The Next Big Thing: Intelligenter Protektionismus

Meine Kolumne in der Berliner „SPEX“

Es gehört ja ein wenig zum guten Ton in linken Kreisen, die „neoliberale Hegemonie“ und die „ideologische Dominanz“ der Rechten zu beklagen. Nun hat diese Jeremiade ja auch gute Gründe, weil etwa bestimmte Meinungen in der öffentlichen Debatte kaum repräsentiert sind. Oder weil, auch wenn verschiedene Meinungen geäußert werden, eine Meinung eben die Dominanz, somit die Hegemonie hat. Dennoch: In pluralistischen Gesellschaften werden in aller Regel zu jedem Thema unterschiedliche und divergente Meinungen geäußert.

Es gibt aber ein paar Themenkomplexe, da gibt es tatsächlich so etwas wie eine Einheitsmeinung. Eines der Themen ist der Freihandel. Damit meine ich jetzt nicht Fragen wie TTIP oder CETA, Abkommen, die von vielen Leuten bekämpft werden, sei es wegen Details in den Abmachungen, sei es, weil durch sie große multinationale Player privilegiert werden.

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Ich meine das Prinzip des Freihandels als solches. Die Argumentationsreihe geht so: Freihandel ist gut, Protektionismus ist böse. Freihandel steigert das Bruttonationaleinkommen, die Produktivitätsentwicklung – kurzum: die Prosperität – in allen am Handel beteiligten Volkswirtschaften, und Protektionismus würde all das reduzieren. Daher würden „wir alle“ vom Freihandel profitieren. Dass diese Zuwächse, die „wir alle“ erzielen, dann vielleicht nicht extrem gerecht verteilt sind, das wäre dann ein Einwand, der von der Linken kommt. Aber diese Zuwächse selbst sind unbestritten. Das ist wie eine Art von religiöser Lehre, an die wie selbstverständlich geglaubt wird, ohne dass sie überhaupt jemand in Frage stellt.

Diese These geht auf die Studien des Ökonomen David Ricardos von der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zurück. Ricardo entwickelte das Modell der komparativen Kostenvorteile, das in etwa so ging: Er erörterte die Frage, was denn passiere, wenn England etwa Baumwollproduktion und Marmeladenproduktion betreibe und Frankreich auch, und wenn England sowohl in der Baumwollproduktion Kostenvorteile besäße als auch in der Marmeladenproduktion. Ricardos Resumee: Wenn England sich auf die Baumwollproduktion konzentriere und Frankreich auf die Marmeladenproduktion, wenn beide Länder ihre Fertigkeiten darin stärken würden und dann Handel miteinander trieben, dann würden beide Länder gewinnen.

Nun trifft das natürlich erstens auf entwickelte kapitalistische Länder nicht wirklich zu: Sie produzieren, salopp gesagt, alle das selbe: Japan produziert Autos im Mittelklassesegment, Frankreich tut das auch – und dann werden japanische Autos nach Frankreich gebracht und französische Autos nach Japan. Und jetzt stellen wir uns vor, sowohl Japan als auch Frankreich hätten das auf relativ geschützten Märkten getan und würden das nun auf freien Märkten tun. Es wäre klar, dass die Firmen in einen Kosten- und Preiskampf geraten. Dass die Löhne sinken werden, oder dass die Unternehmen weniger Profite machen, weniger in Forschung und damit weniger in die Zukunft investieren. Es ist dann plötzlich keineswegs gesagt, dass das notwendigerweise immer zum Vorteil der Volkswirtschaften wäre.

Aber es kommt natürlich noch dicker. Es ist also nicht so sicher, ob „wir alle“ dann reicher werden. Dieses „wir alle“ freilich ist ohnehin eine reine theoretische Abstraktion (also eine Fiktion), die verschleiert, dass es in solchen Prozessen immer Gewinner und Verlierer gibt. Der amerikanische Ökonom Dani Rodrik weist seit Jahrzehnten darauf hin, dass die Globalisierung in jedem Land Gewinner und Verlierer produziert. Die Lehrbuchtheorie sagt nun, in einem wohlgeordneten Land würden die Verlierer durch die Gewinner kompensiert, es würde auch ein Strukturwandel eintreten, der für die Verlierer neue und bessere Jobs schafft etc. Mit solchen Prognosen ist es wie mit dem Yeti: Man glaubt an sie, aber leider hat sie noch nie jemand gesehen. In der Realität geben die Gewinner an die Verlierer selten etwas ab, sagt Rodrik schlicht. Die Einkommen normaler Leute kommen unter Druck – und das führt übrigens wiederum zu schwächelnder Konsumnachfrage, zu mehr Ungleichheit und dämpft die Prosperität, statt sie zu stimulieren. Die quasireligiöse Lehre, dass Handel notwendigerweise Wachstum belebt, ist falsch.

Den Verlierern mag man nun wortreich von den segensreichen Wirkungen des Freihandels predigen, sie wissen sehr genau, dass sie unter die Räder kommen, weil es immer irgendwo jemanden gibt, der es billiger macht als sie, wenn man alle Regeln schleift. Und sie werden dagegen revoltieren. Wenn sie keine besseren Möglichkeiten dafür haben, dann eben, indem sie für den Brexit stimmen oder für die AfD.

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