Gewaltfreiheit, die stärkste Kraft der Welt

Vor dem Akademikerball: Ein nüchterner Blick auf die Militanzfrage – friedlich bleiben ist in aller Regel einfach effektiver. Falter, 29. Jänner 2015

Jetzt steht wieder der Reigen an Akademikerball-Demos an, und wie gewohnt gibt es schon im Vorfeld die leidigen „Gewaltdebatten“ – und möglicherweise auch hinterher, sollte es wieder zu Randale kommen. Da wird dann wieder vor der Distanzierung von Militanten gewarnt (oder gerade dieselbe angemahnt) werden. Natürlich spielen auch Emotionscocktails eine Rolle – manche finden ein wenig Randale richtig cool, die meisten fühlen sich dagegen einfach wohler, wenn es friedlich bleibt. Aber es schwingt bei diesen Debatten auch oft ein implizites Urteil mit: Dass man, wenn man entschieden etwas durchsetzen will, einfach Gewalt in Kauf nehmen muss. So von der Art: Die Friedlichen sind eben Warmduscher. Friedlicher Latschprotest verpufft. Kurzum: Die Idee, dass gewaltfreier Protest weniger effektiv sei als militanter; dass man es mit „braver“ Gewaltfreiheit eben zu nichts bringe.

Die Frage ist allerdings: Stimmt das überhaupt?

„Die Gewaltfreiheit ist ein Waise“, sagt Taylor Branch, der Biograph Martin Luther Kings. Und er meint damit: Die gewaltfreie Proteststrategie der von King angeführten Bürgerrechtsbewegung war einige Jahre ein durchschlagender Erfolg, sie wurde dann aber sehr schnell lächerlich gemacht. Weiße Radikale haben sie verlacht, schwarze Radikale ebenso. Nach dem Motto: Dieses „die andere Wange hinhalten“ von King sei eine Strategie für Schwächlinge, schließlich komme die Macht nun einmal aus den Gewehrläufen. Dabei, so Branch, war die Strategie der Gewaltfreiheit eine echte intellektuelle Revolution, die den Erfolg erst ermöglicht hat, wohingegen das Umschwenken auf militantere Formen es der Obrigkeit dann erlaubt hat, die Protestierer gesellschaftlich zu marginalisieren.

Simpel gesagt: Gewaltfreiheit hat Erfolg, Gewalt ist dagegen eine Loser-Strategie.

Arash und Arman T. Riahi, zwei iranischstämmige Österreicher, haben vergangenes Jahr den elektrisierenden Dokumentarfilm „Everydays Rebellion“ in die Kinos gebracht, der eine Hommage an die verschiedensten linken und demokratischen Bürgerbewegungen auf der ganzen Welt ist (von Teheran über Syrien bis New York und London), in Wirklichkeit aber ein Dokument der Kraft gewaltfreien Widerstandes. Schon am Beginn heißt es: „Entgegen allgemeiner Meinung ist nicht die Gewalt die größte Kraft. Gewaltfreiheit ist es.“

Die linke amerikanische Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth hat die Geschichte des Protestes untersucht. Natürlich nicht alle Protestbewegungen, die die eine oder andere Forderung in ihren Gesellschaften durchsetzen wollen, sondern primär solche, die wirklich weitreichende Änderungen forderten: Also den Sturz der Regierung oder die Befreiung eines Territoriums etwa von Besatzung. Sie hat alle solche Bewegungen seit 1900 katalogisiert. Ihr Ergebnis: Der überwiegende Teil der „erfolgreichen“ und „teilweise erfolgreichen“ Bewegungen waren gewaltfreie Kampagnen, während diejenigen Kampagnen, die gewalttätige Formen favorisierten (oder Gewalt als Teil ihrer Strategie einsetzten) in der überwältigenden Mehrheit scheiterten. Und, noch eine Erkenntnis: Diese Diskrepanz nimmt im Zeitverlauf noch zu. In den letzten 30 Jahren war praktisch keine Gewaltkampagne mehr erfolgreich, praktisch alle erfolgreichen Protestbewegungen waren gewaltfrei.

Die Gründe dafür sind vielfältig, liegen aber auf der Hand: Heute sind politische Kampagnen noch viel mehr als früher „Bilderkriege“ in einer medialen Öffentlichkeit. Reagiert eine Obrigkeit (in autoritären Despotien, aber natürlich auch in Demokratien), mit polizeilicher oder gar militärischer Repression auf gewaltfreie Protestler, dann wird sie das meist in den Augen der Bürger delegitimieren. Setzen aber Protestbewegungen auf Gewalt, verlieren sie öffentliche Unterstützung und normale Bürger sehen Repression als gerechtfertigt an. Chenoweth: „Gewaltstrategien sind exklusiv. Sie schließen die große Mehrheit der Bürger, die Angst vor Gewalt haben, aus, und verhindern daher breite Protestbewegungen. Gewaltfreie Proteste erleichtern, dass ambivalente Bürger gewonnen werden und führen sogar zu einer Zersetzung der herrschenden Kaste. Polizeioffiziere weigern sich dann oft, in die Menge zu schießen, weil ihre eigenen Kinder demonstrieren.“ Man denke an die in der Regel gewaltfrei verlaufenen Revolutionen in Osteuropa, aber auch an die paar „Arabellions“, die noch nicht gescheitert sind – wie etwa in Tunesien.

Natürlich gibt es extreme Unterschiede, was die Umstände betrifft: Protest in blutigen Diktaturen ist etwas anderes als Protest in weniger repressiven Despotien oder in Demokratien. Hat der Protest die Unterstützung durch die Mehrheit oder ist es der Protest einer kleinen Minderheit, die erst die Mitte der Gesellschaft auf ihre Seite ziehen muss? Mahatma Gandhis passiver Widerstand in Indien (wo 95 Prozent der Bevölkerung das Ende kolonialer Herrschaft wünschten) entfaltete sich in einem anderen Klima als Kings Bürgerrechtsbewegung, die von der Minderheit einer Minderheit ausging. Weder gibt es ein allgemeingültiges Gesetz noch ein Muster, das für alle Umstände zutrifft.

Und doch ist es eine Regel der neueren Protestgeschichte: In der überwältigen Mehrheit der Fälle ist Gewaltfreiheit allein schon aus Effektivitätsgründen zu bevorzugen, weil militante Gewaltstrategien ein Weg in die fast sichere Niederlage sind.  blogwert

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Ein Gedanke zu „Gewaltfreiheit, die stärkste Kraft der Welt“

  1. Gewaltfreiheit braucht eben mehr Cojones wie der Spanier sagt (hat aber nix mit Machismo zu tun), das ist für viele wirklich schwer zu verstehen und nachzuvollziehen.
    Angst wird leicht und schnell mit Gegegengewalt kompensiert, aber mit ungleich schlechteren Ergebnissen.

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