Linker Patriotismus – kann’s den geben?

Jetzt wird ja oft angemerkt, die Linke müsse sich wieder Begriffe wie Heimat und Patriotismus zurück erkämpfen. Diese Begriffe hat ja die populistische und konservative Rechte in den letzten Jahrzehnten gleichsam gekapert. Die sagt „America First“ oder „Österreich zuerst“ und gefällt sich in der Pose derer, die sich um „unsere Leute“ kümmern. Und muss dann gar nicht mehr dazu sagen, worum es ihr primär geht: dass man sich um „die Ausländer“ nicht mehr kümmert.

Der amerikanische Denker Richard Rorty hat schon vor beinahe zwanzig Jahren ein schmales Büchlein mit dem Titel „Achieving Our Country“ herausgebracht – was soviel heißt wie: „Unser Land vorwärts bringen“. In deutscher Übersetzung erschien das Buch damals unter dem Titel: „Für unser Land.“ Darin beklagt Rorty, die Linke habe es aufgegeben, „Partei der Hoffnung“ zu sein und plädiert für eine patriotische Linke. Sie sollte versuchen „die Überreste unseres Stolzes als Amerikaner zu mobilisieren“ – denn „links“ zu sein, habe in den USA bis in die fünfziger Jahre geheißen, das Land „vorwärtsbringen“. Erst die „neue Linke“, die Rorty die „kulturelle Linke“ nennt, habe die Reformorientierung durch fundamentale Systemkritik ersetzt, die sozial Bedrängten Amerikaner links liegen – und damit auf sich selbst gestellt – gelassen, sich nur mehr der „Politik der Differenz“, der „Identitäten“ zugewandt, und das Bündnis mit den Gewerkschaften zerbrochen. Diese Bewegungen, ergänzte Rorty in einem Gespräch mit der Hamburger „Zeit“, „sprechen sehr differenziert über Rasse, Ethnie und Geschlecht, aber über die Armen haben sie wenig zu sagen“.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Mark Lilla hat diesen Ball jetzt, zwanzig Jahre später, in der New York Times wieder aufgenommen und einen Text geschrieben mit dem Titel: „The End of Identity Liberalismus“ – frei übersetzt: „Das Ende der Identitäts-Linken.“ Kurzzusammenfassung: Die auf Differenz fixierte Kulturlinke habe überall den Ton auf die Heterogenität gelegt. Schwarze, Hispanics, Schwule, Lesben, Transen, jede unterdrückte Minorität sollte sich im Sinne der Identitätspolitik befreien. Dabei hatte man die Gefahr übersehen, dass dann irgendwann auch weiße Dumpfbacken mit der Identitätspolitik anfangen – und das Ergebnis ist dann der rechte Populismus.

Man muss den hohen, schneidigen Ton nicht mögen, aber natürlich ist da ein bisschen etwas dran. Der Sozialstaat konnte entstehen, weil sie Bürger und Bürgerinnen als „Ähnliche“ erlebten und nicht als „Differente“. Solidarität unter Ähnlichen lässt sich leichter begründen. Und auch am Nationalstaat ist nicht alles schlecht. In ihm wurden die sozialen Sicherheitsnetze geknüpft, die die Globalisierung zum Zerreißen bringt.

Aber dennoch sollte man die Möglichkeit eines progressiven Patriotismus nicht gleich abhaken. Klar, Progressive tun sich mit Patriotismus immer etwas schwer – und zwar aus traditionellen und aus aktuellen Gründen. Die traditionellen Gründe: Sie haben sich immer schon als Internationalisten verstanden, nicht als Nationalisten. Die aktuellen Gründe sind: die zunehmende Multikulturalität unserer Gemeinwesen macht es schwierig zu definieren, was uns als Gemeinschaft eint. Im besten Fall verstehen wir uns als Gemeinwesen, das Bürger und Bürgerinnen verbindet, die different, also unterschiedlich sind. Im schlechtesten Fall verschwindet der soziale Kitt und man lebt nebeneinander her, ohne sich miteinander verbunden zu fühlen.

Österreichs legendärer Bruno Kreisky hat einmal ausgeführt, wie er zu so etwas wie einem progressiven Partiotismus kam – nämlich im Exil in Schweden, bei der Lektüre des „Mannes ohne Eigenschaften“ von Robert Musil: „Vieles von dem, was ich bisher als literarisch bedeutsame und kritische Schilderung meines Landes empfunden hatte, erschien mir plötzlich liebenswert. Ein melancholischer Ernst lag über diesem Österreich, und in dem Maße, wie die Jahre gingen, und jenes Österreich, das ich kennengelernt hatte, in der Erinnerung verblasste, trat in mir ein anderes Österreich hervor, eines, das es erst zu schaffen und zu erwerben galt. Und so hat Robert Musil mir zu einem, wenn ich so sagen darf, sublimierten Patriotismus verholfen, der sicher auch meine politische Vorstellungswelt beeinflusst hat.“ Im Exil in Schweden habe er, erzählte Kreisky, einen „sozialen Patriotismus“ kennengelernt. „Ich nahm mir damals vor, eines Tages auch in Österreich einen solchen Patriotismus zu verwirklichen.“

Patriotismus wird so dem Chauvinismus gegenüber gestellt. Chauvinist ist, wer andere Völker abwertet. Patriot ist, wer sein Land verbessert. Von der Art, wie das Bertolt Brecht in seiner berühmten „Kinderhymne“ sagte:

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir`s
Und das liebste mag`s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Ein Gedanke zu „Linker Patriotismus – kann’s den geben?“

  1. Dir Problematik hier, liegt doch in der a-historischen glorifizierung von Nationalstaaten als Konstrukte beliebiger Verwaltung ohne ihren kapitalistischen character und damit notwendig konkurrenzhafte Beziehung zueinander anzuerkennen. Es kann nunmal immer nur ein gegeneinander von Staaten geben. Diese konkurrenz kollektive patriotisch, also affektiv und reflektionslos, aufzuladen impliziert aufgrund der Unmöglichkeit innerkapitalistischer Solidarität immer schon die Abwertung des außen als einzige mögliche Verbindung der sozial Atome. Das hilflose scheitern etwa eines habermasschem Verfassungspatriotismus oder die Realität von kreiskys Österreich sollten da emblematisch genug sein. Das die Kulturlinke sich ja mit dem Versuch des „gleiche Rechte für alle“ gerade diesem Nationalismus gebeugt hat und real jede fundamentale Gesellschaftskritik aufgegeben hat einfach ins Gegenteil zu verkehren ist hier aber wirklich ärgerlich. Nachdem der keynesianismus als Versuch permanenter Befriedung (in Anbetracht der Arbeitshölle seiner Epoche ist Mensch fast geneigt hier ein zum Glück anzufügen) mit Ankündigung und Anlauf gescheiterte war und einer Revolution keine reale basis blieb, war das wenden gegen die schlimmsten Formen der innernationalen zertrümmerung von Subjektivität eine durchaus ehrvolle. Wo es eben neben dem neoliberalen weg keine Möglichkeit nationalstaatlicher Verwaltung gibt, der nicht durch die (jetzt ins Stocken geratene) Ausbeutung andere Staaten allimentiert werden müsste, wäre es schlicht unredlich den Popanz einer Opposition zu mimen, die im gegeben noch wirklich etwas anders machen könne, hier immer den je besonders geschundenen beizustehen, ist notwendige Aufgabe einer nicht revolutionären Linken. Linker Patriotismus ist eben drum unmöglich, weil er sich auch auf alljene Opressoren positiv bezieht, zu denen nichts als Feindschaft bestehen kann und eine revolutionäre Lösung dieses Verhältnisses durch seine partikularität ausschließt. Nochmal anders: nationale Identitäts Angebote sind immer reaktionär und in Krisenzeiten (gerade wo wir uns auf eine verstetigug entsprechender Phänomen zu bewegen) geeignet Ressentiments brutal zu entfesseln. Eine linke die National die Befreiung von allen härten propagiert ist immer schon gescheitert. Graduelle (und damit temporäre und lokal beschränkte) Verbesserungen gehen auch ohne Patriotismus. Brecht war übrigens Kommunist und hatte mit dem partikularismus eines kreiskys nun wirklich nichts am Hut. Ich empfehle zum Thema übrigens Gerhard scheits „zum Wahn vom weltsouverän“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.