Wider den „Das-geht-nicht-ismus“

Jammert Ihr noch oder rennt Ihr schon für eine progressive Mehrheit? Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz.

Jetzt können wir natürlich darüber diskutieren, ob eine knappe Niederlage bei einer Parlamentswahl schon ein Triumph ist, aber ganz gewiss sind die knapp 41 Prozent, die Jeremy Corbyns Labour-Party erreicht hat, ein Sieg – gemessen an den Ausgangsbedingungen, gemessen an den Erwartungen. Gemessen an allem, was man sich an Bullshit von den sogenannten Politik-Experten vorher anhören musste.

Was mich an dieser Wahlsensation am meisten freut, ist die krachende Niederlage des „Das-geht-nicht-ismus“, dieser letzte große -ismus, der Blödheit unserer Zeit. Dass ein kautziger, bärtiger linker Opa, der nicht mal über den humoristischen Zauber und den Charme von Bernie Sanders verfügt, irgendetwas anderes als ein Debakel einfährt – das geht nicht, wurde uns gebetsmühlenartig gesagt. Übrigens wurde uns vorher ebenso abgeklärt von den „Realisten“ erklärt, dass man mit Bernie Sanders niemals gewinnen könnte, gewinnen könnte man nur mit Leuten wie Hillary Clinton. Tja, jetzt sagen alle Bernie „would have won“. Übrigens: Auch Emmanuel Macron war vor etwas mehr als einem Jahr noch ein fixer „Geht-Nicht“-Kandidat: aus der Regierung ausgestiegen, ohne Apparat, gegen die gesamte französische Politikmaschinerie – war ein klassisches „Geht nicht“. Und ich erinnere mich noch, als ich im Jahr 2004 Nachts mit pochendem Zahnweh wach lag und wegen der Schlaflosigkeit die Convention der US-Demokraten sah. Da sprach ein unbekannter junger Schwarzer, der gerade in Illinois für sein erstes Amt auf Bundesebene kandidierte. Und als ich den hörte, dachte ich mir: Puh, historischer Moment, den Jungen wird man sich merken müssen. Nun ja, noch drei Jahre später hörte man da: Dass ein für US-Verhältnisse sehr linker Schwarzer, der auch noch die Clinton-Maschine gegen sich hat, Präsident werden kann – völlig undenkbar. Super wäre er ja schon, aber leider, leider, unter realpolitischen Gesichtspunkten völlig „unelectable“, „unwählbar“. Hinterher hat er zwei Mal in Folge mit Sensations-Mehrheiten die Präsidentschaft gewonnen. Und wie viele Leute haben vergangenes Jahr bei uns in Ösistan gesagt, dass es völlig undenkbar ist, dass wir mit dem grünen Kandidaten Alexander van der Bellen die Wahl gegen den rechtsradikalen Norbert Hofer noch drehen – und ja, am Ende ging es 54 zu 46 aus.

Dieser Unsinn, dass Dinge niemals gehen können – von denen sich dann hinterher herausstellt, wie spielend leicht sie gehen -, der wird meist von Leuten verzapft, die man skurrilerweise gerne „Realos“ nennt. Eigentlich sollte man sie doch eher Irrealos nennen.

Wir in Österreich haben wie ihr in diesem Jahr Nationalratswahlen. Und schon wieder höre ich aus der sogenannten „Expertenblase“, die ihren Schrebergarten auf twitter hat, dass das leider rechnerisch völlig undenkbar sei, dass eine Mitte-Links-Mehrheit aus Sozialdemokraten, Grünen und den kleinen liberalen Neos diese Wahlen gewinnen könnte. Fünf Monate vor der Wahl! In der Zeit holt Dir Jeremy Corbyn einen 120-Prozent-Rückstand auf! Und das Mitte-Links-Lager liegt in Österreich in Umfragen gerade einmal fünf, sechs, sieben Prozent, höchsten zehn Prozent hinten (je nach Umfrage).

Das Ärgerliche am „Das-geht-nicht-ismus“ ist ja nicht nur, dass er eine selbstlähmende, ewig dauer-depressive Gemütsverfassung ist, sondern dass er die Prozesse, die er scheinbar nur kommentiert, ja auch beeinflusst. Er verbreitet Depression, und verhindert damit den zupackenden Optimismus, der nötig wäre, um gewinnen zu können. Der depressive „Das-geht-nicht-ismus“ glaubt nicht an sich, und daher vertraut er eher auf kleinliche politische Winkelzüge als auf den Schwung, und daher auch nur auf die Winkelzug-Experten und niemals auf die Begeisterung der Menschen (dass sich Menschen überhaupt für etwas begeistern können, ist dem „Das-geht-nicht-ismus“ in Wahrheit völlig unvorstellbar).

Jetzt fragen sich alle, wie der das geschafft hat, der Corbyn. Dabei ist es ganz einfach. Dass er ein kautziger Altlinker ist – hat ihm mehr genützt als geschadet. Sogar bei Nicht-Linken. Selbst jene Leute, die seine Haltungen nicht teilten, wussten: Der Typ ist echt. Er ist authentisch. Er steht zu dem, was er denkt. Das hat heute mindestens so viel Gewicht wie die „Links-Rechts-Achse“. Er hat Mut, zu dem zu stehen, was er sich denkt. Das verbindet auch den Sieg Macrons und den Erfolg Corbyns, so unterschiedlich die beiden Typen politisch sind. Aber auch Macrons Mut, der aus dem etablierten Polit-System ausstieg, wagemutig seine eigene Bewegung gründete, nicht auf irgendwelche „Realo“-Berater hörte, hat am Ende Eindruck gemacht und die Grundlage für seinen Erfolg gelegt: Da ist einer, der wenigstens für etwas steht. Einer, der daher wohl irgendetwas ändern wird.

Nach zehn Jahren des Dauerdebakels für den „Das-geht-nicht-ismus“ sollte man das langsam gelernt haben.

Menschenrechte – eine linke Gutmenschen-Idee

Der Rote Faden, meine Kolumne aus der taz, vom Juni 2017

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie öffentliche Diskurse zum Thema Flüchtlinge, Grenzen, Abschiebungen heute oft ablaufen? Da gilt in einem anwachsenden Mainstream als ausgemacht, dass man Fliehende abhalten muss, europäisches Territorium zu betreten, dass man, wenn sie es doch schaffen, möglichst restriktiv ihre Asylgründe prüfen müsse, und dass, wer hier aus irgendwelchen Gründen keinen Aufenthaltstitel erlangt, abgeschoben werden müsse, wie immer die Lage in seinem Heimatland ist.

So weit, so bekannt. Wenn dann irgendjemand einwendet, dass aber doch die Menschenrechte beachtet werden müssen, dass Leute, die als Jugendliche hier her kamen, sich vielleicht schon integriert haben, doch nicht mit Erreichen des Erwachsenenalters nach Afghanistan abgeschoben werden sollten; dass man da also die Menschenrechte nicht aus den Auge verlieren dürfe, aber auch so etwas wie unnötige Härten vermeiden sollte… Wer also solches einwendet, was vor einigen Jahren noch als Haltung des gesunden, vernünftigen Menschenverstandes gegolten hätte, der oder die muss mit aggressiver Abwehr rechnen.

So von der Art: die blauäugigen Gutmenschen, kommen uns da mit Menschenrechten daher, haben die denn überhaupt keinen Sinn für Pragmatismus und die realpolitischen Notwendigkeiten?

Aber was bedeutet das eigentlich in letzter Konsequenz? Das Konzept, die Idee der Menschenrechte gilt als Gutmenschenkonzept. Das Wort „Menschenrechte“ selbst ist ein rhetorischer Marker geworden, bei dem in Politik und Publizistik mindestens die Hälfte der Protagonisten schon beginnen, die Augen zu verdrehen.

Was heißt: Was vor wenigen Jahren wenigstens noch in Sonntagsreden Konsens war, nämlich dass Menschenrechte gewahrt, verteidigt, befestigt werden müssen, dass die Menschenrechte die Basis des westlichen Wertekanons seien, also das ganze Blabla, das von fast ganz links bis fast ganz rechts ein Common Sense war – das hat sich gewandelt. „Menschenrechte“ – das ist heute ein „linkes Gutmenschenkonzept“.

Muss man in seiner ganzen Konsequenz erst einmal begreifen. Vielleicht ist das ja ohnehin – geistesgeschichtlich gesehen – die Normalität. Menschen- und Bürgerrechte, das war ein republikanischer Kampfruf gegen das konservative Ancien Regime, so vor 150 Jahren, vielleicht bis vor 100 Jahren. Erst nach 1945 war auch der Konservativismus mit dem Konzept der Menschenrechte versöhnt – einerseits als Lehre aus der Nazi-Barbarei, andererseits aber auch und vor allem, weil man mit Menschenrechtsrhetorik die kommunistischen Diktaturen anprangern konnte. So wurde das Konzept der Menschenrechte zu einem Konsens von links bis rechts. Für einen kleinen historischen Augenblick von sechzig Jahren.

Wer heute „Menschenrechte“ sagt, der bekommt dann gleich ein paar andere Worte um die Ohren geworfen: moralischer Zeigefinger und wie die Floskeln alle heißen.

Es ist eine Verschiebung, die mehr eine langsame ist, zugleich Resultat und auch wieder Motor einer schleichenden Verrohung.

Mit Opfern. Menschliche Härten werden in Kauf genommen. Das Kind, das hier aufgewachsen ist, wird, kaum achtzehn Jahre alt, jetzt nach Kabul deportiert? Nun, das ist zwar nicht schön, aber die Regeln sind nun einmal so – das ist die politisch-bürokratische Logik. „Das Volk“ – wer immer das sei – ist nun einmal nicht mehr dazu bereit, weiter übertriebene Humanität zu zeigen. Da muss man streng sein, und auch wenn das im Einzelfall zu Überstrenge führt. Das muss man in Kauf nehmen, denn die Strenge müsse ja auch sichtbar sein, und wie soll die Strenge ostentativ werden, wenn man sie nicht gerade auch dann exekutiert, wenn sie als ungerecht erscheint?

So in etwa wird heute agiert, argumentiert, das ist der Geist der Diskurse.

Für eine Art theatralischer Demokratie-Performance, die ich gerade im Wiener Schauspielhaus auf die Bühne brachte, habe ich mir auch meinen Freund Möstafa Noori eingeladen. Mösti, wie ihn alle nennen, ist als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan vor einigen Jahren nach Wien gekommen, und jetzt ist er Anfang zwanzig und hat es geschafft. Super integriert, super aktiv, super ausgebildet. Aber heute ist das nur mehr schwer zu schaffen, sagt Mösti. „Ich bin die letzte Generation, der man noch vertraut hat“, sagte er. Was für ein trauriger Satz.

Und dann sagte er noch etwas Lustiges: Er ist sehr für die Demokratie, aber das war gar nicht immer so. „Das erste Mal habe ich das Wort Demokratie von George W. Bush gehört. Ich dachte damals, Demokratie hat etwas mit Krieg zu tun.“

Macron, Le Pen und die dumme Linke

 Der Rote Faden, meine Kolumne in der taz, vom Mai 2017

Macron schlägt Le Pen in der Stichwahl, mit sicherem Abstand – so wollen es uns die Meinungsumfragen vor der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen am kommenden Sonntag weis machen. Aber man soll sich da nicht in allzu großer Sicherheit wiegen. In einer Stichwahl werden die Karten neu gemischt, und es ist mindestens genauso gut möglich, dass es noch einmal knapp wird. Dass die Sache dann doch zu so etwas wie einem Kopf-an-Kopf-Rennen wird.

Zumal Marine Le Pen und ihre Verbündeten – die von ihrer Partei, dem Front National bis nach Moskau reichen -, ja durchaus geschickt vorgeht. Da wird jetzt über alle Kommunikationskanäle der Gegenkandidat schlecht gemacht. Dass Macron ein Mann der Eliten, des Systems ist. Ein glattes, neoliberales Innenstadt-Bubi. Ein Banker. Einer von Rothschild. Ein Volksverächter. Einer, der zu rechts ist (in ökonomischen Fragen), einer, der zu links ist (in gesellschaftspolitischen Fragen).

Da ist für jedem etwas dabei. Für die katholische Rechte, oder simpler gesagt, für die traditionsorientierte Landbevölkerung. Für die Linken, die doch nicht einen Banker wählen wollen, einen von den neoliberalen Eliten, ich bitte Euch. Macron, Le Pen und die dumme Linke weiterlesen

Keine Angst!

Rechtspopulisten im Aufwind und kaum zu stoppen? Aber nein! Strache, Wilders, Le Pen & Co. haben gerade keinen guten Lauf.

Wirkliche Sensation war der Wahlergebnis in den Niederlanden dann gar keine mehr: Es hatte sich schon vorher in den Umfragen abgezeichnet, dass die rechtspopulistischen Bäume nicht in den Himmel wachsen werden. Bemerkenswert ist der Wahlausgang aber doch, denn noch vor ein, zwei Monaten hatte es so ausgesehen, als wäre Geert Wilders, dem niederländischen Trump, der Wahlsieg eigentlich nicht zu nehmen. Aber dann drehte sich die Stimmung im Land.

Das zeigt: die Demokraten und Pro-Europäer können durchaus selbstbewusst sein, man muss nicht wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Rechtspopulisten starren. Sie sind besiegbar. Und sie haben, wenn es dann darauf ankommt, in den meisten westeuropäischen Ländern keine Mehrheit. Keine absolute, und auch keine relative Mehrheit.

Das ist jetzt schon das zweite Exempel dieser Art innerhalb weniger Monate: In Österreich gewann Alexander van der Bellen, der ehemalige grüne Parteichef, die Stichwahl um die Präsidentschaft letztendlich überraschend deutlich mit 54:46 Prozent gegen seinen Rivalen Norbert Hofer von den rechtsradikalen Freiheitlichen von der FPÖ. Und obwohl die FPÖ seit gut zwei Jahren in allen Umfragen voran liegt, ist doch recht unwahrscheinlich, dass sie den ersten Platz schaffen würde, wären am nächsten Sonntag Parlamentswahlen. Ihr Vorsprung ist empfindlich zusammen geschrumpft. Keine Angst! weiterlesen

Trump als Chance

Der rote Faden, meine Kolumne in der taz.

Geschichte vollzieht sich ja gelegentlich in seltsamen Volten, als paradoxes Reiz-Reaktions-Schema, man könnte, wäre man altmodisch, auch sagen: dialektisch. Der Aufstieg des autoritären Rechtspopulismus verdankt sich neben vielen anderen Gründen vornehmlich auch dem Verschwinden aller starker Energien aus dem politischen Leben. Weltanschauungsparteien mit ihren starken Überzeugungen verloren an innerre Spannkraft, in ihnen kam eine Kaste von Profi-Politikern hoch, und die Bürger und Bürgerinnen hatten zunehmend den Eindruck, die seien im wesentlichen doch alle gleich. Die Parteien selbst konnten nicht mehr so recht sagen, was sie denn eigentlich wirklich besonders ausmache, was sie in eminenten Sinne ununterscheidbar mache, sodass die Bürger und Bürgerinnen der Verdacht beschlich, dass sich die Richtung niemals ändere, egal wer gewinnt. Das Ergebnis war so etwas wie eine Politik ohne Alternativen, eine Demokratie, bei der in grundlegenden Fragen zwischen den etablierten Kräften doch ein weitgehender Konsens herrschte. Und das war eben auch die Gefahr: Denn, wie Tony Judt einmal sagte, eine Demokratie mit weitgehendem Konsens wird nicht lange eine Demokratie sein.

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Diese Konstellation machte die autoritäre Rechte groß, erstmals als signifikante Minderheit, bis sie dann tatsächlich auf den Sprung zur Mehrheit war, und zwar nicht in einigen Ländern mit Spezialproblemen, sondern ziemlich flächendeckend: Trump in den USA, Ungarn, Polen, in Österreich ist die FPÖ durchaus in der Lage, stärkste Partei zu werden, in den Niederlanden werden die Wilders-Leute wahrscheinlich gewinnen, und eine Präsidentschaft Marine Le Pens ist auch nicht hundertprozentig auszuschließen.

Die dialektische Pointe ist nun allerdings: Damit ist auch die Konstellation, die Spielanordnung auf dem politischen Feld zu Ende, die die Autoritären groß gemacht hat. Die verschiedenen Spielarten liberal-demokratischer Politik sind jetzt kein „Konsens“ mehr, sie sind nicht mehr das Langweilige, Alternativlose, sondern sie sind selbst eine von zwei großen Alternativen: Hier die liberale Demokratie, da die illiberale Pseudodemokratie.

Insofern ist Trump – wenn wir ihn hier als die signifikante Verkörperung und Verschärfung von Orban, Strache, Le Pen etc. betrachten – auch eine Chance. Demokratische Politik ist keine Politik ohne Projekt mehr, sondern hat einen Gegner, einen Antipoden. Sie ist jetzt selbst wieder eine Alternative in einem politischen Wettbewerb, und das alleine kann schon als Energiezufuhr nützen.

Wir in Österreich haben es auf gewisse Weise im Bundespräsidentschaftswahlkampf erlebt, und Ähnliches scheint sich eben auch in Frankreich zu wiederholen. Emmanuel Macron, der jungenhafte, unabhängige Sozialliberale, ist aus heutiger Sicht der aussichtsreichste Anwärter darauf, in einer Stichwahl gegen Marine Le Pen anzutreten – und sie dann auch zu besiegen. Dass es wieder um so etwas wie eminente politische Alternativen geht trägt vielleicht auch zu dem seltsamen Hype um Martin Schulz in Deutschland ein – auch wenn die Bundesrepublik mit einer Rechtspartei, die knapp über der Zehn-Prozent-Marke liegt, natürlich immer noch ein Sonderfall ist. Wie auch immer: Generell ist das „Modell Trump“ für die demokratischen Kräfte auch eine Chance, nämlich sich als echte Alternative zum Autoritarismus darzustellen und sich damit selbst zu „repolitisieren“.

Aber man darf diese These von der Chance nicht missinterpretieren. Das heißt natürlich nicht, dass die alte Apparatschikpolitik von der weichgespülten Mitte jetzt plötzlich ein neues Lebenselexier gefunden hat. Im Gegenteil: Apparatschikhaftes „Weiter so“ und die verstaubten Politikberater-Ratschläge aus den neunziger Jahren würden zur Stimmenmaximierung der Autoritären nur beitragen. Man muss sehr genau analysieren, was genau als Alternative taugt: Wer auch nur den Eindruck erweckt, Teil des hergebrachten Politik-Politik-Establishments zu sein, hat schlechte Karten. Auch hier sind Österreich und Frankreich frappierende Beispiele: In Österreich schlug ein liberaler Grüner die autoritäre Konkurrenz, und auch Macron kann nur deshalb eine Bewegung mobilisieren, weil er sich geschickt als frisch, neu, von jenseits des Polit-Establishments kommend, kurzum, selbst als Kandidat „gegen das System“ positioniert. Und weil er eine glaubwürdige, an Menschenrechten orientierte Pro-Europa-Politik vertritt, und somit nicht als Politiker erscheint, der sich nach Meinungsumfragen richtet oder danach, woher gerade der Wind weht.

Auch das ist eine wichtige Erkenntnis: Früher hätte man gesagt, „electible“ ist nur, wer moderat die konventionelle Mitte abdeckt. Heute sind die, die in die konventionelle Mitte drängeln „unelectible“ – also die, die schlechte Karten haben.

Hat wer ein Narrativ übrig?

Der Rote Faden, meine Kolumne aus der taz – Jänner 2017

Als rational denkende, vernunftbegabte Menschen würden wir – also Sie und ich – uns ja nie von simplen, betörenden Storys beeinflussen lassen. So jedenfalls denken wir uns das. Das ist gewissermaßen unser Selbstbild. Man könnte auch sagen: die simple, betörende Story, die wir uns über uns selbst erzählen.

Aber wir wissen auch, dass das nicht so stimmt. Nicht nur die Werbeindustrie lebt davon. Auch die Politik ist davon geprägt.

Die Konservativen: Sie erzählen die Geschichte von der fleißigen, sparsamen schwäbischen Hausfrau, die nicht mehr ausgibt als sie einnimmt. Und das ist nicht nur eine ökonomische, sondern eine moralische Allegorie. Diese Hausfrau ist verantwortungsbewusst, sie liegt niemandem auf der Tasche. Sie würde wohl nie ihr Haushaltsgeld für eine Flasche Rum ausgeben und sich einen hinter die Binde kippen.

Der Rechtspopulismus ist ohnehin eine mythenbasierende Politik. Der kleine Mann gegen die korrupten Eliten. Unten gegen Oben. David gegen Goliath. Die Nation „great Again“ machen. Auch mache Demagoginnen, die sich links tarnen, wie Sahra Wagenknecht versuchen dieses Muster nachzuspielen und erzählen die Story: Sie belügen Euch, aber das Volk lässt sich nicht mehr belügen und ich erzähle Euch die Wahrheit. Etwa: Wenn Assad Fassbomben und die Russen Bombenteppiche über Aleppo legen, dann sind in trotzdem irgendwie immer die Yankees schuld.

Auch die Linken und Progressiven hatten in den vergangenen 150 Jahren solche einfachen Geschichten: die einfachen Arbeiter, die aber die Welt erobern werden, weil sie es ja auch sind, die alle Reichtümer schaffen. Den Untersten gehört die Zukunft, die letzten werden die ersten sein. Aber dafür muss man hart an sich arbeiten: etwas lernen, sich bilden, sich organisieren. Und sie hatten Heldengeschichten: Geschichten von Figuren, die auch unter widrigen Bedingungen aufgestanden sind und den notwendigen Kampf gekämpft haben, mit dem Wind, der ihnen ins Gesicht blies. Mit nichts auf ihrer Seite, als der Vermutung, dass die Geschichte auf ihre Seite sei.

Aber welch ein Narrativ haben die Progressiven heute? Auf Opendemocracy.net fand unlängst eine interessante Debatte über das „Myth Gap“ statt – salopp übersetzt also über die „Mythen-Lücke“, die den Progressiven zu schaffen mache. „Während unsere Instinkte dahin gehen, den Lügen und Verzerrungen mit Fakten und Daten zu begegnen, ist die wirkliche Herausforderung, die Rechten auf dem Feld der Mythenproduktion und des Storytelling zu schlagen.“ Es braucht also ein „Narrativ“, in das sich all die Fakten und Daten und Positionen zu Sachfragen einfügen. George Lakoff, der linke amerikanische Guru des „politischen Framing“, hat das einmal so formuliert: „Sachfragen sind zweitrangig. Sie sind nicht unbedeutend oder unwichtig, aber sie sind zweitrangig. Eine Position in Hinblick auf Sachfragen sollte immer abgeleitet werden von den Werten, und die Entscheidung, welche Sachfragen man ins Zentrum stellt, sollte diese Werte symbolisieren.“

Lakoff weiter: „Jeder liebt eine gute Story. Ein gutes Argument beinhaltet eine Geschichte – mit Helden und Schurken. Diese Geschichten helfen dabei, Werte, Grundsätze, Meinungen, Statistiken in Erzählungen zu verwandeln, die einen Beginn, eine Mitte und ein Ende haben. Die grundlegenden Rollen in diesen Narrativen sind Held, Schurke, Opfer und Helfer. Viele dieser Geschichten handeln von Selbstverteidigung, Rettung, wie man Hürden und Hindernisse überwindet (der Held als Opfer von Umständen, die er aber meistert), oder wie man seine Potentiale realisiert (der Held hat spezielle Talente und durch Disziplin und Glück verhilft er ihnen zum Durchbruch). Der Autor und frühere Arbeitsminister Robert Reich nennt „vier essentielle amerikanische Storys“. Erstens, die vom „siegreichen Individuum“, also vom Self-Made-Man. Zweitens, die „mildtätige Gesellschaft“, erzählt, dass wir alle zusammengehören in einer Community. Eine eher negative Story ist die vom „Mob, der schon am Eingangstor rüttelt“, also von Bedrohung. Zuletzt die Geschichte von der „Fäulnis an der Spitze“, also die Eliten, die ihre Macht gebrauchen und das Gemeinwesen ausplündern.“

Alex Evans meint auf Opendemocracy.net, progressive Storys müssen Bilder evozieren von einem „größeren Wir“ – also von einer Gemeinschaft, die zusammen etwas weiter bringt -, von einem „längeren Jetzt“ – also von einer besseren Zukunft -, und von einem „besseren Leben“. Und diese Geschichten müssen Komplexität so reduzieren, dass sie gewissermaßen ein Leitfaden „durch die enormen psychologischen Herausforderungen turbulenter und unsicherer Zeiten“ sind.

Übrigens: Bertolt Brecht wurde einmal gefragt, welches Buch für ihn das Prägendste war. Seine Antwort ist legendär: „Sie werden lachen, die Bibel.“

Norbert Hofer, Gruselclown

Ein Jahr Propaganda der Lüge, des Hasses und der Herabwürdigung

tageszeitung, Berlin, November 2016

Ich bin schon seit Mittwoch nervös, aber jetzt haben wir es ja gleich geschafft: Morgen, Sonntag, geht die österreichische Bundespräsidentenwahl in die – höchstwahrscheinlich – allerletzte Runde. Nach dem ersten Durchgang im April, der ersten Stichwahl im Mai, nach der Aufhebung des Ergebnisses durch den Verfassungsgerichtshof, nach der Verschiebung des planmäßigen Wiederholungstermins, weil die Briefwahlkuverts auseinander fielen, nun also der endgültige Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebungs-Termin!

Die Leute von den internationalen Fernsehstationen und Reporter aus allen Weltecken stehen sich gegenseitig auf den Zehen, alle laufen natürlich der Story nach: Wählt Österreich einen rechtsradikalen Kandidaten zum Bundespräsidenten? Schafft es Norbert Hofer, der FPÖ-Mann, die Mehrheit zu gewinnen, und gehen dann, nach Brexit-Überraschung und Trump-Schrecken neue Schockwellen (zumindest) durch Europa?

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Es ist ja sehr gut möglich, dass es nicht so kommt. Es ist ja sehr gut möglich, dass der frühere Grünen-Chef Alexander van der Bellen, Hofers Konkurrent, die Mehrheit gewinnt – vielleicht sogar deutlicher als im Mai, als er nur arschknapp mit 31.000 Stimmen Vorsprung gewann. Zigtausende junge und auch nicht so junge Leute haben für van der Bellen Wahlkampf gemacht, die meisten davon Leute, die so etwas noch nie getan haben – es war eine begeisternde zivilgesellschaftliche Grassrootskampagne. Grüne Parteileute, sozialdemokratische Politiker, konservative Bürgermeister, und viele andere mehr haben sich gemeinsam für van der Bellen ins Getümmel geworfen. Norbert Hofer, Gruselclown weiterlesen

Eine moderne linke Ikone

Bobby Kennedy, Clinton-versus-Trump und das neue Buch von Didier Eribon. Und was uns das alles über die Dilemmata der zeitgenössischen Progressiven sagt. Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, vom Oktober 2016

Jetzt kommen wieder ein paar linke Bescheidwisser daher, und erklären uns, dass Hillary Clinton so furchtbar sei, dass es doch keinen relevanten Unterschied zwischen ihrer und Donald Trumps Furchtbarkeit gäbe. Mag die kleine Differenz im Extremfall ein paar hunderttausend Leuten das Leben kosten, will, wer nur das Große im Auge hat, sich nicht mit solchen Details nicht aufhalten. Wenns blöd läuft, wird diese Argumentation noch so gut verfangen wie im Jahr 2000, als man in diesem Milieu für Ralph Nader stimmte, was ja bekanntlich Al Gore die Präsidentschaft kostete und George W. Bush ins Weiße Haus hievte.

Was aber natürlich nicht heißt, dass Hillary Clinton nicht in mehrerlei Hinsicht eine grottenschlechte Kandidatin ist. Sie repräsentiert das liberale Establishment. Und auch wenn man nicht so tun soll, als hätte die frühere Außenministerin überhaupt keine Stärken, fällt es schwer, an ihr irgendetwas zu finden, wofür man sich begeistern kann, im Unterschied etwa zu Barack Obama vor acht und vier Jahren.

Man kann beinahe sagen, in Clinton vs Trump verdichten sich auch die Dilemmata der heutigen Progressiven, der Linken, der Mitte-Links-Parteien – wie immer man das nennen mag.

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Gerade lesen ja alle ganz gefesselt „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Darin schreibt er über die kulturell abgehängte Arbeiterklasse, die jetzt – Eribon ist Franzose – die Front National wählt. Diese Arbeiter, oder generell gesagt: die einheimischen Unterprivilegierten, haben das Gefühl, niemand vertrete sie, weil sie unter die Räder von Globalisierung und Modernisierung kommen. Aber diese Entfremdung der Arbeiter und der alten progressiven Parteien ist auch eine kulturelle Entfremdung. Die Leute sind wütend, weil sie spüren, dass man sie überhaupt nicht ernst nimmt, dass sie Leute von Gestern, dass sie Unsichtbare sind. Ihre früheren Vertretungen sind Mittelschichtsparteien geworden, weit weg von den Arbeitermilieus. Ja, noch schlimmer: die heutigen Linken, von innerstädtisch-sozialdemokratisch bis akademisch-linksradikal, sie begegnen den Arbeitern und ihrer Welt, den Unterprivilegierten und ihrer Welt mit Verachtung, mit Arroganz. Eribons Buch handelt aber nur über kurze Strecken von dieser politischen Entfremdung im engen Sinne, es ist ein autobiographisches Buch, in dem er diese große Geschichte an seiner eigenen kleinen Geschichte erzählt. Wie er, der ehemalige Arbeitersohn, seine Welt hinter sich gelassen hat, wie er begonnen hat, sich für seine Welt zu schämen, wie er mit dieser rauen, teilweise auch dummen, xenophoben, homophoben Welt nichts mehr zu tun haben wollte. Kurzum: Er erzählt entlang der Geschichte seines Klassenverrats. Zurück bleibt die Arbeiterklasse, alleingelassen, ignoriert, verachtet, und wählt „in einer Art politischer Notwehr“ (Eribon) Rechtspopulisten – von FPÖ bis Front National, von AfD bis Donald Trump.

Man kann also sagen: Hillary verkörpert diese Verwandlung der Progressiven zur Mittelschichts- und Establishment-Kultur, während der weiße, zornige Trump-Wähler die Notwehr der Arbeiterklasse darstellt.

Wenn man dieses Problem einmal erkennt, hat man es noch lange nicht gelöst: Denn wie verbindet man heute die innerstädtischen progressiven, internationalistisch gesinnten Milieus mit den proletarischen Kleinstadt- und Vorort-Milieus, die sich nicht riechen können? Jedenfalls, Hillary Clinton ist dafür nicht die optimale Besetzung.

Im Sommer habe ich mich durch die ziegeldicke, neu erschienene Bobby-Kennedy-Biographie von Larry Tye gelesen: „The Making of a Liberal Icon.“ Was für ein Buch, was für eine Figur! Robert F. Kennedy, der Bruder des Präsidenten John F. Kennedy, der in den fünfziger Jahren noch für den rechten Scharfmacher Joseph McCarthy arbeitete, später dann der war, der für John F. Kennedy ruchlos die Drecksarbeit erledigte – der Bad Bobby -, verwandelte sich innerhalb von vier Jahren zur bis heute wohl noch unübertroffenen Idealfigur eines modernen linken Politikers – zum Good Bobby. Er begeisterte, hielt Reden gegen Armut und Ausgrenzung, wurde Senator, stellte sich auch ganz buchstäblich auf die Seite der kleinen Leute, war cool und damit zugleich auch die inspirierende Figur für die sechziger Jahre Gegenkultur-Bewegung. Eine Art politischer James Dean, aber Rebel with a Cause, er war von den amerikanischen Schwarzen genauso angesehen wie von der weißen Arbeiterklasse, und schmiedete eine Koalition gegen das alte demokratische Partei-Establishment, eine Allianz für das Neue. Seine Partei wäre Schutzmacht der kleinen Leute und Kraft der Modernisierung zugleich gewesen. 1968 hätte er Präsident werden können. Nur wenige Wochen nach Martin Luther King und nach einer Reihe von Siegen bei den Primaries wurde Kennedy erschossen.

Präsident wurde damals dann übrigens Richard Nixon.

„Wir schaffen das“ – zur Bedeutung eines simplen Satzes

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, September 2016

Manchmal ist es ja ganz lustig, die „Bild“-Zeitung zu lesen. Nachdem SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel bei ein paar Gelegenheiten zärtlich am Merkel-Satz „Wir schaffen das“ herummäkelte („einfach nur sagen ‚Wir schaffen das‘ reicht nicht“), erfahre ich aus der „Bild“, dass Merkel den Satz gar nicht erfunden hat – Gabriel hat ihn schon eine Woche vor der Kanzlerin ausgesprochen.

Nun ist „Wir schaffen das“ ja nicht gerade die poetischeste Formulierung, sondern eigentlich ein ziemlich banaler Alltagssatz, bei dem sich schwer ein Copyright anmelden lässt. Erst der Moment, der Kontext, die Person, die ihn aussprach und die pathetische Schlagseite der Botschaft machte den Satz zu einem „geflügelten Wort“, zu einer Wendung, von einem Allerweltssatz zu einem Schlüsselsatz.

Einen Satz, zu dem sich seither alle möglichen Leute zu positionieren versuchen.

Der SPD-Vizekanzler, der ihn natürlich nicht wirklich kritisieren will, sich aber irgendwie von der Kanzlerin absetzen muss, um nicht als ununterscheidbarer Juniorpartner dazustehen.

Die Rechtsradikalen, für die in dem Satz alles drinsteckt, was sie verabscheuen und die deshalb trommeln: „Wir schaffen das nicht und wir wollen das auch überhaupt nicht schaffen.“

Der österreichische Verteidigungsminister, der gerade mit zwei Interviews für Aufregung sorgte, in denen er meinte, „Wir schaffen das“ wäre ein Fehler gewesen, weil er in jedem Flüchtlingslager in Jordanien aufmerksam registriert worden wäre und die Elenden nur deshalb ihre Sachen gepackt hätten, weil Merkel sie gewissermaßen eingeladen…naja, sie können sich vorstellen, wie die gezielte Provokation weiter ging. Wofür sich der Verteidigungsminister auch gleich einen Rüffel von seinem Parteifreund, den Kanzler holte.

Wir schaffen das – das ist, als Allerweltssatz gesprochen, nichts als eine Sachaussage, von der Art: „Schaffst Du es heute um 9 bei mir zu ein? – Ja, das schaff ich.“

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Der Pathos der Nüchternheit des Merkel-Satzes liegt in seinem Optimismus. Er kontrastiert…

…mit Politikeraussagen, die natürlich s „Wir schaffen das“ – zur Bedeutung eines simplen Satzes weiterlesen

Und jetzt?

Weshalb sich die Wahlanfechtung noch als Pyrrhus-Sieg für die FPÖ und Norbert Hofer erweisen könnte. taz, 2. Juli 2016

Es hatte sich schon länger abgezeichnet, dass die Stichwahl zur Bundespräsidentenwahl neu ausgetragen wird – denn zu hoch hat der Verfassungsgerichtshof in früheren Judikaturen die Standards gelegt. Jetzt wird es also zur Wahlwiederholung kommen – Ende September, Anfang Oktober.

Die Ausgangslage ist diesmal aber für die FPÖ keine besonders Gute. Denn erstens hat Alexander van der Bellen bei der ersten Wahl gewonnen und muss jetzt keine emotionale Aufholjagd hinlegen. Zweitens ist zumindest gut möglich, dass die Wählerinnen und Wähler der FPÖ die Schuld daran geben, dass sie noch einen Wahlkampf über sich ergehen lassen müssen. Die FPÖ hat die Wahl angefochten, Anhaltspunkte, dass manipuliert wurde, gibt es nicht. Die Aufhebung erfolgte allein aufgrund von formaljuridischer Beweggründe. Die FPÖ wird es also schwer haben, das Image des schlechten Verlierers loszuwerden, der sich mit Tricks des Winkeladvokaten eine zweite Chance erschlich. Drittens und langfristig noch bedeutender: Die FPÖ hat mit ihrer Wahlanfechtung versucht, das Vertrauen in die demokratischen Institutionen zu untergraben. Der Erfolg der Anfechtung kann sich jetzt als Pyrrhus-Sieg erweisen: Denn der Verfassungsgerichtshof hat festgestellt, dass in Österreich Wahlen nicht manipuliert werden, und dass Wahlergebnisse sogar dann aufgehoben werden, wenn nur juristische Formfehler im Auszählungsprozess vorliegen. Damit ist die Strategie der FPÖ, sich als Opfer von Wahlfälschern darzustellen, wohl für lange Zeit zusammen gebrochen. Vor allem die Wahlbewegung aus der Zivilgesellschaft wird jetzt mit „Jetzt erst Recht“-Stimmung für van der Bellen Werbung machen: Mit dem Ziel, ein klareres Ergebnis einzufahren. Und jetzt? weiterlesen

Das Volk gegen die da oben

Das Anti-EU-Ressentiment ist ein gefundenes Fressen für die rechten Populisten. Aber daran ist die Politik der EU-Eliten selbst schuld. Mein Brexit-Kommentar für die taz.

„Ich habe immer daran geglaubt, dass man sich wichtigen Entscheidungen stellen muss und sich vor ihnen nicht wegducken darf“, sagte David Cameron gestern Morgen, nachdem das Schockergebnis des Brexit-Referendums bekannt geworden war. Daran sah man schon, wie weit der britische Premier von der Realität entfernt ist. Cameron hat aus Parteitaktik ein Referendum ausgeschrieben, er und die Torys haben seit Jahrzehnten auf der billigen Klaviatur des Anti-Europäertums gespielt – dann braucht man sich über das Ergebnis nicht zu wundern. Die Positionen der populistischen Rechten übernehmen, und dann ein Pro-Votum empfehlen – das ist so absurd, dass man darüber am liebsten laut auflachen möchte.

Leadership, das sich „wichtigen Entscheidungen stellt“, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was dieser grandios gescheiterte Möchtegern-Staatsmann repräsentiert. Wäre es nicht so tragisch, müsste man sagen: Dieser Mann ist als Premier eine Lachnummer, die nicht leicht zu überbieten ist.

Er wird in die britische Geschichte als Witzfigur eingehen.

Dass die Briten den Schritt zum Europa-Exit tatsächlich gegangen sind, hat natürlich viele Gründe.

Da ist zunächst einmal das jahrzehntelange Anti-Europäertum des rechten Tory-Flügels. Euroskepsis ist in Großbritannien nichts, was erst mit dem Aufkommen von Populismus und Wutbürgertum zu grassieren begann. Es gibt hier einen Traditionsstrang von „Britishness“, der Exklusivität hochhält. Der konnte freilich immer nur die britische Europapolitik bremsen – aber er war nie stark genug, die britische EU-Mitgliedschaft generell in Frage zu stellen. Das Volk gegen die da oben weiterlesen

Das hysterische Zeitalter

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz am Wochenende.

Dass die Begriffe „historisch“ und „hysterisch“ sich buchstabenmäßig so nahe sind, hat ja schon zu manchem Bonmot Anlass gegeben, darunter zu Appercus, die gendermäßig heutzutage überhaupt nicht mehr korrekt sind, aber überhaupt nicht mehr. „Hier kommt der hysterische Materialismus“, soll Victor Adler bei irgendeinem Treffen der Sozialistischen Internationale gesagt haben, als ihm Rosa Luxemburg mit ihren Mitstreiterinnen begegnete.

Manche geschichtliche Augenblicke sind „hysterische Momente“, könnte man auch sagen, und das gefällt mir auch jenseits des Wortgeblödels, weil darin eine Wahrheit steckt. Das Hysterische hat dann ganz materielle Folgen.

Bei uns in Österreich hat ja der rechtsradikale Kandidat für die Bundespräsidentschaft gerade 35 Prozent gewonnen. Das hat natürlich eine Vielzahl an Gründen, aber eine der Ursachen ist auch ein hysterisches öffentliches Klima. Ein Stakkato der Berichterstattung, das den Eindruck erweckt, das Land sei an der Schwelle zu einem „Failed State“, eine einzige No-Go-Area, in der afghanische und nordafrikanische Männergangs flächendeckend vergewaltigend und mordend durch die Gegend ziehen; eine Unsicherheitszone, in der man sich, sobald man den Fuß vor die Haustür setzt, sich schon in akute Todesgefahr begibt. Aus Sicht dieser medialen Konstruktion sind das Zustände, die von einer verbrecherischen Politik hergestellt wurden, von Eliten, die nichts anders im Sinne haben, als das Volk zu quälen, es zu unterdrücken, ihm das Wort zu verbieten.

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So wie die Wähler der Rechtsradikalen erst durch die Panikstimmung zu ihrem Wahlverhalten gebracht werden, so verfällt auch die Gegenseite in Panik. Überspitzt formuliert: Während die einen Angst vor den Ausländern haben, haben die anderen Angst vor den Rechtsradikalen, davor, dass das Land endgültig auf eine schiefe Bahn gerät, Richtung autoritärem Regieren, dass jetzt alles kurz und klein geschlagen wird und unsere gewohnte Welt unter geht. Das hysterische Zeitalter weiterlesen