FS-Misik zum 500er Jubiläum: GANZ GROSSE WORTE. Mein Feind, die Gemütlichkeit

500 Wochen, 500 Folgen – knapp zehn Jahre FS Misik. Und zum Jubiläum werden natürlich keine kleinen Brötchen gebacken, sondern die GANZ GROSSEN WORTE ausgepackt. Der wichtigsten Richtschnur im Leben entsprechend: Don’t look back. Ein Wortgewitter über

RISIKO

RADIKALITÄT

DUMMHEIT

FREIHEIT

INDIVIDUALITÄT und

GEMEINSCHAFT

sowie das Geheimnis des SABTA-TYPUS („Sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit“) –

Überlasst die Politik nicht den Politikern & den Taktierern

70 Prozent der Wählerinnen und Wähler unter 25 haben für die Labour Party gestimmt, Jeremy Corbyn gelang eine Aufholjagd, die niemand für möglich gehalten hätte. Und möglich gemacht haben es Heerscharen junger Leute, die sich nicht mehr die Zukunft stehlen lassen wollen. So wie in Österreich im Vorjahr, als die Kampagne für Alexander Van der Bellen eine große DIY-(Do-it-yourself-)Kampagne der Zivilgesellschaft war. Wer sagt eigentlich, dass die Zivilgesellschaft nicht auch bei uns dem kommenden Wahlkampf ihren Stempel aufdrücken kann? Gerade weil die SPÖ herumeiert und nicht in die Gänge kommt; gerade deshalb, weil es in unserem etablierten Parteiensystem eben so sein wird, dass es keine klare, prononcierte Gegenkraft zum schwarz-blauen Gruselprogramm geben wird, die an einem Strang zieht. Gerade deshalb ist es notwendig, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und klar zu sagen – und zu fordern –, in welche Richtung das Land gehen soll. Und keiner soll sagen, das geht nicht. Der „Das-geht-nicht-ismus“ ist die schrecklichste Ideologie der Gegenwart – der „Das-geht-nicht-ismus“, die Ideologie derer, die meinen, man könne nicht zu seinen Werten stehen, die immer meinen, es sei unmöglich, Mehrheiten für Gerechtigkeit und Weltoffenheit zu gewinnen. In Wahrheit ist klar: Der „Das-geht-nicht-ismus“ wird immer öfter von der Realität Lügen gestraft. Denn er ist das Glaubensbekenntnis der Irrealos.

Der Hass auf den Konsens

Viel ist von der Polarisierung unserer Gesellschaften die Rede. Genauso oft hört man jedoch, es gebe einen postideologischen Einheitsbrei. Aber wie geht das zusammen? Nun, vielleicht geht das ja auch überhaupt nicht zusammen. Aber es gibt vielleicht einige gesellschaftliche Pathologien, die damit zusammenhängen. Dass sich selbst Leute, die sich im Grunde weitgehend einig sein sollten, dauernd in die Haare geraten: Man ist sich zu 99 Prozent einig und nützt dann das eine Prozent Differenz, um in aggressivste Debatten zu verfallen. Im öffentlichen Gespräch dominiert der Streit, aber nicht die Frage, worüber wir nun eigentlich einer Meinung sein könnten. Konsens ist verschrien. Das Wort Kompromiss wird selten ohne die Beifügung „fauler“ gebraucht. Auch das ist ein Signum unserer Zeit.

Wir Unverletzlichen. Debatten im permanenten Kriegsmodus

Zwei Rücktritte innerhalb von zwei Wochen – und bei allen Unterschieden gibt es eine Gemeinsamkeit: ein Politiker und eine Politikerin, die dem Druck intriganter Parteifreunde und dem Druck der Daueraggression nicht mehr standhalten wollen. Und sofort gibt es eine Reaktion: Die sollen keine Mimöschen sein, das muss man aushalten. If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen. Wer sich ins Feuer der Öffentlichkeit begibt, hat das auszuhalten. Man muss alles aushalten. Und lächeln dazu. Um auch die Botschaft zu senden: Man hält das aus, es macht mir nichts aus. Ich bin nämlich unverletzlich. Ich bin unverwundbar. Das ist das Menschenbild der Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft.

Macrons Sieg zeigt: Mut zahlt sich aus

Frankreich nach der ersten Runde der Präsidentenwahl. Macron geht als Favorit in die Stichwahl, aber man sollte sich auch nicht zu sicher fühlen. Jetzt muss erst einmal zwei Wochen gekämpft werden, und Macrons Regenbogenkoalition hat die Mehrheit nicht automatisch in der Tasche. Viele derer, die sich als Vergessene fühlen, werden zu Le Pen übergehen oder gar nicht wählen. Die Linke darf jetzt nicht den Fehler machen, den eigenen Kandidaten schlecht zu reden. Das war ja schon in den USA keine totale Super-Strategie. Aber vier Dinge sollte man nach diesem Abend klar aussprechen: 1. Das traditionelle politische System zerbröselt, jetzt auch in Frankreich – aber nicht nur in Frankreich. 2. Es gibt zwei Versionen progressiver Politik, die noch funktionieren. Sagen wir: Das Modell Obama/Trudeau/Macron. Und das Modell Sanders/Tsipras. Das eigentliche Kunststück wäre die Kombination der Modelle. 3. Kann man sich als Linker über Macrons Sieg freuen? Kann man! Man muss sogar! 4. Die französische Sozialistische Partei steht knapp vor ihrem PASOK-Moment.

„Die ganze alte Scheiße ist im Arsch“ – Zum Karl-Marx-Jubiläumsjahr

Vor 100 Jahren fuhr Lenin im plombierten Eisenbahnzug nach Russland. Dort verkündete er: „Alle Macht den Räten.“ Das war so eine Frühform von „Alle Macht den Jungen Grünen“. Und in Riesenschritten kommt das 200-Jahre-Marx-Jubiläumsjahr auf uns zu, und zum Aufwärmen gibt’s jetzt schon 150 Jahre „Das Kapital“. Alles veraltet. Ja, einerseits. Andererseits kann man ohne Marx keine sozialen Prozesse verstehen. Seine Denkmethodik war die dynamischer Prozesse. Und es gibt keine bessere Art, denken zu lernen. Vielleicht ist das der Kern dessen, was wir wieder begreifen müssen: Jeder Moment ist immer auch ein Beginn, auf den etwas folgt. Weil es so ist, bleibt es nicht so.

Fake News? Schlimmer: Viele leben in einer Fake Reality!

Es ist ja viel von Fake News die Rede. Von Informationen, die falsch sind. Aber seltener ist von der Fake Reality die Rede, die es natürlich auch gibt, eine Phantasie-Wirklichkeit, die die Menschen aus Informationen zusammen setzen, die falsch sein können, aber auch nicht müssen. Man kann ja aus lauter wahren Informationen eine Fake Reality zusammen setzen. Und oft, und gerade dann, wenn geballte, aber einseitige Informationen durch kein eigenes Erfahrungswissen korrigiert werden können, kann man sich dagegen nicht einmal so leicht wehren.

Tausche Glaubwürdigkeit gegen Rechtswähler. Christian Kerns riskantes Spiel

FS Misik diese Woche mit folgenden Themen:

1. Grünen-GAU: Die Grünen und ihre Jugendorganisation finden am Ende doch zu einer gemeinsamen Vorgehensweise – nämlich einer Art gemeinsamem Suizid.

2. Kurz verplappert sich, Doskozil rettet ihn aus den Schlagzeilen, und zuletzt springen den beiden die Grünen bei. Eine Chaoswoche, in der nur mehr Humor hilft.

3. Blinken nach rechts, Ruck in die Mitte, Ausstieg aus dem EU-Relocationprogamm: Christian Kern hat in den vergangenen Wochen viel Kredit verspielt. Viele verstehen nicht mehr, worauf das hinaussoll und was man sich von so einer Linie erhofft. Es ist auch praktisch nicht zu verstehen.

Wie die FPÖ und die „Krone“ Hand in Hand unsere Freiheit bekämpfen

Der Rechtsradikalismus der FPÖ und der mit ihr verbundenen Medien will unsere Freiheit abschaffen. Sie wollen, dass Meinungen, die ihnen nicht passen, nicht geäußert werden dürfen. Sie wollen, dass Kunst, die ihnen nicht passt, nicht existieren darf. Das haben sie diese Woche mit zwei schönen, exemplarischen Beispielen bewiesen. Wir werden die Freiheit gegen die Feinde der Freiheit zu verteidigen haben. Und wir sollten gestern damit begonnen haben.

Deniz Yücel, radikal im besten Sinne. #FreeDeniz

Terrorpropagandist, ja, sogar deutscher Agent soll er sein, Handlanger der PKK ebenso wie Spion Angela Merkels. Ausgerechnet Deniz Yücel, ein im besten Sinn des Wortes radikaler Autor. Einer, der sich weder in Hinblick auf die Radikalität seiner Kritik, die Radikalität seines Witzes und seiner Gewitztheit und auch nicht in Hinblick auf die Radikalität seines Schreibstils noch seines narrativen Stils in Konventionen zwängen lässt. Wer ist Deniz Yücel? Und was ist eine vernünftige Antwort auf diese Eskalation durch das Erdoğan-Regime?

Begriffsklärung: „Zu links“ heißt für viele „zu liberal“

In der Umfrage, die DER STANDARD am Wochenende veröffentlicht hat, fand sich ein interessantes Detail: die politische Selbstverortung der Befragten und deren gefühltes Verhältnis zu den verschiedenen abgefragten Politikerinnen und Politikern. Herr und Frau Mustermann sehen sich zwei Millimeter links von der Mitte, aber vor allem: als Mitte. Glawischnig sehen sie weit, Kern etwas, Griss und Strolz knapp links von sich, Mitterlehner und Kurz etwas, Strache und Hofer weit rechts von sich. Aber was verstehen die Befragten und was meinen unsere alltäglichen Diskurse eigentlich mit „links“? Man muss das perfekt klar sehen: „Links“ meint für die meisten Menschen gesellschaftliche Liberalität. Weltoffenheit, Internationalität, eine gewisse Intellektualität, Akzeptanz anderer Lebensstile und Ansichten, eine Skepsis gegenüber autoritären staatlichen Maßnahmen zur Gewährleistung von Sicherheit, eine Verteidigung des Rechtsstaats auch dann, wenn es unpopulär wird, Kampf für Menschenrechte, Freiheit der Kunst, hohe demokratische Standards … all das wird unter „links“ verstanden. Aber das ist eigentlich eine Begriffsverwirrung: Es geht letztendlich um gesellschaftliche Liberalität, die umkämpft ist. Und „von links“ in die Mitte zu rücken, damit ist einfach gemeint, liberale Werte aufzugeben.

„Die Elite“ – Bloß ein erfundenes Feindbild?

Wer heute zur Elite, zum Establishment, zum System gehört, der ist praktisch unwählbar. Entsprechend will niemand zum Establishment dazugehören. Rechte Populisten, egal ob Milliardäre oder von gräflichem Geblüt, inszenieren sich als Männer des Volkes gegen die Eliten, Progressive wiederum wettern gegen „gierige, abgehobene neoliberale Eliten“. Ein unbrauchbarer Begriff, findet daher Jens Jessen in der „Zeit“. Der Begriff wird leer, wenn die Eliten einfach nur die sind, die anderer Meinung als man selbst sind. Jessens Argumente sind plausibel. Aber dennoch hat er womöglich irgendwie unrecht. Denn der Anti-Eliten-Impuls bringt etwas Wichtiges zur Sprache.