West-Side Storys

Margareten ist der fünftärmste Bezirk von Wien und der am dichtesten besiedelte. Die Reinprechtsdorfer Straße ist die Demarkationslinie zwischen räudiger „West-Side“ und schicker Innenstadt.

Der zweite Teil meiner Serie „Wien Örtlich“ für „Die Zeit“

„Das ist der beste Bezirk der Welt“, meint Amir. „Da hinten ist Ankara“, sagt er und macht eine Geste Richtung Favoriten die sagen soll: Wer will da schon leben? „Meine Freundin wohnt in Ottakring, aber da ist es auch nicht gut, alles ist von da so weit weg. Von hier dagegen bin ich in fünf Minuten auf der Mariahilfer Straße und in zehn Minuten bei der Oper. Nur die Ampel hier vor der Tür, die hasse ich“. Amir lacht. Weil er weiß, dass alle diese Ampel hassen. Und weil er zugleich weiß, dass es irgendwie auch lächerlich ist, eine Ampel zu hassen.

Amir, Flüchtling aus dem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, sitzt im „Mimoza“ am Siebenbrunnenplatz. Dem Lokal eilt der Ruf voraus, der beste Dönerbrater der Stadt zu sein, ist aber zugleich auch so etwas wie das Dorfwirtshaus. Hier treffen sich alle. Kurden, Künstler, Migranten und Alteingesessene. Es ist die Mitte des Planeten Reinprechtsdorf. „Hier wohnen alle zusammen und keiner hat ein Problem damit“, sagt Amir.

Die Reinprechtsdorfer Straße durchzieht Margareten von Norden nach Süden, vom Wienfluss bis zur städtebaulichen Katastrophe des Matzleinsdorfer Platzes, ist aber zugleich auch eine imaginäre Demarkationslinie. Östlich, Richtung Innenstadt, sind die aufgehübschten Gegenden von Margareten, Meter für Meter wird es in diese Richtung schicker, geschrubbter und polierter, westlich Richtung Gürtel wird es räudiger, billiger. Und als Begrenzung dieses städtischen Riegels dann am Gürtel entlang eine Abfolge imposanter Gemeindebauten, einstmals erbaut als „Ringstraße des Proletariats“.

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Und so ist die Reinprechtsdorfer Vorstadt, die in den 1850er Jahren gerade einmal 1.100 Einwohner zählte, bis heute ein Zusammenprall der Welten: Des bürgerlicheren Margareten im Osten und des Arbeiter-Margareten im Westen. Des migrantischen Margareten und des kreativ-urbanen Margareten. Und dazwischen dieser geschundene Boulevard, durch den sich Blechlawinen schieben, über den alle schimpfen, weil er als Einkaufsstraße tot ist und sich nur ein paar Juweliere, spießige Boutiquen, Ein-Euro-Shops, Handyläden und viele, viele Wettlokale aneinander reihen.

In der groben Geographie der Stadt gilt Margareten als urbane Innergürtel-Location, weit weg von den Gegenden, die man so gerne „soziale Brennpunkte“ oder „Problemzonen“ nennt, wie etwas Favoriten, Simmering oder Floridsdorf. Zugleich wäre es aber bizarr, Margareten als coolen Bobobezirk zu beschreiben.

Da genügt schon ein einfacher Blick auf die Einkommensstatistik: 18.900 Euro haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Margareten Netto an Jahresdurchschnittsverdienst, also rund eineinhalb Tausend monatlich. Das ist knapp mehr als Favoriten, weniger als Simmering und satte dreieinhalbtausend Euro jährlich weniger als in Mariahilf, das nur einen Steinwurf über den Wienfluss entfernt liegt. Damit ist Margareten der fünftärmste Bezirk von Wien in Hinblick auf die Einkommen seiner Einwohner. Er ist der dichtest besiedelte Bezirk und der mit dem höchsten Anteil migrantischer Kinder in den Schulen.

„Das ist hier die ‚West-Side'“, sagt Bernhard Damisch und lacht begeistert. Damisch hat viele West-Side-Storys zu erzählen. Seit den achtziger Jahren ist er so etwas wie die Zentralfigur des 5er-Hauses, des Jugendzentrums in der Grünwaldgasse. Wenn man am oberen Ende der Reinprechtsdorfer Straße einmal um die Ecke geht steht man vor dem bungalowartigen Flachbau. Man kann tausend Mal durch diese Gegend cruisen und vom 5er-Haus nichts mitbekommen, aber dass Margareten so gut funktioniert, wie es funktioniert, das hat ganz wesentlich mit Leuten wie Damisch und seinen Kolleginnen zu tun.

Rund 500 Jugendliche kommen ein- oder mehrmals pro Monat in das Jugendzentrum. An manchen Tagen sind es nur 30 oder 40, an anderen wiederum 300. Manche einfach nur zum Abhängen, andere zum Billard- oder Wutzler-Spielen, und wieder andere um etwas zu lernen. Im Keller gibt es ein hochprofessionelles Ton-Studio, in dem man von Radio bis Musik-Aufnehmen alles machen kann, im Erdgeschoss einen Videoraum mit Equipment und Greenscreen. In einem Nebenraum werden gerade Deutschkurse für Flüchtlinge abgehalten. Im Keller macht die Breakdance-Truppe ihre Pirouetten. „Es gibt einen Margaretener Spirit“, sagt Damisch. „Man ist die Durchmischung ein Stück weit gewohnt und lebt miteinander nebeneinander her.“ Manche seiner Schützlinge, erzählt Damisch, sprechen sieben Sprachen. Türkisch, Tschetschenisch, Farsi, Arabisch, Serbisch, Albanisch und viele viele andere Sprach- und ethnische Kulturen sind hier üblich. Viele der Kinder kommen zu Damisch und seinen Kollegen und lassen sich bei den Hausaufgaben helfen. „Sie sagen: Ich habe ein Referat, kannst Du mir helfen.“

Wenn sich wo Probleme anbahnen, dann merken es die Sozialarbeiter als erste. Vor einigen Jahren waren Straßengangs der letzte Schrei, aber diese Konflikte haben abgenommen. Dann war es Mode, den IS cool zu finden. Aber wer im Jugendzentrum religiös-fundamentalistisch agitieren will, fliegt raus. Und der jüngste Hype ist ein islamisch-religiöser Konservativismus, der alles in „Halal“ und „Haram“ unterteilt. Halal ist sauber, was aber auch so viel heißt wie fromm und gottgefällig. Haram dagegen ist alles, was Schlampen machen, um das ist der Sprache der Kids zu sagen. Tiefe Ausschnitte sind Haram. Jungs machen so Mädchen runter, und setzen sie unter Druck. Die Mädchen haben im Jugendzentrum einen geschützten Raum, zugleich kann man auch nicht alle Kids, die Probleme machen, gleich rauswerfen. Sozialarbeiter würden ihren Job missverstehen, wenn sie sich nur mehr um die kümmern, die keine Probleme machen. Das ist ein permanenter Grenzgang.

Aber Damisch hat in 35 Jahren viel gesehen und weiß: Was heute Mode ist, ist oft morgen wieder vorbei. Und sieht mehr die Probleme hinter den Moden.

Etwa, die Geschlechterrollen, die fest antrainiert sind. Gibt’s Schützlinge, auf die er stolz ist? „Viele“, sagt er und da ist wieder das Begeisterte in seinen Augen. „Ein Mädchen, aus einer Problemfamilie, Eltern geschieden, mit der Stiefmutter nichts als Stress. Als Älteste hat sie im Grunde den Haushalt für ihre Geschwister geschupft. Und die hat die Matura geschafft und jetzt auch ein Studium abgeschlossen.“

Eine Mädchenkarriere. Für 15 solche Wundergeschichten, die Damisch über Mädchen erzählen kann, fällt ihm vielleicht eine über Burschen ein. „Ich hab hochintelligente Jungs gesehen, die in der Kriminalität landen, weil es keine Geschlechterrollen gibt, die für sie Erfolg, Lernen und Aufstieg als ‚cool‘ erscheinen lassen.“

Man kann diese Reinprechtsdorfer Straße als steingewordenes städtisches Scheitern sehen – seit Jahren wird versucht, die Straße aufzuwerten. Zugleich ist die Straße aber, wenn man genauer hinsieht, auch ein Exempel städtischen Gelingens. Seit Jahren schon ziehen Studierende zu, die dann auch später bleiben, wenn sie schon im Berufsleben stehen. Zugleich hast du die Communities aus aller Welt. Hier mischt sich das alles, auf recht entspannte Weise. Und wenn man ganz genau hinsieht, dann spürt man, wie vielen es hier darum geht, irgendwie vorwärts zu kommen.

Man muss sich nur eine Pizza beim Take-away-Pizzabäcker bestellen und sich in die Gespräche einklinken. Da ist die Frau des Pizzabäckers, die jeden Tag mit ihren drei Töchtern stundenlang die Hausaufgaben durchgeht. Jetzt sind sie im Gymnasium, in der Volksschule war die Mutter Vorsitzende des Elternvereins, erzählt sie. Der Kunde aus Ex-Jugoslawien berichtet, dass er in der Mollardstraße in der Berufschule Elektroinstallateur gelernt hat. Damals seien sie alle Jungs gewesen in der Klasse. Heute sind auch viele Mädchen drunter, „und die können das genauso gut wie die Jungs.“ Er hat sich heute dienstfrei genommen, um zum Elternabend in die Schule seiner Söhne gehen zu können.

„Natürlich gibt es Konflikte und natürlich gibt es viele Ältere, die sagen, dass sie ihr Viertel nicht wieder erkennen“, erzählt Renate Brauner. „Das ist ja ganz normal, wenn es so viel raschen Wandel gibt.“ Die Wiener Finanzstadträtin, die jeden mit „Hallöchen“ begrüßt und nicht als extrem menschenscheu bekannt ist, lebt seit Ende der siebziger Jahre im Bezirk. Sie war hier auch lange die lokale SPÖ-Vorsitzende und kennt jeden Stein und jedes Eck. Sie zieht die Wahlergebnisse von der Bundespräsidentenwahl aus der Tasche. Etwa die vom Reumannhof, dem großen imposanten Gemeindebau am Gürtel. 40,98 Prozent hatte Norbert Hofer da noch im Mai erhalten, im Dezember waren es dann nur mehr 35,32 Prozent. Selbst im Gemeindebau haben also fast 65 Prozent für Alexander van der Bellen gestimmt. In Margareten insgesamt kam der ehemalige Grünen-Chef auf sagenhafte 76 Prozent.

Schaut man einmal hin, wirkt Margareten wie ein „Ausländerbezirk“. Schaut man zwei mal hin, sieht man, wie das, was man so behelfsmäßig Gentrifizierung nennt, langsam Richtung Gürtel quillt. Bis vor fünf oder zehn Jahren waren die Gegenden um den Margaretenplatz bei jungen Leuten, Studenten, Künstlern beliebt. Heute sind diese Gegenden schon eher unbezahlbar für Neumieter mit kleinem Budget. Jetzt zieht man in die gürtelnahen Gegenden oder auch schon rüber nach Meidling, etwa nach Gaudenzdorf, das Viertel, das jenseits des Gürtels an Margareten anschließt. Und eine entsprechende Kneipenszene und Infrastruktur zieht nach.

Etwa die „Tapete“ in der Zentagasse mit ihrem Minimal-Chic und abgeschlagenen Wänden, die nach Industrial-Design aussehen. Gleich nebenan gibt es die „Bunte Kuh“, wo die Studenten und die Trankler und Kartenspieler nebeneinander her trinken, und bei der man nicht sicher ist, ob sie noch eher als Kaschemme, die man meidet, oder schon als Original, dem man die Tür einrennt, bezeichnet werden soll.

Margareten ist wie eine Zwiebel mit vielen Schichten. Und eine dieser Schichten ist Margareten als Cluster der Creative Classes. Sogar echte Global Player verstecken sich hinter unscheinbaren Hausfassaden. Seit 1919 etwa der Saiten-Hersteller „Thomastik-Infeld“, der in seiner Manufaktur mit rund hundert Mitarbeitern Gitarren-, Violin- und andere Instrumentensaiten produziert und zu den drei renommiertesten Lieferanten weltweit zählt. Urban Legends sagen, dass sogar die Rolling Stones mit Saiten aus Margareten spielen. Ecke Arbeitergasse und Spengergasse wiederum haben sich im Fabrikgebäude der einstigen Druckerei Schroll die Architekten von Coop-Himmelblau eingemietet, die unlängst den Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt hochzogen. Tür an Tür ist die Film- und Videoproduktion Hoanzl. Und eine Ecke weiter ist in einer ehemaligen Fabriketage der Co-Working-Space „Sektor 5“. Hier können sich Ein-Personen-Unternehmen, Freelancer und Start-Ups Büroplätze mieten. „Das war hier einmal eine große Schlosserei“, erzählt Daniel Eberharter. Heute sitzen hier Programmierer, Webdesigner, Fotografen, Blogger und andere Internet-Dienstleister zusammen. 74 Arbeitsplätze gibt es hier, man kann sich langfristig eine Arbeitnische um 230 Euro im Monat mieten oder kurzfristig einen kleinen Platz für 80 Euro im Monat.

„Sehr oft mieten sich auch Leute ein, die einfach nur ein paar Wochen in Wien arbeiten, deshalb ist das auch ein sehr internationales Flair hier – Iren, Belgier, Holländer, Finnen, alles da“, sagt Eberharter. „Für viele ist das ein Luxus, den sie sich leisten, klar. Sie könnten auch alleine den ganzen Tag daheim sitzen und dort die gleiche Arbeit erledigen. Aber hier sind sie in einer Community.“ Rolf mischt sich ein, er ist Programmierer und arbeitet für große internationale Firmen: „Wenn man ein Problem hat, gibt es hier immer jemanden, der eine Lösung kennt.“, meint er. „Ich habe auch schon auf Umwegen hier Jobs bekommen. Ich fragte, ‚kennt irgendwer jemanden bei Samsung?‘, und gleich darauf hatte ich eine Antwort. Es ist auch der Netzwerkeffekt, der nützlich ist.“

54.000 Menschen leben in dem Bezirk. Jährlich ziehen rund 1000 weg und etwas mehr zu. Um rund 300 Einwohner wächst der Bezirk pro Jahr. 58.000 Menschen werden in knapp zehn Jahren hier wohnen, so die Bevölkerungsprognose. Das ist nicht wenig, aber auch nicht so viel, verglichen damit, dass die ganze Stadt in diesen zehn Jahren eine Viertelmillion mehr Einwohner haben wird. Margareten hat kaum mehr frei Flächen, wo große Neubaugebiete hochgezogen werden können.

Dennoch ändert der Bezirk sein Antlitz. Bis 2023 soll die neue U2 via Rathaus, Pilgramgasse bis zum Bacherpark und zum Matzleinsdorferplatz gezogen werden. Und dann, so erhoffen sich viele, wird auch endlich die Reinprechtsdorfer Straße wieder zu einem Boulevard mit ansprechender Durchmischung werden.

„Die Straße hier ist, offen gesagt, völlig im Oarsch.“ Jörg Lauermann steht zwischen hunderten Umzugskartons, die kunstvoll aufgestapelt sind, als würde jemand im echten Leben Minecraft spielen. „Das ist eine Lieferung von zwei Tonnen Schallplatten, die gestern aus den USA gekommen ist – die müssen wir jetzt ausräumen“, sagt er. „Record Shack“ heißt Lauermanns Plattenladen, der so vollgestopft mit Vinyl ist, dass Kunden kaum mehr durch kommen. Das Geschäft ist nichts für Laufkundschaft, sondern zieht Spezialisten an – man könnte auch sagen: Nerds. In der globalen Soul-Community ist Lauermanns Laden ein Fixstern, von Brasilien bis Hamburg kommen die Soul-Freaks hierher.

Es ist eines dieser Geschäfte, in die man aber als Passant ohnehin nie zufällig hineingehen würde. Einerseits, weil sich die Wunder im Inneren nicht wirklich nach Außen hin mitteilen. Andererseits, weil man natürlich weiß: da drinnen findet man sich nur mit einem Spezialwissen zurecht, und wenn man das nicht hat, steht man als der Dodl da, der keine Ahnung von den verschiedenen Untergruppen der Untergruppen des Northern Soul hat. „Früher kamen noch ein paar deutsche Stundenten zufällig herein. Aber auch das wird weniger. Dabei wären wir natürlich gerne für alle da.“, sagt Lauermann.

Vor der Tür ist es jetzt bitter kalt. Im Bacherpark um die Ecke spielen nur ein paar Unentwegte im Käfig Fußball. Die Boccia-Bahn, bei der im Sommer die alten Männer stundenlang ihre Kugeln werfen, ist verwaist. Vor zehn Jahren hat eine Bürgerinitiative den Park besetzt und ein Protestcamp aufgeschlagen, um den Bau einer Tiefgarage zu verhindern. Mit Erfolg. Es ist ein ganz normales Stadtquartier. Und vielleicht dennoch so etwas wie eine urbane Utopie. Dieser räudigere Teil von Margareten ist nicht reich wie Neubau, quält sich aber auch nicht mit dem Wandel wie Simmering. Gerade deshalb zeigt sich hier, was eine europäische Stadt in Gegenden zu bieten hat, die keine Eins-A-Quartiere sind. Probleme? Ja, klar, die gibts. Sorgen? Ja, klar, die haben die Leute hier auch. Aber eigentlich ist hier alles dennoch ganz prima.

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