Kritik des Erfolgs

Was ist schlecht an Kreativität, Effizienz, Leistung und Kompetenz? Nichts und sehr viel zugleich. Der Standard, 6./7. September 2014 

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Sie werden beobachtet. Sie schauen auf Dich. Und das ist ja eine schöne Sache, dass wenigstens irgendjemand auf Dich schaut. Schau auch ein bisschen auf Dich. Wenn jeder auf sich selbst schaut, dann ist auf jeden geschaut. Aber auf manche wird eben mehr geschaut. Die Sichtbarkeit ist nicht demokratisch verteilt. In einer Gesellschaft, in der du stets von anderen beobachtet und beurteilt wirst, ist die erste Pflicht, dich stets selbst zu beobachten und zu beurteilen. Selbstreflexion ist eine Tugend, gewiss, aber sie ist auch die Voraussetzung für Erfolg, also dafür, besser als andere zu sein, sie zu überflügeln und auszubremsen, und somit auch eine Untugend. Wo die Tugend in Untugend umschlägt? Man weiß es nicht, in einer Welt, die stets Liebe in Hass, den Hass in die Liebe, die Tugend in Laster und das Laster in die Tugend verwandelt. 
Es gibt ja ein paar Dinge, bei denen wir uns schnell einig sind, dass sie kritikwürdig sind – einig mit fast allen unseren Mitmenschen, oder zumindest mit unserer Peer-Group, oder wenigstens mit uns selbst. Die Gier, die Umweltzerstörung, die Praktiken der Banken, das Fernsehprogramm oder überhaupt der Kapitalismus. Worte selbst fällen das Urteil: Gier ist böse, das steckt da drin in dem Begriff, das Urteil kriegt man da nicht raus, das schafft der ärgste Wallstreet-Banker auf Koks nicht, dieses Urteil raus zu kriegen. Andere Begriffe sind neutral. Und wieder andere sind doch durchwegs positiv besetzt. Erfolg. Kreativität. Leistung. Kompetenz. Effizienz. „Kritik des Erfolgs“ oder „Ein Loblied dem Versagen“ oder „Ein Hoch auf die Ineffizienz!“ – wie klingt das denn schon? 

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Gleichheit, totally Contemporary!

Der französische Historiker Pierre Rosanvallon entstaubt in einem großartigen Buch die Gleichheitsidee. Der Standard, 1. Juli und Der Freitag, 4. Juli 2013
Das zeitgenössische Linke Lamento lautet, allenfalls etwas ins Pausbäckige zugespitzt: Seit dreißig Jahren wird alles Schlechter. Die Ungleichheiten wachsen. Solidarität gibt es nicht mehr, der Wert der Gleichheit wurde diskeditiert. Und an all dem ist der Neoliberalismus schuld, mit seiner Konkurrenzideologie und seinem Erfolg, alles zur Ware zu machen.
Aber so einfach ist das nicht, sagt Pierre Rosanvallon. Schon die Beschreibung der vergangenen Jahrzehnte als Verfallsgeschichte, die dann gewissermaßen die siebziger Jahre als Paradies zeichnet, muss die Hälfte der Wahrheit ausblenden. Ja, die ökonomischen Ungleichheiten wachsen wieder in einem Ausmaß, das man vorher nicht mehr für möglich gehalten hätte, sie werden beklagt und akzeptiert zugleich, und doch sind andere Ungleichheiten heute viel weniger akzeptiert als früher. Gesellschaftlicher Rückschritt und gesellschaftlicher Fortschritt gehen Hand in Hand. Während krasse ökonomische Ungleichheiten wieder die Gesellschaft zerreißen, werden andere Formen sozialer und kultureller Ungleichbehandlung nicht mehr akzeptiert: Frauenunterdrückung, die Rechtlosigkeit von Schwulen und Lesben, oder auch rassistische Ausgrenzung, werden heute bekämpft, sind im Mainstream nicht mehr akzeptabel und in vielen Bereichen gibt es große Fortschritte der Emanzipation. Dass Jede und Jeder das gleiche Recht hat, nach seiner/ihrer eigenen Fasson glücklich zu werden – diese Gleichheit ist heute kaum mehr angreifbar. Parallel dazu ist die Gesellschaft zunehmend in Reich und Arm zerrissen. 

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Wieviel Ungerechtigkeit ist gerecht?

Hans-Ulrich Wehler hat eine erschütternde Bestandsaufname der Ungleichheit in der Bundesrepublik geschrieben. US-Starphilosoph Michael Sandel fragt in einem fulminanten Großessay, was denn eine gerechte Verteilung wäre – und wie sich für sie argumentieren ließe. Der Standard (Wien) und Der Freitag (Berlin)
Wenn er in Harvard seine Vorlesungen hält, sind oft über tausend Studierende im Saal – und hunderttausende weltweit sind Online dabei oder sehen die Vorträge später auf Youtube. Spricht er in Peking oder Shanghai, dann sind die Säle auch voll. Michael Sandel ist der große Star der zeitgenössischen Philosophie. Die „Zeit“ nannte ihn unlängst den „wohl populärsten Professor der Welt“. Und wenn man sein Buch „Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun“, liest, dann versteht man, warum das so ist. Es ist eine fulminante Anleitung dazu, die richtigen Fragen zu stellen – und zwar zu Themen, die uns in der täglichen politischen Diskussion anspringen. 
Nehmen wir nur die Schlagzeilen der vergangenen Tage. VW-Chef Martin Winterkorn streicht ein Jahreseinkommen von 14,5 Millionen Euro ein. Gewerkschafter und andere Linke fordern für Einkommensmillionäre wie Winterkorn hohe Spitzensteuersätze, und da Winterkorn natürlich nicht nur zu den Top-Verdienern, sondern wohl auch zu den Top-Vermögensbesitzern zählt, wäre er auch einer jener, der einiges an Vermögensabgabe bezahlen würde müssen, würde sie denn eingeführt werden. 

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In der Zwischenwelt von Erfolg und Misserfolg

Die Refugees haben es verdient, nicht als Gescheiterte aus der Votivkirche ausziehen zu müssen. Der Standard, 19. Februar 2013
Bei sozialen Protestbewegungen, besonders dann, wenn sie von den Aktivisten und Aktivistinnen einen hohen persönlichen Einsatz verlangen, stellt sich irgendwann immer die Frage nach Erfolg und Misserfolg, oder grobkörniger formuliert: Von Sieg und Niederlage. Das trifft natürlich umso schneller und erwartbarer zu, je größer der persönliche Einsatz ist. Werden öffentliche Plätze besetzt (wie bei den Occupy-Aktionen), oder das Audimax, oder wird gar ein Hungerstreik ausgerufen, wie von den Refugee-Aktivisten in der Votivkirche, dann ist klar, dass der Protest ein Ablaufdatum hat – sei es, weil irgendwann der Elan erlahmt und die Euphorie vorbei ist, und erst recht, weil der menschliche Körper hungern und frieren nicht allzu lange mitmacht. In aller Regel tritt dann das Problem auf, dass der Rhythmus politischer Reform und der der Bewegungen asynchron sind. Politische Reformbewegungen, selbst dann, wenn es ihnen tatsächlich gelingt, etwas zum Besseren zu verändern (was ja nicht immer der Fall ist), brauchen dafür einen langen Atem und Jahre, der politische Aktivismus mit vollem Einsatz ist aber schon nach ein paar Wochen oder Monaten an den Grenzen völliger Erschöpfung angelangt. 
In einer solchen Situation stehen politische Aktivisten immer wieder vor dem großen Dilemma: Wie kann man aufhören, ohne dass das als Niederlage erlebt wird?

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American Diaries Nr. 1: Warten auf Hurricane „Sandy“

Schon Stunden vor der Ankunft des Hurricane „Sandy“ steht die Stadt, die niemals schläft, praktisch still. Aber die Polit-Strategen überlegen bereits, ob das Desaster eher Präsident Barack Obama oder seinem Herausforderer Mitt Romney nützen könnte. 
Es ist ein Gehupe und Gedränge auf den Highways, dabei ist es Sonntag Abend, und die Strecke zwischen dem John-F.-Kennedy-Flughafen und Manhattan sollte normalerweise eigentlich frei sein. Aber im Augenblick ist gar nichts „normalerweise“ in New York. Eine Blechlawine schiebt sich über die Straßen. Hunderttausende sind auf der Flucht, weg von den küstennahen Gebieten, weg von Long Island, weg von Coney Island, rein ins Landesinnere. Unterkommen, irgendwo. Wer Verwandte hat, bei denen er unterkriechen kann, fährt zu denen. Wer reich genug ist, kann noch versuchen, eines der letzten Hotelzimmer in Manhattan zu ergattern. Wer nicht reich genug ist, kann es in einer der Schulen versuchen, die zu Notquartieren umfunktioniert werden. 
Gerade erst bin ich gelandet und schon in einem eigentümlichen Film. Eigentlich sieht das ja nur aus wie ein ganz normaler Verkehrsstau. Es sieht aus wie ein Verkehrsstau, es riecht wie ein Verkehrsstau – aber es ist kein Verkehrsstau. Es ist eine Karawane von Fliehenden, und ich bin mittendrin. Nur bin ich kein Fliehender. Die Fliehenden sind mir nur im Weg. Auf meinem Weg nach Manhattan. 
Der Hurrican „Sandy“, den die lauten Schrei-Radiostationen schon „Monstersturm“ oder „Frankensturm“ nennen, ist noch längst nicht da, da steht die Stadt schon still. Die „City, that Never Sleeps“ ist eine einzige Geisterstadt. Sonntag abend weht erst ein kleines Lüfterl, aber auf den Straßen ist kaum jemand. Kaum ein Restaurant hat geöffnet. Die Subway, ohne die in der Stadt ohnehin nichts funktioniert, hat ihren Betrieb eingestellt, da die U-Bahn-Tunnels wohl überschwemmt werden. Wer daheim ist, und nicht in einer der Gegenden wohnt, deren Evakuierung befohlen ist, bleibt daheim und stellt sich darauf ein, seine Wohnung in den nächsten 48 Stunden nicht zu verlassen. Der schlimmste Sturm seit 1938 soll es werden. Damals hat sogar das Empire State Building gewackelt. 
Ein Montagmorgenspaziergang durch das dunkle Manhattan ist spooky. Wo sich normalerweise Tausende durch die Straßen schieben auf dem Weg zur Arbeit – praktisch niemand. Würden nicht ein paar Taxis herumfahren, könnte man glauben, eine Neutronenbombe sei abgeworfen worden.

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Warum es im Fall Sarrazin nicht um „Meinungsfreiheit“ geht

Wenn die „Bild“-Zeitung für die „Meinungsfreiheit“ kampagnisiert, dann darf die „FAZ“ nicht abseits stehen. „Bild kämpft für Meinungsfreiheit“, hatte das Zentralorgan des gesunden Volksempfindens unlängst schließlich getitelt und in großen Lettern rausgeschrieen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Gemeint waren Thilo-Sarrazins gesammelte Anti-Ausländer-Wahrheiten. Sogar mit dem Fall des Mohammed-Karrikaturisten Westergaard wurde er verglichen. Wo es um „Islamkritik“ geht, da wird heute schnell bedrohte Meinungsfreiheit vermutet, so genau nehmen wir es da nicht, egal ob der Kritiker mit dem Tod bedroht wird – oder nur mit einem Spitzenplatz in den Bestsellerlisten.

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Mehr Gleichheit macht glücklich

Der Soziologe Richard Wilkinson und die Medizinerin Kate Pickett belegen mit einem Gebirge an Datenmaterial, dass gerechtere Gesellschaften für alle gut sind – und dass ungerechte Gesellschaften alle krank machen. Eine fulminante Studie. Wahrscheinlich das Buch des Jahres! Berliner Zeitung u. Der Standard, März und April 2010

 

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