12 Jahre FLUC: Lauter Leute, die einem bekannt vorkommen

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12 Jahre ist das Fluc, eine ganz besondere Location in Wien, gerade geworden. Die Fluc-Macher haben mich gebeten, zum unrunden Jubiläum einen Text für ein Buch über das Fluc beizusteuern. Das ist dabei raus gekommen. 
Der „Kaffeehausliterat“ spielt im Wiener Romantikfundus eine bedeutende Rolle. Wir alle kennen die Geschichten von den großen Feuilletonisten, Poeten oder Essayisten, die vor hundert Jahren in den Kaffeehäusern ihre Texte schrieben und zwischendurch heftige Debatten mit ihresgleichen und den mit ihnen verwandten Geschöpfen, den „Kaffeehausintellektuellen“ führten.  
Heute gibt es den Kaffeehausliteraten nicht mehr, und der Kaffeehausintellektuelle kommt auch nicht mehr vor, und wenn, dann nur als Insultierung: Kaffeehausintellektueller, damit meint man heute meist wenig ernsthafte Denker oder Denkerinnen, die groß daher schwadronieren, aber eigentlich nie etwas zuwege bringen. 
Aber ich muss an dieser Stelle eine Geständnis machen: Ich bin, wenn schon, dann am ehesten ein „Clubliterat“. Im Grunde habe ich zwei meiner essayistischen Sachbücher im „Fluc“ geschrieben. Erst mein Buch „Genial dagegen“, zu dem mich unter anderem die Beobachtung anstachtelte, dass „Kritik“, ein gewisser „rebellischer Habitus“ plötzlich mit Beginn der Nuller-Jahre wieder „hip“ wurde, nachdem sie lange als fad und abgetragen galten – als altmodisch wie ein schwabbeliger Hippie-Pullover. In „Alles Ware“ habe ich diese Beobachtungen ein paar Jahre später fortgeschrieben und darüber nachzudenken versucht, wie das funktioniert, dass der neueste Kulturkapitalismus heute selbst rebellische Energien sich als Ressourcen einzuspeisen vermag, wie selbst „Gegenkultur“ und „Underground“ ökonomisiert werden, wie Kultur ökonomisiert, aber damit auch die Ökonomie kulturalisiert wird – und darüber, wie schal, weil unscharf Begriffe wie „Gegen-“ oder „Alternativkultur“ grundsätzlich geworden sind in einer Gesellschaft, die längst nicht mehr von der einen konformistischen Mainstream-Kultur geprägt sind, sondern eher als Summe nebeneinander herlebender Lifestyle-Communities gedacht werden müssen, von denen die „Gegenkultur“ auch nur eine ist. Natürlich habe ich viel gelesen und recherchiert bei dieser Arbeit, und geschrieben habe ich natürlich brav daheim am Computer, aber auch einfach geguckt: Mir die Menschen angeguckt, die ihre Leben innerhalb dieser Kraftfelder leben, durch die diese Bruchlinien kreuz und quer durchgehen. Und die habe ich mir im Fluc angeguckt. Eigentlich habe ich nur geschaut und mir ausgedacht – vielleicht auch nur zusammenphantasiert – wie diese Menschen, in dem Fall irgendwelche Twentysomethings, ticken, mit ihren Adidasjacken aus den späten siebziger Jahren, die seinerzeit noch ausdrückten „Ich bin ein sportlicher Mensch und kann mir den teuersten Trainingsanzug leisten“, und die heute ausdrücken, „Ich bin ein schräger, unkonventioneller Typ, weil ich dieses Vintage-Teil trage, das alle tragen“. 

Knapp vor dem Morgengrauen bin ich betrunken nach Hause getorkelt und habe am nächsten Vormittag dann aufgeschrieben, was ich mir da zusammengeschaut und zusammengedacht habe.  
Es ist ganz klar, dass das Fluc, wie jede kulturelle Institution dieser Art in diesem Feld situiert ist, relativ unabhängig von den Zielen und Vorsätzen seiner Betreiber. Zunächst ist ja schon einmal unklar, was das Fluc überhaupt ist: Kunstprojekt? Kneipe? Musikschuppen? Natürlich von all dem ein bisschen was. Und von daher ist natürlich auch klar, dass sich hier ökonomische Zwänge und nichtökonomische Ziele kreuzen. Man will tun, was man für richtig hält, aber Miete und Honorare müssen bezahlt sein und auch Lieferanten wollen ihr Geld sehen. Aber das ist die banale Seite der Sache, wenngleich ich natürlich weiß, dass das für den Buchhalter nicht immer eine banale, sondern oft eine vertrackte Sache ist. 
Das Fluc wurde schnell ein Magnet für Leute, die a) irgendwie „links“ oder „dagegen“ oder „antikapitalistisch“ sind, b) Avantgardekunst prima finden, c) Musik hören wollen, die man nicht auf Ö3 hört, sondern eher auf FM4 und selbst da nicht, d) und so weiter. Kaum ist so ein Laden ein „Magnet“, ist er das, was man so salopp „angesagt“ nennt. Dann wollen alle hin. Weil dort die Post abgeht oder weil man dasteht wie ein Vorgestriger, wenn man noch nicht dagewesen ist. Das wiederum fordert das Distinktionsbedürfnis des hippen Kernpublikums heraus – denn wie kann man denn seine unkonventionelle Nicht-Mainstreamhaftigkeit ausdrücken, wenn die Normalos einem die Türen einrennen? Schnell also beginnen die Widersprüchlichkeiten, und mögen sie bloß so etwas wie die Folge des Fluchs des Erfolgs sein. 
In den Epochen einer konformistischen Mainstreamkultur, zu der sich die „Gegenkultur“ (oder Alternativkultur) in Opposition stellte, gab es diese Mechanismen gewiss teilweise auch schon, aber die Trennungen blieben gewahrt. Hier das Außergewöhnliche, Alternative, das Oppositionelle, die radikale Kultur, das Schräge – da das Normale, Konventionelle, oder die Hochkultur. Aber diese Trennungen sind längst obsolet geworden. Nur so als Beispiel: Früher gab es das Theater der Hochkultur, Burg- und Akademietheater, jenseits davon die freie Theaterszene, die neue Formen erprobte. Heute braucht es, wenn innovative Theatermacher neue Formen entwickeln, gerade noch ein paar Monate, bis sie in der Hochkultur angekommen sind. Das Energetische der Gegenkultur wird sofort in die Hochkultur eingespeist. René Pollesch, vom Werkstattraum in die Volksbühne ins Burgtheater, und das in nicht viel mehr als einer Spielzeit. Hochkultur ist heute oft die Subkultur, die erfolgreich geworden ist.
Die Zeit, in der man noch in der Überzeugung leben konnte, die Gegenkultur sei grundsätzlich das Andere des kapitalistischen Krämergeistes, ist einfach vorbei – schließlich erleben wir jetzt schon seit vierzig Jahren oder mehr, dass man von der Gegenkultur in die Welt der Celebrities hochsteigen kann und dass der Stil, den sie prägt, kannibalisiert wird. 
Bleiben wir bei meinem Gegucke. Das alte Fluc war, mehr noch als das neue, äußerst provisorisch. Daran war nichts gar so besonderes, jeder avancierte Club in Berlin oder New York sieht so aus: schnell zusammengeschweißter Tresen, viel Metall und Beton, unbehandelter Estrich am Boden, oder widerstandsfähiges Linoleum. Einen hohen „Grind-Faktor“ habe das Fluc, hat Armin Thurnher mal mit leiser Ironie geschrieben. In Clubs wie dem Fluc hat dieser Stil natürlich seine praktischen Gründe: Geld ist knapp, nach ein paar Renovierungs-Handgriffen wird der Betrieb aufgenommen. Minimale Eingriffe sind kostengünstig, kommen aber auch einer Ästhetik des Minimalismus entgegen. Das „Do it yourself“ ist das Punk-Prinzip, aber abgesehen davon auch praktisch, wenn das Geld fehlt. Und Trash bringt einen Mehrwert an Authentizität.
Nun können wir freilich schon seit einigen Jahren beobachten, dass in der „Designer Capitalist Society“ das Heruntergekommene nicht immer das Gegenteil des Kommerziellen ist. Irgendwann begannen selbst die Ladenbetreiber in den innerstädtischen Shoppingstraßen ihre Geschäftslokale aufwendig zu renovieren, nur damit die dann möglichst abgefuckt aussehen. Galerien, Modeschuppen, Möbelläden, sie alle mussten, wenn sie denn cool sein wollten, so heruntergekommen wie möglich erscheinen – koste es, was es wolle. Am besten kommen große Räume an, aus denen die Zwischenwände herausgeschlagen sind, mit möglichst viel Patina an den Wänden und abgeschabtem Steinwerk oder gar Industrieböden. Heute sieht beinahe jede Galerie, in der die High-Society einkauft, aus, wie früher die besetzten Häuser. 
Auch das Schäbige wird vermarktet, und das ist ein schönes Exempel dafür, wie der postmoderne Kulturkapitalismus alles zu vermarkten versteht. 
Wenn sich vor vierzig Jahren die Gegenkultur in den Brachlandschaften einnistete, schickten die Bürgermeister noch die Polizei – heute kommen die Experten für’s Stadtmarketing. Denn eine Prise Subkultur ist im Stadtmarketing von heute zwingend vorgeschrieben. Was eine moderne Metropole sein will, konkurriert um Touristen, aber auch um Medienleute, Künstler und andere Cultural Creatives, die einer Stadt einen gewissen „Flair“ geben und um die Manager der großen internationalen Konzernen, die auch allesamt nicht in hochpolierten, sauber geschrubbten Städten leben wollen, in denen die Bürgersteige um Mitternacht hochgeklappt werden. Und die wissen längst: Mit „Sauberkeit“ und „Sicherheit“ und „kulturellem Erbe“ alleine ist dieser „Standortwettbewerb“ nicht zu gewinnen, dafür braucht es schon das Vibrierende, für das die Gegenkultur sorgt. Es ist kein Wunder, dass im kulturpolitischen Manifest des Wiener Kulturstadtrates der Satz steht (es ist schon deshalb kein Wunder, weil ich ein bisschen daran mitgeschrieben habe): „Dies, was man nun auch schon traditionell Subkultur nennt, ist ein Innovationsmilieu.“ Und selbst die Tourismusexperten wissen, dass man mit dem „kulturellen Erbe“ keine Touristen anzieht, mit der „lebendigen Gegenkultur“ aber schon, und sei es bloß aus einem banalen Grund: die „lebendige Gegenkultur“ muss man in dieser Saison sehen, weil sie in der nächsten schon wieder verschwunden sein kann, das „kulturelle Erbe“ läuft einem aber nicht davon. Ein Satz, den übrigens nicht ich mir gerade ausgedacht habe, sondern den tatsächlich, höchstens etwas anders formuliert, der Wiener Tourismuschef gesagt hat – und der hat, um zu solchen Einschätzungen zu kommen, Marktstudien bei der Hand.  
Man kann jetzt sagen: Das sind alles Äußerlichkeiten. Was ist mit den Leuten? Aber schon diese Trennung ist natürlich ein bisschen fragwürdig. Äußerlichkeiten entscheiden oft, ob etwas belebt wird, also Innenleben entwickelt. Also: Äußerlichkeiten entscheiden über das Innenleben. Oder Äußerlichkeiten prägen das Innenleben, wie das Innenleben die Äußerlichkeiten prägt. 
Wie tickt also das Milieu, das Publikum? Dies ist eine Frage, die schon deshalb von Relevanz ist, weil Clubbetreiber wie die des Fluc, so scheint mir jedenfalls, ihre Gäste nicht bloß als Kunden sehen. Sie wollen ja etwas mit ihrem Schuppen und leiden gelegentlich an ihrem Publikum. Sie träumen vom Diskursiven – und das Publikum will womöglich letztendlich doch nur Entertainment. Aber das stimmt so ganz ja doch nicht. Das Publikum will sein Entertainment natürlich an einem Ort, der von einem bestimmten „Geist“ geprägt wird, in Räumen, die kulturell codiert sind, in dem mehrheitlich Leute sind, die so sind wie sie. Man geht dort hin, weil man voraussetzt, dort „Ähnliche“ zu treffen. Man hat ja seinen Grund, warum man nicht in den Praterdome oder sonstwohin geht. Wir entscheiden uns fü
r „Stilgemeinschaften“, denen wir angehören wollen, so dass man, wie der Soziologe Gerhard Schulze einmal schrieb, überall auf Personen stoßen kann, „die man zwar nicht kennt, die einem aber schon wegen ihres Konsumverhaltens bekannt vorkommen“.
Nun hat schon dieser Umstand etwas Fragwürdiges: Jede Lifestylecommunity hat ihre eigenen Orte und bleibt unter sich. Grenzüberschreitungen kommen vor, bleiben aber in einem gewissen Rahmen. Als kritischer Geist ist man theoretisch für die Vermischung von Milieus, praktisch ist man aber doch recht froh, unter sich zu bleiben – der Zusammenprall der Lifestyle-Kulturen führt ja doch nur zu Ärger und Stress und wenn der Überhand nimmt, müssen Securities engagiert werden. 
Man soll all das übrigens, bitteschön, nicht als höhnische Verächtlichmachung verstehen. All diese Widersprüchlichkeiten und Inkonsequenzen gehen durch uns alle hindurch, also auch durch den Autor. Man kann das Verlogenheit nennen, aber man kann auch sagen, ein Leben in der puren Konsequenz macht auch keinen Spaß. Ja, klar, wir sind für das gute in der Welt und kaufen unsere Klamotten doch bei H&M. Die Bücher bringt auch der Bote von Amazon und nicht der kleine Buchhändler des Vertrauens. Weil’s ja deutlich bequemer ist. Die Inkonsequenz kann unernst sein, aber vergessen wir nicht, auch die Konsequenz lässt sich oft nur mit Ironie ertragen. Wenn man um vier Uhr früh nach zehn doppelten Whiskys am Tresen von einer Gesprächspartnerin, die man drei Sekunden vorher kennen gelernt hat, mit einer Suada über die Verbrechen des Kapitalismus zugetextet wird, was einem im Fluc leicht passieren kann, dann freut man sich nicht nur über den Ernst des Gegenübers, also ich jedenfalls, ich werde dann schnell nervös und bekomme Ausschläge. Wir wissen das doch alles, und lassen uns den Spaß doch nicht verderben. 
Damit sind wir natürlich die prädestinierten Konsumenten des Kulturkapitalismus, der uns nicht nur Waren, sondern auch Codes, Stil, ein Lebensgefühl, Identitäten, das was wir sein wollen, verkauft. Wie willst Du sein? Kritisch, kulturaffin, irgendwie anders als die Meute? Oh, da hätten wir für Dich dieses hübsche Teil im Angebot, diese Turnschuhe würden sich noch gut dazu machen, und dieses Buch und diese Platte musst Du auch unbedingt dazu haben. Auch die Konsumkritik kann in diesem Kontext zum Konsumgut werden.
Und wer in diesem Kontext ein „Anbieter“ ist, ist, was immer seine Vorsätze sein mögen, auch ein „Marktakteur“.
Vielleicht übertreibe ich das ja alles ein wenig. Die Alternativkultur ist auch nur „ein Angebot“ unter vielen, so wie „Dancing Stars“? Das nun kann man ja auch nicht wirklich behaupten. Bei „Dancing Stars“ sind Quote und Entertainment die einzigen Kategoriensysteme. Die Alternativkultur hat doch noch einige mehr und ihr widerständiger Stachel ist ihr auch nicht vollends auszutreiben, auch wenn sie selbst Konsumgüter produziert (er kann ihr gar nicht ausgetrieben werden, denn wäre es so, würde sie vollends unglaubwürdig und dann würde niemand diese Güter nachfragen, weshalb der, der in diesem Feld unglaubwürdig wird, bald scheitern wird). Aber all diese Widersprüchlichkeiten existieren, alle wissen über sie Bescheid, und sei es nur instinktiv, weshalb die Ironie der vorherrschende Sound geworden ist. Wenn ich weiß, dass jeder Akt, den ich setze, Folgen und auch unintendierte Nebenfolge hat, die meinen Absichten immer auch entgegenwirken – ein Wissen, das sich nur durch halsstarrige Ignoranz abweisen lässt -, dann habe ich ja nur zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: entweder zu verzweifeln ob dieser buchstäblich tragischen Situation, oder mich ironisch in ihr zu situieren. Die Gefahr ist dann natürlich, dass man sich im ironischen Weltbewusstsein einrichtet und allem gegenüber einen augenzwinkernden Unernst entwickelt. Aber auch alle Versuche, der Ironie zu widerstehen haben ihre Risiken. Eine der Risiken, denen sich Alternativ- und Gegenkultur immer ausgesetzt sieht, ist, sich zu überleben. Es ist ja nicht leicht, als Institution, die einmal auf der Höhe ihrer Zeit war, auf dieser auch zu bleiben. Institutionen haben ein Moment von Trägheit und was heute frisch erscheint, kann schon in wenigen Jahren verstaubt wirken, wenn es sich nicht wandelt, was immer auch heißt, anschmiegt an neue Trends. Dass niemand dem Fluc vorwerfen würde, es sei „altmodisch“, ist keine Selbstverständlichkeit bei einem Laden, der gerade seinen zwölften Geburtstag feiert. 
Trotzdem, nach zwanzig oder mehr Jahren postmoderner Ironie müssen wir auch sagen: Auch das ewige Hintergrundrauschen der Dauerironie nervt. Und so müssen wir auch sagen: Was immer wir tun, welches Weltverhältnis wir eingehen: Es ist das Falsche. Das ganz Richtige ist nicht im Angebot und das überwiegende Richtige ist nur tastend zu ergründen. Aber das ist ja nicht so schlimm. Klar, man wird den Zustand der Zufriedenheit nicht erreichen. Aber Zufriedenheit ist ohnehin nicht erstrebenswert. Unzufriedenheit ist ja die größte Produktivkraft. Gesellschaftliche Veränderungen, aber auch Revolutionen in der Kunst, in Stil und Form, wurden ja nie vollbracht, weil jemand zufrieden war, sondern weil jemand unzufrieden ist. Es ist ja die Unzufriedenheit, die uns anstachelt. 
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