmal mit seinem Großessay „Ill Fares The Land“. Die wachsende Ungleichheit der vergangenen Jahrzehnte „lässt Gesellschaften von innen verrotten“; wir haben, so beklagte er, einen Klepto-Kapitalismus entstehen lassen, in dem „die Selbstsucht sogar für die Selbstsüchtigen unbequem“ wurde. Fast mit Abscheu beschrieb er die Kleinlichkeit, Kleingeistigkeit und Feigheit heutiger progressiver und sozialdemokratischer Politik.
Die Debatte, die Tony Judt damit anstieß, ist eben erst eröffnet. Ein Jammer, dass er sich daran nicht mehr beteiligen kann.

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