Eine moderne linke Ikone

Bobby Kennedy, Clinton-versus-Trump und das neue Buch von Didier Eribon. Und was uns das alles über die Dilemmata der zeitgenössischen Progressiven sagt. Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, vom Oktober 2016

Jetzt kommen wieder ein paar linke Bescheidwisser daher, und erklären uns, dass Hillary Clinton so furchtbar sei, dass es doch keinen relevanten Unterschied zwischen ihrer und Donald Trumps Furchtbarkeit gäbe. Mag die kleine Differenz im Extremfall ein paar hunderttausend Leuten das Leben kosten, will, wer nur das Große im Auge hat, sich nicht mit solchen Details nicht aufhalten. Wenns blöd läuft, wird diese Argumentation noch so gut verfangen wie im Jahr 2000, als man in diesem Milieu für Ralph Nader stimmte, was ja bekanntlich Al Gore die Präsidentschaft kostete und George W. Bush ins Weiße Haus hievte.

Was aber natürlich nicht heißt, dass Hillary Clinton nicht in mehrerlei Hinsicht eine grottenschlechte Kandidatin ist. Sie repräsentiert das liberale Establishment. Und auch wenn man nicht so tun soll, als hätte die frühere Außenministerin überhaupt keine Stärken, fällt es schwer, an ihr irgendetwas zu finden, wofür man sich begeistern kann, im Unterschied etwa zu Barack Obama vor acht und vier Jahren.

Man kann beinahe sagen, in Clinton vs Trump verdichten sich auch die Dilemmata der heutigen Progressiven, der Linken, der Mitte-Links-Parteien – wie immer man das nennen mag.

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Gerade lesen ja alle ganz gefesselt „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Darin schreibt er über die kulturell abgehängte Arbeiterklasse, die jetzt – Eribon ist Franzose – die Front National wählt. Diese Arbeiter, oder generell gesagt: die einheimischen Unterprivilegierten, haben das Gefühl, niemand vertrete sie, weil sie unter die Räder von Globalisierung und Modernisierung kommen. Aber diese Entfremdung der Arbeiter und der alten progressiven Parteien ist auch eine kulturelle Entfremdung. Die Leute sind wütend, weil sie spüren, dass man sie überhaupt nicht ernst nimmt, dass sie Leute von Gestern, dass sie Unsichtbare sind. Ihre früheren Vertretungen sind Mittelschichtsparteien geworden, weit weg von den Arbeitermilieus. Ja, noch schlimmer: die heutigen Linken, von innerstädtisch-sozialdemokratisch bis akademisch-linksradikal, sie begegnen den Arbeitern und ihrer Welt, den Unterprivilegierten und ihrer Welt mit Verachtung, mit Arroganz. Eribons Buch handelt aber nur über kurze Strecken von dieser politischen Entfremdung im engen Sinne, es ist ein autobiographisches Buch, in dem er diese große Geschichte an seiner eigenen kleinen Geschichte erzählt. Wie er, der ehemalige Arbeitersohn, seine Welt hinter sich gelassen hat, wie er begonnen hat, sich für seine Welt zu schämen, wie er mit dieser rauen, teilweise auch dummen, xenophoben, homophoben Welt nichts mehr zu tun haben wollte. Kurzum: Er erzählt entlang der Geschichte seines Klassenverrats. Zurück bleibt die Arbeiterklasse, alleingelassen, ignoriert, verachtet, und wählt „in einer Art politischer Notwehr“ (Eribon) Rechtspopulisten – von FPÖ bis Front National, von AfD bis Donald Trump.

Man kann also sagen: Hillary verkörpert diese Verwandlung der Progressiven zur Mittelschichts- und Establishment-Kultur, während der weiße, zornige Trump-Wähler die Notwehr der Arbeiterklasse darstellt.

Wenn man dieses Problem einmal erkennt, hat man es noch lange nicht gelöst: Denn wie verbindet man heute die innerstädtischen progressiven, internationalistisch gesinnten Milieus mit den proletarischen Kleinstadt- und Vorort-Milieus, die sich nicht riechen können? Jedenfalls, Hillary Clinton ist dafür nicht die optimale Besetzung.

Im Sommer habe ich mich durch die ziegeldicke, neu erschienene Bobby-Kennedy-Biographie von Larry Tye gelesen: „The Making of a Liberal Icon.“ Was für ein Buch, was für eine Figur! Robert F. Kennedy, der Bruder des Präsidenten John F. Kennedy, der in den fünfziger Jahren noch für den rechten Scharfmacher Joseph McCarthy arbeitete, später dann der war, der für John F. Kennedy ruchlos die Drecksarbeit erledigte – der Bad Bobby -, verwandelte sich innerhalb von vier Jahren zur bis heute wohl noch unübertroffenen Idealfigur eines modernen linken Politikers – zum Good Bobby. Er begeisterte, hielt Reden gegen Armut und Ausgrenzung, wurde Senator, stellte sich auch ganz buchstäblich auf die Seite der kleinen Leute, war cool und damit zugleich auch die inspirierende Figur für die sechziger Jahre Gegenkultur-Bewegung. Eine Art politischer James Dean, aber Rebel with a Cause, er war von den amerikanischen Schwarzen genauso angesehen wie von der weißen Arbeiterklasse, und schmiedete eine Koalition gegen das alte demokratische Partei-Establishment, eine Allianz für das Neue. Seine Partei wäre Schutzmacht der kleinen Leute und Kraft der Modernisierung zugleich gewesen. 1968 hätte er Präsident werden können. Nur wenige Wochen nach Martin Luther King und nach einer Reihe von Siegen bei den Primaries wurde Kennedy erschossen.

Präsident wurde damals dann übrigens Richard Nixon.

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2 Gedanken zu „Eine moderne linke Ikone“

  1. „… teilweise auch dummen, xenophoben, homophoben Welt …“

    Mich nervt das schön langsam, dass man darauf beim Arbeitermilieu immer wieder hinweist. Ob das Ausnahmeerscheinungen sind oder nicht, mag ich nicht beurteilen. Aber die „Arbeiter“ (und Bauern) die ich kenne, sind eben genau das nicht. Wohingegen das innerstädtisch-akademische Milieu (immerhin das Führungspersonal von FPÖ, AfD und sonstigen rechten Parteien) vor Xeno- und Homophobie nicht gefeit ist.

    Und das innerstädtisch-sozialdemokratisch bis akademisch-linksradikal Milieu vergisst jegliche Mitmenschlichkeit, wenn es um die einheimischen Verlierer des unmenschlichen, neoliberalen Systems geht. Die hätten es ja selbst in der Hand gehabt, sind selbst Schuld an ihrem Niedergang und haben keinerlei Unterstützung verdient. Das ist genau die Arroganz, die sie angesprochen haben.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Leute Trump wählen, um das System zu „zerstören“, da die Wahlentscheidung durch das Gerrymandering kaum noch Veränderungen zulässt.
    http://blog.fefe.de/?ts=a904a7f8

    1. naja, ich referiere ja nur Eribon, der ja als schwuler junger Mann auch nicht zufällig aus diesem Milieu geflohen ist und das halt so beschreibt, wie er es erlebt hat. Und wir alle wissen, dass es Engstirnigkeit in allen Milieus gibt, und dass es das natürlich auch in der Arbeitervorstadt gibt. Blauäugig wäre, so zu tun, als gäbe es das nicht.

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