Kritik des Erfolgs

Was ist schlecht an Kreativität, Effizienz, Leistung und Kompetenz? Nichts und sehr viel zugleich. Der Standard, 6./7. September 2014 

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Sie werden beobachtet. Sie schauen auf Dich. Und das ist ja eine schöne Sache, dass wenigstens irgendjemand auf Dich schaut. Schau auch ein bisschen auf Dich. Wenn jeder auf sich selbst schaut, dann ist auf jeden geschaut. Aber auf manche wird eben mehr geschaut. Die Sichtbarkeit ist nicht demokratisch verteilt. In einer Gesellschaft, in der du stets von anderen beobachtet und beurteilt wirst, ist die erste Pflicht, dich stets selbst zu beobachten und zu beurteilen. Selbstreflexion ist eine Tugend, gewiss, aber sie ist auch die Voraussetzung für Erfolg, also dafür, besser als andere zu sein, sie zu überflügeln und auszubremsen, und somit auch eine Untugend. Wo die Tugend in Untugend umschlägt? Man weiß es nicht, in einer Welt, die stets Liebe in Hass, den Hass in die Liebe, die Tugend in Laster und das Laster in die Tugend verwandelt. 
Es gibt ja ein paar Dinge, bei denen wir uns schnell einig sind, dass sie kritikwürdig sind – einig mit fast allen unseren Mitmenschen, oder zumindest mit unserer Peer-Group, oder wenigstens mit uns selbst. Die Gier, die Umweltzerstörung, die Praktiken der Banken, das Fernsehprogramm oder überhaupt der Kapitalismus. Worte selbst fällen das Urteil: Gier ist böse, das steckt da drin in dem Begriff, das Urteil kriegt man da nicht raus, das schafft der ärgste Wallstreet-Banker auf Koks nicht, dieses Urteil raus zu kriegen. Andere Begriffe sind neutral. Und wieder andere sind doch durchwegs positiv besetzt. Erfolg. Kreativität. Leistung. Kompetenz. Effizienz. „Kritik des Erfolgs“ oder „Ein Loblied dem Versagen“ oder „Ein Hoch auf die Ineffizienz!“ – wie klingt das denn schon? 

Ich frage mich aber dennoch immer wieder, ob wir diese Begriffe nicht einer Kritik unterziehen müssen, einer Kritik, die wir nicht gerne hören womöglich; weil eine Kritik von Leitbildern, denen wir selbst folgen, und zwar, weil wir gar nicht anders können, als ihnen zu folgen, uns notgedrungen verdammt nahe kommen muss. Ausbeuter sind immer die anderen. Aber kompetent, erfolgreich, effizient und kreativ, das sind wir doch selbst, oder wollen es zumindest sein. Wir mögen den Druck gelegentlich kritisieren, der von diesen Anforderungen ausgeht, aber in dem Fall sind wir immer ins Kritisierte verstrickt. Wir sind Täter und Opfer zugleich. 
Ja, wir. Sie und Sie und ich. Wir wissen doch alle: Wollen wir etwas erreichen, also Erfolg haben, müssen wir zuallererst Erfolg darstellen. Schon im Teenageralter lernen wir zu „performen“, und wir wissen insgeheim auch, dass wir alle irgendwie Poser sind. Okay, die anderen noch mehr. Es findet sich immer Andere, die noch mehr posen. Die besonders peinlichen Namedropper. Die extrem aufgeblasenen Typen. Die Nervensägen, die stets nur von ihren Siegen sprechen. Wir hingegen tun nur das Notwendige, ohne dem man heute nicht durchs Leben kommt. 
Falls Sie das für ein neues Phänomen halten, so wird Sie überraschen, dass schon 1930 ein Soziologe Namens Gustav Ichheiser (was für ein Name übrigens in diesem Zusammenhang) eine kleine Schrift mit dem Titel „Kritik des Erfolges“ geschrieben hat. Erfolg, so seine These, verdanke sich hauptsächlich einem Machiavellismus des Alltags, bei dem Rücksichtslosigkeit, Reklame, Bluff und Protektion den Sieg davontrügen. 
Und doch sind wir längst über die 1930er hinaus. Erfolg ist etwas anderes als Leistung und koppelt sich von dieser in einer mehr und mehr immateriellen Ökonomie vollends ab – das ist in etwa die These, die der deutsche Sozialforscher Sighard Neckel vor einigen Jahren in seinem Buch „Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur in der Marktgesellschaft“ vertreten hat. Erstens dringt die Erfolgskultur von der Arbeitswelt in alle Lebensbereiche ein, und zweitens ist Leistung immer weniger objektiv zu beurteilen. Sie wird also zu einer „Zuschreibungskategorie und entsteht im Medium der Wertungen Dritter. Erfolge müssen auffallend sein und möglichst frappant dargstellt werden.“ In dieser „performativen Ökonomie“ sind wir alle „Eindrucksmanager“, denen es vor allem um Beobachtungen zweiter und dritter Ordnung gehen muss: Wie sehen mich die anderen? Nehme ich realistisch wahr, wie die anderen mich sehen? In diesem Wettbewerbsindividualismus herrschen die drei Grundfragen, die die Kulturkritikerin Susan Faludi formuliert hat: „Are you known? Are you sexy? Had you won?“
Jeder muss am besten in jedem Lebensbereich ein „Erfolgreicher“ sein, aber die Tragödie des Erfolges ist, dass Erfolg und Misserfolg einander bedingen. Neckel: „Je süchtiger eine Gesellschaft nach dem Erfolg greift, umso mehr Konkurrenten wetteifern um ihn, was eine zunehmende Anzahl von Aspiranten leer ausgehen lässt.“ Denn wenn alle Erfolg haben, „hat ihn keiner“. 
Der Erfolg braucht sein Gegenteil, und will doch mit diesem nicht in Berührung kommen. Es ist in dieser Kultur angelegt, die Menschen in Gewinnertypen und Loser zu sortieren. In jene, die uns nützen können, und in jene, die das nicht tun. Nein, schlimmer noch, sagen wir es in der brutalen Offenheit: die uns nicht nur nicht nützen, sondern die uns schaden, weil bisweilen schon die bloße Tatsache, mit den Losern auf der Straße gesehen zu werden, die Gefahr heraufbeschwört, dass ein Teil ihres Loserseins auf uns abfärbt. 
Nun umfasst all das, wie erwähnt, nicht nur das Arbeitsleben, sondern nahezu alle Arten sozialer Praktiken, was die Sache besser und schlechter zugleich macht. Schlechter, weil wir dem Hamsterrad der Statuskonkurrenz nicht einmal im Freundeskreis entkommen. Besser, weil sich die Milieus ausdifferenzieren,  und wir jene Gruppen hinter uns lassen können, deren Erfolgskulturen nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmen. Nur: Ohne Erfolgskultur ist kein Milieu. Auch unter den Saufpunks gibt es die Checker, oder in feministischen Unibasisgruppen (die alle zusammen mackerhaftes Posertum verdammen würden) gibt es die Zentralfrauen, also die Erfolgreichen ihres Milieus, obwohl beispielsweise aus der Perspektive von Investmentbankern alle Punks und alle linken Studentinnen Loser sind. Die Milieus differenzieren sich aus, und in jedem gelten andere Regeln und Kriterien, aber doch sehr ähnliche feine Unterschiede. Im Notfall kann man die Peergroup wechseln, was meist aber nicht leicht möglich ist. Ein Loser unter den Bankern kann natürlich versuchen, ein Held unter den Punks zu werden. Sehr häufig passiert das aber wohl nicht. 
Wenn sich diese Muster heute auf alle Arten sozialer Praktiken beziehen, dann heißt das aber natürlich auch: Auf das ganze Leben. Der Darmstädter Philosoph Andreas Gelhard weist in seiner kleinen Denkschrift „Kritik der Kompetenz“ darauf hin, dass der moderne Kompetenzbegriff so ziemlich alle denkbaren Fähigkeiten umfasst – ganz anders als etwa Intelligenz, ein Begriff, der „immer auf den Bereich der kognitiven Fähigkeiten beschränkt blieb“, oder eine Vorstellung von „Fertigkeiten“, die mit klar umrissenem praktischen Können verbunden ist. „Kompetenz“ dagegen meint ein Bündel von „fachlichen, sozialen, personalen, moralischen und emotionalen Kompetenzen“. Indem Menschen als „kompetent“ adressiert werden (und andere im logischen Umkehrschluss als inkompetent), ist derjenige oder diejenige, der oder die den Kompetenzansprüchen nicht genügt, nicht bloß als Mathematiker oder Geigenbauerin, sondern gleichsam vollends im Leben, „als Mensch“ gescheitert. Kurzum: Diese Kultur produziert mit dem Könner den vollends Unfähigen gleich mit. 
Die Pflicht zum Erfolg markiert heute einen Kampf, der nie endgültig gewonnen ist und stets auf des Messers Schneide steht. Der eine Erfolg ist dem Erfolg nie beschieden – dass man sich endgültig auf ihn verlassen kann. Kursstürze sind nie auszuschließen, dass nachfolgende Generationen zum Überholmanöver ansetzen, ist umso wahrscheinlicher in einer Welt, in der auf den Schutzwall des Senioritätsprinzips kein Verlass mehr ist. Ruhelose Gehetztheit macht sich breit. Das Burnout ist die paradigmatische Krankheit des Zeitalters. Noch der Begriff selbst ist infiziert vom Geist der Erfolgsgesellschaft. Anders als der Depression muss sich, wem der Burnout ereilt, seiner Krankheit nicht schämen. Im Gegenteil. Er kann sie wie ein Verwundetenkennzeichen der Leistungsgesellschaft tragen. Wer ausgebrannt ist, muss vorher ja für etwas gebrannt haben, ist also kein Low-Performer, sondern ein Überperformer, was ja ein ruhmenswürdiger Defekt ist.
Wir könnten den Parcours der Begriffe nach dem Muster fortsetzen: Effizienz, die ja erstrebenswert ist, schlägt um in einen Terror von Takt und Zeit, der genau das verhindert, was sie garantieren soll – nämlich innovative, originelle Lösungen. Kreativität, die wir uns alle wünschen, wird bis zum Letzen ausgebeutet und schlägt um in Selbstknechtung, dürfen wir doch nie im Leben Mittelmäßiges oder Durchschnittliches produzieren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Dass in diesen Begriffen „etwas Falsches“ drinsteckt, heißt nicht, dass ihr Gegenteil richtig wäre. Manche Dinge sind auf so komplexe Weise falsch, dass auch ihr Gegenteil nicht richtig ist. 
Gesellschaftliche Wettbewerbsmärkte mit ihren Zentralbegriffen Erfolg, Kompetenz, Leistung, Effizienz und Kreativität spannen also ein Kraftfeld auf, eine Matrix, in der wir modelliert werden und uns selbst ummontieren. Nicht alles daran ist schlecht. Kreativität ist besser als unkreativer Trott. Anerkannt werden in den Augen von anderen ist schön, und es zu erstreben ist kein Charakterfehl
er. Aber doch etabliert sich eine gesellschaftliche Bühne, und, wohlgemerkt, wir zimmern alle tagtäglich an ihr mit, „auf der bestimmte Typen der Persönlichkeitsentwicklung belohnt und andere bestraft werden“, wie der amerikanische Ökonom Sam Bowles schrieb. „Indem wir lernen, in so einer Umgebung zu funktionieren, werden wir zu jemandem, der wir unter anderen Umständen nicht geworden wären.“ 
Womöglich sind es diese schönen Sehnsuchtsbegriffe wie Erfolg, Leistung, Kreativität, mit denen wir uns, ohne es zu ahnen, neue gesellschaftliche Pathologien eingehandelt haben: die grassierende Gereiztheit, die Shitstorms, all den Neid, die wir auch als Rache an all jenen verstehen dürfen, die mehr Aufmerksamkeit haben, als ihnen zusteht, jedenfalls in den Augen derer, die überzeugt sind, sie hätten weniger davon, als ihnen zustünde. All das und noch einiges mehr haben wir uns mit unserer Erfolgskultur eingehandelt, und wenn ich auch nicht weiß, ob man daran leicht etwas ändern kann, ist es sicher kein Schaden, es mit klaren Augen zu sehen. 
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