Die Theorie, die die Demokratie killt

Die Theorie sagte, dass mehr Handel und Globalisierung allen nützt. Ein Irrtum, den wir nun mit einer rechten und populistischen Revolte bezahlen.

Falter, November 2016

Wie tickt sie nur, die Arbeiterklasse? Jahrzehntelang hat man angenommen, diese verstaubte, alte Klassenfrage hätte sich irgendwie erledigt, Arbeiterklasse gäbe es doch gar keine mehr, und wenn ja, dann in Gestalt des migrantischen Dienstleistungsproletariats. Aber seit der Brexit-Abstimmung, der Trump-Wahl und dem Aufstieg von Rechtspopulisten allüberall sind plötzlich alle geschockt: Die „weiße Arbeiterklasse“ wählt die Globalisierung ab!

Wenn ganze Bevölkerungssegmente das Gefühl haben, mit ihnen gehe es chronisch bergab, ihnen schwimmen die Fälle davon, dann brennt in pluralistischen Demokratien plötzlich der Hut. Besonders dann, wenn diese Leute das Gefühl haben, dass sich für sie niemand interessiert.

Man hätte das schon vorher wissen können.

Aber inwiefern sind Freihandel und Globalisierung dafür verantwortlich? Immer hörbarer werden die Argumente derer, die sagen, es sei „eine Theorie, die unsere Wirtschaft killt“, wie das der amerikanische Politikberater Ian Fletscher nennt, der Autor von „Free Trade Doesn’t Work“.

Erstmals seit Jahrzehnten wird jedenfalls in einem breiteren ökonomischen Fachpublikum die Frage diskutiert ob Handel und internationale Kapitalverflechtung tatsächlich ökonomisch vorteilhafte Resultate produzieren. Und das ist eine ziemlich spektakuläre Wende.

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„In jedem Markoökonomiekurs sagen wir den Satz: ‚Makroökonomen sind sich in wenigen Dingen einig, aber sie alle teilen die Auffassung, dass freier Handel eine gute Sache ist'“, sagt der US-Wirtschaftsprofessor Noah Smith. „Und das ist völlig korrekt. Aber der Grund für diesen Konsens ist keinesfalls, dass die Ökonomen das bewiesen haben. Sie nehmen es einfach an, und deshalb benützen sie Modelle, die diese Annahme voraussetzen.“

Der weitverbreitete Konsens, dass mehr Handel besser ist als weniger Handel, geht von einigen theoretischen Vorannahmen aus, die aber allesamt auf wackeligen Beinen stehen.

Noch immer beruht die Freihandelsdoktrin auf der Theorie der „komparativen Kostenvorteile“, die David Ricardo vor über zweihundert Jahren aufstellte. Er erörterte die Frage, was denn passiere, wenn England etwa Baumwollproduktion und Marmeladenproduktion betreibe und Frankreich auch, und wenn England sowohl in der Baumwollproduktion Kostenvorteile besäße als auch in der Marmeladenproduktion. Resumee: Wenn England sich auf die Baumwollproduktion konzentriere und Frankreich auf die Marmeladenproduktion, werden beide Länder ihre Fertigkeiten darin stärken, und dann würden beide Länder gewinnen.

200 Jahre überstand diese Theorie, weil es ja auch offensichtlich schien: Freier Handel produziert Effizienzgewinne. Firmen haben Effizienzgewinne, weil sie größere Absatzmärkte beliefern. Die wirkliche Welt wurde in die Theorie nach und nach eingebaut, etwa, wenn hochentwickelte Länder mit unterentwickelten Handel treiben (dann ist die „Spezialität“ der entwickelten Länder zB. Raumfahrtstechnologie, die „Spezialität“ der unterentwickelten sind billige Arbeitskräfte), oder wenn entwickelte Länder Handel treiben, die alle das selbe produzieren (dann sind die kleinen Differenzen in Design und Geschmack eben die „Spezialisierung“).

Wer Zweifel anmeldete, der wurde lange Jahre ignoriert. Der amerikanische Ökonom Dani Rodrik hat schon 1997 in seinem Buch „Has Globalization Gone Too Far?“ diese Theorien herausgefordert – und Rodrik ist kein linker Spinner, er wurde in seiner Arbeit vom Ökonomieguru C. Fred Bergsten und vom IWF unterstützt. „Wir haben nicht verstanden, wie recht er hatte“, war dieser Tage in einem Kommentar zu lesen – wohlgemerkt, im „Wall Street Journal“.

Rodrik hatte gewarnt, dass die Vorteile des Freihandels für die Universtitätsprofessoren offensichtlicher seien als für normale Leute. Mit wachsender internationaler Integration konkurrieren Arbeiter mit ihresgleichen auf der gesamten Welt, „und die Folge ist Einkommensinstabilität und eine Erosion ihrer Verhandlungsmacht“. Die Folge: Die Einkommen sinken.

Freihandel, selbst wenn er generell die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhöht, produziere Verlierer und Gewinner. Die Verlierer, so sagt die Theorie, werden dann von den Gewinnen auch etwas abbekommen. Schön für die Theorie, dass sie das sagt.

„Die Globalisierung hat nicht alle Boote gehoben“, sagt Rodrik heute. „Die Revolte gegen die Globalisierung hat ihre Ursache nicht in Dummheit“, meint jetzt auch Larry Summers, der Posterboy der Globalisierung und einstige Finanzminister Bill Clintons. „Viele Leute haben das berechtigte Gefühl, dass sie ein Projekt von Eliten für Eliten ist, die sich keine Gedanken über die Interessen einfacher Leute machen.“

Die Theorie ist in so vielen Grundannahmen falsch, dass nun immer öfter auch die Frage auftaucht, ob sie nicht auch in ihrer zentralen Annahme falsch ist: Dass mehr Freihandel immer das Wachstum anfacht.

Skeptische Ökonomen bringen immer mehr Argumente vor, die die Pro-Globalisierungs-Ökonomie bisher systematisch übersehen hat. Beispielsweise: Wenn Unternehmen auf globalen Märkten agieren, sind sie heute immer öfter mit Unternehmen als Konkurrenten konfrontiert, die mehr oder weniger das gleiche herstellen wie sie. Das Ergebnis: Sie werden die Kosten reduzieren müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. So werden Löhne gekürzt oder Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Das hemmt aber langfristig Wachstum. Erstens, weil die Konsumnachfrage gedämpft wird, und zweitens weil künftige Innovationen unterbleiben.

Eine andere fatale Fehlannahme der Theorie: Wenn sich Volkswirtschaften spezialisieren, werden Ressourcen – etwa Arbeitskräfte – von einem Sektor in den anderen wandern. Etwa: Textilarbeiter verschwinden und werden zu IT-Spezialisten. In der Realität wandern Arbeitskräfte aber natürlich nicht so leicht in andere Sektoren, sondern sie wandern in die Arbeitslosigkeit oder in die Prekarität. Im besten Fall braucht es teure Requalifizierungen. Die Kosten dafür – in der Theorie nicht berücksichtigt.

Auch die Basisannahme, dass Fortschritt und Effizienzgewinn durch Spezialisierung voran kommt, die am Markt geschieht, ist schwer haltbar: Die Glühbirne wurde ja nicht deshalb erfunden, weil Firmen immer „effizienter“ im Produzieren von Kerzen wurden. Es sind ja völlig neue Industrien entstanden, durch einen Policy Mix aus staatlicher Forschung, Innovationsförderung und Markgeschehen.

Selbst der Common-Sense, dass Freihandel die nachholende Entwicklung von Gesellschaften wie China, Indien, Vietnam und anderen begünstigte, ist nur auf dem ersten Blick plausibel. Diese Länder haben ihre Firmen durch Subventionen gestützt, also gerade nicht den reinen Marktkräften ausgesetzt. So wie Japan, Südkorea oder auch Taiwan aufholten, als es noch signifikante Zölle gab und von Globalisierung gar keine Rede war.

Aus all dem folgt keineswegs, dass Freihandel prinzipiell schädlich ist. Nur: seine Propagandisten haben keine Ahnung, unter welchen Umständen er eher nützt, und wann er eher schadet. Was auch heißt: manchen Bevölkerungsgruppen schadet er massiv, ohne dass klar ist, was er Volkswirtschaften als ganzes bringt.

Skurril eigentlich: Die Mainstream-Politik folgte einer Theorie, die über ihren Gegenstand nichts weiß.

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