„Die ganze alte Scheiße ist im Arsch“

Marx Renaissance – nichts als feuilletonistisches Getue? Oder steckt mehr dahinter? – Ein Essay zu 150 Jahre Kapital und zum Beginn des 200. Geburtstagsjubiläums von Karl Marx für die „Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte“

„Schöner wäre es, dieses Buch wäre veraltet“, schrieb Christoph Henning unlängst in der Neuen Zürcher Zeitung, die linksradikaler Umtriebe recht unverdächtig ist. Karl Marx „Kapital“ aber sei ein Buch von „trauriger Aktualität“. Marx‘ Renaissance wird wieder einmal ausgerufen. Nicht das erste Mal. Dass Marx ein toter Hund sei, wird zwar regelmäßig herausposaunt, dass er uns nichts mehr zu sagen habe und sein Denksystem veraltet sei, doch ebenso regelmäßig wird Marx‘ Aktualität verkündet. Bereits im Dezember 2002 widmete sich der britische „Economist“ – gleichsam das Zentralorgan der Freunde der kapitalistischen Produktionsweise – der Frage „Marx nach dem Kommunismus“ und kam zu dem erstaunlichen Schluss: „Als eine Regierungsform ist der Kommunismus tot. Aber als ein System von Ideen ist seine Zukunft gesichert.“
Bereits zur Jahrtausendwende hatte eine Umfrage der BBC, wer denn der bedeutendste Mann oder die bedeutendste Frau des Millenniums sei, ein recht überraschendes Ergebnis erbracht. In der Kategorie „größter Denker“ lag Marx klar vorne. Der „New Yorker“ hatte schon 1997 Karl Marx zum „nächsten großen Denker“ erklärt.

Und Hans Magnus Enzensberger wünschte sich vor ein paar Jahren einen Marx für das 21. Jahrhundert: „Ich spüre eine intellektuelle Lücke.“
Was ist dieses ewig wiederkehrende Marx totsagen und dann wieder für lebendig erklären? Das wenige belanglose Spiel des Feuilletons und einer medialen Entertainment-Industrie, die sich besonders clever vorkommt, wenn sie etwas Unerwartetes tut? Simples aufmerksamkeitsökonomisches Getue im Zeitdiagnose-Business?

Das gewiss auch. Aber es ist wohl auch mehr davon.

Zunächst ist ja zu bemerken, dass eine Renaissance von Marx offenbar ausgerufen werden kann, ohne dass man sich gänzlich lächerlich macht. Die Behauptung, dass uns Marx für unsere Gegenwart noch etwas zu sagen habe, muss ja zumindest eine Grundplausibilität haben und nicht als völlig abwegig gelten. Das ist ja bei einem Denker, der vor 200 Jahren geboren wurde und dessen Haupt- und Alterswerk 150 Jahre alt ist, keine große Selbstverständlichkeit.

Natürlich ist Marx Werk auch veraltet. Aber seine Denkbewegung, seine Art, Prozesse zu denken, ist bis heute noch die beste Schule des Denkens. Moderne und zeitgenössische Theorien, von Gramsci über Adorno bis zu Foucault, von Max Weber über die Postmoderne bis zum Postkolonialismus sind ohne Marx nicht vorstellbar, die Ideologietheorie nicht, die Soziologie nicht. Aber auch das alleine wäre nicht ausreichend. Denn dass alle aufeinander aufbauen, dass die heutige Philosophie nicht ohne Hegel, die Naturwissenschaft nicht ohne Darwin etc. auskommen kann, reicht ja nicht aus, eine Aktualisierung auszurufen. All das ist natürlich noch bemerkenswerter, da heute ja, wenn von der Renaissance von Marx die Rede ist, nicht der Analytiker politischer und historischer Prozesse, nicht der Ideologietheoretiker und Geschichtsphilosoph gemeint ist, sondern in aller Regel der Ökonom Marx. Also jener Marx, von dem man lange sagte, dieser sei hoffnungslos veraltet.

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Marx ist da natürlich ein Krisengewinnler. Die „gamblers an der Bourse“, schrieb Karl Marx schon 1857 in einem Brief an seinen Freund Friedrich Engels, brachten „die Eisenbahnen to a deadlock“. Und weiter: „Die ganze alte Scheiße ist im Arsch, und der bisher lächerlich- kühne Schwung, den der security market in England etc. genommen, wird auch ein Ende mit Schrecken nehmen“. Dass die Kapitalisten, die sich ansonsten die Einmischung des Staates und jede sozialpolitische Maßnahme entschieden verbaten, „nun überall von den Regierungen ,öffentliche Unterstützung’ verlangen, (…) ist schön“, amüsierte sich Marx. Damals, 1857, war gerade die erste moderne Weltwirtschaftskrise ausgebrochen. Mit Marx müsste man doch die Krise verstehen können, er müsste uns doch etwas sagen können, was uns die Mainstream-Ökonomie nicht sagen kann. Das ist zweifelsohne der Fall, ein wissenschaftlicher Mainstream, der noch vor 15 Jahren ernsthaft glaubte, die Formel für die „krisenfreie Ökonomie“ entdeckt zu haben, ist heute nur mehr eine Lachnummer. Dabei ist Marx natürlich nicht bloß hilfreich, die Krise zu verstehen. Nichts wäre verrückter, als ihn bloß als Analytiker der Krise zu lesen. Es wird jedenfalls klarer und klarer, dass Marx, bei allen Irrtümern zu den großen Ökonomen in der Geschichte dieser Wissenschaft zählt, auf einer Stufe mit Adam Smith und John Maynard Keynes. Konsumnachfrage, die Dynamik des Systems, die Quellen des Wachstums, die Entwicklung eines Weltmarktes, Globalisierung, die Rolle des technologischen Fortschritts und der Produktivitätsentwicklung, der tendenzielle Fall der Profitrate und die Gefahr säkularer Stagnation – all diesen Fragen spürt Marx in den drei Bänden des Kapitals nach. „Er war einer der ersten Makroökonomen der Geschichte und hat die Teildisziplin wesentlich begründet“, schreibt sogar Hans Werner Sinn, der nun wirklich der Marx-Jüngerschaft unverdächtig ist.

Dass dieses kapitalistische System ein großer Automat ist, zugleich aber von – wie man heute sagen würde: Zielkonflikten – gebeutelt, das hat niemand so präzise gezeigt wie Marx. Klassisch seine Formulierung, dass die eigenen Arbeiter für den einzelnen Fabrikanten Kostenfaktoren, alle anderen Arbeiter aber Konsumenten seien, weshalb er seinen möglichst geringe Löhne zahlen wolle, aber für alle anderen Arbeiter möglichst hohe Löhne wünsche. Die Folgen der Technologieentwicklung, sinkende Profitraten, erhöhte Konkurrenz, sinkendes Wachstum, all diese Widersprüche hat Marx versucht zu analysieren.
Warum das heute vielleicht wieder interessant erscheint? Wohl letztendlich aus einem Grund. Mit der Finanzkrise 2007ff ist ja nicht nur das globale Finanzsystem an der Schwelle der Kernschmelze gestanden, es ist damit erstmals seit langem wieder ein grundsätzlicher Zweifel an der langfristigen Tragfähigkeit des Systems aufgekommen.

Diese Zweifel grassieren. Seit Jahrzehnten schon gehen die Wachstumsraten zurück, und werden eigentlich nur mehr durch Verschuldung aufrecht erhalten – Verschuldung der privaten Haushalte, der öffentlichen Haushalte, des Bankensystems. Eine Flucht nach vorne, von der nicht ganz klar ist, ob sie sich ewig aufrecht erhalten lässt, und die zumindest immer häufigere Finanzkrisen nach sich zieht.

Der amerikanische Ökonom Robert Brenner hat schon vor zwanzig Jahren in seinem Buch „The Economics auf Global Turbulance“ eine solche Entwicklung konstatiert – und eine krisenhafte Zukunft vorausgesagt. Brenner war es, der den Begriff der „säkularen Stagnation“, also einer langandauernden Stagnation prägte – ein Wort, das mittlerweile auch im Kreise von Mainstreamökonomen in aller Munde ist.

Brenners These, stark verknappt: Weil die Profitmöglichkeiten der durchschnittlichen Unternehmen sich reduzierten, starteten die Kapitalverbände mit Hilfe verbündeter Regierungen Angriffe auf Arbeiterrechte und den Wohlfahrtsstaat, was die Einkommen normaler Leute reduzierte, das Problem aber nicht löste – da somit wieder die Konsumnachfrage zurück geht. Jede Antwort auf die Krise verschärft sie wiederum.

In einer solchen Situation ist völlig klar, dass sich die Finanzmärkte aufblasen und die Finanzinstitutionen zu den bestimmenden Playern des globalen Kapitalismus werden. Das Aufblähen der Finanzmärkte aber wiederum begünstigt jene intrinsischen Instabilitäten, die bedeutende Ökonomen wie Hyman Minsky analysiert haben. Je mehr Gezocke an den Märkten, desto mehr steht das Gesamtsystem auf des Messers Schneide.

Reduziertes Wachstum ist aus vielerlei Gründen ein Systemproblem. Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick auf einen entscheidenden Faktor des Kapitalismus werfen. Was ihn so erfolgreich und prosperierend machte, war der Investitionskredit. Dass heißt, er braucht Verschuldung. Unternehmen nehmen Kredite auf, verschulden sich, um zu investieren, aber diese Investitionen rentieren nur, wenn es ausreichend Wachstum gibt. Gibt es das nicht, gibt es Pleitewellen.

Kann man sich also vorstellen, dass der Kapitalismus ein Kaputtalismus ist, also schon das Kainsmal des Niedergangs auf der Stirn trägt? Und wie können wir uns dieses Ende vorstellen?

„Das Bild, das ich vom Ende des Kapitalismus habe – ein Ende, von dem ich glaube, dass wir mitten drin stecken -, ist das von einem Gesellschaftssystem im chronischen Verfall“, formulierte schon vor drei Jahren der deutsche Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck. Eine permanente Quasi-Stagnation mit allenfalls Mini-Wachstumsraten, explodierende Ungleichheit, Privatisierung von allem, endemische Korruption und Plünderei, da normale realwirtschaftliche Profitmöglichkeiten immer geringer werden, ein daraus folgender moralischer Niedergang (Kapitalismus wird mehr und mehr mit Betrug, Diebstahl und schmutzigen Tricks verbunden), ein schwächer werdender, ja, taumelnder Westen, was Desintegrationsprozesse an der Peripherie, Krisen und Brandherde schürt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman malt das Bild vom „permanenten Niedergang“ an die Wand.

Auch der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Robert J. Gordon hat in einem vieldiskutierten Paper untersucht, ob nicht zumindest für die USA „das Wirtschaftswachstum vorbei ist?“. Die Wachstumsraten haben 1750 an Dynamik gewonnen, ihre rasanteste Phase in der Mitte des 20. Jahrhunderts erreicht und sich danach sukzessive reduziert. Die großen Innovationen, die sowohl Produktivitätsfortschritte als auch Wachstum generieren, seien Geschichte: „Das Produktivitätswachstum hat sich nach 1970 markant verlangsamt.“ Auch die Dritte Industrielle Revolution mit Computerisierung und den damit verbundenen Arbeitsersparnissen habe ihre wesentlichen Effekte zwischen 1960 und den späten 1990er-Jahren gezeigt, sei aber seit den 2000er-Jahren praktisch zum Stillstand gekommen. Entgegen unseres oberflächlichen Eindrucks gäbe es in den vergangen 15 Jahren praktisch überhaupt keine wirklichen produktiven Innovationen mehr. „Die Innovationen seit 2000 haben sich auf Entertainment- und Kommunikationsgadgets konzentriert, die kleiner, smarter und leistungsstärker wurden, die aber die Arbeitsproduktivität nicht mehr fundamental veränderten.“

Der Ökonom James K. Galbraith bläst in seinem jüngsten Buch „The End of Normal“ in ein ähnliches Horn und geht sogar noch einen Schritt weiter. Die Prosperitätsphase zwischen 1850 und 1970 habe in der ökonomischen Zunft die unausgesprochene Gewissheit verankert, dass stetiges Wachstum die „Normalität“, Stagnation und Krise dagegen die „Ausnahme“ sei. Galbraiths Verdacht lautet nun: „Was unter den Bedingungen der Vergangenheit funktioniert hat, funktioniert aber möglicherweise heute nicht mehr.“

Vielleicht ist das der tiefere Grund für die allseits aufgeworfene Frage, ob uns Marx nicht etwas zu sagen hat, was wir zuletzt vergessen haben. Womöglich ist der Kapitalismus an einer neuen Schwelle. Diese Bangigkeit hat auch mit technologischen Gründen zu tun. Wir stehen an der Schwelle zum „zweiten Maschinenzeitalter“, einer Welle grandioser Innovationen, aber es ist überhaupt nicht geklärt, wie diese sich in das bisherige System einfügen sollen. Wird es, wie bei früheren technologischen Revolutionen, so kommen, dass zwar schlechte alte Jobs verschwinden, dafür aber in ausreichender Anzahl bessere neue Jobs entstehen werden? Dass sich zwar, salopp gesagt, alles ändern wird, aber die Grundmuster gleich bleiben? Oder wird Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung zu dramatischen Produktionssteigerungen führen, ohne dass man dafür noch Menschen in erheblicher Anzahl braucht? Dann stellt sich aber der nächste bedeutende Zielkonflikt: Wer soll den schönen Krempel dann noch kaufen?

Wenn letzteres der Fall ist, zieht natürlich sozialer Stress in unsere Gesellschaften ein, eine Konkurrenz und ein Angstgefühl, wie wir es viele Jahrzehnte nicht gekannt haben.

Dann stellt sich tatsächlich die Frage, ob dieses ökonomische Arrangement nicht am Übergang zum „Postcapitalism“ ist, wie Paul Mason das schon nennt.
Wie auch immer: Es gibt jedenfalls Indizien genug, um anzunehmen, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen. Und das Brecht-Wort wieder gilt: Weil es so ist, bleibt es nicht so. Und solche historischen Momente sind Augenblicke, in denen man aus gutem Grund wieder bei Karl Marx nachschlägt.

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