Eine europäische Agenda gegen Rechtspopulismus

Von Gastautor Niki Kowall 

Die Schattenseiten der Globalisierung sind in aller Munde. Für etliche Branchen und Regionen waren die Folgen der internationalen Wirtschaftsordnung im Saldo eher negativ als positiv. Viele Menschen haben Teilhabechancen schwinden sehen und fühlen sich auf der Verliererseite. Die demokratische Linke hat diese Entwicklungen zu lange als temporäre Kollateralschäden interpretiert, sie hat die wirtschaftliche Globalisierung politisch zu wenig gestaltet. In dieses Vakuum stoßen nun die Rechtspopulisten mit ihrer nationalistischen Interpretation von politischer Regulierung vor. Dem muss die demokratische Linke zuvor kommen. Man habe, so Kanzlerkandidat Martin Schulz, im 20. Jh. den Kapitalismus auf nationaler Ebene schon einmal gebändigt. Nun gelte es dieses Kunststück auf europäischer Ebene zu wiederholen. Dazu könnte Deutschland einen, vielleicht den entscheidenden Beitrag leisten.

Trotz erster Erfolge der AfD gilt Deutschland immer noch als Bollwerk pluralistischer und demokratischer Rechtsstaatlichkeit in der westlichen Hemisphäre. Die USA und Großbritannien haben ungewisse Pfade beschritten, in Frankreich und Italien sind populistische Bewegungen am Sprung zur Macht, in Polen und Ungarn demontieren nationalkonservative Regierungen bereits Kernbestandteile der rechtsstaatlichen Ordnung. Selbst in klassischen liberalen Demokratien wie den Niederlanden, Schweden oder Dänemark beherrscht der Rechtspopulismus die politische Debatte. Es ist eine Ironie der Geschichte, wenn auch eine erfreuliche, dass Deutschland in diesem Kontext die Rolle des „last man standing“ zugeschrieben wird.

Ein kollektives antifaschistisches Bewusstsein bis tief ins bürgerliche Lager, eine starke Zivilgesellschaft die sehr sensibel auf Rassismus reagiert und eine vergleichsweise vorteilhafte sozioökonomische Entwicklung sind bisher die Barrieren gegen den Aufstieg des Rechtspopulismus hierzulande. Die niedrige Arbeitslosigkeit ist in diesem Kontext ein entscheidender Pfeiler, dessen Wegbrechen auch die Situation in Deutschland poröser werden lassen könnte. Das deutsche Exportmodell, auf dem der ökonomische Erfolg beruht, ist derzeit doppelt bedroht: Die protektionistische Wende in den USA und der Austritt Großbritanniens aus dem Binnenmarkt könnten dazu führen, dass die deutschen Handelspartner Nr.1 und 3 ihre Einfuhren merklich drosseln. Noch brisanter sind die nationalistischen Tendenzen in einigen Mitgliedern der Eurozone, v.a. in Frankreich und Italien. Politische Eruptionen in diesen Ländern könnten ein Ende der Eurozone zur Folge haben. Ein abruptes Ende der Gemeinschaftswährung würde die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Waren weltweit über Nacht schwer in Mitleidenschaft ziehen, das deutsche Exportmodell nachhaltig beschädigen und in gewissen Branchen zu plötzlicher Massenarbeitslosigkeit führen. Die Achillesferse der deutschen Wirtschaft ist ihre Anhängigkeit vom Ausland. Eine europäische Agenda gegen Rechtspopulismus weiterlesen

Linker Patriotismus – kann’s den geben?

Jetzt wird ja oft angemerkt, die Linke müsse sich wieder Begriffe wie Heimat und Patriotismus zurück erkämpfen. Diese Begriffe hat ja die populistische und konservative Rechte in den letzten Jahrzehnten gleichsam gekapert. Die sagt „America First“ oder „Österreich zuerst“ und gefällt sich in der Pose derer, die sich um „unsere Leute“ kümmern. Und muss dann gar nicht mehr dazu sagen, worum es ihr primär geht: dass man sich um „die Ausländer“ nicht mehr kümmert.

Der amerikanische Denker Richard Rorty hat schon vor beinahe zwanzig Jahren ein schmales Büchlein mit dem Titel „Achieving Our Country“ herausgebracht – was soviel heißt wie: „Unser Land vorwärts bringen“. In deutscher Übersetzung erschien das Buch damals unter dem Titel: „Für unser Land.“ Darin beklagt Rorty, die Linke habe es aufgegeben, „Partei der Hoffnung“ zu sein und plädiert für eine patriotische Linke. Sie sollte versuchen „die Überreste unseres Stolzes als Amerikaner zu mobilisieren“ – denn „links“ zu sein, habe in den USA bis in die fünfziger Jahre geheißen, das Land „vorwärtsbringen“. Erst die „neue Linke“, die Rorty die „kulturelle Linke“ nennt, habe die Reformorientierung durch fundamentale Systemkritik ersetzt, die sozial Bedrängten Amerikaner links liegen – und damit auf sich selbst gestellt – gelassen, sich nur mehr der „Politik der Differenz“, der „Identitäten“ zugewandt, und das Bündnis mit den Gewerkschaften zerbrochen. Diese Bewegungen, ergänzte Rorty in einem Gespräch mit der Hamburger „Zeit“, „sprechen sehr differenziert über Rasse, Ethnie und Geschlecht, aber über die Armen haben sie wenig zu sagen“.

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Mark Lilla hat diesen Ball jetzt, zwanzig Jahre später, in der New York Times wieder aufgenommen und einen Text geschrieben mit dem Titel: „The End of Identity Liberalismus“ – frei übersetzt: „Das Ende der Identitäts-Linken.“ Kurzzusammenfassung: Die auf Differenz fixierte Kulturlinke habe überall den Ton auf die Heterogenität gelegt. Schwarze, Hispanics, Schwule, Lesben, Transen, jede unterdrückte Minorität sollte sich im Sinne der Identitätspolitik befreien. Dabei hatte man die Gefahr übersehen, dass dann irgendwann auch weiße Dumpfbacken mit der Identitätspolitik anfangen – und das Ergebnis ist dann der rechte Populismus.

Man muss den hohen, schneidigen Ton nicht mögen, aber natürlich ist da ein bisschen etwas dran. Der Sozialstaat konnte entstehen, weil sie Bürger und Bürgerinnen als „Ähnliche“ erlebten und nicht als „Differente“. Solidarität unter Ähnlichen lässt sich leichter begründen. Und auch am Nationalstaat ist nicht alles schlecht. In ihm wurden die sozialen Sicherheitsnetze geknüpft, die die Globalisierung zum Zerreißen bringt.

Aber dennoch sollte man die Möglichkeit eines progressiven Patriotismus nicht gleich abhaken. Klar, Progressive tun sich mit Patriotismus immer etwas schwer – und zwar aus traditionellen und aus aktuellen Gründen. Die traditionellen Gründe: Sie haben sich immer schon als Internationalisten verstanden, nicht als Nationalisten. Die aktuellen Gründe sind: die zunehmende Multikulturalität unserer Gemeinwesen macht es schwierig zu definieren, was uns als Gemeinschaft eint. Im besten Fall verstehen wir uns als Gemeinwesen, das Bürger und Bürgerinnen verbindet, die different, also unterschiedlich sind. Im schlechtesten Fall verschwindet der soziale Kitt und man lebt nebeneinander her, ohne sich miteinander verbunden zu fühlen.

Österreichs legendärer Bruno Kreisky hat einmal ausgeführt, wie er zu so etwas wie einem progressiven Partiotismus kam – nämlich im Exil in Schweden, bei der Lektüre des „Mannes ohne Eigenschaften“ von Robert Musil: „Vieles von dem, was ich bisher als literarisch bedeutsame und kritische Schilderung meines Landes empfunden hatte, erschien mir plötzlich liebenswert. Ein melancholischer Ernst lag über diesem Österreich, und in dem Maße, wie die Jahre gingen, und jenes Österreich, das ich kennengelernt hatte, in der Erinnerung verblasste, trat in mir ein anderes Österreich hervor, eines, das es erst zu schaffen und zu erwerben galt. Und so hat Robert Musil mir zu einem, wenn ich so sagen darf, sublimierten Patriotismus verholfen, der sicher auch meine politische Vorstellungswelt beeinflusst hat.“ Im Exil in Schweden habe er, erzählte Kreisky, einen „sozialen Patriotismus“ kennengelernt. „Ich nahm mir damals vor, eines Tages auch in Österreich einen solchen Patriotismus zu verwirklichen.“

Patriotismus wird so dem Chauvinismus gegenüber gestellt. Chauvinist ist, wer andere Völker abwertet. Patriot ist, wer sein Land verbessert. Von der Art, wie das Bertolt Brecht in seiner berühmten „Kinderhymne“ sagte:

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir`s
Und das liebste mag`s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Warum kriegen die Linken in Europa nichts voran?

Die Zeit, Dezember 2016

Vor zwei Jahren noch Hoffnungsträger, ist Matteo Renzi heute auch schon wieder Vergangenheit – und ob er noch eine Zukunft hat, steht ziemlich in den Sternen. In Frankreich ist nicht einmal klar, ob die Sozialisten noch einen Präsidentschaftskandidaten finden können, der auch nur leise Chancen auf den Einzug in die Stichwahl hat. Und die einstmals stolze niederländische Partij van de Arbeid grundelt in Umfragen mittlerweile bei sieben Prozent herum, und wird von Leuten wie Jeroen Dijsselbloem repräsentiert, der als Eurozonen-Chef nicht immer leicht von einem subalternen Wolfgang-Schäuble-Fachreferenten unterscheidbar ist. Es steht nicht gut um die europäische Sozialdemokratie, und auch um die Linke generell.

Gewiss, das ist jetzt ein recht einseitiges Bild: In Portugal regiert seit einigen Monaten eine sozialdemokratische Regierung, die sich auf zwei kleine Linksparteien stützt. In Österreich ist die Sozialdemokratie stärkste Partei und stellt den Kanzler, auch wenn sie in einer Koalition mit der konservativen ÖVP gefesselt ist. Griechenland hat eine Linksregierung unter Alexis Tsipras. Die deutsche SPD ist in der Großen Koalition auch nicht völlig erfolglos, und in einem EU-Land, das allerdings nicht Mitglied der Eurozone ist, in Schweden nämlich, regiert der Sozialdemokrat Stefan Löfven in einer durchaus erfolgreichen Rot-Grünen-Koalition. Warum kriegen die Linken in Europa nichts voran? weiterlesen

Neuer Mut

In Österreich hat eine breite Allianz den Ex-Grünen Alexander van der Bellen ins Präsidentenamt getragen. Die ultrarechten Freiheitlichen erleiden eine empfindliche Niederlage.

Vorwärts, 5. Dezember 2016

Am Ende war es nicht einmal mehr spannend: Als gegen Mittag des Wahlsonntages im Flüstermodus die ersten Ergebnisse kleiner Gemeinden Kreise zogen, war schnell klar, dass Alexander van der Bellen in praktisch jedem Dorf zwei bis sechs Prozent besser lag als bei der aufgehobenen Stichwahl vom Mai. Es war ein derart eindeutiger Trend, dass schon am frühen Nachmittag fix war: Das kann nach menschlichem Ermessen nur ein Kantersieg werden. Und als dann bei den ersten Hochrechnungen um 17.15 Uhr die Balken hochschossen, waren die ausgelassenen Wahlpartys schon im Gang.

53,3 gegen 47,7 Prozent, das war kein „arschknapper“ Sieg mehr wie noch beim ersten Urnengang. Damit ist der Ex-Grünen Chef Alexander van der Bellen Bundespräsident, und die rechtsradikalen Freiheitlichen mit ihrem Kandidaten Norbert Hofer fuhren doch noch eine recht empfindliche Niederlage ein. Neuer Mut weiterlesen

Schicksalswahl als Dauerbrenner

Präsidentschaftswahl in Österreich. Gerät das Land auch ins autoritäre Fahrwasser à la Trump & Orban? Oder kann der Aufstieg der Rechten abgewehrt werden?

Vorwärts, Berlin 2016

Es wird wohl wieder eine Art von Herzschlagfinish werden, so es in Österreich am Sonntag letztendlich doch gelingt, die Stichwahl zur Bundespräsidentschaft ordentlich über die Bühne zu bringen. Wie schon im Mai stehen sich der ehemalige Vorsitzende der Grünen, Alexander van der Bellen und Norbert Hofer gegenüber, eine der Frontfiguren der rechtsradikalen Freiheitlichen.

Seinerzeit hatte van der Bellen hauchdünn gewonnen, erst nach Auszählung der Briefwahlkuverts lag er um 30.000 Stimmen voran. Wegen diverser Ordnungswidrigkeiten beim Auszählen hob der Verfassungsgerichtshof das Ergebnis aber auf, obwohl die Verfahrensmängel keinerlei Auswirkungen auf das Ergebnis hätten haben können. Der Kuriosa nicht genug, platzte der erste Wiederholungstermin, weil die Briefwahlkuverts reihenweise auseinander fielen – der Klebstoff hielt nicht. So läuft der Wahlkampf nun schon beinahe ein Jahr, wenn nun endlich entschieden wird, wer nächster Bundespräsident wird.

Eine Schicksalswahl, mit Elementen von Tragödie und Farce.

Eine polarisierte Richtungswahl zwischen linksliberal und rechts, zwischen weltoffen und Radaupopulismus, zwischen Hoffnung und angstvoller Abschottung wird in der Entscheidung gesehen – und das ist sie natürlich auch. Im Wahlkampffinish dürfte Alexander van der Bellen leichte Vorteile haben – er hat eine breite Allianz geschmiedet, ist durch Dörfer und von Kirtag zu Kirtag gepilgert, hat die Unterstützung der Grünen, der meisten SPÖ-Granden, von ÖVP-Bürgermeistern, Wirtschaftstreibenden und der meisten Künstler und Prominenten sowieso. Konsequent positionierte er sich als Mann der Mitte und der ausgleichenden Vernunft – was ohnehin mit seinem eher bedächtigen Temperament schier automatisch im Einklang geht. Schicksalswahl als Dauerbrenner weiterlesen

Anführerin der freien Welt? Aber klar doch!

Angela Merkel ist eine der Hauptverantwortlichen für globale ökonomische Depression und Zukunftsangst. Aber gerade deshalb hat sie jetzt eine historische Aufgabe.

Die Zeit, November 2016

„Ich habe gründlich nachgedacht“, sagte Angela Merkel Sonntag, knapp nach 19 Uhr, „und der geeignete Zeitpunkt ist jetzt da“. Und auf Nachfrage: „Ich brauche lange und die Entscheidungen fallen spät“. Doch da war längst schon klar: Angela Merkel kandidiert wieder für die deutsche Kanzlerschaft. Wirklich bezweifelt hatte das ja ohnehin niemand.

Denn im Grunde hatte sie keine Wahl. Anführerin der freien Welt? Aber klar doch! weiterlesen

Der Tagtraum vom aufrechten Gang

Meine Kolumne in der „LIGA“, Magazin für Menschenrechte

Irgendwo weit oben in meinem Regal, dort, wo die Bücher dem Staub gehören und vom Leser selten gestört werden, da ist das Revier meiner Ernst-Bloch-Bände. Gelegentlich denke ich an die Buchtitel. Überhaupt sind es ja oft die Buchtitel, an die man sich erinnert, wenn der Inhalt in Vergessenheit geraten ist. Eines dieser Bloch-Bücher hat den wunderschönen Titel „Tagträume vom aufrechten Gang“. Gute Buchtitel führen ja ein Eigenleben. „Aufrechter Gang“, das war so eine Metapher aus dem Zeitalter der Aufklärung. Hier schwingt ein Bild mit: Dass der Mensch aufrecht geht, nicht gebückt. Dass er mit Selbstbewusstsein durchs Leben geht, sich nicht kommandieren lässt. Dass er sich selbst respektieren kann, weil ihm niemand mit Respektlosigkeit begegnet, und er daher auch alle anderen respektiert. Männer und Frauen, die den Kopf hoch tragen können. Tagträume wiederum sind Phantasien, die in der Realität noch nicht völlig realisiert sind, aber anders als Nachtträume sind sie nicht reine Kopfgeburten, sie sind eben Träume, deren Realisierung, wenn schon nicht ansteht, dann doch im Bereich des Möglichen ist. Tagträume sind Träume, deren Wirklicheitwerdung wir noch erleben werden. So dachten wir uns das damals, in meinen späten Teeniejahren, als ich das Buch klaute. Seinerzeit, als ihr noch nicht geboren wart.

„Tagträume vom aufrechten Gang“ – ihr versteht jetzt, was diese Worte in mir zum Klingen bringen.

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The Next Big Thing: Intelligenter Protektionismus

Meine Kolumne in der Berliner „SPEX“

Es gehört ja ein wenig zum guten Ton in linken Kreisen, die „neoliberale Hegemonie“ und die „ideologische Dominanz“ der Rechten zu beklagen. Nun hat diese Jeremiade ja auch gute Gründe, weil etwa bestimmte Meinungen in der öffentlichen Debatte kaum repräsentiert sind. Oder weil, auch wenn verschiedene Meinungen geäußert werden, eine Meinung eben die Dominanz, somit die Hegemonie hat. Dennoch: In pluralistischen Gesellschaften werden in aller Regel zu jedem Thema unterschiedliche und divergente Meinungen geäußert.

Es gibt aber ein paar Themenkomplexe, da gibt es tatsächlich so etwas wie eine Einheitsmeinung. Eines der Themen ist der Freihandel. Damit meine ich jetzt nicht Fragen wie TTIP oder CETA, Abkommen, die von vielen Leuten bekämpft werden, sei es wegen Details in den Abmachungen, sei es, weil durch sie große multinationale Player privilegiert werden.

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Ich meine das Prinzip des Freihandels als solches. Die Argumentationsreihe geht so: Freihandel ist gut, Protektionismus ist böse. Freihandel steigert das Bruttonationaleinkommen, die Produktivitätsentwicklung – kurzum: die Prosperität – in allen am Handel beteiligten Volkswirtschaften, und Protektionismus würde all das reduzieren. Daher würden „wir alle“ vom Freihandel profitieren. Dass diese Zuwächse, die „wir alle“ erzielen, dann vielleicht nicht extrem gerecht verteilt sind, das wäre dann ein Einwand, der von der Linken kommt. Aber diese Zuwächse selbst sind unbestritten. Das ist wie eine Art von religiöser Lehre, an die wie selbstverständlich geglaubt wird, ohne dass sie überhaupt jemand in Frage stellt. The Next Big Thing: Intelligenter Protektionismus weiterlesen

CETA und Mordio.

Christian Kern, die SPÖ und das knifflige CETA-Thema. Eine Antwort auf Lukas Oberndorfer.

Man weiß ja gelegentlich nicht, ob man mit Verärgerung, Kopfschütteln oder pädagogischer Freundlichkeit auf die Aktivitäten in manchen linksradikalen Zirkeln reagieren soll. Jetzt wurde ich also wegen meiner Positionierung zu CETA Adressat eines Offenen Briefes von Lukas Oberndorfer (hier). Das ist insofern ulkig, als ich mich zu CETA bisher absichtlich kaum geäußert habe. Alles, was ich in meinem Leben zu CETA gesagt habe, füllt bestimmt nicht einmal 10 Prozent des Offenen Briefes, den Lukas an mich gerichtet hat.

Was seinen Zorn erregte, war die Tatsache, dass ich die Erklärung von Christian Kern auf Facebook verlinkte, in der dieser begründete, warum er dem Präsidium seiner Partei ein konditioniertes Ja zu einer Unterschrift von CETA empfahl (hier die ausführliche Argumentation des Kanzlers). Ich habe das nicht ganz wortlos getan – wobei ich mir kurz überlegte, es wortlos zu tun, aber ich weiß ja, dass das verschiedene Leute dann leicht verschieden interpretieren können -, sodass ich zweieinhalb Zeilen in einem Klammerausdruck hinzufügte: „(und, falls es jemand interessiert, ich find das in der Sache weitgehend schon richtig so, wenngleich ich Prozedere und Kommunikation bisher bissi holprig fand)“.

Das reicht, um mir alles Mögliche vorzuwerfen, was dann in das Urteil kulminiert, ich würde dazu übergehen „die herrschenden Verhältnisse zu legitimieren“. Nun gut, drunter tut es das Philippika-Schreiben offenbar nicht.

Aber schön, wenn ich schon gefragt werde, dann gebe ich in diesem Fall jetzt einmal Antwort, obwohl ich zu CETA und den diesbezüglichen Aktivitäten der SPÖ eigentlich nicht Stellung beziehen wollte.

Zwar kenne ich mich mit dem CETA-Vertrag wahrscheinlich besser aus, als die meisten Kritiker oder Anhänger dieses Vertrages, aber ich fühle mich nicht ausreichend als Experte, um wirklich mit fundierter Sicherheit eine Position beziehen zu können.

Generell denke ich, dass wir Verträge dieser Art überhaupt nicht benötigen, und dass das Schleifen von noch mehr Regulierungen bei Kapital-, Waren- und sonstigem Verkehr eingebettet ist in mittlerweile jahrzehntelange Prozesse neoliberaler Globalisierung. Selbst wenn man nicht leugnen kann, dass Handel die Wohlfahrt aller beteiligten Volkswirtschaften üblicherweise hebt, führt verschärfte Konkurrenz von Unternehmen, die das gleiche produzieren, zu einem Preis- und Lohndruck nach unten, sodass ab einem bestimmten Grad an Globalisierung die Nivellierung nach unten einsetzt und eben nicht mehr zu Wohlfahrtsgewinnen führt. Ganz davon zu schweigen, dass selbst dann, wenn Volkswirtschaften „gewinnen“, sie das eben nur im Durchschnitt tun, es aber dann dennoch immer Gewinner und Verlierer gibt, und die Verlierer werden von den Gewinnern in aller Regel nicht kompensiert. Das zu meiner generellen Skepsis, die sich etwa an die Forschungen des Ökonomen Dani Rodrik anlehnt – wer darüber mehr lesen will, kann ja bei Rodrik nachgoogeln.

Wenn solche Abkommen über die Reduktion von Handelsbarrieren auch noch hinausgehen – indem Konzerne Dinge durchsetzen, die sie in ihren nationalen politischen Öffentlichkeiten nie durchsetzen könnten -, dann wächst meine Skepsis noch beträchtlich. In dieser Hinsicht ist der Bundeskanzler, wie ich glaube, durchaus derselben Meinung – man sehe sich nur das öffentliche Gespräch an, das wir mit Marcel Fratzscher am Donnerstag im Kreisky Forum führten (Video auf der FB-Seite des Bundeskanzlers). CETA und Mordio. weiterlesen

Vorbild Linkspopulismus?

Syriza, Podemos, Corbyn, Sanders & Co: Die etablierte Linke und ihre antielitären Herausforderer. Ein Beitrag für das „Böll-Thema“ der deutschen Böll-Stifung.

Hier zum ganzen Heft.

Von Oskar Lafontaine stammt das Apercu, der Populismus-Vorwurf werde meist von jenen Leuten bemüht, bei denen das Publikum bei jeder Wortmeldung schon einschläft. Man muss kein Freund Lafontaines sein, um zu finden, dass da etwas dran ist. Jeder, der versteht, diskursiv ein „Wir“ zu etablieren, gilt für jene, die dazu unfähig sind, gelegentlich schon als Populist – und auch, wer nur populär zu formulieren versteht, was ja auch mit Komplexitätsreduktion zu tun hat, wird mit dem Populismus-Vorwurf bedacht. Aber ist ein solcher ausladender Populismus-Begriff noch in irgendeinem Sinne brauchbar?

Es ist heute üblich geworden, Parteien wie Syriza oder Podemos, Kampagnen wie die von Bernie Sanders oder sogar die Labour-Führung von Jeremy Corbyn, Grassroots-Bewegungen wie Occupy Wall Street oder die von Nuit Debout linkspopulistisch zu nennen.

Nun kann man dazu drei Haltungen einnehmen: Ja, sie sind linkspopulistisch, und das ist gut so. Ja, sie sind linkspopulistisch und das ist schlecht so. Und, nein, sie sind nicht linkspopulistisch, jedenfalls in keinem sinnvollen Aspekt des Wortes,.

Die Frage ist: Worauf könnte sich der Populismus-Vorwurf eigentlich gründen, und gibt es in dieser Hinsicht überhaupt etwas, was die genannten politischen und Bewegungsprojekte gemeinsam charakterisiert?

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Was ist dieses Jahr wahr?

Kritik am „Mainstream“ ist der letzte Schrei. Aber was ist das überhaupt: Mainstream. Eine Umkreisung. Neue Zürcher Zeitung, 17. September 2016

Die Behauptung, dass es ein Kartell des medialen Mainstreams gäbe, ist heute schon Mainstream. Man könnte beinahe meinen, sie wäre der letzte überhaupt denkbare Mainstream geworden. Mit dieser Behauptung versuche ich mich natürlich auch gleich jenseits des Mainstreams zu situieren, denn das muss man als Autor, die Situierung jenseits des Mainstreams ist schließlich der Königsweg zum Erfolg als Autor. Man stelle sich nur zwei mögliche Charakterisierungen eines Autors vor: Der eine, über den man sagt, „er ist ein Querdenker, der jeweils jenseits des Gewohnten denkt“ – und der andere, über den geschrieben wird, „er schreibt immer exakt das selbe, was auch die anderen schreiben“. Na, wen würde man da denn spontan für den interessanteren Autor halten?

Man kann über die Frage des Mainstreams nicht diskutieren, ohne zunächst einmal die Frage nach der Wahrheit oder der Wirklichkeit zu stellen. Denn einerseits hätte der Mainstream-Verdacht doch überhaupt keine Relevanz, wenn ein allgemeines Verständnis darüber herrschte, dass es „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ gäbe. Dann würde ja primär die Frage im Raum stehen, ob die „Wirklichkeit“ akkurat beschrieben ist, und nicht, ob es bei dieser Beschreibung einen Druck in Richtung „gewohnter Mehrheitsmeinung“ gibt. Und zweitens steht ja bei der Mainstream-Kritik immer die Behauptung im Zentrum, irgendein Mainstream würde die Wahrheit unterdrücken.

Nun kann man natürlich sagen: Wahrheit gibt es nicht. Oder besser: Wirklichkeit. Wirklichkeit, jedenfalls die über den engsten Rahmen des sinnlich Wahrnehmbaren hinaus geht. Meinetwegen, wenn ich in den Fluss falle und der ist kalt, dann ist für mich die Aussage „dieser Fluss ist kalt und er ist nass“ schon wahr. Aber selbst in diesem Fall ist die Wirklichkeit, so wie wir sie wahrnehmen, eingefärbt von Gewohntheiten. In irgendeinem klugen Buch, dessen Name mir entfallen ist, habe ich einmal folgenden Satz gelesen: „Wenn man die Fische fragt, wie es am Meeresgrund aussieht, vergessen sie wahrscheinlich zu erwähnen, dass es dort nass ist.“ Nur für den, der in den Fluss fällt, ist er nass und kalt, natürlich aber nicht für den, der dort immer lebt.

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Termine: Mülheim, Wels, Linz, Graz, Hamburg, Bremen und drei Veranstaltungen mit Christian Kern

Jetzt wirds langsam bissi stressig. Ich hab in den nächsten Wochen ein paar Termine:

 

Wels:

Am 29. September bin ich in Wels im Medien-Kultur-Haus und werde über Hysterie und Angstmache in Medien sprechen.

Die mkh° Medienshow Folge 1: Medien Kultur Haus
Live Show/Aufzeichnung: Do, 29. September 2016, 19.30 Uhr, Eintritt frei!

„Kürzer denken, schneller berichten, nix erklären.“ (Sybille Berg)
Hysterie und Angstmache in den Medien.

Zu Gast: Robert Misik
Moderation: Dominika Meindl

Näheres hier.

Graz:

Am 30.9. bin ich bei einem Workshop bei der Sozialistischen Jugend in Graz, abends gibt es dann eine öffentliche Veranstaltung, bei der ich über die „linke Perspektiven in Europa und die aktuelle Situation der SPÖ“ sprechen und diskutieren soll.

Freitag, 30. September,
ab 19:30 Uhr
im Büro von SJ & VSStÖ Graz
(Maifreddygasse 4, 8010 Graz)

Mehr dazu hier

Linz: 

Am 6. 10. bin ich auf Einladung der Linzer Grünen und der Grünen Bildungswerkstatt Oberösterreich Abends im Alten Rathaus in Linz und spreche zum Thema: „Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen?“

Beginn 19 Uhr.

Am nächsten Tag gibt es – ebenfalls am gleichen Ort – ab 9:30 auch noch einen Vormittagsworkshop.

Hamburg: 

Am 8. 10. spreche ich um 11.15 Uhr in Hamburg zur Eröffnung der Tagung „Baustelle Demokratie“ zum Thema: Kaputtalismus – Wie der heutige Kapitalismus die Demokratie bedroht.

dock europe e. V.- Internationales BildungszentrumBodenstedtstraße 16 (Hinterhof) – 22765 Hamburg-Altona

Näheres hier.

Bremen: 

Am 9. Oktober spreche ich im Theater Bremen um 11 Uhr über mein Buch „Kaputtalismus“ – Näheres hier.

Wien, Kreisky Forum: 

Am Donnerstag 13. 10. habe ich im Kreisky Forum Marcel Frantzscher, den Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Bundeskanzler Christian Kern zu Gast.

Frantzscher, Autor des wunderbaren Buches „Verteilungskampf“ wird zum Thema „Wohlstand für alle?“ sprechen, und dann mit Christian Kern über einen „New Deal“ sprechen, also Strategien einer progressiven Wirtschaftspolitik.

Vorschau: 

Mit Christian Kern über Victor Adler auf der Buch Wien.

So, das wären einmal die Termine der nächsten drei Wochen. Ein kleine Vorschau schon auf November:

Besonders freue ich mich auf eine Veranstaltung auf der Buch-Wien, der jährlichen Wiener Buchmesse.

Am 12. November werde ich um 16 Uhr meinen Victor-Adler-Biographie-Essay „Ein seltsamer Held“ vorstellen – und zwar gemeinsam mit Adlers Nach-Nach-Nach-etc-Nachfolger als SPÖ-Vorsitzenden, Christian Kern.

Am 17. 11. habe ich Ulrike Hermann im Kreisky Forum zu Gast – die großartige Autorin wird ihr neues Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ präsentieren.

Und am 18. 11. gibts eine Veranstaltung, an der ich nur als Co-Co-Hilfs-Organisator beteiligt bin, die aber überhaupt besonders spannend ist: Mariana Mazzucato debattiert im Audi-Max der WU-Wien mit Christian Kern.