Der Skandal der Ungleichheit

In gleicheren Gesellschaften lebt es sich besser, sie sind wirtschaftlich erfolgreicher und nicht von riskanten Finanzkrisen bedroht. 

Ein Beitrag für das Buch „Verteilen statt verspielen“, herausgegeben von GPA-Vorsitzenden Wolfgang Katzian und anderen. 
Die Idee der Gleichheit ist in den vergangenen Jahrzehnten recht gehörig aus der Mode gekommen. In den kapitalistischen Marktwirtschaften ist die materielle Ungleichheit in den vergangenen dreißig Jahren – teils dramatisch – angestiegen. Und zwar ganz egal, welche Indikatoren man heranzieht: Vermögensungleichheit, Einkommensungleichheit und auch Lohnungleichheit (was nicht dasselbe ist, da Einkommensungleichheit alle Einkommensarten, also auch die durch Finanzgewinne berücksichtigt, nicht nur Lohn- und Gehaltseinkommen), oder die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen. Überall das gleiche Bild: Die Reichen wurden reicher. Die Reichsten wurden sehr viel reicher. Und die weniger Begüterten wurden es nicht. Bestenfalls. Mancherorts wurden letztere sogar ärmer. Nur ein paar Beispiele: In Deutschland sind die Einkommen der ärmeren Schichten gegenüber dem Jahr 1992 preisbereinigt um 13 Prozent gesunken. Die Bezüge der Spitzenverdiener haben im selben Zeitraum um fast ein Drittel zugelegt. Das reichste Zehntel der Bundesbürger besitzt laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 62 Prozent der Privatvermögen, während das untere Drittel praktisch gar nichts besitzt – außer Schulden. In Österreich besitzen die obersten dreieinhalb tausend Haushalte (0,1 Prozent aller Haushalte) genauso viel Geldvermögen wie die unterste Hälfte aller Haushalte. Die obersten zehn Prozent besitzen 53 Prozent aller Geldvermögen. Ähnlich ungleich ist das Immobilienvermögen verteilt – hier besitzt das oberste Zehntel 61 Prozent. In den USA konzentriert das reichste eine Prozent (!) der Bevölkerung heute bereits 23 Prozent aller Einkommen, ein Wert, der vor zwei Jahrzehnte noch bei zehn Prozent lag. Die obersten 5 Prozent kontrollieren 75 Prozent aller Finanzvermögen. 
In diesen Jahrzehnten, in denen sich grobe Ungleichheiten wieder in unsere Gesellschaften hineinfraßen, ist aber nicht, wie anzunehmen wäre, das Unbehagen an den zunehmenden Ungleichheiten gewachsen, sondern umgekehrt: Wer den Wert gesellschaftlicher Gleichheit hochhielt, wurde bis vor wenigen Jahren noch als hoffnungslos Altbacken denunziert. Denn Gleichheit, so wurde dann erwidert, ist doch gar kein erstrebenswertes Ziel. Die Welt sei doch bunt, und das ist gut so. Wer Gleichheit wolle, müsse Ungleiches gleich machen, und das gehe nur wenn man mit Kommandomaßnahmen die lebendigen Unterschiede zwischen den Leuten abrasiere. Vor allem aber müsse man Ungleichheit in Kauf nehmen, wenn man eine prosperierende Wirtschaft wolle. „Flexibilität“ (was meisten hieß: sinkende Löhne unten, steigende Einkommen oben) schaffe Wachstum und das sei letztendlich für alle gut. Denn, so wurde dann gefragt, was helfe denn Gleichheit, wenn alle gleich wenig haben? Sozialphilosophen erklärten, es komme darauf an, ob Menschen ein gutes Leben führen, aber doch nicht darauf, wie die materielle Ausstattung dieses Lebens im Verhältnis zum Leben anderer Menschen stünde. 

Zeitweise haben nicht einmal mehr die Sozialdemokraten die „Funktionalität der sozialen Ungleichheit“ bestritten. „In der Vergangenheit wurde die Förderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt. Letztlich wurde damit die Bedeutung von eigener Anstrengung und Verantwortung ignoriert und nicht belohnt und die soziale Demokratie mit Konformität und Mittelmäßigkeit verbunden statt mit Kreativität“ – so formulierten deutsche und britische Sozialdemokraten im mittlerweile berühmt-berüchtigten „Schröder-Blair-Papier“, das Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Leitlinien für eine „moderne“ Sozialdemokratie formulierte. Die österreichische Sozialdemokratie brachte gar das Kunststück zuwege, in ihrem Parteiprogramm, das 1998 verabschiedet wurde, den „Grundwert Gleichheit“ noch als Kapitelüberschrift beizubehalten, in dem entsprechenden Abschnitt aber nur mehr von „Chancengleichheit“ zu reden. 
Warum es um Gleichheit geht, nicht bloß um „Chancengleichheit“
Doch in den vergangenen Jahren gab es eine bemerkenswerte Verschiebung dieser Diskurse. Dieser Wandel ist natürlich primär Folge der verschärften Verteilungskämpfe in Folge der Finanzkrise 2008 und der anschließenden Depression, in die die globalen Marktwirtschaften absackten. Die krasse Umverteilung von Unten nach Oben in den vergangenen Jahrzehnten fiel erst so richtig auf, als wir in den schwarze Loch plumpsten. Es wurde offensichtlich: Eine Plündererklasse hatte sich einen großen Teil der Wohlstandszuwächse gekrallt, und das Ergebnis war nicht stabile Prosperität, sondern die schwerste Krise seit Jahrzehnten. Dass die gesellschaftlichen Folgen von ökonomischer Ungleichheit heute aber wieder realistischer gesehen werden, hat auch mit einer Reihe bahnbrechender Untersuchungen von Soziologen und Ökonomen zu tun, die an Hand unbestreitbarer Daten und erdrückender Fakten nachwiesen, dass Ungleichheit schadet und Gleichheit positive Resultate zeitigt. Und zwar für fast alle Bürger. 
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen lassen sich in drei wesentliche Aussagen zusammenfassen. Erstens: Je gleicher eine Gesellschaft, desto besser funktioniert sie, umso glücklicher sind die Bürger. Zweitens: Je gleicher der materielle Reichtum verteilt ist, desto besser funktioniert die Wirtschaft – mehr Gleichheit heißt mehr Wachstum, weniger Gleichheit heißt weniger Wachstum. Drittens: Mit krassen Ungleichheiten wachsen auch die systemischen Instabilitäten einer kapitalistischen Marktwirtschaft – Finanzkrisen sind direkte Folge von überschießender Ungleichheit. 
„Eigentlich wollte ich in meinem Ruhestand etwas ganz anderes machen“, sagt Richard Wilkinson. Der britische Forscher lächelt verschmitzt, als er das sagt und dabei hüpfen seine buschigen Augenbrauen. Wir sitzen beim Heurigen Zimmermann in Grinzing, Wilkinson nippt an seinem Rotweinglas und erzählt, dass er sich eigentlich vorgenommen habe, bei sich in der englischen Provinz archäologische Ausgrabungen auf den Feldern der Bauern vorzunehmen. Er schwärmt von den neuen technologischen Produkten, die es erlauben, mit Hilfe von Metallspürmaschinen und GPS-Systemen computergenerierte Bilder herzustellen, auf denen alles zu sehen ist, was unterirdisch verbuddelt liegt. Aber leider hat er keine Zeit dazu. In den vergangenen 18 Monaten, erzählt er, habe er 400 Vorträge halten müssen. Er werde auf der ganzen Welt zu Vortragstourneen eingeladen, um die Ergebnisse jener Studie zu präsentieren, die er gemeinsam mit seiner Kollegin und Lebensgefährtin Kate Picket erstellt hat: „Gleichheit ist Glück“, heißt das Buch auf deutsch. Und es ist so richtig eingeschlagen. „Dreißig Jahre habe ich mir gewünscht, dass man mir zuhört. Aber niemand hat sich für das Thema interessiert. Jetzt interessiert es plötzlich alle.“ Also reist Wilkinson, Emeritierter Professor für Wirtschaftsgeschichte und Epidemologie, um die Welt und die Ausgrabungen müssen noch etwas warten. 
Eigentlich ist Wilkinsons Fachgebiet die Gesundheitssoziologie. Aber schon früh hat er bemerkt, dass Gesundheit und Krankheit viel mit gesellschaftlicher Ungleichheit zu tun hat. 
In Gesellschaften mit groben Ungleichheiten sind die Menschen im Durchschnitt unglücklicher – wobei natürlich die Reichen glücklicher als die Armen sind. So bezeichnen sich 45 Prozent der reichsten US-Amerikaner als „sehr glücklich“, wohingegen im ärmsten Viertel nur 33 Prozent das von sich behaupten. Zu den erstaunlichsten Sachverhalten zählt aber der Umstand, dass in Gesellschaften mit starken Einkommensdiskrepanzen die Menschen nicht nur im Durchschnitt unglücklicher sind, sondern auch in jedem einzelnen Einkommenssegment. Also: In Gesellschaften, die schroff in reich und arm gespalten sind, sind die Reichsten keineswegs besonders glücklich, im Gegenteil. Sie sind in aller Regel unglücklicher als ihre „Kollegen“ in egalitäreren Gesellschaften. Warum das so ist, lässt sich nur erahnen oder interpretieren. „Statusunterschiede werden umso wichtiger, je größer die materielle Ungleichheit ist“, schreiben Wilkinson und Pickett in ihrer Studie. Sie haben Berge von Datensätze aus etwa 200 ganz unterschiedlichen Erhebungen für ihre Untersuchung ausgewertet und kamen zu den Befund: „Die Analysen deuten darauf hin, dass auch die reichsten Gruppen einen Gewinn von mehr Gleichheit haben.“ Vor allem aus drei Gründen: Erstens macht die verschärfte Statuskonkurrenz vor den Wohlhabenden nicht halt – auch sie müssen fürchten, dass einer noch reicher ist oder noch mehr Prestige hat als sie. Die Mühe, die man hat, oben zu bleiben, ist auch für sie größer – und der Stress, den das verursacht, ist in antiegalitären Gesellschaften viel stärker als in egalitären. Zweitens trägt Ungleichheit zu einer Verschlechterung der sozialen Beziehungen in einer Gesellschaft bei. Die Bürger begegnen sich feindseliger, man muss stets auf der Hut sein, von anderen überholt zu werden – das macht allen Bürgern das Leben schwerer. Und drittens funktionieren in Gesellschaften, die durch tiefe soziale Gräben zerrissen sind, viele Institutionen einfach schlechter – was auch wiederum für alle negative Auswirkungen hat. Kurzum: Der Egoismus ist sogar für die Egoisten unkomfortabel. „Ungleichheit zersetzt die Gesellschaften“, resümiert Kate Pickett. Wie sehr und wie negativ sich Ungleichheit auswirkt, gibt sie zu, habe aber auch sie „überrascht“. 
Die Indizien, die Wilkinson und Pickett zusammengetragen haben sind so eindeutig, dass sie nicht einmal die Propagandisten der Ungleichheit in Zweifel ziehen können. In nahezu allen Lebensqualitäts-Parametern schneiden relativ egalitäre Gesellschaften wie etwa die skandinavischen Länder, aber auch Japan, deutlich besser ab als krass antiegalitäre Gesellschaften wie etwa die USA, Großbritannien oder Portugal. „Gesundheitliche und soziale Probleme kommen signifikant häufiger in Ländern vor, in denen die Einkommensschere weit geöffnet ist.“ Und zwar nicht bloß deshalb, weil das Elend der schlechter Gestellten den Durchschnitt drückt; sondern weil nahezu alle in diesen Gesellschaften unter dem sozialen Stress zu leiden haben. Auch weiße, amerikanische Mittelschichtsbürger haben eine geringere Lebenserwartung als vergleichbare Einwohner in den egalitären skandinavischen Ländern. 
Statusangst macht die Menschen krank. Und die Statusunterlegenen leiden massiv. Das allgemeine Gesundheitsniveau und die Lebenserwartung hängen heute in entwickelten Ländern nicht so sehr vom Reichtum der Gesellschaft als Ganzes ab, sondern von der Verteilung des Reichtums. In ungleichen Gesellschaften stirbt man früher. Und am frühesten sterben die, die in der gesellschaftlichen Pyramide ganz unten stehen. „Wo immer wir in der Hierarchie stehen: Die über uns sind gesünder, die unter uns sind krän
ker.“
Der Anteil der Fettleibigen ist in ungleichen Gesellschaften ebenso markant höher wie der Anteil der Inhaftierten, die Anzahl der Gewaltverbrechen ebenso wie der Anteil an unerwünschten Teenagerschwangerschaften und auch psychische Erkrankungen sind deutlich häufiger. Und obwohl die Apologeten der sozialen Ungleichheit immer behaupten, in diesen Gesellschaften herrsche ein Leistungsethos und jeder, der sich anstrengt, könne von unten nach oben kommen, ist das Gegenteil wahr. Die Bessergestellten kapseln sich ab und hindern die Unterprivilegierten am sozialen Aufstieg. Die Unterprivilegierten selbst sind durch ihre Statusunterlegenheit oft derart entmutigt, dass sie es ohnehin nicht versuchen. In Gesellschaften mit groben Ungleichheiten gibt es also nicht nur die „Ungleichheit im Ergebnis“, sondern auch massive „Chancenungleichheit“. Nicht nur, dass  beispielsweise Kinder aus unterprivilegierten Schichten oft bessere Leistungen bringen müssen als Kinder aus wohlhabenden Familien – Untersuchungen haben ergeben, dass die Kinder aus ärmeren Familien auch bei gleichen Fähigkeiten in Prüfungssituationen oft versagen – Statusunterlegenheit „kann die Leistung eines Menschen massiv mindern“. Je ungleicher eine Gesellschaft, umso niedriger das allgemeine Bildungsniveau. Und je mehr Ungleichheit eine Gesellschaft zulässt, umso geringer die soziale Mobilität, also die Möglichkeit, die Unterprivilegiertheit hinter sich zu lassen und aufzusteigen. 
Diese Forschungsergebnisse von Wilkinson und Picket fügen sich in eine Reihe von Studien der modernen „Glücksforschung“, die in den vergangenen Jahren den Wert der „Gleichheit“ hervorgehoben haben. So hat schon Richard Layard in seinem Buch „Die glückliche Gesellschaft“ unterstrichen, „dass die Menschen heute nicht glücklicher sind als vor 50 Jahren. Und das, obwohl sich das reale Durchschnittseinkommen in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt hat“. Wenn der Reichtum einer Gesellschaft wächst – also das Nationaleinkommen pro Kopf -, aber mit ihm auch die Ungleichheit, dann werden die Menschen oft sogar unglücklicher. 
All die Datensätze und Forschungsergebnisse, die Forscher wie Wilkinson, Picket und Layard zusammengetragen haben, machen mit erdrückenden Fakten klar: Gute Politik muss versuchen, das Wachstum grober Ungleichheiten an Einkommen und Vermögen zu verhindern. Nein, mehr noch: Sie muss diese Ungleichheiten verringern. 
Deklassiertheit, Unterprivilegiertheit, materieller Mangel, gestörte soziale Beziehungen, kulturelle Abgehängtheit, Respektlosigkeit – all das grassiert in Gesellschaften mit krassen und wachsenden Ungleichheiten. Wenn die Gewinner in solchen Gesellschaften uns glauben machen wollen, Ungleichheiten seien funktional für die Prosperität, weil sie Leistung belohnen, ignorieren sie gerne, welche Kosten sie einer Gesellschaft damit aufbürden. Wie eine Fabrik, die deshalb „konkurrenzfähig“ produziert, weil sie die Umwelt verpesstet und damit Kosten auf alle anderen überwälzt, so hat auch die Ungleichheit ihre Kosten, die die Allgemeinheit zu übernehmen hat – also auch eine Firma, die Dumpinglöhne zahlt, bürdet der Gesellschaft externalisierte Kosten auf. Wer in einer Gesellschaft mit verschärfter Statuskonkurrenz unten ist, der fühlt sich erniedrigt. Er wird verbittert. Er wird oft auch seiner gesamten Umgebung gegenüber feindselig, gibt allen die Schuld an seiner Misere. Ja, sagen wir es ganz offen: Er wird manchmal auch unsympathisch und ein böser Mensch. Aber das muss uns auch nicht wundern. Gewiss, wir kennen es aus den schönen Charles Dickens Romanen, dass die Elendsten jene sind, die das Herz am rechten Fleck haben. Aber darauf darf man sich in der wirklichen Welt nicht verlassen. In der wirklichen Welt gilt: Depraviertheit, also Abgehängtheit und Chancenlosigkeit, veredelt nicht, sie verroht. Sie macht psychisch krank, oft auch gewalttätig und lässt Menschen, die unter anderen Bedingungen ein gutes Leben führen und einen produktiven Beitrag zu einer Gesellschaft leisten könnten, absacken. Gerne wird von den satten, selbstgerechten Winnertypen ins Treffen geführt, dass in unseren westlichen Gesellschaften niemand „wirklich“ arm sei, jedenfalls müsste in westeuropäischen Sozialstaaten niemand ohne Dach über den Kopf sein und verhungern schon gar nicht; auch wer von staatlicher Hilfe lebe, müsse oft nicht einmal auf die Segnungen der modernen Kommunikationstechnologien verzichten. Wer so spricht, der übersieht, welche desaströsen Folgen die totale Abgehängtheit, chronische Unsicherheit oder auch nur eine in einer rigiden Hierarchie untergeordnete Stelle hat, selbst wenn für die materiellen Grundbedürfnisse – ohnehin mehr schlecht als recht – gesorgt ist. Wer unten ist, wird täglich gemobbt, ist Respektlosigkeit ausgesetzt, Ziel fortwährender Kränkungen, ist zum Loser gestempelt, wird zum Opfer, und das heißt auch: hat keinen Subjektstatus mehr, ist nur mehr Objekt sozialarbeiterischer Verwaltung, Statist in dem Sozialporno, der sein Leben ist. Zu den „Grundbedürfnissen“, die zu einem Leben in Würde gehören, zählen eben nicht nur die materiellen Basics wie Wasser, Essen, ein Dach über dem Kopf – sondern auch, als Bürger respektiert zu werden, als Mensch auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Sind viele Menschen täglichen Demütigungen ausgesetzt sind, verrotten Gesellschaften von innen. 
Gleichheit steigert das Wirtschaftswachstum
All das, was wir bisher gehört haben, zeigt, wie sich ein ökonomischer Sachverhalt – also Lohn-, Gehalts, Einkommens- und Vermögensungleichheit – auf die Gesellschaft als ganzes auswirkt. Aber wir wirkt sich die Ungleichheit auf die Ökonomie aus? Konservative und wirtschaftsliberale Politiker und Autoren würden nämlich an dieser Stelle einwenden, dass sich die negativen Auswirkungen der Ungleichheit auf die Gesellschaft zwar nicht bestreiten lassen, wir aber wirtschaftliche Prosperität und Gleichheit gemeinsam nicht haben können. Dass also eine brummende Ökonomie wachsende Ungleichheiten tolerieren muss, wenn wir der Marktwirtschaft nicht die Luft zum Atmen nehmen wollen. Und sie würden zusätzlich hinzufügen, dass wir die Ungleichheiten gar nicht bekämpfen können, da sie Folge von Strukturveränderungen in der Arbeitswelt sind: Gut ausgebildete Wissensarbeiter werden am Arbeitsmarkt nachgefragt, für schlecht ausgebildete gibt es immer weniger Jobs. Und damit ist wachsende Ungleichheit nicht zu verhindern. 
Freilich sind das Behauptungen, die durch Fakten überhaupt nicht gestützt werden können. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler James K. Galbraith unterrichtet an der Universtität of Austin in Texas, und steht dort dem „University of Texas Inequalität Projekt“ vor, also einer Forschungsgruppe von Wissenschaftlern und Studenten, die sich intensiv mit Ursachen und Folgen von Ungleichheit beschäftigen. Gerade haben sie die Ergebnisse ihrer jahrelangen Arbeit in der Studie „Ungleichheit und Instabilität“ veröffentlicht. Dass Gesellschaften mit mehr „Lohnflexibilität“ (also mit mehr Lohnungleichheiten) mehr wirtschaftliche Dynamik und damit niedrigere Arbeitslosenraten aufweisen, wird zwar von neoliberalen Phrasendreschern gerne behauptet, lässt sich aber durch Fakten nicht belegen. Das Gegenteil ist der Fall: „Länder mit weniger Lohnungleichheiten weisen systematisch niedrigere Arbeitslosenraten auf. … Sie tendieren auch zu stärkeren technologischen Fortschritt und Produktivitätszuwächsen“. 
Es ist heute ziemlich klar, dass Ungleichheit nicht nur gesellschaftlich desaströse Wirkungen hat, sondern auch ökonomisch ein Nachteil ist, und dass relative materielle Gleichheit auch wirtschaftlich nützlich ist, gerade auch unter den Bedingungen einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Aber wie funktioniert der Zusammenhang von Gleichheit beziehungsweise Ungleichheit und der ökonomisc
hen Entwicklung genau? 
Hier werden eine Reihe von Faktoren wirksam und manche lassen sich leichter erklären, manche Wirkungen sind komplizierter. Erstens: Moderne kapitalistische Marktwirtschaften sind von der Konsumnachfrage breiter Bevölkerungsschichten abhängig. Grobe Ungleichheit konzentriert den materiellen Wohlstand in einem kleinen Segment von Reichen, die dazu tendieren, einen erheblichen Anteil ihres Einkommens zu sparen und nur einen Bruchteil für Konsum auszugeben (wer kauft sich schon einen dritten Porsche?). Ungleichheit verspielt also Nachfrage und damit Wachstumspotential. Zweitens: Materielle Ungleichheit übersetzt sich aber auch in Chancenungleichheit. Wer wenig Chancen hat, hat weniger Möglichkeiten, seine Talente zu entwickeln. In gleicheren Gesellschaften haben mehr Menschen die Möglichkeit, ihre Talente zu entwickeln, eine gute Ausbildung zu machen – und dann werden mehr Menschen zum Wohlstand beitragen. Drittens: Niedrige Löhne sind auch kein Anreiz für Unternehmen, ihre Produktivität zu steigern. Sie können ja möglicherweise mit produktiveren Unternehmen konkurrieren, weil sie ihren Beschäftigten schlechtere Löhne zahlen. Das Produktivitätswachstum und der technologische Fortschritt werden daher verlangsamt. Deshalb weisen Länder (und Branchen) mit rigiderer Lohnpolitik – die also die Entwicklung von Niedriglohnsegmenten verhindern -,in der Regel auch höheren technologischen Fortschritt auf, und sie sind am Weltmarkt damit auch besonders konkurrenzfähig, trotz ihres hohen Lohnniveaus. Das sieht man deutlich an den skandinavischen Ländern, aber auch an der deutschen Auto- oder Maschinenbauindustrie. Sie alle zahlen gute Löhne und sind am Weltmarkt äußerst erfolgreich. 
Dieser Zusammenhang von Ungleichheit und schwacher wirtschaftlicher Performance wird heute unter Wirtschaftswissenschaftlern deutlich gesehen. So schreibt Nouriel Roubini, einer der führenden Ökonomen unserer Zeit: „Die Beziehung zwischen steigender Produktivität und den steigenden Einkommen der Arbeiter- und Mittelklasse war niemals mechanisch; sie verlangte nach Arbeitern, die ihre Fertigkeiten verbesserten, um ihre eigene Produktivität zu erhöhen. Sie verlangte auch nach einem Wohlfahrtsstaat, der jene öffentlichen Güter bereitstellte, die dafür nötig sind, als auch ein soziales Sicherheitsnetz und ein gutes Rentensystem. All diese Regierungspolitiken waren ein Schlüssel dafür, das Wachstum von Ungleichheiten zu verhindern. Wenn sich viele Arbeiter in Gewerkschaften organisierten und höhere Löhne durchsetzten, dann hat das ebenso dazu beigetragen, den Anteil von Lohn- und Gehaltseinkommen am BIP zu erhöhen und damit einen Anstieg der Ungleichheit zu verhindern. Der Aufstieg der Mittelklasse und der wachsende Lebensstandard der Arbeiter waren deshalb keine mechanischen, automatischen Folgen des Wirtschaftswachstums, sondern das aktive Resultat von Wirtschaftspolitik. Die soziale Mobilität einer Gesellschaft war nie das Resultat simpler Marktkräfte, sondern die Folge progressiver Wirtschafts-, Fiskal-, Steuer- und anderer Sozialpolitiken. Wenn wir heute Marktwirtschaften wieder dazu bringen wollen, in stabilerer und gleichgewichtiger Weise zu arbeiten, müssen wir zu einer ausgeglicheren Balance zwischen Märkten und der Bereitstellung öffentlicher Güter zurückkehren. Viele akademische Forschungsergebnisse – einschließlich einer Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2011 – zeigen, dass wachsende Ungleichheit zu niedrigerem Wirtschaftswachstum führt. Also, selbst wenn wir die Frage der Fairness beiseite lassen, dann zeigt sich, dass Ungleichheit, um das mit einer traditionellen Kategorie der Wirtschaftswissenschaften zu sagen, einfach wirtschaftlich ‚ineffizient‘ ist.“
Ungleichheit und Instabilität
Es ist also klar, dass Ungleichheit Wachstum und Produktivität nicht fördert, sondern behindert. Gleichere Gesellschaften maximieren nicht nur das „Glück“ der Bürger, sondern auch den materiellen Wohlstand einer Marktwirtschaft. Die dritte und letzte Frage in unserem Zusammenhang ist nun, wie das Verhältnis von Ungleichheit und systemischer Instabilität kapitalistischer Marktwirtschaften ist. Verschiedene Ökonomen versuchten in den vergangenen Jahren, diesen Zusammenhang zu durchleuchten, denn schließlich ist ja offensichtlich: Wir hatten in den vergangenen dreißig Jahren ein dramatisches Wachstum der Ungleichheiten und das Resultat war eine brandgefährliche Finanzkrise. Aber inwiefern hängen diese beiden Dinge zusammen? Ist es nur eine zufällige Korrelation zweier Sachverhalte? Oder sind sie miteinander verbunden? 
„Der Verdacht liegt nahe“, schreibt James K. Galbraith, „dass es eine Verbindung zwischen radikaler Ungleichheit und Finanzkrisen gibt. Und diese Verbindung läuft, selbstverständlich, über Schulden.“ Das klingt logisch, ist es aber nicht natürlicherweise. Wenn die einen reicher werden, und die anderen ärmer, dann kaufen die einen mehr ein, die anderen weniger, möglicherweise sinkt das Konsumniveau und das Wachstum schwächelt – aber warum sollen daraus Finanzkrisen entstehen? Tatsächlich ist es aber so, wie der Chicagoer Wirtschaftsprofessor Raghuram Rajan schreibt: „Die Konsumungleichheit ist nicht annähernd so gewachsen wie die Einkommensungleichheit. Die Lücke wurde durch Schulden überbrückt.“
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Ungleichheit führt, simpel gesprochen, automatisch zu Finanzinstabilitäten, weil die einen mehr Geld haben, als sie brauchen, es also sparen – und das heißt, es auf Finanzmärkten anlegen. Andere haben weniger Geld, als sie brauchen, sie nehmen also Kredite auf. Finanzvermögen und Schulden wachsen simultan. Es ist für die systemischen Verwerfungen, die das zur Folge hat, auch relativ unerheblich, welche Form der Kreislauf von Ungleichheit und Verschuldung annimmt. In den USA war es direkt so, dass sich die privaten Haushalte der einkommensarmen Schichten verschuldeten. In Europa sind es eher die Regierungen, die sich verschuldeten, um Sozialsysteme zu stabilisieren (die in einem gewissen Sinn auch nur das Konsumniveau einkommensarmer Bevölkerungsteile auf einem bestimmten Niveau halten). Der gleiche Mechanismus vollzieht sich auch zwischen Staaten in Form von Leistungsbilanzdefiziten: China und Deutschland leihen den USA Geld, die USA kaufen dafür deutsche und chinesische Waren. Natürlich sind diese Prozesse nicht völlig identisch, beispielsweise deshalb, weil private Haushalte meist schneller die Grenze ihrer Kreditwürdigkeit erreichen als Staaten, oder weil Staaten tendenziell ewig existieren, also ihre Schulden nicht unbedingt zurückzahlen, sondern nur refinanzieren müssen – aber das Prinzip ähnelt sich. 
Die daraus folgende Aufblähung des Finanzsystems, die selbst Resultat der wachsenden Ungleichheit ist, wird dann in einem zweiten Schritt zur weiteren Quelle für Ungleichheit: Die Gläubiger kassieren Zinsen und werden reicher, die Schuldner werden noch ärmer. Ein Großteil des Wachstums der Einkommens- und Vermögensungleichheit vollzieht sich dann über den Finanzsektor, der ein erhebliches Maß des gesellschaftlichen Wohlst
andszuwachses abschöpft. In den USA konzentrierten sich knapp vor Ausbruch der Finanzkrise über 30 Prozent der Unternehmensprofite auf die Finanzindustrie, eine Industrie, wohlgemerkt, die nichts produziert, und die in immer geringerem Maße gesellschaftlich nützliche Aufgaben erfüllte. Denn die großen Investmentbanken verdienten zuletzt nur mehr einen Bruchteil ihrer Gewinne mit produktiven Investitionen (also etwa Krediten für Firmen oder Unternehmensgründungen). Die Investmentbank Goldman Sachs etwa verdiente zuletzt 13 Prozent ihrer Gewinne durch solche ökonomisch nützliche Investitionen, 63 Prozent dagegen durch bloße Handelsaktivitäten, bei denen kein zusätzlicher Reichtum geschaffen, sondern nur der vorhandene umverteilt wird – zur Bank und zu den Besitzern von Finanzvermögen. 
Welche Ungleichheiten betrachten Bürger als „unfair“ und welche als „fair“?
Wer heute die grob gewachsenen Ungleichheiten kritisiert und für mehr Gleichheit eintritt, läuft, anders als noch vor ein paar Jahren, offene Türen ein. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass normale Bürger zwar den heutigen Grad an Ungleichheit kritikwürdig finden, aber natürlich nicht alle Ungleichheiten ablehnen. Es gibt so etwas wie das „lebendige Gerechtigkeitsempfinden“ der Menschen (und das ist natürlich immer von Geschichte, gesellschaftlichen Normen und herrschenden Diskursen beeinflusst, also auch veränderbar), und dieses Gerechtigkeitsempfinden lehnt nicht alle Ungleichheiten ab. Im Gegenteil: Es würde sogar manche Gleichheiten ablehnen. 
Ein Arbeitnehmer, der sich abstrampelt, und am Ende 20.000 Euro im Jahr verdient, betrachtet es als unfair, wenn Herr Maischberger für irgendeine Lobbytätigkeit 10 Millionen Euro erhält und hinterher nicht einmal mehr weiß, was seine Leistung war. Aber derselbe Beschäftigte empfindet es vielleicht als gar nicht so unfair, wenn der Vorstandsvorsitzende seiner Firma 200.000 Euro verdient. Das ist zwar das zehnfache des Durchschnittseinkommens, aber der Vorstandversitzende hat etwas gelernt, hat studiert, er hat sich angestrengt, er ist als Manager womöglich talentiert, er hat Verantwortung, muss in der Nacht arbeiten, er hält das Werk am Laufen. Also, möglicherweise betrachtet der Angestellte diese 200.000 Euro als gerade noch rechtfertigbar. Oder nur160.000 Euro? Jedenfalls ist klar: Er beurteilt einen gewissen Lohnabstand zwischen dem einfachen Beschäftigten und dem Spitzenmanager als durchaus angemessen. Der Arbeitnehmer mit 20.000 Euro Jahreseinkommen sieht es wohl auch nicht als unfair an, wenn der Kollege neben ihm im Betrieb, der die HTL nachgemacht hat und in Nachtschichten für den Schulabschluss gepaukt hat und jetzt Ingenieur ist, und der auch schon ein paar exzellente Projekte abgeliefert hat, 30.000 Euro im Jahr heimbringt. Das empfindet er wohl durchaus als fair. 
Derselbe Angestellte betrachtet es bestimmt als unfair, wenn ein Bankmanager, der ein Angestellter ist kein unternehmerisches Risiko zu tragen hat, zehn Millionen Euro verdient. Wenn Bill Gates 100 Milliarden Dollar auf der hohen Kante hat, dann beurteilt dieser Angestellte das womöglich durchaus nachsichtiger – da Bill Gates das Unternehmen, das ihm so viel Geld einbringt, immerhin gegründet hat, weil er an der Entwicklung neuer, bahnbrechender Produkte beteiligt war usw. Es ist keineswegs unrealistisch, wenn man annimmt, dass unser fiktiver Angestellter möglicherweise der Meinung ist, dass Bill Gates die 100 Milliarden eher zustehen als dem Bankmanager die 10 Millionen. Und gleichzeitig betrachtet es unser fiktiver Angestellter womöglich sogar als unfair, dass sich sein Kollege für 1.600 Euro netto 40 Stunden pro Woche abstrudeln muss, während der Sozialhilfeempfänger vom Nebenhaus mit allem drum und dran vielleicht 1200 Euro für sich und seine Familie zur Verfügung hat. Auch das sieht er, seien wir uns ehrlich, sehr oft als unfair an. 
All das sind in etwa die Fairnessinstinkte, die in der realen, lebendigen Welt vorherrschen. 
Die Mehrheit der Bürger ist heute der Ansicht, dass es nicht mehr gerecht zugeht. Für totale Gleichheit ist heute praktisch niemand, aber für mehr Gleichheit sehr wohl. Allzu große materielle Ungleichheiten werden nicht als fair angesehen. Aber manche materiellen Ungleichheiten werden es sehr wohl. Sie werden als fair angesehen, wenn sie auf nachvollziehbarer Leistung beruhen oder auf immens innovativer unternehmerischer Tätigkeit. In manchen Fällen wird sogar die Nivellierung materieller Ungleichheiten als unfair angesehen. 
Das ist eine vertrackte Geschichte, vor der man die Augen nicht verschließen sollte, weil manche dieser „Fairnessinstinkte“ Einfallstore zu grober Ungleichheit werden können. Nehmen wir nur das Beispiel mit dem Sozialhilfeempfänger. Dessen „leistungsloses“ Einkommen sieht unser fiktiver Arbeitnehmer womöglich als unfair an, und er findet, dass die Höhe des Einkommens kein ausreichender Anreiz für die Aufnahme von Arbeit ist. Er plädiert vielleicht nicht für die Kürzung der Beihilfe, aber er findet durchaus, dass man die Zumutsbarkeitsbestimmungen in Hinblick auf Arbeitsaufnahme verschärfen oder den Arbeitslosen Daumenschrauben anlegen soll, damit sie, sofern man ihnen Arbeitsangebote macht, diese auch annehmen. Was unser fiktiver Arbeitnehmer nicht sieht, ist, dass er sich damit selbst den Lohn senkt. Denn was passiert, wenn man die sozialstaatlichen Sicherheitssysteme allzu restriktiv auslegt? Unternehmen wissen dann, dass Arbeitslose, denen sie einen Job anbieten, gezwungen sind, diesen anzunehmen – ansonsten wird ihnen ja die Unterstützung gestrichen oder gekappt. Sie können diese Arbeitslosen also erpressen. Sie können, sofern es keinen gesetzlichen Mindestlohn in ihrer Branche gibt, auf diese Weise das Lohnniveau drücken. Machen das nur ausreichende viele Unternehmen ausreichend lange, dann entsteht ein Niedriglohnsektor – und dieser Sektor löst einen Abwärtssog auf alle Lohn- und Gehaltsklassen darüber aus. Es ist ja ganz simpel nachzuvollziehen: Beträgt die unterste Lohnklasse 1000 Euro, dann die nächsthöhere 1.200, die darüber 1.400, usw. Sinkt die niedrigste Einkommensklasse aber auf 800.- Euro, dann werden auch die darüberliegenden sinken, oder stagnieren, oder nur langsamer steigen. Aus diesem Grund haben die Hartz-Reformen in der Bundesrepublik ja nicht nur einen Niedriglohnsektor entstehen lassen, sondern dazu beigetragen, dass auch die darüberliegenden „normalen“ Arbeitseinkommen nicht mehr gestiegen sind und damit die Ungleichheiten zwischen Niedrig- und Normalverdienern auf der einen, und den Spitzenverdienern auf der anderen Seite gestiegen sind. Solidarität mit Niedriglöhnern und Arbeitslosen ist gerade aus diesem Grund für Normal- und Besserverdiener nicht nur ein Gebot der Nächstenliebe, sondern in ihrem ureigenen Interesse. 
Aber all das zeigt auch: Progressive Politiker dürfen nicht blauäugig sein. Man wird nicht sofort alle Leute auf seiner Seite haben, wenn man für mehr Gleichheit plädiert. Menschen sind auf Kooperation gestimmt, aber auch auf Konkurrenz. Und in gesellschaftlichen Arrangements, in denen das Konkurrenzdenken stark ist, werden sie auch von dieser Konkurrenzmentalität angesteckt. Wenn sie zur unteren Mittelschicht zählen, wollen sie womöglich in die obere Mittelschicht aufsteigen. Noch mehr werden sie sich von jenen unter sich abgrenzen. Ihr Status ist ja davon abhängig, dass der Abstand zu den Statusunterlegenen gewahrt bleibt. All das muss man begreifen und ernst nehmen. Aber man darf sich dem auch nicht einfach beugen. Denn diese Statuskonkurrenz ist selbst zu einem erheblichen Teil schon Folge der Kampfesstimmung, mit der grob ungleiche Gesellschaften durchzogen sind. Je größer die Ungleichheit ist, und je notwendiger Solidarität somit wäre, umso mehr wird sie zur Mangelware. 
Umso
wichtiger aber ist es, sich klar zu werden: Was auch immer die Menschen an Vorstellungen über faire und unfaire Ungleichheiten im Kopf haben mögen, ist wichtig, gewiss, denn eine gleichere Gesellschaft werden wir nicht schaffen, ohne Menschen, die sich für sie einsetzen. Aber in einer egalitäreren Gesellschaft verändern sich diese instinktiven Fairness-Vorstellungen auch. Heute ist das Engagement für mehr Gleichheit eine Frage der Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Hegemonie. In einer solchen Auseinandersetzung spielen Argumente eine wichtige Rolle – und Fakten sind gute Argumente. Die Fakten aber sind, wie wir gesehen haben, glasklar und unbestreitbar: In Gesellschaften, die durch krasse Ungleichheiten zerrissen sind, sind beinahe alle Bürger unglücklicher, und umgekehrt sind in gleicheren Gesellschaften praktisch alle glücklicher. Es lebt sich in ihnen besser. Man ist physisch gesünder; aber auch mental, weil uns der Statuskampf seelisch kaputt macht. Gleichere Gesellschaften funktionieren ökonomisch besser, in ihnen wachsen der Wohlstand und die Produktivität schneller, in gleicheren Gesellschaften heißt wirtschaftliche Prosperität, dass sich das allgemeine Niveau hebt und alle etwas davon haben, so wie wenn sich das Meer hebt und alle Schiffe hochgehoben werden, die großen und die kleinen. Und Ungleichheit führt über den Vermögens-Schulden-Kreislauf zu gefährlicher Instabilität des Finanzsektors. 
Das sind die drei Gründe, warum gleichere Gesellschaften besser sind. Sie haben, gewissermaßen, ein Triple-A. 
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