Aus Erfahrung klüger

Renegatentum, mal anders rum: Ein Thatcher-Fan und ein FAZ-Herausgeber bekennen, sie beginnen „zu glauben, dass die Linke recht hat“. Und zwar ganz ohne Ideologie, dafür mit viel Realitätssinn. Der Standard, 18. August und taz, 20. August 2011
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Es gibt so Texte, die einschlagen. Die Kolumne, die Charles Moore vor ein paar Wochen im britischen „Daily Telegraph“ schrieb, war so ein Text dieser Art. „Ich beginne zu denken, dass die Linke recht hat“, schrieb Moore. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil Moore seit Jahrzehnten eine Zentralfigur des britischen Konservativismus ist, Reagan- und Thatcher-Anhänger der ersten Stunde. Moore ist auch der offizielle Biograph der erzkonservativen Eisernen Lady Margaret Thatcher. 
Jetzt hat Frank Schirrmacher, der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in der Sonntags-FAZ nachgelegt. In enger Anlehnung an Moore überschrieb er seinen Essay: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“. Und dann legt er los: Das politische System diene nur den Reichen. Werte wie Autonomie, Freiheit, freie Marktwirtschaft, Individualismus, die von Bürgerlichen immer hochgehalten wurden, aber auch Catch-Phrasen wie „Globalisierung“, seien von den Neoliberalen gekapert worden. Nichts von dem, was sie versprachen, sei gehalten worden, das alleinige Resultat sei vielmehr, dass sich ein paar Wenige allen Reichtum unter den Nagel reißen konnten, während sie sich, wenn sie dann einmal Pech haben, wie die Banken ihre Verluste vom Staat sozialisieren lassen. Und all das linke Anprangertum, das habe doch jahrelang so altväterisch ausgesehen, aber plötzlich zeige sich: die haben recht gehabt. 
Der FAZ-Herausgeber referiert all das, er hangelt sich in ganzen Absätzen entlang der Philippika von Moore, man weiß streckenweise nicht, wo Moore aufhört und Schirrmacher anfängt, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er all das teilt. Er und immer mehr im bürgerlichen Lager, so Schirrmacher, müssen zugeben, dass sie sich längst schon fragen, „ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang“. Anders gesagt: Alles, was man bisher dachte, beginnt zu wanken. 
Gewiss, wenn jemand wie, sagen wir, Jean Ziegler oder Sarah Wagenknecht vom Skandalon schriebe, „dass die Reichen immer reicher werden“, dann hielte sich der News-Wert in Grenzen. Erstaunlich sind die Sätze, weil sie von einflussreichen konservativen Autoren kommen. Und weil sie nicht einfach sagen: Unsere Leute haben in dieser oder jener Frage unrecht. Sondern weil sie klipp und klar sagen: Wir müssen einsehen, die anderen haben recht. Solche Texte kommen einem Seitenwechsel gleich. 
Wenn wir in einem Akt hermeneutischer Lektüre versuchen wollen, zu verstehen, warum diese Autoren gerade jetzt diesen Seitenwechsel annoncieren, dann liegt zunächst einmal der Schluss nahe: Sie sind wohl zunächst und primär erschüttert vom Zustand des Konservativismus. Der Mainstream-Konservativismus, wie Schirrmacher in beschreibt, hat sich praktisch zum bloßen Erfüllungsgehilfen von Plünderern gemacht und ist intellektuell vollkommen ausgedünnt. Er hält das System einfach weiter am Laufen, das die Fat Cats bevorzugt, aktionistisch, von Rettungsprogramm zu Rettungsprogramm. Dieses Vakuum wird aber nicht von einem klugen, vernünftigen Konservativismus gefüllt, sondern von einem Irren und Wirklichkeitsfremden. Von einem, der mit dem rechten Populismus flirtet. Oder gar von einem radikalen Konservativismus nach Tea-Party-Modus, der alle Vernunft, ja, insbesondere auch ökonomische Vernunft fahren lässt. Von einem verantwortungslosen Konservativismus, der bereit ist, ganze Volkswirtschaften zu verheeren und ganze Nationen pleite gehen zu lassen, nur weil das seinen ideologischen Verbohrtheiten entspricht. 
Das gilt nicht nur für Amerika, wo gerade der ultrakonservativen Michele Bachmann die Herzen des rechten Lagers zufliegen. In Europa ist es kaum besser: Da hat gerade Tory-Premier Cameron seine Sicht der Jugendkrawalle dargelegt, nämlich dass es den Armen an „Moral und Disziplin“ fehle, und in Deutschland will die FDP ihrem Klientel immer noch Steuererleichterungen zuschanzen, trotz klammer Kassen; und ansonsten liebäugelt man mit meinem „Kein-Geld-für-Pleitegriechen“-Populismus.
Was soll da ein Bürgerlicher da tun, der Intelligenz und Realitätssinn genug hat, um zu wissen, dass es, beispielsweise, keine gute Strategie ist, die Staatsschulden zu reduzieren, indem man das Nationaleinkommen vermindert, wie das all die Sparprogramme tun, die jetzt aufgelegt werden? Der, exakt gesagt, weiß, dass das sogar eine saudumme Strategie ist? Oder der ahnt, dass das frivole Anwachsen der Ungleichheiten Gesellschaften nicht „leistungsfähiger“ macht, wie das unsere Propagandisten von „Leistung muss sich lohnen“ immer behauptet haben, sondern von innen heraus verrotten lässt? 
Der muss dann feststellen, dass all das, was bisher als Common Sense im seinem Milieu galt, gar nicht wahr ist: beispielsweise, dass im bürgerlichen Lager die „ökonomische Vernunft“ und „fiskalische Verantwortlichkeit“ daheim ist. Denn er muss auch feststellen, dass ein interventionistischer Wohlfahrtsstaat, der materielle Ungleichheiten mäßigt und Lebenschancen gerecht verteilt, der dafür sorgt, dass alle aus ihrem Leben und ihren Talenten etwas machen können, nicht nur unter Gerechtigkeitsaspekten von Vorteil ist, sondern dass er auch ökonomisch einem „The-Winner-Takes-It-All“-Kapitalismus überlegen ist. Und er wird auch erkennen, dass der Kapitalismus drauf und dran ist, sich selbst zu zerstören, wenn man ihm nicht klare Regeln setzt und so organisiert, dass er allen Bürgern ein Leben in Wohlstand garantiert. Kurzum, er muss feststellen, dass all das richtig ist, was heute im Grunde nur mehr von jenen gemäßigten Linken vertreten wird, die den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern die Marktwirtschaft erst funktionsfähig machen wollen. 
Interessant wird sein, wie weit die „Neo-Renegaten“ mit ihrem Kurswechsel gehen. Denn ihre Einsichten sind mit Restbeständen sogenannter „bürgerlicher“ Überzeugungen letztendlich nicht vereinbar. Die irregewordenen Finanzmärkte anzuprangern, ist billig. Aber werden sie am Ende soweit gehen, einzusehen, dass nur massive Umverteilung die sozialen Pathologien verringern kann, die Marktergebnisse produzieren? Sind sie, beispielsweise, nur für weniger Ungleichheit, oder auch für ein egalitäres Schulsystem? Sind sie gegen die „Rettungsprogramme“ für die Reichen, weil sie ihre liberalen Auffassungen von Gewinn, Verlust und Risiko widersprechen, oder sehen sie, dass diese Auffassungen selbst in einer komplexen globalen Ökonomie renoviert gehören, und das Gewicht des Staates wieder zuungunsten der Märkte erhöht werden muss? Kurzum: Ein Bürgerlicher, der sagt, „ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, der wird vielleicht nicht gleich zum „Neo-Linken“, sondern ist zunächst einmal ein Konservativer, der von der Realität überfallen wurde. 
Dennoch kann man die Bedeutung eines solchen, demonstrativen Aktes kaum überschätzen. Denn er zieht eine Grenze zu den Phantasten und verantwortungslosen Ideologien in seinem Milieu. Das ist gewiss keine Kleinigkeit im Für und Wider der Ideen. 
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