Zweite Welt

Juden, Jugos und Upper-Class. Eine Expedition zu den Wilden in der Leopoldstadt.

Teil 1 meiner Serie „Wien Örtlich“ für die Österreich-Ausgabe der „Zeit“

Es ist spät im Oktober, aber die Mittagssonne wärmt ein letztes mal den Karmelitermarkt. Vor dem „Cafe Einfahrt“ haben sie noch einmal ein paar Stühle und Tische auf das Trottoir gestellt und die Anrainer trinken ihren Frühstückskaffee, die Häuserzeile im Rücken, den Markt im Blick. Der tunesische Friseur grüßt und geht seinen Laden aufsperren, ein Roma im verbeulten schwarzen Anzug preist erfolglos seine Messer-Sets an, der Schriftsteller Robert Menasse kurvt auf seinem Fahrrad herbei. Und Christoph Steinbrener beißt in sein Croissant.

Steinbrener ist bildender Künstler, macht mit seinem Kumpel als Künstlerduo „Steinbrener-Dempf“ aufregende Installationen im öffentlichen Raum – so hat er vor ein paar Jahren in einer Einkaufsstraße alle Firmenlogos überklebt, sodass nur mehr die kommerzbefreite Stadt sichtbar war. Steinbrener lebt ein halbes Leben, seit 1982 schon hier „im Zweiten“. Das ist überhaupt eine der Eigenarten dieses Bezirks: Er wächst. Aus der Leopoldstadt, dem „Ratznstadl“ mit seinen schimmeligen Wohnungen, ist ein Hotspot der „Gentrifizierung“ geworden, in dem Bobos sich um die Wohnungen raufen und die Upper Class viel Geld für die Dachgeschoßausbauten hinlegt. Und zugleich ist sie ein schäbiges schickes Dorf.

Da ist einmal das polierte Karmeliterviertel von Donaukanal linkerhand der Taborstraße, dann das schon etwas düsterere Novaragassen-Viertel rechts der Taborstraße. Die Taborstraße ist die Demarkationslinie und städtischer Mikrokosmos. Ethnisch gemischt wie die Leopoldstadt selbst, aber wenn man genau hinsieht, dann dominiert stadteinwärts die jüdische Welt. Hier sind die Gebetshäuser der alteingesessenen Frommen, die koscheren Läden. Zwischendrin ein paar afrikanische Läden. Stadtauswärts dann mehr die Türken. Miteinander lebt man nebeneinander her.

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Dann der Praterstern, und dahinter, Richtung Donau entstehen zwei der größten Entwicklungsgebiete der Stadt: Das Nordwestbahn- und das Nordbahnviertel auf den alten ÖBB-Brachen, Neubaugebiete mit jetzt schon 10.000 Einwohnern. In wenigen Jahren werden 25.000 neue Leopoldstädter hier leben. Der Bezirk wird dann rund ein Viertel mehr Einwohner haben als um die Jahrtausendwende.

Und so ist die Leopoldstadt auch symptomatisch für die Stadt. Kaum eine Stadt in Europa wächst so rasant wie Wien. Alle zehn Jahre kommen rund 250.000 Einwohner hinzu, das ist fast soviel wie Graz Einwohner hat. Man könnte glauben, eine Stadt, die wummt, führt darüber hitzige und auch begeisterte Diskussionen. Aber das klänge nach Zukunft, und mit der kennt man sich in Wien nicht aus.

Jedes der Viertel hat sein eigenes Gepräge: Im Karmeliterviertel, der alten Mazzesinsel hüpfen die Kinder der jüdisch-orthodoxen Familien herum, die Buben in schwarzen Hosen und Pollunder, mit Beikeles, den Schläfenlocken und Kippa, die Mädchen in dunklen Röcken, die Männer mit ihren Kaftans, den weißen Socken und den storchennestgroßen Pelzhüten. Sie kommen aus Russland, Georgien, Usbekistan, der Ukraine. Russische Wortfetzen schwirren herum. Die Frauen tragen den „Scheitel“, die streng frisierten Perücken. Sogar eine „Scheitelmacherin“, eine Perückenmacherin, gibt es wieder „Leopoldstedtl“, bei der man für die Durchschnittsperücke aus Echthaar schon einmal 1.000 Euro hinlegt. Vor den Feiertagen kommen die Juden aus ganz Wien hier her, auch die Nichtreligiösen, um sich mit Mazzes und Gefilten Fisch in den kahlen Hinterhof-Supermärkten einzudecken, die man sich am besten wie Hofer-Läden in notdürftig verputzten Rohbauten vorstellt. Viele Gebetshäuser sind im Hinterhof, von außen schwer zu erkennen.

Die Aufwertung des Stadtviertels sieht man an den Läden: Fahrradgeschäfte, in denen man nicht einfach Fahrräder kauft, sondern Schmuckstücke mit Vintage-Ledersattel oder Geschäfte mit Designer-Baby-Lätzchen. „Überall eröffnen Läden, die Sachen verkaufen, die kein Mensch braucht“, sagt eine alteingesessene Leopoldstädterin – und lacht dabei.

Aber dann gibt es auch noch das „Gasthaus zum Sieg“ in der Haidgasse, das schon seit der Schlacht von Aspern so heißt, und wo die alten Leopoldstädter und die neuen, die gelegentlich den Grusel der Authentizität spüren wollen, ihr Gulasch mit der Semmel ausschmieren, bis der Wirt sagt, das Weiße, das sei schon der Teller, das Geschirr schnappt und lacht.

Oder das Cafe Sperlhof, patiniert, vollgestopft mit Büchern und mit Brettspielen, hunderten, wenn nicht tausenden, aufeinander gestapelt zu verwegen hohen Türmen. Hier sitzen die Teenies und Twentysomethings unter der stillen Regie von Herrn Sommer, dem Besitzer. Er trägt Anzug, Krawatte, hochgeschlossenes Hemd und Polunder. Peter Nachtnebel sitzt hier, der Booker vom Fluc, also der, der die Music-Gigs für den feinen Club am Praterstern bucht. Seit 15 Jahren macht er das schon beruflich, und wie so viele hier ist er hier geboren, und nie weggezogen. Sonja Wehsely, die Gesundheitsstadträtin und lokale SPÖ-Vorsitzende, ist auch hier geboren und hat sich nie weiter als ein paar Häuser von daheim weg bewegt, so wie viele ihrer Schulfreunde. „Ich treff hier immer noch viele Kinder“, sagt sie, und wir müssen lachen, weil die Kinder ja jetzt auch schon auf die fünfzig zugehen. „Weit hast es nicht gebracht“, das kann man nicht oft zu einem Regierungsmitglied sagen.

Du fällst einmal um – und schon gerätst Du vom Karmeliterviertel ins Novaraviertel, von dem die Alteingesessenen heute noch meinen, „da machst Du einen Bogen drum“. Das ist das traditionelle Viertel der Gauner, Spieler, Falschspieler, Taxler, Zuhälter und Huren. Natürlich hat es längst die hippe Jugendkultur usurpiert, die nächtelangen Partys im Cafe Shabou sind legendär, jenem Shabou, das jetzt etwas bemüht „Franz von Hahn“ heißt und ganz früher Cafe Kärnten hieß, damals, als es die Kommandozentrale der Wanda Kuchwalek war, Wiens legendärster weiblicher Zuhälterin.

Hier unterscheiden sich natürlich nicht nur die Viertel, sondern auch die Tageszeiten. Die Vormittage gehören den Pensionisten, die ihre Hunde ausführen oder ihre Paarspaziergänge zum Supermarkt machen. Nachts sitzen die alten Eheleute vor dem Fernseher, und die Jungen machen Party oder die Gangs machen irgendetwas. Stadtbewohner markieren die Stadt auch mit ihren Gesten. Die hüpfenden Trauben der Kinder. Die Cliquen der türkischen und arabischen Jungs, mit ihrer maskulinen Raumnahme. Die langsame Lässigkeit der Afrikaner. In der Novaragasse mischt sich das alles. Hier gibt es eine nigerianische Bar, das „Amazing Graze“, in dem sie Ziegenköpfe mit Augen drin kochen, und gleich vis-a-vis „Die Feile“, in der Taxler, Huren, Schwarze und Hipster schon mal gemeinsam tranken, wenn die Nacht fortgeschritten war. Der Wirt wurde, erzählt man sich, von seiner Freundin erstochen, er soll ein netter Kerl gewesen sein, nur im Suff streitlustig. Ein paar Meter weiter ist die „Kerstin Bar“, das bisschen, was vom Rotlichtmilieu alter Art noch übrig geblieben ist. Ein Eck danach das Wettcafe, wo die Verlierer der Nacht weiter trinken, wenn der Sonnenaufgang droht.

Und dann der Praterstern, der neuerdings wieder das ist, was er fast immer war: verrufen. Florian Klapetz ist seit ein paar Monaten der unfreiwillige Held vom Praterstern. Zufällig war er in eine Schlägerei von 50 afghanischen Jugendlichen geraten. Er ging dazwischen, unterstützte zwei Verkehrspolizisten, die schnurstracks am Boden gelandet waren, trennte die Streithähne. „Das war gar nichts“, sagt er. „Als ich dazwischen ging sind die allermeisten eh davon gelaufen, und zehn haben halt weiter gerauft.“ Die Zeitungen brachten Riesen-Reports, die FPÖ trommelte über den „Kriminalitätsmagneten“ Praterstern und in rechten Blogs wurde höhnisch geschrieben, „Praterstrizzi rettet Polizei“.

„Ich bin doch gar kein Praterstrizzi“, lacht Klapetz. Aber er kennt sich mit ihnen aus. Seit Jahren macht er Kampfsport, alles von Boxen bis Mixed Martial Arts. Trainiert hat er mit tschetschenischen Jungs. In der „Feile“ war er jahrelang Geschäftsführer, am Praterstern hat er ein paar Monate einen Würstelstand betrieben. Zugleich ist er eine Künstlernatur, fotografiert, schreibt Texte. Demnächst kommt sein erster Fotoband heraus. Er ist so ein Grenzgänger zwischen „Miljhö“ und Literaturmilieu, einer mit Lebensappetit, der gern in einer Nacht um eine Erfahrung reicher wird und um ein paar Hunderter ärmer.

Jetzt ist der Praterstern wieder Verkehrsknoten und Umschlagplatz, beim 24-Stunden-Billa gibt es rund um die Uhr billiges Bier. Oktoberfest-Wiesn und Praterdome-Disko ziehen Menschenmassen an, und damit für die Dealer auch die Kunden. Schräg via-a-vis in der Venediger Au spielen Buben Fußball. „Klar leben die Ethnien hier nebeneinander“, sagt Klapetz. Aber dann mischt es sich auch. „Die jüdischen Buben spielen mit den tschetschenischen Buben Fußball. Weil sie mit dem Russischen eine gemeinsame Sprache haben.“ Er erzählt von den rumänischen Huren, die fast alle aus der gleichen Kleinstadt kommen, und von den marokkanischen Kleindealern, die ihre paar Euro Gewinn nach Nordafrika schicken, dann hält er kurz inne und sagt: „Wenn Du über den Zweiten redest, redest Du über die ganze Welt.“

Großstadt ist Fortschritt und Laboratorium des jeweils Neuesten, der Ort, an dem Bindungen abnahmen. Früher wurde die Stadt gern als Brutstätte von Krankheit und Laster beschrieben. Vorstadt, Slum, dann Ghetto, später lauteten die Catchphrasen Urban Village oder Subkultur. Aber längst hat auch die Großstadt schon Tradition. Seit dem 16. Jahrhundert war die Leopoldstadt die „Judenstadt“. Später zogen in mehreren Wellen arme Juden aus dem Osten zu. Weil es daher billig war, kamen die Taglöhner und das Lumpenproletariat nach. Zwischen Praterstern und Donau – dem heutigen Stuwerviertel – entstanden die schlimmsten und herabgekommensten Mietkasernen für das städtische Proletariat. „Donaustadt“ hieß die Gegend damals. Nach 1938 okkupierten Wiener Arbeiter, vor allem die Nazitreuen, die belohnt werden wollten, die von den Juden geklauten Wohnungen ein. Trotz des schlechten Leumunds der Gegend erlebten sie das als Aufstieg, weil sie plötzlich so nah bei den „besseren Leuten“ lebten, nur ein paar hundert Meter von der Innenstadt entfernt, und nicht mehr in Simmering oder Floridsdorf. Und dann kamen die Studenten, weil es hier coole günstige Wohnungen gab.

Mit Christoph Chorherr, dem grünen Kommunalpolitiker, der sich wie kein anderer für Stadtplanung begeistern kann, sitze ich in der „allerneuesten Leopoldstadt“ und schaue mir die Zukunft an. Die Mieten in der Stadt steigen, auch, weil der Wohnbau in den vergangenen Jahren mit der Nachfrage nicht mithielt. Eine Stadt, die für 250.000 Neubürger im Jahrzehnt Wohnraum schaffen will, steht vor einer Herkulesaufgabe. Wir stehen am Bednarpark, Krakauer Straße, auf den Nordbahngelände zwischen Praterstern und Vorgartenstraße. Hier sind in den vergangenen Jahren Wohnblocks für Wohnblocks hochgezogen worden. Mit der verlängerten U2 und der alten U1, die den Bezirk durchfurchen, ist er optimal ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. „Eine unglaubliche Bevölkerungsdynamik“, schwärmt Chorherr, „die die gesamte Geographie der Stadt verändern wird. Die Leopoldstadt wächst zur Donau hin, der Fluss wird in das Stadtleben integriert, und die Bezirke jenseits der Donau werden nicht mehr als abseits empfunden werden.“ Ein wenig entsteht im frisch hochgezogenen, aseptischen Neubauviertel schon städtisches Leben.

Josef Iraschko sieht all das skeptisch. Er betreibt seit Jahrzehnten Miterberatung, er ist Kommunist, aber einer von der Art, der weniger die die Räterepublik plant, sondern den einfachen Leuten hilft, zu ihrem Recht zu kommen. Der 74jährige wohnt in der Praterstraße im berühmten Nestroyhof. Neuvermietungen im Altbau, die früher noch um 500 Euro zu haben waren, kosten heute leicht 1000 Euro. „Und auch diese Neubauten für die jungen Familien, die sind doch nicht wirklich billig. Genossenschaftsanteil zahlt man da leicht 20.000 Euro oder mehr und dann 700.- Euro Miete. Günstig ist das sicher nicht. Klar, Gentrifizierung hat in Wien einen Bogen von 20 Jahren, aber am Ende hast Du eine andere Stadt“, sagt Iraschko.

Stadt als Beute. Aber es entstehen auch Widerspenstigkeiten und Nachbarschaften, die ihr „Recht auf Stadt“, wie das der legendäre Soziologe Henri Lefebvre nannte, praktisch anmelden. Am Volkertmarkt ist das lässige Speiselokal Automat Welt Vorbote davon, dass hier jetzt auch behübscht wird. Früher war hier das „Cafe Na und“, erzählt Uschi Lichtenegger, die gerade zur grünen Bezirksvorsteherin der Leopoldstadt gewählt wurde, „und im ‚Na und‘ konnte man den Schlüssel für die Kinder hinterlegen, und die Volksschulkinder haben was zum Essen gekriegt, wenn die Eltern nicht daheim waren, und wenn eine alte Frau im Krankenhaus war hat die Gerti auch schon mal die Hunde betreut.“

Aber es entsteht auch eine neue Art von Nachbarschaftlichkeit. Wenn im Sommer Fußball-WM oder -EM ist, dann tragen die neu zugezogenen Studenten und Akademiker ihre Laptops und den Beamer runter auf den Platz, die Türken ziehen die Verlängerungskabel aus dem Spätverkauf, und gemeinsam werden die Spiele an die Wand vom Marktstand projiziert. Und dann sitzen die Jugos und Österreicher, die Türken und Afrikaner und die Juden aus Buchara auf den Parkbänken und manchmal jubeln sogar alle, wenn Österreich ein Tor schießt.

Wobei, letzteres kommt natürlich eher selten vor.

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