Das hysterische Zeitalter

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz am Wochenende.

Dass die Begriffe „historisch“ und „hysterisch“ sich buchstabenmäßig so nahe sind, hat ja schon zu manchem Bonmot Anlass gegeben, darunter zu Appercus, die gendermäßig heutzutage überhaupt nicht mehr korrekt sind, aber überhaupt nicht mehr. „Hier kommt der hysterische Materialismus“, soll Victor Adler bei irgendeinem Treffen der Sozialistischen Internationale gesagt haben, als ihm Rosa Luxemburg mit ihren Mitstreiterinnen begegnete.

Manche geschichtliche Augenblicke sind „hysterische Momente“, könnte man auch sagen, und das gefällt mir auch jenseits des Wortgeblödels, weil darin eine Wahrheit steckt. Das Hysterische hat dann ganz materielle Folgen.

Bei uns in Österreich hat ja der rechtsradikale Kandidat für die Bundespräsidentschaft gerade 35 Prozent gewonnen. Das hat natürlich eine Vielzahl an Gründen, aber eine der Ursachen ist auch ein hysterisches öffentliches Klima. Ein Stakkato der Berichterstattung, das den Eindruck erweckt, das Land sei an der Schwelle zu einem „Failed State“, eine einzige No-Go-Area, in der afghanische und nordafrikanische Männergangs flächendeckend vergewaltigend und mordend durch die Gegend ziehen; eine Unsicherheitszone, in der man sich, sobald man den Fuß vor die Haustür setzt, sich schon in akute Todesgefahr begibt. Aus Sicht dieser medialen Konstruktion sind das Zustände, die von einer verbrecherischen Politik hergestellt wurden, von Eliten, die nichts anders im Sinne haben, als das Volk zu quälen, es zu unterdrücken, ihm das Wort zu verbieten.

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So wie die Wähler der Rechtsradikalen erst durch die Panikstimmung zu ihrem Wahlverhalten gebracht werden, so verfällt auch die Gegenseite in Panik. Überspitzt formuliert: Während die einen Angst vor den Ausländern haben, haben die anderen Angst vor den Rechtsradikalen, davor, dass das Land endgültig auf eine schiefe Bahn gerät, Richtung autoritärem Regieren, dass jetzt alles kurz und klein geschlagen wird und unsere gewohnte Welt unter geht.

Es zieht eine Schrillheit ein, in der dann die Rufe kommen, dass man in diesem völlig gespaltenen Land doch wieder damit anfangen müsste, über Gräben hinweg zu reden, dass man sich doch nicht nur anschreien, sondern einander zuhören müsse, aber das sind blauäugige Forderungen, da das im Modus des Hysterischen gänzlich unmöglich ist. Der irrationale Überschwang des Panikgeredes führt zur Forderung, dass man doch wieder ruhig miteinander reden müsse, aber gerade der irrationale Überschwang macht das völlig chancenlos.

Der Irrsinn regiert, und es ist ja noch nicht einmal so, dass das Land nur in zwei Lager gespalten wäre. Die beiden Lager sind ja ihrerseits wieder tief zerfurcht, und der allgemein grassierende Irrsinn verschärft nicht nur die großen Lagerdebatten, sondern die „kleinen Differenzen“ innerhalb der verschiedensten Milieus. Auch diejenigen, etwa im links-liberalen Milieu, die eher finden, man müsse über partriarchale Frauenbilder und Gewalt in Zuwandercommunities schon reden, und diejenigen, die finden, dabei müsse man höllisch aufpassen, dass man nicht junge Zuwanderermänner unter Generalverdacht stellt und dazu beiträgt, das Problem aufzubauschen, geraten sich dabei derart in die Haare, dass man nicht sicher ist, ob alle Beteiligten lebend nach Hause kommen, sollten sie sich einmal zu einer Aussprache treffen. Dabei sind ja, wohlgemerkt, beide Meinungen nicht völlig an den Haaren herbeigezogen und wenn man eine vernünftige Position entwickeln würde wollen, täte man gut daran, die verschiedensten Gesichtspunkte zu integrieren.

Historische Epochen sind nicht selten mit Stimmungen verbunden. Die vorletzte Jahrhundertwende, als sich alles zu beschleunigen begann, wurde damals auch die „Ära der Nervosität“ genannt. Leben wir nun im hysterischen Zeitalter?

Lustig ist übrigens, dass in diesen österreichischen Wahlkampfwochen, die Nerven blank liegen, während zwei Leute versuchen, möglichst unaufgeregt zu wirken: der rechtsradikale Kandidat Norbert Hofer und sein Grüner Gegenkandidat Alexander van der Bellen. Beide haben sich offenbar der Anschauung angeschlossen, dass ihnen entschiedene Polarisierung nur schaden könne und sie die Mitte gewinnen müssen. Das führt dazu, dass, während das Land streitet und zwei Kandidaten zur Wahl stehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, diese beiden Kandidaten, wenn sie sich zur Debatte begegnen, fest entschlossen sind, nicht zu streiten und nur ja nichts zu sagen, was irgendwie unfreundlich oder gar aggressiv angesehen werden könnte.

Das ist schon fast wieder ulkig: Ein Rechtsradikaler und einer linker Grüner, die krampfhaft so tun, als hätten sie sich eh lieb.

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