Brennt unser Haus ab? Wie die Europäische Union zum Zentrum der Krise geworden ist.

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Morgen, Mittwoch, 10. Oktober ist der vierte Abend meiner Vortragsreihe „Erklär mir die Finanzkrise“ an der VHS-Ottakring. Diesmal lautet das Thema: „Mehr Markt wird’s richten“ – Rechte Mythen über die Krise. Wie immer um 19 Uhr im wunderbaren Weinberger-Saal der VHS-Ottakring. Alles weitere finden Sie hier. In der Folge können Sie das streckenweise recht rohe Manuskript des zweiten Vortrages lesen. Der Eröffnungsvortrag „Ein Crash mit Anlauf. Wie eine falsche Wirtschaftsideologie die Marktwirtschaft ins Desaster stürzte“ können sie hier nachlesen oder hier auf Video nachgucken. 
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, 
ich habe in der vergangenen Woche zu zeigen versucht, wie eine falsche Wirtschaftsideologie die Welt in eine Krise gestürzt hat. 
Wir haben gesehen, wie verschiedene Sektoren der Ökonomie funktionieren. Dass Marktkräfte auf Gütermärkten tatsächlich oft vorteilhafte Resultate zeitigen, dass sie dazu beitragen, dass wir gute und besser Güter haben, dass Ressourcen effizient eingesetzt werden, dass Kapital und Arbeit effizient eingesetzt werden und die Konsumenten jene Güter zur Auswahl haben, die sie auch wirklich wünschen und benötigen. 
Natürlich kann man immer fragen, ob das die Güter sind, die die Welt braucht, und ob die Konsumenten immer die Herren ihrer Wünsche sind, und welche Rolle da die Werbung spielt, aber da kommen wir schon auf ein Terrain, das viel mit Ethik zu tun hat, auch mit moralischen Fragen, und wir bewegen uns vom eigentlichen Feld der Ökonomie weg. 
Wir haben aber auch gesehen, dass es nachteilige Folgen hat – und zwar: ökonomisch nachteilige Folgen – wenn man Marktkräfte auf anderen Märkten wirken lässt. Etwa auf den Arbeitsmärkten, da führen Deregulierung und Flexibilisierung zum Wachstum von Niedriglohnsektoren, zu höherer Arbeitslosigkeit, zu einem Wachstum von Ungleichheit, damit auch dazu, dass die Konsumnachfrage schwächelt und eine Volkswirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt. 

Und lassen Sie mich das hier einmal deutlich sagen: Was heißt dass denn, dass eine Volkswirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt? Das heißt, dass weniger Wohlstand und Reichtum produziert wird, als möglich wäre. Reichtum, gemessen im Output an Gütern und Dienstleistungen, normalerweise erfasst im berühmten BIP, dem Bruttonationalprodukt. Und natürlich ist das nur eine statistische Größe, und es ist eine sehr ungenaue Größe, wenn wir damit das „Glück“, das „Wohlbefinden“, den materiellen und immateriellen „Reichtum“ einer Gesellschaft messen wollen. Es misst, was in einer Volkswirtschaft produziert wird und verkauft wird und misst damit auch, was die Bürger in einer Volkswirtschaft an Einkommen haben. 
-> Öko / Wachstum / Verteilung der Einkommen
Und wenn es auch eine unpräzise statistische Größe ist, ist es doch keine sinnlose Größe. Wenn das Einkommen der Bürger kontinuierlich wächst, wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, und die materielle Bedrängnis der Bürger sinkt, dann wird es den Bürgern besser gehen. Wenn das Einkommen langsam wächst und sogar sinkt, dann wird es den Bürgern ganz schlecht gehen – sie werden die Dinge, die sie sich wünschen, nicht mehr kaufen können, sie werden vielleicht ihre Miete nicht mehr bezahlen können, sie werden sich bedrängt und unsicher fühlen, ja, womöglich wird sogar die nackte Angst in ihr Leben Einzug halten. 
Und nur deshalb interessiert es uns doch, wie die Wirtschaft funktioniert, und dass sie vielleicht optimaler funktioniert: Weil wir wollen sollen, dass die Bürger, die Menschen, möglichst alle auf der Welt, aber weil wir auf die ganze Welt vielleicht weniger Einfluss haben, zunächst mal die Bürger unseres Landes oder Europas, worauf wir schon mehr Einfluss haben, weil wir also wollen sollen, dass die ein gutes Leben führen, ohne Bedrängnis, zufrieden, vielleicht sogar mit so etwas wie Glück. 
Und diesen Orientierungspunkt, wenn Sie so wollen, diese Vision, sollen wir nicht aus den Augen verlieren bei allen technisch kniffligen Fragen: Wirtschaftspolitik soll eine ideologische Vision haben. Sie soll inspiriert von den Idealen einer guten Gesellschaft sein. Gut ist das, was funktionstüchtig ist und dazu beiträgt, dass so viele Menschen wie möglich ein gutes Leben führen können. 
Ich wollte das hier nur einmal explizit festgestellt haben, damit wir das nicht aus den Augen verlieren. 
Denn die Menschen sind nicht für die Wirtschaft da, die Wirtschaft sollte für die Menschen da sein.
Und wenn ich gezeigt habe, dass auf manchen Märkten, wenn man die Marktkräfte befreit, das eben keine vorteilhaften Auswirkungen hat, dann betrifft das vor allem die organisierten Kapitalmärkte. Weil eben, wie ich vergangene Woche ausgeführt habe, hier völlig andere Dynamiken herrschen wie auf Gütermärkten. 
Lassen Sie mich noch einmal in anderen Worten zusammenfassen, was ich hier gezeigt habe: 
Während auf Gütermärkten eine wachsende Nachfrage für ein Gut zu steigenden Preisen und damit wiederum zu einer Drosselung der Nachfrage führt und auch zu einer Verknappung von Ressourcen und all den anderen wichtigen Prozessen, ist das auf Kapitalmärkten nicht der Fall. 
Warum? Wenn ein Finanzinstrument im Wert steigt, also, simpel gesagt, wenn es teurer wird, wollen es nicht weniger Leute haben, sondern mehr Leute wollen es haben. Es kaufen noch mehr Leute und es steigt noch weiter in seinem Wert. 
Finanzinstitutionen wie Banken, die solche Finanzinstrumente in ihren Büchern haben, die haben dann einen Anstieg der Vermögenswerte auf der Vermögensseite ihrer Bilanz. 
Das gibt ihnen natürlich die erweiterte Möglichkeit, Kredite zu vergeben, oder Verbindlichkeiten einzugehen, sich selbst auf der anderen Seite wieder zu verschulden. Denn den Verbindlichkeiten stehen ja gewachsene Vermögenswerte gegenüber. Und diese Vermögenswerte sind ja nicht nur Buchvermögen, sondern sie werfen ja auch Einnahmen ab. Zinsgewinne. Oder was auch immer. 
Man muss da die Dinge ja immer fein auseinanderhalten. Ich kann Vermögen haben. Und gleichzeitig wirft dieses Vermögen Einnahmen ab. Beispielsweise, ich habe ein Haus, das ist 1 Million Euro wert. Von diesem Wert hab ich ja aber nichts, solange ich es nicht verkaufe. Wovon ich aber etwas habe, nämlich Einkommen, ist, wenn ich es vermiete. Oder von Aktien habe ich Dividenden. 
So, also diese Finanzmarktakteure haben Vermögen, und sie haben Einkommen aus diesen Vermögen, und sie haben gleichzeitig auch Schulden. Kein Problem, denken Sie sich, da sie ja hoffentlich den Schuldendienst für diese Schulden – also Zinszahlungen und die Schuldentilgung – aus den laufenden Einnahmen, dem Cash-Flow bestreiten können. 
Was habe ich jetzt also gezeigt? Ich habe beschrieben, dass ein Finanzinstrument im Wert steigt, und es dann immer mehr Leute haben wollen, sodass es noch mehr im Wert steigt, und dass das wiederum den Finanzmarktakteuren – Banken etc. – die Möglichkeit gibt, neue Finanzinstrumente zu entwickeln, Geld zu schöpfen, etc. 
Jetzt ist es in der Realität natürlich so, dass nicht nur ein Finanzinstrument – also ein Wertpapier – im Wert steigt, sondern möglicherweise viele. Aktienkurse steigen, Immobilienzertifikate steigen, raffinierte strukturierte Wertpapiere werden auf den Markt geworfen und auch sie gehen weg wie die warmen Semmeln, Staatsanleihen oder auch Unternehmensanleihen werfen stetig schöne Renditen ab. So ist das in der Phase, die man gemeinhin einen Boom nennt. 
Und dann passiert aber etwas sehr Entscheidendes!
Finanzmarktakteure, die über einige Jahre die Erfahrung gemacht haben, dass man da wirklich schöne Renditen erzielen kann, werden sich ausrechnen, dass es eigentlich nicht sehr intelligent ist, hier nur Eigenkapital einzusetzen. Wenn sie selber Kredite aufnehmen, um damit Finanztitel zu kaufen, können die Renditen vielleicht noch erhöht werden. Ja, klar, dann müssen sie Zinsen für diese Kredite zahlen. Aber wenn die Zinsen für diese Kredite sehr viel niedriger sind als die zu erwartenden Renditen, dann ist das ja noch immer ein schönes Geschäft. Wenn ich mir eine Milliarde Euro leihen kann und dafür drei Prozent Zinsen zahle, aber neun Prozent Rendite erziele, na, das ist ja ein schöner Schnitt. Da kann ich ja viel reicher werden, als wenn ich nur meine 50 Millionen Eigenkapital einsetze. 
Wir sehen also, in einer Phase des Booms, der verallgemeinerten Zuversicht, verändern sich die Finanzierungsgewohnheiten der Finanzmarktakteure, vielleicht zunächst nur unmerklich, dann immer mehr. 
Und umgekehrt ist es so, wenn dann der Boom zu Ende geht und Finanztitel im Wert fallen, dann wollen sie plötzlich alle los werden – und gerade weil sie alle los werden wollen, fallen sie noch mehr im Wert. Aber, wenn sich die Finanzierungsweise in der Finanzbranche von „vorsichtig“ auf „risikoreich“ verändert hat, so wie ich das vorhin beschrieben habe, dann wollen die Finanzmarktakteure die Wertpapiere nicht nur los kriegen, sie müssen es sogar. Denn sie haben ja Verbindlichkeiten, die sie plötzlich nicht mehr bedienen können. 
Das heißt, die Veränderung der Finanzierungsgewohnheiten hat eine Ökonomie in Richtung „Instabilität“ verschoben. 
Aber lassen Sie mich noch einmal genauer betrachten, was da eigentlich passiert: Es versuchen plötzlich mehr Leute ein Finanzinstrument zu verkaufen – oder verschiedene Finanzinstrumente – und es gibt se
hr wenige Käufer am Markt. Das klingt jetzt simpel, ist aber eine dramatische Sache. Denn eigentlich betrachten Investoren ihre Wertpapiere ja als liquide Mittel, fast so, wie gehortetes Bargeld. Es erweist sich aber in diesem Moment, dass das gar keine liquiden Mittel sind, denn, wenn sie keinen Käufer finden, lassen sich die Vermögenstitel ja nicht verflüssigen. Diese Vermögenstitel sind dann salopp gesprochen NIX wert, oder, anders gesagt, ihr Marktwert lässt sich gar nicht feststellen, weil der Markt zusammen gebrochen ist. 
Und jetzt stellen Sie sich das einmal vor. Ich versuche das, einigermaßen bildlich darzustellen. Stellen Sie sich vor, sie haben ein Sparbuch mit 10.000 Euro drauf, und außerdem haben sie noch eine Stereoanlage, ein paar schöne Schuhe, und einen alten Teppich von der Oma. Und sie denken sich, möglicherweise habe ich einmal akuten Finanzbedarf. 
Natürlich können Sie sich ausrechnen, ja, wenn ich mal Kohle brauche, dann geh ich zum Flohmarkt und kann ja meine Stereoanlage und meine gebrauchten Schuhe und den Teppich verkaufen. Es wird ihnen aber immer klar sein, dass es durchaus möglich ist, dass niemand ihre Stereoanlage, ihre abgelatschten Treter und ihren wundgescheuerten Teppich haben will. Sie kommen gar nicht auf die Idee, das Zeug als liquide Mittel zu betrachten. Sie denken sich wohl eher so etwas wie: Wenn ichs loskrieg, schön, wenn nicht, Pech gehabt. 
Aber das Sparbuch mit 10.000, da gehen sie schon davon aus, dass sie jederzeit Geld abheben können. Das Sparbuch betrachten sie als liquides Mittel. 
Wenn aber jetzt ein Markt für Finanzinstrumente zusammen bricht, dann machen sie die Erfahrung, dass Vermögenswerte, die sie als liquide angesehen haben, plötzlich nicht mehr liquide sind. Das kann aber natürlich sehr leicht passieren. Wenn 1.000 Leute ein Wertpapier verkaufen wollen, und nur 900 wollen kaufen, dann ist es für 100 Leute illiquide. Die geraten in Panik, das spricht sich herum, es wollen dann gleich 10.000 weitere dieses Wertpapier verkaufen. 
Und wenn das in einem Umfeld passiert, in dem praktisch alle Finanzmarktakteure hohe Verbindlichkeiten haben, dann ist ein solches Finanzsystem praktisch in jedem Augenblick nur einen Wimpernschlag vom Zusammenbruch entfernt. 
Es sind diese fatalen systemischen Effekte, warum der große Ökonom John Maynard Keynes zur Auffassung gelangte, „dass man es nicht dem Markt überlassen könne, für eine florierende Wirtschaft zu sorgen“. Und weshalb der amerikanische Ökonom Hyman Minsky, einer der großen Nachfolger Keynes, in seiner lebenslangen Arbeit gezeigt hat, „dass die internen Mechanismen kapitalistischer Volkswirtschaften instabilitätsfördernde Finanzbeziehungen hervorrufen“, dass das Funktionieren von Finanzmärkten automatisch zu wachsender Instabilität beiträgt, sofern man sie nicht streng reguliert. Weshalb Minsky auch feststellte, dass der Marktmechanismus in manchen Details des wirtschaftlichen Lebens schon effizient ist, dass er aber in Finanzbereich katastrophale Auswirkungen hat. 
„Während wir die positiven Effekte freier Märkte bewundern sollen, müssen wir doch anerkennen, dass der Bereich effektiver und wünschenswerter freier Märkte begrenzt ist“.
Man muss das in seiner ganzen Tragweite erst einmal verstehen. Die neoklassischen oder neoliberalen Ökonomen sagen immer, dass Märkte „an sich“ oder „prinzipiell“ effizient funktionieren, und wenn etwas schief läuft, dann muss irgendein außergewöhnliches Ereignis dran schuld sein. Aber es braucht kein außergewöhnliches Ereignis, die Instabilität erwächst aus dem normalen Funktionieren von Finanzmärkten!
Ich habe Ihnen nun zwei Zitate gebracht, von Keynes und Minsky, und möchte hier kurz ein paar Worte sagen zum Stil dieser Vorträge. Ich zitiere hier so wenig wie möglich und ich bringe auch so wenig wie möglich Modelle und Kurven ins Spiel. Ich versuche ihnen die Forschungsergebnisse wichtiger Ökonomen, zu denen nicht nur Keynes und Minsky gehören, sondern Nobelpreisträger wie Paul Krugman und Joseph Stieglitz oder berühmte Ökonomen wie Nouriel Roubini und viele andere, hier in meinen eigenen Worten zu präsentieren. Und in der Literatur und der Fachwelt ist es ja üblich, dass man sich absichert mit „Zitaten“, so nach der Art: Seht her, nicht ich alleine behaupte das, sondern ich habe große Koryphäen auf meiner Seite. Ich spare mir das in diesen Vorträgen. Ich möchte, dass Sie die Dinge so gut wie möglich verstehen, auch wenn sie kompliziert sind, und dass Sie sie so verstehen, dass sie ein eigenes Verständnis dafür entwickeln – dann braucht es diese Rückversicherung auf die Koryphäen nicht. 
Aber lassen Sie mich noch zurückkommen auf die letzte Sache, über die ich hier gesprochen habe: 
Ich habe geschildert, was passiert, wenn mehr Leute ein Finanzinstrument verkaufen wollen als es Käufer gibt und der Markt dann eintrocknet. Ich habe beschrieben, dass das eigentlich jederzeit passieren kann und ein solches System dann möglicherweise stets nur einen Wimpernschlag vom Kollaps entfernt ist. 
Deshalb können Finanzmärkte gar nicht nach dem reinen Marktprinzip funktionieren und tun es auch nicht. 
In jedem Finanzsystem gibt es, muss es geben, Akteure, die man als Market Maker bezeichnet, die in genau so einem Fall einspringen. 
Die, wenn ein Finanztitel droht, illiquide zu werden, weil mehr verkaufen wollen, als Käufer am Markt sind, diese Finanztitel aufkaufen. 
Das kann in letzter Instanz die Zentralbank sein, die Geld aus dem Nichts schafft, – der Volksmund sagt dann: sie druckt Geld NATÜRLICH DRUCKT SIE NICHT – und diese Finanztitel aufkauft, damit sie nicht unter einen bestimmten Wert fallen, einen Wert, den die Zentralbank recht eigensinnig festlegt. Oder solche Market-Maker können auch große Banken sein, die, teils in Zusammenarbeit mit der Zentralbank, diese Rolle übernehmen – etwa, indem sie von der Zentralbank Zentralbankgeld erhalten und damit diese Aufkäufe durchführen. Das machen die natürlich in dem Fall nicht, weil sie so versessen darauf sind, diese Wertpapiere, die gerade in den Keller fallen, zu kaufen, sondern weil sie wissen, dass sie selbst Leidtragende wären, wenn der Markt zusammen bricht. Sie betreiben gewissermaßen Marktpflege, damit der weiter funktioniert, so wie der Förster sich um den Wald und dessen ökologisches Gleichgewicht kümmert. 
Natürlich nicht immer so selbstlos: Zinsdifferenz zwischen Zentralbankkrediten und Wertpapieren
Und damit nähere ich mich schon dem Thema meines heutigen Vortrags, aber in Wirklichkeit nähere ich mich schon die ganze Zeit diesem Thema: Der Krise des Euro. „Brennt unser Haus ab? Warum die Europäische Union zum Zentrum der Finanzkrise geworden ist“
Man sagt uns ja, dass die Krise der Europäischen Union eine Krise der Staatsschulden ist. 
Und dann sagt man uns noch, dass die Länder unsolide gewirtschaftet haben, und dass das der Hauptgrund für die Krise ist. 
Und tatsächlich sind ja viele Länder der Europäischen Union stark verschuldet und die Schulden sind seit Ausbruch der Finanzkrise noch dramatisch angewachsen. 
Nunja, aber die Schulden sind in allen Marktwirtschaften des Westens, die von der Finanzkrise wie von einem Hammer getroffen worden sind, sprunghaft angestiegen. 
Zunächst erlauben Sie mir ein paar Worte dazu, wie wir in unseren Statistiken Staatsschulden ausdrücken. 
Wir können natürlich den absoluten Wert angeben. 100 Milliard
en. Oder 1000 Milliarden. Aber das ist natürlich kein besonders aussagekräftiger Wert, wie sie leicht verstehen werden. Denn Sie haben vielleicht 30.000 Euro Schulden. Und sie haben vielleicht 50.000 Euro Schulden. Aber ob das viel ist oder wenig kann man ja erst beurteilen, wenn wir Ihr Einkommen kennen. Für den, der ein Jahreseinkommen von 20.000 Euro hat, ist ein Schuldenstand von 30.000 Euro hoch, für jemand, der ein Jahreseinkommen von 100.000 Euro hat, sind 50.000 Euro wenig. Also es ist ja immer entscheidend, wie hoch ihr Schuldenstand in Relation zu ihrem Einkommen ist. 
Deshalb ist die Zahl, in der wir die Staatsschulden am liebsten ausdrücken, der Schuldenstand in Relation zum BIP, zum Bruttoinlandsprodukt. 
Und da sehen wir natürlich zunächst, dass dieser Wert auf zwei Arten steigen kann. Er kann steigen, wenn die Schulden stärker wachsen als das BIP. Aber auch, wenn das BIP stärker sinkt, als die Schulden. Also auch, wenn die Schulden gar nicht steigen, das BIP aber sinkt, dann sagen wir, die Staatsschulden steigen, weil die Staatsschulden ausgedrückt als Prozent vom BIP, ausgedrückt als Relationswert, Schulden in Relation zum BIP, dann steigen. 
Und in einer so dramatischen Krise wie der, die wir im Jahr 2008 und folgenden erlebten, passiert also viererlei: 
Erstens, die Wirtschaft schlittert in eine Krise und der Staat hat weniger Steuereinnahmen, seine Ausgaben steigen aber automatisch, etwa für Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe, was auch immer. Das ist übrigens der größte Brocken vom Defizit. 
Zweitens, die Staaten mussten mit Milliardenhilfspaketen die Banken retten, auch dadurch stiegen die Staatsschulden. 
Drittens, die Staaten haben mit Konjunkturprogrammen die Realwirtschaft anzukurbeln versucht, auch das kostete Geld. 
Und viertens ist über mehrere Perioden die Wirtschaftsleistung sogar geschrumpft, dass heißt das BIP ist kleiner geworden, wodurch sich die Schulden, die natürlich auch ganz gehörig in absoluten Zahlen gestiegen sind, im relativen Verhältnis zum BIP noch mehr erhöht haben. 
Ist das verständlich? 
Das geschah in allen westlichen Industriestaaten. In den USA, in Großbritannien, in Japan, in Österreich, in Deutschland, in Spanien. Natürlich waren manche Länder stärker betroffen als andere. Alle Länder waren vom Einbruch der Realwirtschaft betroffen, aber Länder, die etwa eine Immobilienblase hatten, wie die USA oder Spanien, waren stärker betroffen. Deren Banken waren stärker betroffen. Aber der Unterschied ist ja gar nicht so groß, weil ja auch deutsche und österreichische Banken im spanischen oder amerikanischen Immobiliengeschäft involviert waren. Also alle waren betroffen, manche halt mehr, manche weniger. Man kann davon ausgehen, dass ein Land, das vor der Krise mit, sagen wir, 30 Prozent des BIP verschuldet war, nachher dann mit 50 Prozent verschuldet war, und ein Land, das 50 Prozent Schuldenstand hatte, hatte danach 70 Prozent, was vorher 60 Prozent hatte, hatte 80, was vorher 100 Prozent hatte, hatte 120. In einzelnen Ländern war der Anstieg steiler, vor allem dann, wenn die Finanzwirtschaft stärker in riskante Geschäfte involviert war, wie etwa Spanien oder Irland. Von Island ganz zu schweigen. 
So, und jetzt haben wir Länder mit einem Schuldenstand von (2011)
81 Prozent des BIP, wie Deutschland
120 Prozent Italien
68 Prozent Spanien
85 Prozent GB
110 Prozent USA
241 Prozent Japan
Und weil diese Länder so hohe Schulden haben, will ihnen niemand mehr Geld leihen, und deshalb steigen ihre Zinszahlungen, und dann können sie das Geld nie wieder zurück zahlen und gehen pleite. 
Aber halt. Stimmt das überhaupt? 
Wenn wir uns die Zahlen ansehen, dann sehen wir ganz erstaunliche Zusammenhänge, die sich am ersten Blick gar nicht erklären lassen. 
Etwa, dass es da Länder gibt, die zahlen heute historisch niedrige Zinsen für ihre Staatsanleihen. Gerade mal 1 Prozent, oder sogar 0 Prozent. Investoren leihen denen Geld für Niedrigstzinsen, und wenn man die Inflation berücksichtigt, sogar für Negativzinsen. Die sagen: Hey, wenn ihr mir Geld leiht, zahl ich Euch weniger zurück, als ihr mir geliehen habt, und denen wird trotzdem Geld geliehen. 
Das sind absurderweise jene Länder, die extrem hoch verschuldet sind: die USA, Japan, Großbritannien, und von der Euro-Zone sind da nur wenige Länder drin, Deutschland, auch Österreich. 
USA 0,62 % für 5jährige
Japan 0,2 %
Und dann gibt es Länder, die sind gar nicht so hoch verschuldet, wie Spanien, oder Länder, die ähnlich hoch verschuldet sind wie die USA, zum Beispiel Italien, die müssen Rekordzinsen zahlen, von 5, 6 Prozent. 
Spanien gerade noch 7 Prozent bei 10jährigen, jetzt bei 5,8
Und da fragt sich doch: Warum ist das so? Was läuft in der Eurozone speziell falsch, sodass die Eurozone zum Krisenherd der Welt geworden ist? 
Und da gibt es einen ganz einfachen Grund dafür. Also, es gibt natürlich mehrere Gründe, solche Dinge sind nie nur monokausal, also sie haben nie nur einen Grund, sondern eine Reihe von Effekten wirken hier aufeinander, ich werde zu den weiteren noch kommen, aber der erste und entscheidende Grund ist folgender: 
Wenn ein großes, bedeutendes Land sich verschuldet, dann verschuldet es sich meist in Eigenwährung. Also, wenn sich ein kleines Drittweltland wie Ecuador verschuldet, dann nicht, dann meist in Dollar oder so, oder Ecuador ist ein schlechtes Beispiel, weil dort der Dollar legale Währung ist, aber nehmen wir Argentinien. Verschuldet sich in Dollar, die Landeswährung ist Peso. 
Deshalb sind diese Länder so verwundbar. Aber ein Land wie die USA verschuldet sich in Dollar, ein Land wie Großbritannien in Pfund, ein Land wie Japan in Yen und so weiter. Hinzu kommt, dass sich große Länder auch noch manchmal in hohem Maße bei ihren eigenen Bürgern verschulden, was auch einen Unterschied macht. Aber das Wesentliche ist, dass sie das in Eigenwährung machen. 
Wie verschuldet sich ein Land? Es verkauft Staatsanleihen. Also, die USA, leihen sich, sagen wir, 1 Milliarde Euro auf 2, 5 oder 10 Jahre, dh. es kriegt 1 Milliarde von Anlegern, und die Anleger kriegen ein Papier, das ihnen versichert, dass sie nach zehn Jahren diese Milliarde zurück erhalten, und darüber hinaus kriegen sie jedes Jahr 1 Prozent Zinsen oder 2 oder was auch immer. 
Tatsächlich haben die Anleger natürlich keine vollkommene Garantie, dass sie ihr Geld zurück erhalten, – der Staat kann ja Pleite gehen, dh. die Bedienung seiner Zahlungsverpflichtungen einstellen – aber bei Ländern wie den USA, Japan und GB haben sie eine implizite Garantie. 
Denn sie wissen ja: Die Zentralbank ist dort der Herr über die Geldproduktion, und im Notfall druckt die Geld. Das heißt, sie wissen, sie kriegen ihr Geld in jedem Fall zurück, höchstens ein bisserl um Inflation entwertet, aber sie kriegen es zurück. Dass sie gar nichts zurückkriegen, weil ein Staatsbankrott eintritt, das kann eigentlich nicht passieren. Sie haben eine Garantie, dass sie es zurück kriegen. 
Etwas anderes ist das aber in Ländern, die sich in Fremdwährung verschulden. 
Und dann gibt es da noch so ein Zwitterwesen, das sind die Mitg
lieder der Eurozone, der Europäischen Union. 
Die verschulden sich natürlich auch in Eigenwährung, jedenfalls gefühlt: Der Euro ist ja ihre Währung, was soll denn sonst ihre Währung sein? 
Aber technisch gesehen ist es eine Fremdwährung. 
Weder hat die griechische, noch die spanische, noch die österreichische Regierung Zugriff auf die eigene Währung, das haben die nationalen Notenbanken nicht mehr, das hat die Europäische Zentralbank. Jetzt könnte die Europäische Zentralbank auch sagen: Wir garantieren, dass kein Eurozonenland pleite geht. So wie das die FED in den USA sagt, so wie das die britische Zentralbank sagt und die japanische — also, die sagen das nicht, sie müssen es gar nicht sagen. 
Das könnte die EZB natürlich auch klar machen, eine solche implizite Garantie abgeben. UND HAT JETZT Draghi: „Unbegrenzte Aufkäufe von Staatsanleihen“.  
Das tut sie aber nicht. Im Gegenteil, die EZB hat immer wieder klar gemacht, dass eine Vergemeinschaftung von Schulden nicht ihre Aufgabe ist. Dass angeschlagene Euro-Länder pleite gehen können. Und Europäische Regierungen vor allem haben das klar gemacht. Angela Merkel hat das im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen von den Tribünen runter gedonnert, dass mit deutschem Geld sicher nicht faule Griechen gerettet werden. 
Und damit hat sie an die Investoren ein Signal gesendet: Hey, wer griechische Staatsanleihen kauft, wer spanische kauft, wer italienische, überhaupt wer Eurozonen-Länder-Staatsanleihen kauft (es kann ja jedes Land treffen), der kann um sein Geld umfallen. Also, ein Finanzinstrument, das Anleger üblicherweise als sichere Anlage ansehen, wurde plötzlich zu einer unsicheren Anlage. 
Was haben die Investoren also gemacht, – was würden Sie tun, in so einem Fall -, na, sie haben ihr Geld aus griechischen Anleihen abgezogen, sie haben in jedem Fall keine neuen mehr gekauft, und die angeschlagenen Eurozonen-Länder mussten Horrorzinsen anbieten, damit ihnen überhaupt noch jemand Staatsanleihen abgekauft hat. Und stattdessen kaufen sie amerikanische, japanische, britische und deutsche Staatsanleihen. 
Und das war natürlich zu erwarten. Damit haben wichtige Spitzenpolitiker und EZB-Funktionäre in Europa die Eurozone in Brand gesetzt. Natürlich, die Staatsschulden in Spanien und Irland sind drückend, und in Griechenland war überhaupt alles ziemlich miserabel und nicht nachhaltig, aber dass daraus ein Flächenbrand werden konnte, der die Eurozone als ganzes in Frage stellt, das haben erst diese Signale bewirkt und die Verunsicherung der Investoren, die dadurch entstand, dass sie gesehen haben, die EZB wird nicht als „Market-Maker“, als Kreditgeber letzter Instanz agieren, wie das aber notwendig wäre auf entwickelten Finanzmärkten. 
Was ist dann passiert? Staatanleihen werden ja nicht nur versteigert bei der Ausgabe, es gibt für sie auch einen Sekundärmarkt. Sie können gehandelt werden. Also, wenn ich der Besitzer einer Staatsanleihe im Wert von 100 Millionen Euro bin, dann kann ich Ihnen die verkaufen. Wenn nichts Gröberes passiert ist, was die künftige Zahlungsfähigkeit des betreffenden Landes in Frage stellt, wird der Preis, den sie mir zu zahlen haben, vom Ausgabepreis nicht so stark abweichen. Sie müssen mir, simpel gesagt, auch 100 Millionen zahlen, bloß dass sie dann die Zinsen kassieren. 
Wenn aber die Zahlungsfähigkeit des Landes zwischenzeitlich in Frage gestellt wurde, werden sie mir vielleicht nur 60 Millionen für die Staatsanleihe zahlen, für die ich 100 Millionen bezahlt habe. Das ist dann der Marktpreis der Anleihe, und der ist dann offenbar gefallen. 
Und diese Staatsanleihen sind aber auch in Büchern von Banken, als Vermögensbestände. Nun, wenn der Marktpreis in den Keller fällt, schrumpft dann plötzlich auch das Buchvermögen der Banken. Sie müssen sich dann vielleicht ihrerseits von Finanztiteln trennen, die Abwärtsspirale, die ich beschrieben habe, kommt weiter in Gang. 
Und auf diese Weise kann es geschehen, dass aus einer Bankenkrise eine Staatschuldenkrise wird und aus der Staatsschuldenkrise wieder eine Bankenkrise und so weiter, das Karussell dreht sich nach unten. 
Wenn man diese Mechanismen und die dahinter liegende Investorenpsychologie in Rechnung stellt – und vieles ist davon Psychologie, natürlich nicht alles, manches ist brutale Spekulation, manches hat damit zu tun, dass manche Investorengruppen bestimmte Staatsanleihen nicht mehr halten dürfen, wenn sie ein schlechtes Rating durch Ratingagenturen haben – aber wie gesagt, vieles ist Psychologie, und wenn man das in Rechnung stellt, muss man eines noch deutlich machen: 
Wenn eine Zentralbank garantiert, dass sie Staatsschulden abdeckt, einen Staat nicht pleite gehen lässt, dann tendiert man sofort zu dem Reflex: Na, das kann aber teuer werden. 
Aber es ist fast das Gegenteil wahr. Ja, es kann theoretisch teuer werden. Aber es wird nicht teuer werden. Warum? 
Wenn eine Zentralbank das nicht garantiert, dann sehen Investoren die Anlage als unsichere Anlage an, dann müssen die Staaten hohe Zinsen zahlen, dann werden sie wohl wegen der drückenden Zinslast irgendwann wirklich bankrott gehen – und das wird dann richtig teuer. 
Wenn die Zentralbank aber die Sicherheit der Staatsanleihen garantiert, dann werden die Zinsen niedrig bleiben, und der Bankrott wird gar nicht eintreten. Der Fall der Fälle tritt dann nicht ein, weil die Zentralbank das garantiert. Das muss man verstehen. Und auf diese Weise trägt eine Zentralbank, die ihre Aufgabe richtig erfüllt, zur Stabilität des Systems bei, möglicherweise ohne überhaupt handeln zu müssen. 
So wie bei der staatlichen Einlagensicherung! Dann tritt der Bankrun nicht ein!
Dass wir die Eurozone so konstruiert haben, dass formal selbständige Mitgliedsstaaten sich national verschulden, aber die Geldpolitik bei einer supranationalen – übernationalen – Instanz liegt, auf die diese Nationalstaaten keinen Einfluss mehr haben, bei einer Instanz, die ihre Verantwortung nicht wahrnehmen will, oder darf, und deren Verantwortung von nationalen Regierungen dauernd in Frage gestellt wird, all das ist der Hauptgrund dafür, dass die Eurozone zum Brandherd der Welt geworden ist. 
Es gibt natürlich noch andere Gründe, die mit diesem Grund verbunden sind, und auf die ich hier noch kurz eingehen will. 
Einer der Gründe war, dass sehr unterschiedliche Volkswirtschaften zu einer Währungszone zusammengefasst wurden. Aber das war noch gar nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem war, dass die wirtschaftspolitischen Akteure die Eurozone selbst nicht als eine Volkswirtschaft betrachtet hatten. 
Was heißt das? Man hat immer noch so getan, als würden nationale Volkswirtschaften nebeneinander her leben und, ja, in Konkurrenz zueinander stehen. Statt dass man sich überlegte, wie kann man diese große Eurozone ökonomisch homogener machen, hat man noch auf „Standortkonkurrenz“ gesetzt, als wäre Deutschland in einer Konkurrenz zu Österreich, so wie Deutschland in einer Konkurrenz mit China ist. 
Und das ist ja, kurzer Einschub, schon im globalen Verhältnis falsch, dieses neoliberale Bild von der „Standortkonkurrenz“. Denn in einer Kreislaufökonomie, und eine kapitalistische Marktwirtschaft ist eine Kreislaufökonomie, ist mein „Konkurrent“ immer auch mein Partner, so, wie wir vergangene Woche gesehen haben, dass mein Arbeiter auch mein Kunde ist. Oder alle Arbeiter zusammen sind die Kunden aller Unternehm
en. 
Und betriebswirtschaftlich ist es natürlich schön für ein Unternehmen, wenn es seinen Arbeitern und Angestellten niedrige Löhne zahlt, aber gesamtwirtschaftlich ist es für keines der Unternehmen schön, wenn jedes Unternehmen seinen Arbeitern und Angestellten niedrige Löhne zahlt, weil die ihre Kunden sind, und in einer Kreislaufökonomie die Einnahmen der Beschäftigten eben auch die Einnahmen der Unternehmen sind. 
Und das ist im sogenannten globalen Wettbewerb genauso!
Ich meine, man sieht das ja gerade jetzt in der Krise. Was wurde vorher über die „Konkurrenz“ aus China geredet und da der Teufel an die Wand gemalt. Heute ist man froh, wenn die Konkurrenz prosperiert, weil da kann sie einem die vielen Güter abkaufen. Also, wenn ich meine Konkurrenz niederkonkurrenziere, wie das das Bild von der Standortkonkurrenz nahelegt, dann werde ich selbst nicht froh, denn dann schwäche ich meinen Handelspartner. Aber das nur als kleiner Einschub. 
Und was ist nun passiert, in den vergangenen zehn Jahren? Die ökonomisch mächtigen, die ökonomisch fortgeschrittenen europäischen Länder, Deutschland, Österreich, die Niederlande, haben ihre Vorteile systematisch ausgebaut. Wie haben sie das denn gemacht? Sie haben natürlich bessere Technologien entwickelt, sie haben ihre Produktivität erhöht. Aber sie haben auch die Masseneinkommen niedrig gehalten. Die Reallöhne sind gesunken, im Niedriglohnsegment, sie sind nur geringfügig gewachsen bei Normalverdienern. Und das trotz Wirtschaftswachstum und Produktivitätsfortschritt. Das heißt, der Reichstumszuwachs ist nicht an die normalen Leute weiter gegeben worden. 
Ach ja, und dann hat man uns noch eingeredet, dass wir aber stolz darauf sein sollen, dass wir so viel „wettbewerbsfähiger“ sind als unsere Nachbarn. Was nichts anderes heißt: Dass wir stolz darauf sein sollen, dass wir weniger verdienen, uns weniger leisten können, als unsere Nachbarn. 
Das hat natürlich eine Reihe negativer Auswirkungen. Erstens, die Ungleichheit ist gewachsen. Das ist natürlich grundsätzlich beklagenswert, weit die soziale Gerechtigkeit auch in diesen Ländern, also auch bei uns, auf der Strecke geblieben ist. Aber es hat auch direkt ökonomische Auswirkungen. Es wurden mehr Güter produziert, aber die Bürger hatten nicht mehr Geld in der Tasche, um sie zu kaufen. Das, was also normalerweise Prosperität stimuliert, die Konsumentennachfrage, blieb hinter den Möglichkeiten zurück. Wer aber soll denn dann diese Güter kaufen? Wer soll dann also die Einnahmen der Unternehmen erwirtschaften und damit auch die Einnahmen der Beschäftigten.
Die Güter muss man dann exportieren. Man hat sie überall hin exportiert, also vor allem natürlich in die Länder, in denen die Konsumnachfrage nicht so zurückgefahren wurde. 
Das waren beispielsweise die USA. Dort haben zwar die normalen, einfachen Leute auch schon lange keine Lohnsteigerungen erhalten, aber sie haben sich hoffnungslos verschuldet – nicht zuletzt in Folge des Immobilienbooms und der kriminellen Machenschaften mancher Kreditgeber dort. 
Oder man hat sie in die Länder der europäischen Peripherie exportiert, wo ein Boom geherrscht hat, wo die Löhne und Gehälter stärker gestiegen sind als hierzulande. 
Da aber in diesen Ländern die Löhne und Gehälter gestiegen sind, während sie hierzulande kaum gestiegen sind, sind deren Güter immer teurer geworden, jedenfalls relativ. Deren Unternehmen haben sukzessive an Marktanteilen verloren, während deutsche und andere Unternehmen sie gewonnen haben. 
Deutschland feierte sich als Exportweltmeister (und neuerdings als Vizeweltmeister). 
Exportüberschussweltmeister!
Aber die europäischen Partner wurden nieder konkurrenziert. 
Ja, möglicherweise sind in diesen Ländern die Löhne auch ein bisschen zu schnell gestiegen. Und ganz sicher sind sie hier zu wenig gewachsen, zuwenig, nicht nur von einem Gerechtigkeitsstandpunkt aus, sondern auch vom Standpunkt einer nachhaltigen Entwicklung einer Volkswirtschaft. 
Und aufgrund der gemeinsamen Währung hatten die Länder eine Möglichkeit nicht mehr, die sie normalerweise in einem solchen Fall gehabt hätten: Sie konnten ihre Währung nicht mehr abwerten, um so die Verluste in ihrer Wettbewerbsposition wieder aufzufangen. 
Die Inhomogenitäten der Eurozone haben sich noch verschärft, statt dass sie sich langsam abgeschliffen hatten. 
Und das alles, weil man absurderweise einzelne Nationen dieser großen Europäischen Volkswirtschaft betrachtet hat als Player, die gegeneinander in Konkurrenz stehen, und wo derjenige Vorteile hat, der in dieser Konkurrenz besser besteht. Aber dessen Vorteile sind natürlich extrem vergänglich. Ist der Partner stranguliert, hat man selbst Probleme am Hals. 
Im Nationalstaat würde man natürlich nie auf eine solche Idee kommen. Man würde nie auf die Idee kommen, dass es Favoriten besser geht, wenn es im Wettbewerb mit Ottakring besser besteht. Oder dass Wien einen Teufel-komm-raus-Dumpingkrieg mit dem Burgenland führen soll. Nein, wenn da eine Region prosperiert, und eine darniederliegt, würde die Regierung natürlich Maßnahmen ergreifen, dass die darniederliegende Region wieder auf die Beine kommt. Abgesehen davon, dass Arbeitskräfte abwandern würden, was wiederum zu einem Ausgleich führt, der auf eine solche Weise zwischen Spanien und Deutschland, zwischen Griechenland und den Niederlanden nicht so leicht machbar ist, schon der Sprache wegen. 
Das ist das eine Problem. 
Das andere Problem, was dann endgültig Feuer an unser Haus gelegt hat, war die Art, wie man auf diese beiden Krisen nach der Finanzkrise reagiert hat. Auf diese beiden Krisen, also die Krise der Realwirtschaft, ausgelöst durch dieses Konkurrenz zum wechselseitigen Nachteil und die Staatsschuldenkrise, ausgelöst durch das Nichtfunktionieren der Europäischen Zentralbank als Lender of Last Ressort. 
Man hat flächendeckende Austeritätsprogramme aufgelegt, also Sparprogramme. 
Alle Länder haben gleichzeitig begonnen, ihre Staatsausgaben zurückzufahren und ihre Budgets zu sanieren, und zwar nicht nur die angeschlagenen Länder, sondern auch die erfolgreichen Länder. Damit ist noch einmal die Konsumnachfrage eingebrochen. Damit ist noch einmal das Einkommen der Bürger reduziert worden, das Wachstum ist reduziert worden, manche Länder sind in eine tiefe Rezession oder sogar eine Depression getrieben worden. 
Und das hat ja seine Folgen: Die Steuereinnahmen sind damit auch zurückgegangen, sodass selbst das Ziel – die Verschuldung zu reduzieren – nicht erreicht werden konnte. Europa ist insgesamt in eine Phase ökonomischer Schwäche hineingetrudelt, mit allen fatalen und katastrophalen sozialen Folgen, die das hat, und ohne, dass irgendein positiver Effekt damit erzielt werden konnte. 
Manches verstehen – aber nicht verstehen, wie man auf diese Idee kommen kann, dass man die Schulden reduzieren kann, indem man die Wirtschaft abwürgt!
So wurde, nachdem die Finanzkrise eigentlich von den USA seinen Ausgang nahm, Europa zum Brandherd der Weltwirtschaft.
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