Das Ereignis Piketty

Schon ist vom „Buch des Jahrzehnts“ die Rede, von der „Piketty-Revolution“. Ein Buch mischt die globale wirtschaftspolitische Debatte auf. 
Eine „intellektuelle Sensation“ sei das, jubelt die New York Times, und auch Martin Wolf, der Starkommentator der „Financial Times“ ist ganz ergriffen: „außerordentlich wichtig“, schreibt er, sei dieses Buch. Paul Krugman, der linke, keynesianische Wirtschaftsnobelpreisträger nennt die Arbeit „eine Erleuchtung“ und spricht bereits von der „Piketty-Revolution“. Dieses Buch werde „die Art, wie wir über unsere Gesellschaft denken und die Wirtschaftswissenschaft verändern.“ Und der linke Essayist Will Hutton sekundiert im Guardian: „Man muss in die 1970er zu Milton Friedman zurückgehen, um einen Wirtschaftswissenschaftler zu finden, der einen solchen Einfluss ausübte.“ Für die FAZ ist Piketty schlicht „der neue Star“. Der amerikanische Finanzminister hat das Buch auch studiert, und der Papst, ist zu hören, liest es gerade. 
Bei Büchern, die eine solche Aufnahme erfahren wie Thomas Pikettys „Capital in the 21st Century“, hat eine Rezension beinahe etwas Unangemessenes. Das eigentliche Ereignis ist die Rezeption, die es erfährt. Eine solche Rezeption lässt sich mit dem Erkenntnisgewinn oder der Originalität eines Buches allein überhaupt nicht mehr erklären. Sondern: Etwas ist offenbar in der Luft gelegen. 

Das ist umso augenfälliger, da der Hype um Pikettys grandiose Studie und die Originalität seiner Erkenntnisse ja in einem merkwürdigen Kontrast zueinander stehen. Das Buch, das man am ehesten als wirtschaftshistorische Großstudie charakterisieren kann, weist nach: Vermögen konzentriert sich. In nahezu allen entwickelten kapitalistischen Ländern besitzen die obersten 10 Prozent heute wieder mehr als 60 Prozent aller Vermögen – und das oberste 1 Prozent konzentriert seinerseits allein über 30 Prozent. Die Mittelschicht erodiert. Und die unter Hälfte besitzt nichts. 
Das haben wir allerdings schon vor Pikettys monumentalen Wälzer gewusst. Was das Buch so speziell macht, ist die ungeheure empirische Materialfülle, das Zwingende seiner Beweißführung, und drittens sein Nachweis, dass das im Kapitalismus unter normalen Bedingungen einfach so sein muss: Wenn es nicht überdurchschnittlich hohes Wachstum, hohe Besteuerung von Kapital und dessen Erträgen und sonstige außergewöhnliche Faktoren gibt, dann ist die Kapitalrendite immer größer als die Wachstumsrate und damit der Zuwachs bei Löhnen, Gehältern und sonstigen „normalen“ Einkommensarten. Aufstieg durch Arbeit? Gibts allenfalls in homöopathischen Dosen. In der Realität scheißt der Teufel immer auf den größten Haufen. Piketty zeigt, „dass der Kapitalismus von sich aus keine natürlichen Regelmäßigkeiten aufweist, die Ungleichheit begrenzen. Wohl aber kann sie ständig zunehmen“, formuliert sein Ökonomen-Kollege Giacomo Corneo (siehe nebenstehendes Interview). 
Bleiben die vorherrschenden Tendenzen unverändert, dann wird in ein paar Jahrzehnten wieder jener bizarre Grad an Ungleichheit erreicht sein, wie er Ende des 19. Jahrhunderts herrschte: Eine Oligarchie der obersten 10 Prozent besitzt 90 Prozent der Vermögen, diese vermehren sich ohne großes Zutun und werden vererbt. Leistung, die sich lohnt? Fehlanzeige. „Es ist schwer, sich eine Ökonomie vorzustellen, die damit fortfährt, unbegrenzt so zu funktionieren, ohne dass extreme Konflikte zwischen den sozialen Gruppen entstehen“, ist Piketty sicher. 
In den vergangenen Jahrzehnten entstanden überall „politische Regimes, die objektiv privates Kapital begünstigen“. Durch den Wettlauf nach Unten – Stichwort: Standortwettbewerb – wurde Kapital gegenüber Arbeitseinkommen sogar noch privilegiert. Pikettys Plädoyer ist, das wieder umzudrehen. Durch Erbschaftssteuern, global konzertierte Steuerharmonisierung, eine progressive globale Kapitalsteuer (global im Sinn von international akkordiert, aber von den Nationalstaaten bzw. der EU eingehoben), die flach beginnt und bei den höchsten Vermögen konfiskatorisch wirkt. Das hat dem Autor schon den Vorwurf eingehandelt, seine Vorschläge seien absolut unrealistisch. 
Aber so unrealistisch ist das gar nicht. In Europa gibt es einen Druck durch die Realität, in eine höhere Besteuerung von Vermögen zumindest einzusteigen: Die hohen Staatsschuldenstände können sonst gar nicht abgebaut werden. Die wechselseitigen Abkommen gegen Steuerhinterziehung, die in den vergangenen Jahren zwischen den einzelnen Staaten geschlossen wurden, machen es außerdem zunehmend schwieriger, Geld in Steueroasen einfach anonym zu parken. In praktischer Hinsicht ist heute eine Besteuerung von Finanzvermögen völlig unkompliziert. 
Es soll utopisch sein, dass man für’s erste den „Steuerwettbewerb“ in den EU beendet, Arbeitseinkommen entlastet und etwa mit Erbschaftssteuern gegenfinanziert? EU-Europa hat sich vor zwanzig Jahren darangemacht, die nationalen Währungen abzuschaffen und durch eine Einheitswährung zu ersetzen. Dagegen ist die Idee akkordierter Steuerstandards für Kapital und dessen Erträge nun wirklich keine phantastische Vorstellung. 
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