Schulterschluss der Demokraten

Der aufhaltsame Aufstieg der Rechtsradikalen in Österreich. Vor der entscheidenden Runde der Präsidentenwahl Ende Mai steht es jetzt Spitz auf Knopf.

Es war dann doch ein Schockmoment, als der blaue Balken am vergangenen Sonntag um 17 Uhr am TV-Schirm nach oben schoss: 35 Prozent der Stimmen für den rechtsradikalen FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer, der nächstplatzierte Kandidat – der ehemalige grüne Parteivorsitzende Alexander van der Bellen – mit 21 Prozent deutlich zurück. Und die Kandidaten der beiden regierenden Ex-Großparteien, der Christdemokraten und der Sozialdemokraten, nur mehr knapp über zehn Prozent. In dieser Dimension hatte das niemand am Zettel, kein Politikexperte, kein Meinungsbefrager.

Für die FPÖ ist dieser erste Durchgang der Präsidentschaftswahl der größte Durchbruch, der ihr bei einer bundesweiten Wahl je gelang. Dafür sind eine Reihe von Gründen ausschlaggebend. Zunächst einmal der Kandidat und sein Wahlkampf. Aus Sicht der FPÖ waren Kandidat und Kampagne regelrecht genial. Man setzte auf Österreich-Zuerst, auf Anti-EU, auf Anti-Flüchtlinge und auf die alles grundierende, gewohnte Botschaft, auf Anti-Establishment. Mit Hofer hatte man aber einen Kandidaten, der vom Habitus vertrauenserweckend über die Rampe kommt, ein bisschen streberhaft, ein wenig Milchbubi-haft wirkt. Typus: Ein Rechtsradikaler, vor dem man sich nicht fürchten muss. Ein Extremist, aber ein harmloser. Damit war er die ideale Figur, um das Potential seiner Partei so dramatisch zu überschreiten. Ist Parteichef Strache der Scharfmacher, der auch abschreckend wirkt, so ist Hofer der brav-biedere Schwiegersohntyp, den man schon auch einmal aus reiner Unzufriedenheit wählt.

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Das erklärt, warum Hofer so deutlich über dem erwarteten Potential seiner Partei lag. Das Potential selbst ist natürlich ohnehin erschreckend hoch und wird genährt durch all das, was generell in Europa heute Rechtspopulisten günstig ist: der Verdruss an den politischen und ökonomischen Eliten, dem Gefühl der „einfachen Bürger“, dass sich ohnehin für sie niemand interessiert. In Österreich kommt dazu: Die Wut auf eine große Koalition jener Parteien, die das Nachkriegsösterreich geprägt haben, die in den Augen der Leute „seit immer schon“ das Land als ihren Besitz ansehen und heutzutage nur mehr haarsträubend unfähige Apparatschiks in Spitzenfunktionen haben. Personifiziert wird all das durch die Person des Kanzlers, Werner Faymann. Die Kandidaten der beiden etablierten Ex-Großparteien erlebten dementsprechend einen Absturz, der seinesgleichen sucht. Dass Faymann nach diesem Debakel noch immer verantwortungslos an seinem Sessel klebt, ist unfassbar.

Die nächsten vier Wochen wird es nun tricky. Der FPÖ-Mann Hofer hat beileibe noch nicht gewonnen. Freilich, der deutliche Abstand, mit dem er vor dem Zweitplatzierten liegt, dem eigentlich favorisierten Alexander van der Bellen, steckt dem Mitte-Links-Lager wie ein Schock in den Knochen. Und dabei bräuchte es gerade jetzt Mut und Schwung, wenn dieser Vorsprung noch aufgeholt werden soll. Ein Schulterschluss der Demokraten wird jetzt gefordert – der wird aber auch noch kompliziert durch die Angst, es könnte Hofer womöglich auch noch nützen, wenn sich jetzt das gesamte Land, vom Kanzler bis zum Kardinal, auf seine Seite schlägt, weil dann die FPÖ trommeln kann: „Seht her, das ganze Establishment tut sich zusammen, um den Kandidaten der einfachen Leute zu verhindern.“ Schulterschluss der Demokraten weiterlesen

Nichts Schlimmes

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz.

Türkische Soldaten schießen auf Flüchtende. In Brüssel explodieren mehrere Bombensätze. Irgendwer fordert den Verbot des Islam in Europa. Österreich baut jetzt noch einmal neue Grenzzäune, demnächst sogar am Brenner. Donald Trump sagt täglich eine neue Unsäglichkeit. Und Deutschlands Landwirtschaftsminister verteidigt das Schreddern männlicher Kücken, also die Praxis, sie unmittelbar nach der Geburt massenhaft und bei lebendigem Leibe durch den Fleischwolf zu drehen. Wer das Gefühl liebt, dass sich vor Zorn die Nackenhaare aufstellen: Von dieser Praxis gibt’s scheußliche Videos auf Youtube.

Nur ein paar der Schlagzeilen der vergangenen Tage.

Heinz Bude hatte in seinem vorjährigen Büchlein über die „Gesellschaft der Angst“ geschrieben, wie sich Angst, Gereiztheit, Negativismus in unsere Gesellschaften hineinfressen. In die Sprache der Politik übersetzt könnte man sagen, die einzige positive Botschaft, mit der die Akteure im politischen Feld noch hausieren gehen, lautet: „Wählt uns, denn mit uns wird es langsamer schlechter.“ Auch der Betriebsmodus des Aktivismus ist nur in den seltensten Fällen das Engagement für etwas positiv Erstrebenswertes, sondern die Empörung über etwas Empörungswürdiges. Eine Gesellschaft der Angst nimmt die Geschehnisse der wirklichen Welt nur mehr als Bedrohung wahr, und der Modus der Übertreibung, des paranoiden Phantasierens überwölbt die Wirklichkeit.

Es ist natürlich dieses Klima der Angst und der Dauergereiztheit, das dem rechten Populismus günstig ist. Der Wutbürger, diesee verfolgende Unschuld, der bei jeder Gelegenheit der Kragen platzt, ist seine paradigmatische Gestalt. Die Panik, die in ihm hockt, die brüllt er bei jeder Gelegenheit raus. Aber er ist natürlich nur die sichtbarste Gestalt dieser gesellschaftlichen Angst. In Wahrheit sind wir alle in der Angst bestens miteinander verbunden. Überspitzt formuliert: Der rechte Wähler hat Angst vor den Flüchtlingen und sonstigen Bedrohlichkeiten. Die anderen haben Angst vor dem Aufstieg der Rechten. So hält uns die Angst allesamt schön zusammen.

Politische Kommunikation, besonders im Aufmerksamkeitsregime sozialer und anderer elektronischer Medien, gehorcht fast generell nur mehr dem Diktat des Negativen: Das empörte Posting, der Link zur himmelschreienden Fürchterlichkeit, das garantiert Aufmerksamkeit. Aber das ist noch zu unpräzise gesagt: Es modelliert, nur lange genug praktiziert, auch unsere Gewohnheiten und damit, worauf wir überhaupt aufmerksam werden. Wie der Algorithmus, der unsere Timeline strukturiert, verdrahtet diese Empörungsbewirtschaftung unsere synaptischen Verschaltungen.

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Das fiese Märchen von den „zwei Extremen“

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz.

Es wird ja langsam nicht nur unter Rechtsradikalen oder am Krawallboulevard „in“, das Wort „Willkommenskultur“ ins Lächerliche zu ziehen, auch in der politischen Mitte oder, sagen wir ganz simpel, unter „normalen Leuten“, zieht das schon Kreise – dass „Willkommen“ zu sagen, Schutzsuchenden, Frierenden und Erschöpften hilfsbereit und freundlich entgegen zu treten, bestenfalls eine gefährliche Naivität sei, schlimmstenfalls eine verdammenswerte Naivität. Was sagt es eigentlich über eine Gesellschaft und einen Zeitgeist aus, wenn für nicht unerhebliche Bevölkerungsgruppen das Wort „Willkommen“ ein schmutziges Wort wird? Wenn „Willkommen“ verlacht, und dafür eine „Schleichts-Euch!“-Kultur hochgehalten wird?

Scheinbar freundlicher und neutraler, in Wirklichkeit ebenso mies ist die heute gern verbreitete rhetorische Operation, zu behaupten, es gäbe „zwei Extreme“, die „Ausländer raus“-Seite und die „Alle-Ausländer-sind-lieb“-Seite und die vernünftige Position wäre gewissermaßen in der Mitte, nur leider, in unserer hysterischen Zeit bleibt die vernünftige Mittelposition unerfreulicherweise auf der Strecke.

Selbst wenn es die naive Gutmenschenposition tatsächlich gäbe, fragt sich ja, wodurch sie es verdient hätte, mit der rabiaten Bösmenschenposition als gleichermaßen „extrem“ verbunden oder gleichgesetzt zu werden.

blogwertUnnötig dazu zu sagen, dass die meisten Leute, die diese These vertreten, sich selbst auf dieser angeblich vereinsamten Mittelposition verorten, und darüber hinaus primär der Meinung sind, dass das mit den vielen Ausländern schon ein Problem sei. Es ist ihnen nur etwas peinlich, sich direkt auf die schmuddelige „Ausländer-Raus“-Seite zu schlagen, wo man ja in Nachbarschaft zu NPD und AfD geriete.

Zu dieser rhetorischen Operation gehört natürlich dazu, sich „Extrempositionen“ mit der Axt zurechtzuhauen, damit man sich dann schön ein heroischen „Tertium datur“, es muss ein Drittes geben, basteln kann. Dabei zeugt es schon selbst von ziemlich miesen Reflexen, die „Ausländer-Raus“ und die „Man-soll-Schutzsuchenden-helfen“-Position als „Extreme“ gleichzusetzen; selbst wenn es die naive Gutmenschenposition tatsächlich gäbe, fragt sich ja, wodurch sie es verdient hätte, mit der rabiaten Bösmenschenposition als gleichermaßen „extrem“ verbunden oder gleichgesetzt zu werden. Aber, abgesehen davon: Wer genau soll das denn sein, der meint, das die Aufnahme von hunderttausenden Flüchtligen einfach, die Integration ein Kinderspiel und alle Migranten ausnahmslos superliebe Leute seien?

In Wahrheit ist es ja natürlich so, dass es vor allem die positiv und freundlich gesinnten Leute sind, die alle Aspekte und die verschiedensten Seiten der Sache sehen, während die Panikschürer und diejenigen, die die Panikschürer in hysterische Angst hineinagitieren, in völlig bizarres Schwarzsehen hineingeraten. Nicht wenige Leute sehen heute in jedem 20-30jährigen, der aus Gegenden südlich von Bayern stammt, schon einen Vergewaltiger, Grapscher oder Räuber. Außer, sie begegnen einem solchen Mann im Baumarkt – dann halten sie ihn für einen Bombenbauer. Ja, nicht nur xenophobe Irre, auch ansonsten recht normale Menschen glauben das wirklich! Und diese Leute nennen andere naiv ?!?!?

Sagen und sehen was ist, die Wirklichkeit wahrnehmen, das verlangt natürlich, das soll man freilich nie vergessen, die Dinge von verschiedenen Seiten zu sehen. In den letzten Wochen habe ich mich in die Schriften und Lebensdokumente von Victor Adler hineingegraben, den großen österreichischen Sozialistenführer des 19. Jahrhunderts, der als „Bremser“ und „Gemäßigter“ berüchtigt war und schrieb: „Wahr ist allerdings, dass ich mich bemühe, bei allen Dingen beide Seiten zu sehen.“ Natürlich können einen da schon auch die Versimpelungen, das Parolenhafte der eigenen Seite auf die Nerven gehen, die Kompexitätsreduktion, die jeder betreibt, der in einer kommunikativen Auseinandersetzung mit einer Gegenposition steht. Adler berichtet amüsiert an seinen Freund Karl Kautsky, dass er jüngst zehn Vorträge über sozialistische Programmatik gehalten habe „und ein gescheiter Genosse sagte mir: Ja, Sie reden ja nicht über sondern gegen das Programm! Es waren nämlich intelligente Leute da und da habe ich mich in die Wut hineingeredet, einige von unseren Sätzen als Generalisierungen aufzuzeigen und ihnen zu zeigen, dass die Sachen nicht so sind wie bei der Äpfelfrau… Und schlechtere Sozialdemokraten sind wir alle nicht geworden!

Adler hatte also nicht nur die Weisheit, zu wissen, dass die eigenen Parolen manchmal etwas allzu Grobschlächtiges haben, sondern das auch noch offen vor den eigenen Genossen und Genossinnen auszubreiten und ihnen damit ein Denken in der Ambivalenz beizubringen.

Das gefällt mir: Ich, zum Beispiel, vertrete ja ganz extreme Ansichten, aber auf moderate Weise.

Wer hat die kritischere Kritik?

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz. 24. Dezember 2015

In der Wiener „Presse“ erschien diese Woche ein Gastkommentar, in dem mal wieder das Abendland untergeht. „So verkündete die evangelische Bischöfin Eva Brunne, man solle die Kreuze an der Seemannskirche in Stockholm entfernen, da sie eine ‚Beleidigung‘ für die muslimischen Mitbürger seien“, schreibt die Autorin, und man kann sich bildlich ausmalen, wie sie vor Panik bibbert angesichts von Muslimhorden, die den Westen entchristianisieren. Macht man dann ein paar Klicks im Internet, kommt man schnell drauf, wie sich die Sache wirklich verhält. Es stellt sich heraus, dass die Bischöfin das überhaupt nicht in Hinblick auf muslimische Flüchtlinge oder Migranten vorgeschlagen hat. Die wahre Geschichte ist so:

Die Kirche ist, wie der Name schon sagt, eine „Seemannskirche“. Das heißt, hier kommen – wenn überhaupt – Gläubige aus vielen Ländern her. Im Vorstand der Kirche hatte man nun die Frage diskutiert, was denn wäre, wenn Schiffe aus anderen Weltreligionen stranden, Schiffbruch erleiden, oder längere Reparaturen durchführen müssen. Daraufhin hat man als Möglichkeit erwogen, die Kirche – wie die vielen multireligiösen Gebetsräume auf Flughäfen, in Krankenhäusern etc. -, auch muslimischen, buddhistischen, hinduistischen etc. Seefahrern zur Verfügung zu stellen. Und dafür Teile der Kirche „optisch zu neutralisieren“, also christliche Symbole temporär zur Seite zu rücken. Und außerdem mit einem Wegweiser die Richtung nach Mekka zu markieren. Gescheit? Kann man diskutieren. Skandal? Sicher keiner.

Es geht in dem Kommentar weiter mit paranoider Faktenverdrehung: „Muslime klagen vermehrt, man fühle sich durch die vielen Weihnachtsmärkte beleidigt.“ Häää? Wer? Wo? Wann?

Ebenso in Wien spielte sich folgende Episode aus der Abteilung Paranoia ab. Ein Islamwissenschaftler arbeitete an einer Studie über Kindergärten, die von muslimischen Vereinen betrieben werden. Bis jetzt hat er es zu einer „Vorstudie“ gebracht, für die er fünf Kindergruppen besuchte, mit neun (!) Eltern sprach und auch noch 24 Kindergruppen googelte. Bald hieß es, es gäbe bis zu 150 salafistische Kindergruppen. Sofort war von „tausenden“ Kindern die Rede, die hier indoktriniert werden. Integrationsminister Sebastian Kurz (im Hauptberuf ist er Außenminister), sprach nach kurzer Zeit bereits von „zehntausend Kindern“. Noch ein paar Tage mediale Aufregung, und es würden wohl mehr Kinder in Dschihad-Kindergärten vermutet, als es Kinder im entsprechenden Alter gibt.

Wer dann realistisch und lebensnah einwendet, dass es wohl schon ein paar Kindergärten gibt, in denen es Probleme mit Frömmlerei und Abschottung gibt und dass das wohl schon zwanzig oder dreißig Kindergärten betreffen wird, der muss sich dann gleich der „Verharmlosung“ des „Skandals“ zeihen lassen. Merke: Wenn die Überspanntheit der Normalbetrieb ist, ist der Realismus eine „Verharmlosung“.

Aber man soll ja nicht nur auf die Anderen, also die überspannten Christenfundis, Rassisten und Muslimbasher zeigen. Ostentativen – und auch subtilen – Irrsinn gibt es bei den Linken ja selbst genug, und nicht nur bei der Aluhutfraktion, die in den letzten Jahren die „Friedensbewegung“ unterwanderte.

Ich, beispielsweise, habe mich ja auch über den schönen Wahlerfolg von Podemos in Spanien gefreut. Aber Podemos und auch der Rest der spanischen Linken haben in den vergangenen Monaten Töne angeschlagen, bei denen nicht immer sicher war, ob berechtigte Kritik nicht in alarmistische Überspanntheit umschlägt. Das etablierte System haben sie als „La Kasta“ bezeichnet, also das Zwei-Parteien-System von konservativer PP und sozialdemokratischer PSOE und das damit verbandelte, verfilzte Netzwerk der ökonomischen Eliten. Der Schlüsselbegriff, der sich dafür eingebürgert hat, war der des „Systems von 1978“.

blogwertDamit ist gemeint, dass sich die Erben des Franco-Faschismus ein neues, korruptes Zwei-Parteien-System gebastelt und somit ihre Macht zementiert haben. Damit wurde aber unterstellt, dass es überhaupt keinen Systembruch gegeben habe, dass zwischen Faschismus und dem Nach-78er-Spanien kein großer nennenswerter Unterschied bestünde. Und das ist natürlich Unsinn. Was immer man über das Spanien, etwa von Felipe Gonzales, sagen kann, es war auch eine demokratische und ökonomische Erfolgsstory – und gewiss nicht eine Fortsetzung des Faschismus mit modernisierter Fassade.

Auch das ist ein Zug der Zeit, dass wir uns die Wirklichkeit schlechter reden als sie ist. Gewissermaßen als Wettbewerb: Wer hat die kritischere Kritik!?

Angesichts dessen, muss ich zugeben, „verharmlose“ ich ganz gerne.

Realpolitik und andere Übersetzungsfehler

Der rote Faden, meine Kolumne aus der Berliner „tageszeitung“, 28. November 2015

Es gibt ja ein paar deutsche Lehnworte, die den Eingang in viele Sprachen gefunden haben. Wenn der gebildete Englischsprachler von einer paranoiden, obsessiven Art der Furcht sprechen will, dann sagt er gerne „Angst“. Die „German Angst“ in im Englischen so bekannt wie „Blitzkrieg“. Ganz beliebt ist, in vielen Sprachen, die „Realpolitik“. Das Wort wird wieder sehr häufig benützt in diesen Tagen. Kaum kommen in Brüssel ein paar Technokraten oder Sicherheitspolitiker zusammen, knödeln sie schon in ihren jeweiligen Sprachfärbungen von „Realpolitik“.

Es ist eine der seltsamen Eigenarten des Sprachtransfers, dass das Wort „Realpolitik“ gerne von jenen Politikern oder Kommentatoren hochgehalten wird, die von der Realität recht wenig Ahnung haben. Etwa von jenen, die noch nie einem syrischen Flüchtling begegnet sind, aber sich in ihrer obsessiven „Angst“ sicher sind, dass Europa völlig überfordert ist und schon gar nicht weitere Muslime aufnehmen kann (die gelten ja in den Kreisen derer, die noch nie einem Flüchtling begegnet sind, als besonders „integrationsunwillig“). Für die ist das Festhalten am Asylrecht humanistische Realitätsverweigerung, wohingegen „Grenzen zu, Zäune hoch“ Realpolitik wäre.

Als eine Art Realpolitiker sieht sich wohl auch der rechtssozialdemokratische französische Regierungschef Manuel Valls. Der sorgte diese Woche für zusätzliche Übersetzungsprobleme, lieferte er doch zunächst mit der Aussage Schlagzeilen, dass Europa „keine Flüchtlinge mehr aufnehmen“ könne – nur um anderntags dementieren zu lassen, er habe „nicht mehr so viele Flüchtlinge“ gemeint. Was er überhaupt mit „so viele“ meinen kann, ließ er ein wenig im Dunkeln – Frankreich hat ja bisher gerade einmal 30.000 Asylbewerber, das ist kaum mehr als eine Stadt wie Wien recht problemlos betreut. Der tiefere Sinn von all dem: Lost in Translation.

Die Realpolitiker sind es schließlich ja auch, die glauben, mit ein bisschen Bombardieren in Syrien könne das Problem des „Islamischen Staates“ in den Griff gebracht werden (ich weiß schon, man sagt jetzt Daesh, damit sich die Terrorsektierer grämen und vor Gram kapitulieren). Wenn Realpolitiker etwas bombardieren wollen, ist der Ulkigste deutsche Realpolitiker nie weit, Josef Joffe von der „Zeit“. In Syrien, seiner „Terrorhöhle“, sei er „zu jagen, zu schlagen“. Das klingt schneidig und macht ganz warm ums Herz. Und ich hab ja auch gar nichts dagegen, ich wäre ja glatt und gern dabei beim Terrorhöhlenausräuchern. Das sie mich da nicht falsch verstehen.

Es ist nur lustig, dass „Realpolitik“ ja immer verbunden wird mit einer nüchternen, kühl abwägenden Politik, die den Vorteil hat, „dass sie funktioniert“. Das Problem an den Realpolitiker ist nur, dass sie dauernd etwas als Realpolitik verkaufen, von dem jeder klar denkende Mensch weiß, dass es nicht funktionieren kann.

blogwertRealpolitiker haben vorgeschlagen, in Afghanistan einzumarschieren und im Irak einen Regimechange durchzuführen und diese Länder zu besetzen – um den Terrorismus zu bekämpfen, aber auch um der muslimischen Welt ganz generell Fortschritt, Demokratie, endlich eine Perspektive zu bringen. Hat ja prima funktioniert. Boots on the Ground? Eine Koalition schmieden, die in Syrien einmarschiert? Nun, es ist sehr unwahrscheinlich, dass das diesmal besser funktionieren würde.

Zumal ja, wie wir alle wissen, die Konfliktlinien in Syrien mittlerweile kreuz und quer laufen. Da gibt es das Assad-Regime, dann gibt es Daesh (IS), die anderen Dschihad-Milizen wie etwa die al-Qaida, die heute schon als moderat gilt (wahrscheinlich würden sich die Realpolitiker glatt mit ihr verbünden), Kurden und Turkmenen, und die verschiedenen Reste der Free Syrian Army. Dazu: Russland, dass mit Assad verbunden ist, um zu zeigen, dass es immer noch eine Weltmacht ist, der schiitische Iran, der in Syrien einen Stellvertreterkrieg mit der sunnitischen Großmacht Saudi-Arabien führt, dann noch die Türkei, die ein bisschen gegen den IS ist, aber primär für den IS, weil er einerseits heute die vereinigende Kraft der Sunniten im Irak und in Syrien ist, und andererseits, weil die Flüchtlinge in der Türkei irgendwann in Nordsyrien angesiedelt werden könnten, was diese Gebiete aus türkischer Sicht ethnisch „entkurdisieren“ würde. Und so weiter.

Und dazu als weiterer Vektor im Kräftespiel: viel zu viele identitätssuchende pubertierende junge Muslime im Westen, die Daesh unterstützen, weil das einfach Pop und Punk ist, die Möglichkeit, auf maximal provokante Weise „Nein“ zu sagen. Wer hätte gedacht, dass es noch einmal eine Jugendbewegung geben könnte, die uns schocken würde.

Warum in einem solchen Kräftewirrwarr einfache Lösungen „Realpolitik“ sein sollen? Na, da kann es sich nur um einen Übersetzungsfehler handeln.

Robert Misik: Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas und Foucault. Picus Verlag, 14.90 €
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Horst Seehofer muss sich zu „unseren Werten“ bekennen

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz vom vergangenen Wochenende

Es ist ja eine der verstörendsten Aspekte der gegenwärtigen Flüchtlingsthematik: Die vielen Gerüchte, die Tag für Tag erfunden und verbreitet werden. Plünderungen, Sachbeschädigungen, Übergriffe, Respektlosigkeiten, sogar Vergewaltigungen – all das würden Flüchtlinge tun, hat irgendwer von irgendwem gehört. Keiner dieser Vorfälle ist wahr. Alle werden dementiert, sei es von der Polizei oder den angeblich geplünderten Supermärkten. Täglich werden dennoch neue erfunden. Die Dementis machen diese Gerüchte in den Augen derer, die fest an sie glauben, allerdings noch wahrer: Daran sehe man, wie brutal die Wahrheit unterdrückt wird…

„Warum“, fragt nun die Wiener Autorin Sibylle Hamann, „haben so viele Menschen offenbar das dringende Bedürfnis, Flüchtlingen Missetaten anzuhängen, die sie nicht begangen haben?“ Und dann fährt sie fort: „Die vordergründige Analyse würde lauten: Aus Bösartigkeit.“ Das aber greife zu kurz: Den Menschen fällt es schwer, andere leiden zu sehen. Sie spüren die Verpflichtung, Leidenden zu helfen. Wenn sie ihnen aber nicht helfen, dann können sie sich schwer eingestehen, dass sie zu faul, zu egoistisch, zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie müssen das für sich legitimieren. Ergo: Sie lieben es dann, Sachverhalten Glauben zu schenken, die scheinbar beweisen, dass der Leidende ohnehin keine Hilfe verdient hat. Horst Seehofer muss sich zu „unseren Werten“ bekennen weiterlesen

You’ll Never Walk Alone

Wiener Stadttheoretiker planen monatelang ein Festival. Dann wird ihre „Spielstätte“ zum Flüchtlingscamp. Und plötzlich wird aus der Theorie der „Kooperation“ eine spannende Praxis.

taz, 24. Oktober 2015

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Im Eck des Hofes glühen in einer Art Stahlwanne Holzkohlen. Mobile Pressspan-Möbel stehen herum, wer gerade einen Sitz braucht, schiebt ihn sich zurecht. Elke Rauth dreht sich eine Zigarette und erzählt mit immer noch staundendem Ton in der Stimme, wie sich, um das in milieutypischem Jargon zu formulieren, ihr Festival unter der Hand „umkuratiert“ hat. „Wir haben schon begonnen aufzubauen, da wurden wir informiert, dass in dem Haus eine Flüchtlingsunterkunft untergebracht werden soll. Festival absagen, das war unsere erste Reaktion. Doch dann hat das Rote Kreuz sofort gesagt: ‚Bleibt, das ist doch das Beste, was uns passieren kann‘.“

Und so entstand eines der eigentümlichsten Projekte in diesen Wochen der „Flüchtlingswelle“ – ein Flüchtlingshaus, in dem Stadttheorie, Kunst, architektonische Praxis und humanitäre Hilfe zusammenwuchsen.

IMG_1929Elke Rauth ist zusammen mit Christoph Laimer Leiterin des Festivals „Urbanize“, einem Projekt gesellschaftskritischer Stadtplaner und -theoretiker rund um die Zeitung „Dérive“. Dieses Jahr sollten sie ein leeres Bundesgebäude in der Vorderen Zollamtsstraße in Wien bespielen, da, wo der dritte Bezirk in die Innere Stadt über geht. Nur einen Steinwurf entfernt ist die Universität für Angewandte Kunst, zum Stadtpark sind es bloß ein paar Meter weiter, die Redaktion der Tageszeitung „Der Standard“ ist quasi im Nebenhaus. Fünf Stockwerke hat das Haus, das Erdgeschoß sollte Ausstellungsort, Begegnungszone, Raum für Workshops und Theoriedebatten sein. Doch dann kamen täglich bis zu 10.000 Flüchtlinge über die Grenze, und sie mussten alle irgendwo untergebracht werden. Oft nur für ein, zwei Tage. You’ll Never Walk Alone weiterlesen

Wenn Sozis Wahlen gewinnen

Der rote Faden, meine Kolumne aus der „taz“, vom 17. Oktober 2015

Buchmesse 2015 ist fast überlebt. Tagsüber wird man ja von Büchern erschlagen, und Nachts ist dann Partyirrsinn. Schöngeist-Talk in der ehemaligen Villa von Siegfried Unseld, und hinterher hätte ich beim Empfang der Ösi-Verleger gemeinsam mit dem Schriftsteller Albert Ostermaier beinahe vier Nazis verprügelt. Also, genau gesagt, waren es keine wirklichen Nazis, sondern so Nationalreaktionäre im Ernst-Jünger-Gedächtnislodenjanker, und zweitens hat sie nur Ostermaier beinahe verprügelt, ich hab da, hm, nur ein wenig assistiert. Also, auch das nur beinahe. Alkohol war natürlich auch im Spiel.

Aber für mich war das alles sehr schön, weil ich ja diesmal als Verkünder der guten Botschaft herumcruisen durfte. Mein Buch „Was Linke denken“ (raffinierte Werbeeinschaltung, nicht?) bescherte mir ein paar Talks, und die glitten schnell von den Theorien Gramscis, Adornos, Frantz Fanons, Butlers, Foucaults, Lyotards zu ganz aktuellen Fragen, die aber natürlich mit diesen theoretischen Überlegungen eng verbunden sind, etwa: Wieso hat denn Rot-Grün im allgemeinen, die SPÖ aber im besonderen die Wahlen in Wien gewonnen? Als ich die Gründe dafür erklärte, waren alle noch mehr begeistert, etwa am SPD-nahen „Vorwärts“-Stand. Das hätte doch europaweite Beispielwirkung!, sagten sie. Schreib das auf!, sagten sie. Mach ich, sagte ich.

Also, die Sache ist einfach. Die SPÖ in Wien hat sich, angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise und dem drohenden Aufstieg der rechtsradikalen FPÖ (die in Umfragen drauf und dran war, die SPÖ zu überholen), nicht dafür entschieden, wie das die Sozialdemokratien in vielen anderen Ländern getan hätten, einfach zu lavieren, sich an eine angebliche Volksstimmung anzubiedern, sich einer imaginierten Mitte anzupassen, sondern sie hat einen klaren, sozialistischen und humanitären Wahlkampf geführt. Das hat zunächst einmal die große Menge frustrierter Sozialdemokraten und demoralisierter unabhängiger Linker aufgeweckt. Herr und Frau Durchschnittssozi, die sich ja meist für ihre eigenen Parteien genieren, waren voller Elan, weil sie plötzlich das Gefühl hatten, endlich gibt’s wieder einen Wahlkampf, in dem man sich mit Recht begeistern kann und wo das Kämpfen lohnt. Das steckte natürlich auch das gesamte Großmilieu an, was wiederum die Wahlbeteiligung auf eine Marke von rund 75 Prozent trieb. Die Sozialdemokraten landeten bei – angesichts widrigster Umstände sensationellen – knapp 40 Prozent, die Grünen bei fast 12 Prozent.

blogwertDie Botschaft dieser Wahl: Steh zu Deinen Werten, und Du wirst gewinnen. Vor allem dann, wenn diese Werte von einer relevanten Zahl von Leuten geteilt werden, die sich nur danach sehnen, dass sie jemand authentisch und merkbar ernst gemeint vertritt. Selbst ein langgedienter Bürgermeister wie Wiens Michael Häupl, der nach rund 20 Jahren im Amt gewiss kaum in der Lage ist, sich als „einer, der ganz anders ist“, also als Jeremy Corbyn, Alexis Tsipras, Pablo Iglesias oder Bernie Sanders zu inszenieren, kann dann an „Echtheit“ gewinnen. Und: Politik ist Konflikt. Geradezu instinktiv hat die Wiener SPÖ ein „Wir“ gegen ein „Sie“ etabliert – das progressive, das „rote Wien“, gegen die anderen, womit in diesem Fall vor allem die FPÖ gemeint war.

Und ein kleines Detail darf natürlich nicht übersehen werden: Es war erst die Woge der „freiwilligen Helfer“, also der in der Flüchtlingswelle engagierten einfachen Leute aus der Zivilgesellschaft, die die SPÖ dazu ermutigte – und auch ein wenig drängte. Der sozialdemokratische Bürgermeister hat sich entschieden, „diese Woge zu reiten“.

Das Schöne und das Traurige zugleich ist, dass man dadurch sieht, was eigentlich möglich wäre, was eigentlich an progressiven politischen Energien mobilisierbar wäre, was wohl auch darüber hinaus möglich wäre, wenn die Parteien länger und nachhaltiger am Aufbau einer „Hegemonie“ (hier kommt wieder Gramsci ins Spiel) arbeiten würden. Am „Vorwärts“-Stand habe ich etwas salopp von einem „gramscianischen Wahlkampf“ gesprochen. Was einerseits schon richtig ist. Andererseits: Gramscianischer Wahlkampf ist schon ein Widerspruch in sich, weil man die gesellschaftliche Hegemonie sicher nicht erkämpft, wenn man die Arbeit dafür auf ein paar Wahlkampfwochen beschränkt.

Die Netzwerker in der deutschen Sozialdemokratie, also der „Mitte“-Flügel der SPD, haben ihre Partei gerade in einem dramatischen Appell vor einem „Linksruck“ gewarnt. Ein solcher würde sie an den Rand drängen, Bündnisse mit der „leistungsbereiten Arbeitnehmerschaft“ und dem aufgeklärten Bürgertum behindern. Ich habe gleich mal geguckt, ob die Nachricht vom „Postillion“ oder einer anderen Satireseite stammt. Aber nein, die meinen das echt ernst.

Unter Bayern

Dumme Gesetze, noch dümmer exekutiert: Wie die bayrische Polizei mit arglosen Leuten umgeht, die Flüchtlingen helfen.

taz, Oktober 2015

Eine seltsame unbekannte Nummer die da auf dem Handydisplay aufscheint. „Hallo, ich bin’s, Joachim*). Ich wollte mit Dir reden, weil es ist folgendes: Ich bin gerade zwei Tage in Bayern in Untersuchungshaft gesessen.“ – „Was bist Du????“, brülle ich ins Telefon. Jetzt ist auch klar, warum Joachim ein neues Handy hat. Sein Altes wurde, wie bei allen Verbrechern, von der Polizei einbehalten. Die Daten da drauf sind ja jetzt Beweismaterial. Wie die von dem USB-Stick, den er in der Jogginghose hatte. Joachim ist eines Verbrechens angeklagt: Der Schleuserei. Strafmaß bis zu fünf Jahren.

Joachim ist so ziemlich jene Person, die man sich am wenigsten als Verbrecher vorstellt. Joachim ist Senior Fellow an einem großen Wiener Think Tank, Fachgebiet zwischen Kulturwissenschaften, Politik, Kunstfeld, ansonsten macht er ganz gern chillig Partys und spielt mit viel Freude Fußball. Das heißt natürlich nicht, dass er faul und antriebslos wäre: Vor ein paar Wochen fuhr er spontan einen Tag nach Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze, um da mit anderen Helfern aus der Zivilgesellschaft die Flüchtlingsbetreuung in einem provisorischen Lager aufzubauen: Wasser, Zelte, Essen, Medikamente, all das, was der ungarische Staat vernachlässigte.

blogwertAm Wochenende vom 12./13. September hat Joachim auch Party gemacht. Und sich daher am Montag einmal ausruhen müssen. Als dann abends über Facebook die Frage die Runde machte, ob jemand Refugees vom Hauptbahnhof in Wien an die deutsche Grenze bringen könnte, dachte sich Joachim: Sinnvoller Ausklang für einen vertrödelten Tag. „Es sind fünf Leute, eine Frau und vier Männer, jung, Mittzwanziger allesamt, schätze ich“, schreibt Joachim in seinem Gedächtnisprotokoll. „Mit dabei auch eine kleine, süße Katze… Sie wollten sie nicht zurück lassen. Ich finde das schon mal super und sympathisch…“ Unter Bayern weiterlesen

Helfer in den Knast! Die bayrische Skandaljustiz

Alle feiern die Hilfsbereitschaft – währenddessen wirft die bayrische Polizei dutzende österreichische Flüchtlingshelfer in U-Haft.

taz, 26. September 2015

Wolfgang Wurm kann es noch immer nicht fassen. „Jetzt bin ich der Schwerkriminalität angeklagt. Nackt ausziehen habe ich mich müssen, fotografiert bin ich von allen Seiten geworden“, erzählt der 47jährige Oberösterreicher in den ORF-Nachrichten „Zeit in Bild“. Stundenlang saß er in Untersuchungshaft, jetzt hat er ein Strafverfahren am Hals, mit einem Strafrahmen von bis zu 10 Jahren Haft. Theoretisch. Praktisch könnte er durchaus zwei Jahre ausfassen.

Sein „Verbrechen“: Er hat eine Flüchtlingsfamilie zwei Kilometer zur deutschen Grenze chauffiert. Dort wurde er von der bayrischen Polizei festgenommen – und er wurde gleich der Schleuserei angeklagt.

blogwertDeutschland schwelgt seit Wochen in der „Willkommenskultur“ und feiert die Hilfsbereitschaft, mit der die normalen Bürger den Flüchtenden begegnen. Diesen zivilgesellschaftlichen Aufbruch gab es auch in Österreich – mit einem kleinen zusätzlichen Detail: Da Österreich direkt an Ungarn grenzt, ist eine regelrechte Bewegung von Leuten entstanden, die Flüchtlinge aus Ungarn nach Österreich chauffierten. Die Zahlen sind im Dunkeln, aber ganz gewiss haben österreichische Privatleute in den vergangenen Wochen mehrere tausend Flüchtlinge aus Budapest, Györ oder Röszke und anderen Orten in Sicherheit gebracht. Dabei sind sie sich der Risiken durchaus bewusst. In Ungarn drohen Strafverfahren, in Österreich sind diese Chauffeurdienste über die Grenze – sofern kein Profitmotiv besteht – bloß eine Verwaltungsübertretung.

Womit aber niemand rechnete: Die wirkliche Repressionsgefahr droht in Bayern. Helfer und Helferinnen, die Flüchtlinge aus Ungarn nicht bloß zum Wiener Westbahnhof chauffierten, sondern gleich über die bayrische Grenze, werden in großer Zahl von der Justiz verfolgt. Unzählige Berichte von Aktivisten liegen vor, die Flüchtlingsfamilien bloß über die bayrische Grenze bringen wollten, dabei sogar direkt Polizeidienststellen ansteuerten, damit die Flüchtlinge Asyl beantragen können – und schnurstracks in Haft wanderten. Und das ganze Programm durchliefen: Handschellen, 48 Stunden U-Haft in den eher harmlosen Fällen, Freilassung gegen Kaution und eine Strafandrohung von zwei Jahren unbedingt (Mir liegen Gedächtnisprotokolle und Zeugenaussagen vor).

Tausende Österreicherinnen und Österreicher brachten Flüchtlinge von Ungarn nach Österreich. Sie wussten um die juristischen Gefahren. Womit aber niemand rechnete: Die wirkliche Repressionsgefahr droht in Bayern.

Und das ist nur die privilegierte Varianten für jene, die weiß sind, österreichische Staatsbürger und auch noch redegewandt. Aber die bayrischen Gefängnisse scheinen gerade überzuquellen von sogenannten „Schleppern“ (713, so die offizielle Zahl, warten gerade in Haft auf ihrem Prozess), unter denen sich wohl auch Taxifahrer befinden, die keine gierigen Glücksritter sind, sondern Flüchtende nur zu einem Solidaritäts-Tarif oder zum ortsüblichen Beförderungstarif fuhren. Und das, wohlgemerkt, zu einer Zeit, als Flüchtlinge auch einfach mit der Bahn in Sonderzügen über die Grenze gebracht wurden – und alle klatschten.

Alexis allein zu Haus

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Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz.

Noch einmal schlafen, und dann wissen wir, ob Syriza nur eine Episode war oder ob sich Alexis Tsipras doch noch in eine zweite Amtszeit retten kann. Ein Herzschlagfinish wird das in jedem Fall, und dabei hatte das noch vor ein paar Wochen ganz anders ausgesehen. Was, verdammt noch mal, ist da denn passiert, während wir nicht allzu aufmerksam hingesehen haben, weil wir alle auf Bahnhöfen mit Wichtigerem beschäftigt waren? Hatte Tsipras nicht vor drei Wochen noch Zustimmungsraten von 70 Prozent, während die Konservativen nur einen Übergangskandidaten als Parteichef hatten?

In meinem Hotel am Exarchia-Platz in Athen ist ein großes Hallo, Linke aus aller Welt steigen hier ab, ein bisschen fühlt sich das nach Interbrigaden an. In einem Cafe ein paar Meter weiter treffe ich Giorgis Chondros, er ist ZK-Mitglied von Syriza. Was war der Fehler zuviel? Die „Kapitulation“ vom Juli, als sich Tsipras von den Eurozonen-Hardlinern erpressen ließ? Oder der Neuwahlbeschluss? Beides war wohl unvermeidbar, und den Kompromiss vom Juli haben die Griechen Tsipras auch verziehen, schließlich hat er ja wie ein Löwe gekämpft. „Es war sicherlich ein Fehler, dass Tsipras keinen Parteitag vor den Wahlen abhalten wollte“, meint Chondros. Da wäre der einzige „vermeidbare“ Fehler gewesen. Mit einem Parteikonvent hätte Tsipras zwar seine entschlossenen linksradikalen innerparteilichen Opponenten nicht gewinnen können, aber das große Lager der Skeptiker, also diejenigen, die durch die Achterbahnfahrt der vergangenen Monate verunsichert und frustriert worden sind.

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Syriza, die Parteiaktivisten, aber auch die größeren Kreise der Sympathisanten und potentiellen Wähler sind einfach demobilisiert; demoralisiert. Der Partei ist auch die Botschaft abhanden gekommen: Ist sie jetzt eine Anti-Austeritäts-Kraft? Oder verteidigt sie jetzt das Austeritätsprogramm, das sie akzeptieren musste? Die Antwort lautet: Beides ein wenig. Dass das keine besonders elektrisierende Botschaft ist, ist klar.

So präsentiert sich die Partei einfach als Kraft des „Neuen“. Neu, das ist irgendwie das einzige verbliebene Schlüsselwort in diesem Wahlkampf. „Jung&Neu“, das soll die Botschaft ersetzen, die einem abhanden gekommen ist.

Natürlich ist es ein wenig fies und gemein, jetzt nach den Fehlern zu suchen, die Tsipras und seine Leute gemacht haben. Sie wurden einfach von den Machthabern EU-Europas unterminiert, die sie genau in die Lage bringen wollten, in der sie jetzt sind. Was genau ist der Fehler dessen, der in die Ecke gedrängt wird und eine Pistole an den Kopf gedrückt bekommt? Aber gut, die Welt ist ungerecht. Wussten wir vorher auch schon.

Und dass die Linke sehr talentiert darin ist, ihre eigenen Leute zu demontieren, das ist auch nicht ganz neu. Denn in diese Lage ist Tsipras ja erst gekommen, weil der linksradikale Flügel von Syriza entschlossen war, ihm die Gefolgschaft zu versagen. Eine Fundamentalkritik zu üben, Tsipras als „Verräter“ zu brandmarken – kurzum, das zu tun, was Linksradikale immer am liebsten tun, nämlich moderate linke Premiers ins Wanken zu bringen, damit dann Konservative zu Premiers gewählt werden. Im strategischen Denken war der gemeine Sektierer noch nie sehr gut.

So schleppt sich der Wahlkampf durch die letzten Tage, und anders als im Januar hat kaum jemand das Gefühl, dass es um irgendetwas Bedeutendes ginge. Dabei steht viel auf dem Spiel: Syriza könnte von einer großen Hoffnung zum großen Desaster der europäischen Linken werden. Wird Tsipras jetzt abgewählt, wird das nicht der heroische Abgang eines von übermächtigen Gegnern Geschlagenen. Im Gegenteil, den neoliberalen Eliten wird es dann ein Leichtes sein, Syriza zur Lachnummer, zur lächerlichen Dilettanten-Episode zu stilisieren. Rettet Tsipras sich mit einem blauen Auge und zwei, drei Prozentpunkten Vorsprung über diese Wahlklippe, dann wird er wohl in einer neuen, Mitte-Links-Koalition regieren und der Schalter wird auf Restart gestellt: Dann wird seine Regierung versuchen müssen, in kleiner Kärrnerarbeit erstens das Land ganz praktisch zu reformieren, und in Europa Schicht für Schicht Allianzen zu bilden, mit jenem Teil der europäischen Sozialdemokratie, der dafür empfänglich ist, mit Gewerkschaft, mit Sozialbewegungen, auch mit progressiven Christdemokraten, vielleicht auch mit einer PSOE-Podemos-Koalition in Spanien, sollte die gewählt werden. Dass die Herkulesaufgabe, Europa auf einen neuen Kurs zu bringen, mit Oskar Lafontaine und dessen zehn besten Freunden (sofern der noch so viele hat) allein nicht hinhauen wird, das haben Tsipras und seine Leute mittlerweile begriffen.

Der (kurze?) Sommer des Sozialismus

Der erstaunliche Höhenflug von Bernie Sanders und Jeremy Corbyn.

Der Rote Faden, meine Kolumne aus der taz, Samstag, 17. August 2015

Seit Jugendtagen habe ich den schönen Titel des schönen Buches von Hans Magnus Enzensberger im Kopf „Der kurze Sommer der Anarchie“, ein essayistische Porträt von Buenaventura Durruti, des Anarchistenführers im spanischen Bürgerkrieg. Das Wort „Sommer“ evoziert etwas Strahlendes, Glanz, die Hoffnung, der „kurze Sommer“ aber schon das Ende der Hoffnung. Der Herbst und der Winter gehört den Anderen.

Ein bisschen erleben wir gerade einen eigentümlichen „Sommer des Sozialismus“, der den meisten in unseren Breiten nicht auffällt, weil wir hier im Merkel-Herbst leben, egal wie die Temperaturen draußen sind. Aber anderswo, oho, da tun sich erstaunliche Sachen. In Großbritannien etwa hat sich der Linke Jeremy Corbyn um den Vorsitz der Labour-Party beworben und seine Kampagne hat schnell ein Momentum gewonnen, das nicht einmal er sich zu träumen erhofft hat. Zig-tausende sind in die Labour-Party eingetreten, um bei den Vorwahlen für Corbyn stimmen zu können, junge Leute, die beispielsweise sagen: „Man sagt, er sei ein altmodischer Sozialist. Aber für meine Generation klingen seine Ideen verdammt neu.“ Mittlerweile führen die Buchmacher Corbyn als hohen Favoriten, der mit 53 Prozent in Führung liegt, während die verschiedenen Mitbewerberinnen und -bewerber gerade mal bei 20 Prozent rumdümpeln. Und man soll bei all dem ja auch nicht vergessen, dass die linkssozialistische Schottische Nationalpartei sowohl Labour als auch die Torys bei den Parlamentwahlen quasi ausgerottet hat auf schottischem Territorium. Und das hat natürlich überhaupt nichts mit Nationalismus zu tun, der Erfolg begründet sich einzig damit, dass die SNP-Leute das Image haben, noch echte, ehrliche Sozialisten zu sein.

blogwert

Ortswechsel: USA. Da mischt ein Mann wie Bernie Sanders gerade den US-Wahlkampf auf, der Senator, der einzige relevante Politiker Amerikas, der sich selbst einen „Sozialisten“ nennt. Sanders ist ein Sozialist von der Art Kreisky-Palme-Willy-Brandt, was für die USA natürlich verdammt linksradikal ist. Und füllt Stadien! Zieht Crowds von 10.000 Leuten und mehr zu seinen Wahlveranstaltungen.

Natürlich, Hillary Clinton wird er die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten nicht streitig machen können, aber allein, dass er ihr in den Umfragen schon verdammt nahe gekommen ist, ist mehr als jemals für möglich gehalten wurde. Und, mehr noch: Laut Umfragen würde Sanders – wären jetzt Wahlen -, jeden Kandidaten der Republikaner schlagen, also sowohl Donald Trump als auch Jeb Bush. Jeden!

Erstaunlich ist all das allemal. Und es fügt sich auch ein in den Aufstieg von Podemos und die Popularität, die Alexis Tsipras in ganz Europa geniest – beziehungsweise, im Kontrast dazu, den geballten Hass, den die herrschenden Eliten gegenüber den Syriza-Premier hegen. Summiert sich das schon zu einem kleinen Sommer des Sozialismus? Nun, man soll das natürlich nicht überbewerten und schon gar nicht falsch interpretieren.

Weder die Briten und schon gar nicht die Amerikaner sind jetzt alle Sozialisten geworden. Vielleicht ist es ja viel simpler: Diese Sozialisten, Leute wie Corbyn und Sanders, strahlen aus, dass sie ehrliche, einfache Leute sind, die das Herz am rechten Fleck haben und sich nicht den neoliberalen Eliten unterwerfen werden wie diese Bettvorleger der herrschenden Klassen a la Tony Blair. Und gleichzeitig haben die Bürger und Bürgerinnen vor allem aber diese schmierigen, glatten, korrumpierten Typen der Elitenpolitik satt, diese Typen, die am liebsten eine Demokratie ohne Bürger hätten. Eine ehrliche sozialistische Haut, die das Herz am rechten Fleck hat und mit den Leuten in einer normalen Sprache kommuniziert (und sie nicht wie doofe Vorschulkinder behandelt), kann heute Momentum gewinnen, während angepasste blutleere Apparatschiksozialdemokraten sehr sehr oft überhaupt keine Chance mehr haben.

Auch das darf man natürlich nicht total generalisieren: Matteo Renzi, der Italiener, ist ja eher ein Blair-Typ, also so ein Pragmatiker der Mitte, und kann dennoch mit jugendlichem Elan und Reformer-Entschlossenheit punkten. Aber in aller Regel kommen in den Apparaten kaum mehr Leute hoch, die irgendjemanden begeistern können. Wenn es aber jemand schafft, der anders ist, und aus dem Seitenout ins politische Spielfeld steigt, dann hält ein elektrisiertes Elektorat vor Freude schier die Luft an: Endlich einer, der Anders ist! Endlich ein „regular Guy“, statt dieser glatten Windkanaltypen mit Föhnfrisur und grauen Anzügen oder diese Klonpolitikerinnen mit ihren Sprechblasen und Kostümchen!

Der Sozialismus ist heute auch ein wenig eine Stilfrage.