Zweite Welt

Juden, Jugos und Upper-Class. Eine Expedition zu den Wilden in der Leopoldstadt.

Teil 1 meiner Serie „Wien Örtlich“ für die Österreich-Ausgabe der „Zeit“

Es ist spät im Oktober, aber die Mittagssonne wärmt ein letztes mal den Karmelitermarkt. Vor dem „Cafe Einfahrt“ haben sie noch einmal ein paar Stühle und Tische auf das Trottoir gestellt und die Anrainer trinken ihren Frühstückskaffee, die Häuserzeile im Rücken, den Markt im Blick. Der tunesische Friseur grüßt und geht seinen Laden aufsperren, ein Roma im verbeulten schwarzen Anzug preist erfolglos seine Messer-Sets an, der Schriftsteller Robert Menasse kurvt auf seinem Fahrrad herbei. Und Christoph Steinbrener beißt in sein Croissant.

Steinbrener ist bildender Künstler, macht mit seinem Kumpel als Künstlerduo „Steinbrener-Dempf“ aufregende Installationen im öffentlichen Raum – so hat er vor ein paar Jahren in einer Einkaufsstraße alle Firmenlogos überklebt, sodass nur mehr die kommerzbefreite Stadt sichtbar war. Steinbrener lebt ein halbes Leben, seit 1982 schon hier „im Zweiten“. Das ist überhaupt eine der Eigenarten dieses Bezirks: Er wächst. Aus der Leopoldstadt, dem „Ratznstadl“ mit seinen schimmeligen Wohnungen, ist ein Hotspot der „Gentrifizierung“ geworden, in dem Bobos sich um die Wohnungen raufen und die Upper Class viel Geld für die Dachgeschoßausbauten hinlegt. Und zugleich ist sie ein schäbiges schickes Dorf.

Da ist einmal das polierte Karmeliterviertel von Donaukanal linkerhand der Taborstraße, dann das schon etwas düsterere Novaragassen-Viertel rechts der Taborstraße. Die Taborstraße ist die Demarkationslinie und städtischer Mikrokosmos. Ethnisch gemischt wie die Leopoldstadt selbst, aber wenn man genau hinsieht, dann dominiert stadteinwärts die jüdische Welt. Hier sind die Gebetshäuser der alteingesessenen Frommen, die koscheren Läden. Zwischendrin ein paar afrikanische Läden. Stadtauswärts dann mehr die Türken. Miteinander lebt man nebeneinander her.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Dann der Praterstern, und dahinter, Richtung Donau entstehen zwei der größten Entwicklungsgebiete der Stadt: Das Nordwestbahn- und das Nordbahnviertel auf den alten ÖBB-Brachen, Neubaugebiete mit jetzt schon 10.000 Einwohnern. In wenigen Jahren werden 25.000 neue Leopoldstädter hier leben. Der Bezirk wird dann rund ein Viertel mehr Einwohner haben als um die Jahrtausendwende. Zweite Welt weiterlesen

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Der Tagtraum vom aufrechten Gang

Meine Kolumne in der „LIGA“, Magazin für Menschenrechte

Irgendwo weit oben in meinem Regal, dort, wo die Bücher dem Staub gehören und vom Leser selten gestört werden, da ist das Revier meiner Ernst-Bloch-Bände. Gelegentlich denke ich an die Buchtitel. Überhaupt sind es ja oft die Buchtitel, an die man sich erinnert, wenn der Inhalt in Vergessenheit geraten ist. Eines dieser Bloch-Bücher hat den wunderschönen Titel „Tagträume vom aufrechten Gang“. Gute Buchtitel führen ja ein Eigenleben. „Aufrechter Gang“, das war so eine Metapher aus dem Zeitalter der Aufklärung. Hier schwingt ein Bild mit: Dass der Mensch aufrecht geht, nicht gebückt. Dass er mit Selbstbewusstsein durchs Leben geht, sich nicht kommandieren lässt. Dass er sich selbst respektieren kann, weil ihm niemand mit Respektlosigkeit begegnet, und er daher auch alle anderen respektiert. Männer und Frauen, die den Kopf hoch tragen können. Tagträume wiederum sind Phantasien, die in der Realität noch nicht völlig realisiert sind, aber anders als Nachtträume sind sie nicht reine Kopfgeburten, sie sind eben Träume, deren Realisierung, wenn schon nicht ansteht, dann doch im Bereich des Möglichen ist. Tagträume sind Träume, deren Wirklicheitwerdung wir noch erleben werden. So dachten wir uns das damals, in meinen späten Teeniejahren, als ich das Buch klaute. Seinerzeit, als ihr noch nicht geboren wart.

„Tagträume vom aufrechten Gang“ – ihr versteht jetzt, was diese Worte in mir zum Klingen bringen.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW Der Tagtraum vom aufrechten Gang weiterlesen

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

The Next Big Thing: Intelligenter Protektionismus

Meine Kolumne in der Berliner „SPEX“

Es gehört ja ein wenig zum guten Ton in linken Kreisen, die „neoliberale Hegemonie“ und die „ideologische Dominanz“ der Rechten zu beklagen. Nun hat diese Jeremiade ja auch gute Gründe, weil etwa bestimmte Meinungen in der öffentlichen Debatte kaum repräsentiert sind. Oder weil, auch wenn verschiedene Meinungen geäußert werden, eine Meinung eben die Dominanz, somit die Hegemonie hat. Dennoch: In pluralistischen Gesellschaften werden in aller Regel zu jedem Thema unterschiedliche und divergente Meinungen geäußert.

Es gibt aber ein paar Themenkomplexe, da gibt es tatsächlich so etwas wie eine Einheitsmeinung. Eines der Themen ist der Freihandel. Damit meine ich jetzt nicht Fragen wie TTIP oder CETA, Abkommen, die von vielen Leuten bekämpft werden, sei es wegen Details in den Abmachungen, sei es, weil durch sie große multinationale Player privilegiert werden.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Ich meine das Prinzip des Freihandels als solches. Die Argumentationsreihe geht so: Freihandel ist gut, Protektionismus ist böse. Freihandel steigert das Bruttonationaleinkommen, die Produktivitätsentwicklung – kurzum: die Prosperität – in allen am Handel beteiligten Volkswirtschaften, und Protektionismus würde all das reduzieren. Daher würden „wir alle“ vom Freihandel profitieren. Dass diese Zuwächse, die „wir alle“ erzielen, dann vielleicht nicht extrem gerecht verteilt sind, das wäre dann ein Einwand, der von der Linken kommt. Aber diese Zuwächse selbst sind unbestritten. Das ist wie eine Art von religiöser Lehre, an die wie selbstverständlich geglaubt wird, ohne dass sie überhaupt jemand in Frage stellt. The Next Big Thing: Intelligenter Protektionismus weiterlesen

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

„Stoppt Hofer“ ist wichtig – aber auf Dauer nicht genug

FS Misik Folge 470

# Norbert Hofer kann gar kein Schlechter sein, weil er Jahrgang 1971 sei, sagt Norbert Hofer. Was das beweisen soll? Na, ich weiß auch nicht.

# Herzschlagfinish nach 11 Monaten: Zwischen Nervenzerfetzung und Totalerschöpfung

# Abwehren & das Schlimmste verhindern – das kann es auf Dauer ja auch nicht sein.

# Warum die 1960er Jahre gerade zu Ende gehen

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Der Trump-Schock: Warum die politische Mitte untergeht

FS Misik Folge 468

Wenn die Wütenden und Frustrierten sogar bereit sind, einen offenkundig irren, unberechenbaren Populisten zu wählen, der sich sichtbar nicht unter Kontrolle hat, nur damit der Status quo ein Ende hat, dann zeigt das, wie sehr Feuer am Dach ist. Das ist nicht die Zeit für Kleingeisterei und Mäßigung, sondern für radikale Konsequenzen.

Du gewinnst nichts mehr, wenn du den Konsens suchst und gemäßigt wirkst. Nicht wer radikal ist, ist „unwählbar“, wer auch nur den Eindruck erweckt, Teil des herrschenden Mainstreams zu sein, ist unwählbar.

Vergesst alles, was euch die Experten und Politikberater seit Jahren über „Electability“ einreden.

Der Wiederaufbau der lokalen Netzwerke sozialer Demokratie in den Stadtvierteln ist die Aufgabe aller Bürger und Bürgerinnen, denen die pluralistische Demokratie am Herzen liegt.

Du glaubst noch immer, irgendwer wird das für dich erledigen? Vergiss es! Die normalen Leute, die seit 30 Jahren den Preis für die neoliberale Gier bezahlen, werden das nicht länger schlucken. Es braucht Konfrontation, nicht Kompromiss mit der globalen herrschenden Oberklasse.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Eine Reise durch das progressive Europa

FS Misik Folge 467

Roadmovie durch eine europäische Woche: Athen – Wien – Stockholm in ein paar Tagen. Zwei Länder, das eine an der nördlichen, das andere an der südlichen Peripherie der Europäischen Union. Das eine war jahrelang in den Schlagzeilen, wählte eine Linksregierung, die sich gegen das Austeritätsdiktat stemmte – und heute? Heute ist Griechenland beinahe so etwas wie ein Stabilitätsanker in einem Europa, dessen zentrifugale Tendenzen immer rasendere Geschwindigkeit annehmen. Und Linkspremier Tsipras? Das konservative wie das linke Kommentariat sagen ihn längst tot. Aber er ist ein Fuchs, und alle, die ihn abschreiben, werden sich vielleicht noch wundern. Das andere Land, von einem rot-grünen Kabinett regiert, will das „nordische Modell“ aufs Neue zu einer Art Orientierungskompass machen: mit Gleichheit, ökonomischer Effizienz und Prosperität. Mit drei bis vier Prozent wächst die Wirtschaft in diesem Jahr, davon kann die Eurozone in der Depression nur träumen. Aber natürlich ist nicht alles perfekt in den nordischen Ländern und auch nicht in Schweden. Eine politische Entdeckungsreise.

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Aussichten auf den Bürgerkrieg

FS Misik Folge 466

Die extreme Rechte schürt den Bürgerkrieg, indem sie vor ihm warnt, die Warnung und die Drohung sind bei denen so wenig auseinanderzuhalten wie bei einem Mafiapaten, der seinen Rivalen warnt, er möge aufpassen, dass er keine Kugel ins Knie bekommt. Doch darüber hinaus gibt es noch einen zweiten, einen sekundären Aspekt: diese Angstlust vor und nach dem Bürgerkrieg, diese Geilheit nach Gewalt, die aber verbunden ist mit totaler Angst. Einer Angst, die ein wohliger Schauer ist, eine Vorstellung, von der man nicht lassen kann, obwohl sie einen zugleich mit Panik erfüllt. Seltsam, dass in dieser aufgeregten Debatte noch niemand an das kleine Büchlein dachte, das Hans Magnus Enzensberger bereits 1993 herausbrachte: „Aussichten auf den Bürgerkrieg“. Schon damals verkündete Enzensberger im Seher-Ton, unsere Gesellschaften würden von innen heraus zerfallen und in „molekulare Gewalt“ versinken. Nicht wenige fragten sich damals, was den ansonsten so luziden Denker geritten haben mag. Jedenfalls: 26 Jahre sind vergangen, und noch immer kein Bürgerkrieg. Aber vielleicht wird’s ja diesmal was.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Warum die „Argumente“ der CETA-Fans falsch sind

Die Ceta-Fans bringen für Freihandelsabkommen nur simple, populistische Argumente vor, ohne sich auch nur ein wenig makroökonomischen Forschungen von Wirtschaftswissenschaftern zu stellen. Aber sogar viele Kritiker von Freihandelsabkommen betonen, nicht gegen Freihandel, sondern nur gegen die Privilegierung großer Konzerne zu sein, da ja „internationaler Handel allen Beteiligten“ nütze. Aber ist das wirklich der Fall? Der Ökonom Robert Brenner jedenfalls legt den Schluss nahe, dass eine Globalisierung, bei der letztlich Volkswirtschaften miteinander Handel treiben, die alle das Gleiche produzieren, keine Effizienzgewinne generieren wird, sondern einem Wettlauf nach unten gleichkommt. Der Forscher Dani Rodrik wiederum macht eindeutig klar, dass es, selbst wenn es zu Wohlstandsgewinnen kommt, in allen Gesellschaften Gewinner und Verlierer gibt. Jeffrey Sachs schließlich, der frühere Posterboy der Globalisierung, meint heute, dass man einfach nicht sagen kann, Freihandelsabkommen seien „nützlich“ – das hängt nämlich seiner Meinung davon ab, ob sie von einer klugen Fiskalpolitik begleitet würden. Da nicht zu erwarten sei, dass die Staaten eine solche vernünftige Wirtschaftspolitik betreiben werden, lehnt er bis auf weiteres neue Freihandelsabkommen ab. Und welche Gegenargumente führen nun die Freihandelspropagandisten ins Treffen?

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Don’t Look Back: Bob Dylan als Lebensberatung

FS Misik heute mit folgenden Themen:

Sachsen – ein Failed State mitten in Europa? Nazigangs werden als „Gruppen eventorientierter Jugendlicher“ verharmlost, dann läuft ein Terrorverdächtiger dem SEK davon, weil die Polizisten in ihrer Montur nur wie Schildkröten vorankommen. Später liefern ihn Landsleute ab: Haben Terrorist, mit Schnur drum. Wenigsten die Abholung des verschnürten Terroristen verlief unfallfrei. Als man kurz nicht aufpasste, beging der Verdächtige leider Selbstmord. Aber die Polizei hat schon eine neue Aufgabe: Sie sucht jetzt eine Maschinenpistole, die sie vor drei Wochen verloren hat.

Bob Dylan – Nobelpreisträger. Die Leute spielen verrückt, und die Zeiten sind seltsam. People are crazy and times are strange. Und mitten hinein erhält Bob Dylan den Literaturnobelpreis. Ein Poet, ein Dichter, der Geschichten erzählt, aber Geschichten, die die Assoziationsreihen der Zuhörer nicht einsperren in die Worte, sondern ihnen Auslauf gewähren. Die alten Pfade, sie gehen zu Ende. Geh aus dem Weg, verstell nicht die neuen, wenn du nichts beitragen kannst.

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

CETA und Mordio.

Christian Kern, die SPÖ und das knifflige CETA-Thema. Eine Antwort auf Lukas Oberndorfer.

Man weiß ja gelegentlich nicht, ob man mit Verärgerung, Kopfschütteln oder pädagogischer Freundlichkeit auf die Aktivitäten in manchen linksradikalen Zirkeln reagieren soll. Jetzt wurde ich also wegen meiner Positionierung zu CETA Adressat eines Offenen Briefes von Lukas Oberndorfer (hier). Das ist insofern ulkig, als ich mich zu CETA bisher absichtlich kaum geäußert habe. Alles, was ich in meinem Leben zu CETA gesagt habe, füllt bestimmt nicht einmal 10 Prozent des Offenen Briefes, den Lukas an mich gerichtet hat.

Was seinen Zorn erregte, war die Tatsache, dass ich die Erklärung von Christian Kern auf Facebook verlinkte, in der dieser begründete, warum er dem Präsidium seiner Partei ein konditioniertes Ja zu einer Unterschrift von CETA empfahl (hier die ausführliche Argumentation des Kanzlers). Ich habe das nicht ganz wortlos getan – wobei ich mir kurz überlegte, es wortlos zu tun, aber ich weiß ja, dass das verschiedene Leute dann leicht verschieden interpretieren können -, sodass ich zweieinhalb Zeilen in einem Klammerausdruck hinzufügte: „(und, falls es jemand interessiert, ich find das in der Sache weitgehend schon richtig so, wenngleich ich Prozedere und Kommunikation bisher bissi holprig fand)“.

Das reicht, um mir alles Mögliche vorzuwerfen, was dann in das Urteil kulminiert, ich würde dazu übergehen „die herrschenden Verhältnisse zu legitimieren“. Nun gut, drunter tut es das Philippika-Schreiben offenbar nicht.

Aber schön, wenn ich schon gefragt werde, dann gebe ich in diesem Fall jetzt einmal Antwort, obwohl ich zu CETA und den diesbezüglichen Aktivitäten der SPÖ eigentlich nicht Stellung beziehen wollte.

Zwar kenne ich mich mit dem CETA-Vertrag wahrscheinlich besser aus, als die meisten Kritiker oder Anhänger dieses Vertrages, aber ich fühle mich nicht ausreichend als Experte, um wirklich mit fundierter Sicherheit eine Position beziehen zu können.

Generell denke ich, dass wir Verträge dieser Art überhaupt nicht benötigen, und dass das Schleifen von noch mehr Regulierungen bei Kapital-, Waren- und sonstigem Verkehr eingebettet ist in mittlerweile jahrzehntelange Prozesse neoliberaler Globalisierung. Selbst wenn man nicht leugnen kann, dass Handel die Wohlfahrt aller beteiligten Volkswirtschaften üblicherweise hebt, führt verschärfte Konkurrenz von Unternehmen, die das gleiche produzieren, zu einem Preis- und Lohndruck nach unten, sodass ab einem bestimmten Grad an Globalisierung die Nivellierung nach unten einsetzt und eben nicht mehr zu Wohlfahrtsgewinnen führt. Ganz davon zu schweigen, dass selbst dann, wenn Volkswirtschaften „gewinnen“, sie das eben nur im Durchschnitt tun, es aber dann dennoch immer Gewinner und Verlierer gibt, und die Verlierer werden von den Gewinnern in aller Regel nicht kompensiert. Das zu meiner generellen Skepsis, die sich etwa an die Forschungen des Ökonomen Dani Rodrik anlehnt – wer darüber mehr lesen will, kann ja bei Rodrik nachgoogeln.

Wenn solche Abkommen über die Reduktion von Handelsbarrieren auch noch hinausgehen – indem Konzerne Dinge durchsetzen, die sie in ihren nationalen politischen Öffentlichkeiten nie durchsetzen könnten -, dann wächst meine Skepsis noch beträchtlich. In dieser Hinsicht ist der Bundeskanzler, wie ich glaube, durchaus derselben Meinung – man sehe sich nur das öffentliche Gespräch an, das wir mit Marcel Fratzscher am Donnerstag im Kreisky Forum führten (Video auf der FB-Seite des Bundeskanzlers). CETA und Mordio. weiterlesen

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Eine moderne linke Ikone

Bobby Kennedy, Clinton-versus-Trump und das neue Buch von Didier Eribon. Und was uns das alles über die Dilemmata der zeitgenössischen Progressiven sagt. Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, vom Oktober 2016

Jetzt kommen wieder ein paar linke Bescheidwisser daher, und erklären uns, dass Hillary Clinton so furchtbar sei, dass es doch keinen relevanten Unterschied zwischen ihrer und Donald Trumps Furchtbarkeit gäbe. Mag die kleine Differenz im Extremfall ein paar hunderttausend Leuten das Leben kosten, will, wer nur das Große im Auge hat, sich nicht mit solchen Details nicht aufhalten. Wenns blöd läuft, wird diese Argumentation noch so gut verfangen wie im Jahr 2000, als man in diesem Milieu für Ralph Nader stimmte, was ja bekanntlich Al Gore die Präsidentschaft kostete und George W. Bush ins Weiße Haus hievte.

Was aber natürlich nicht heißt, dass Hillary Clinton nicht in mehrerlei Hinsicht eine grottenschlechte Kandidatin ist. Sie repräsentiert das liberale Establishment. Und auch wenn man nicht so tun soll, als hätte die frühere Außenministerin überhaupt keine Stärken, fällt es schwer, an ihr irgendetwas zu finden, wofür man sich begeistern kann, im Unterschied etwa zu Barack Obama vor acht und vier Jahren.

Man kann beinahe sagen, in Clinton vs Trump verdichten sich auch die Dilemmata der heutigen Progressiven, der Linken, der Mitte-Links-Parteien – wie immer man das nennen mag.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Gerade lesen ja alle ganz gefesselt „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon. Darin schreibt er über die kulturell abgehängte Arbeiterklasse, die jetzt – Eribon ist Franzose – die Front National wählt. Diese Arbeiter, oder generell gesagt: die einheimischen Unterprivilegierten, haben das Gefühl, niemand vertrete sie, weil sie unter die Räder von Globalisierung und Modernisierung kommen. Aber diese Entfremdung der Arbeiter und der alten progressiven Parteien ist auch eine kulturelle Entfremdung. Die Leute sind wütend, weil sie spüren, dass man sie überhaupt nicht ernst nimmt, dass sie Leute von Gestern, dass sie Unsichtbare sind. Ihre früheren Vertretungen sind Mittelschichtsparteien geworden, weit weg von den Arbeitermilieus. Ja, noch schlimmer: die heutigen Linken, von innerstädtisch-sozialdemokratisch bis akademisch-linksradikal, sie begegnen den Arbeitern und ihrer Welt, den Unterprivilegierten und ihrer Welt mit Verachtung, mit Arroganz. Eribons Buch handelt aber nur über kurze Strecken von dieser politischen Entfremdung im engen Sinne, es ist ein autobiographisches Buch, in dem er diese große Geschichte an seiner eigenen kleinen Geschichte erzählt. Wie er, der ehemalige Arbeitersohn, seine Welt hinter sich gelassen hat, wie er begonnen hat, sich für seine Welt zu schämen, wie er mit dieser rauen, teilweise auch dummen, xenophoben, homophoben Welt nichts mehr zu tun haben wollte. Kurzum: Er erzählt entlang der Geschichte seines Klassenverrats. Zurück bleibt die Arbeiterklasse, alleingelassen, ignoriert, verachtet, und wählt „in einer Art politischer Notwehr“ (Eribon) Rechtspopulisten – von FPÖ bis Front National, von AfD bis Donald Trump.

Man kann also sagen: Hillary verkörpert diese Verwandlung der Progressiven zur Mittelschichts- und Establishment-Kultur, während der weiße, zornige Trump-Wähler die Notwehr der Arbeiterklasse darstellt.

Wenn man dieses Problem einmal erkennt, hat man es noch lange nicht gelöst: Denn wie verbindet man heute die innerstädtischen progressiven, internationalistisch gesinnten Milieus mit den proletarischen Kleinstadt- und Vorort-Milieus, die sich nicht riechen können? Jedenfalls, Hillary Clinton ist dafür nicht die optimale Besetzung.

Im Sommer habe ich mich durch die ziegeldicke, neu erschienene Bobby-Kennedy-Biographie von Larry Tye gelesen: „The Making of a Liberal Icon.“ Was für ein Buch, was für eine Figur! Robert F. Kennedy, der Bruder des Präsidenten John F. Kennedy, der in den fünfziger Jahren noch für den rechten Scharfmacher Joseph McCarthy arbeitete, später dann der war, der für John F. Kennedy ruchlos die Drecksarbeit erledigte – der Bad Bobby -, verwandelte sich innerhalb von vier Jahren zur bis heute wohl noch unübertroffenen Idealfigur eines modernen linken Politikers – zum Good Bobby. Er begeisterte, hielt Reden gegen Armut und Ausgrenzung, wurde Senator, stellte sich auch ganz buchstäblich auf die Seite der kleinen Leute, war cool und damit zugleich auch die inspirierende Figur für die sechziger Jahre Gegenkultur-Bewegung. Eine Art politischer James Dean, aber Rebel with a Cause, er war von den amerikanischen Schwarzen genauso angesehen wie von der weißen Arbeiterklasse, und schmiedete eine Koalition gegen das alte demokratische Partei-Establishment, eine Allianz für das Neue. Seine Partei wäre Schutzmacht der kleinen Leute und Kraft der Modernisierung zugleich gewesen. 1968 hätte er Präsident werden können. Nur wenige Wochen nach Martin Luther King und nach einer Reihe von Siegen bei den Primaries wurde Kennedy erschossen.

Präsident wurde damals dann übrigens Richard Nixon.

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone

Haben die Linken die Arbeiterklasse verraten?

Einer der meistdiskutierten Autoren der Saison ist der französische Soziologe Didier Eribon. Gerade sagte er in einem großen „Zeit“-Interview: „Es gibt in Europa sehr viele Menschen, die marginalisiert sind, die verzweifelt sind, die über das, was in ihrem Leben vor sich geht, wütend sind. Die nicht nur keine Arbeit haben, sondern die sich auch nicht mehr vorstellen können, dass sie jemals wieder einen Job bekommen werden oder dass es ihren Kindern eines Tages besser gehen wird. Und diese Leute haben kaum eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen… Und wenn sie dann demonstrieren, wissen sie, dass das keinerlei Effekt haben wird, selbst wenn sie wie in Frankreich eine sogenannte linke Regierung haben. (Sie bekommen) zu hören, dass ihre Meinung keine Rolle spielt. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als nächstes Mal in Frankreich FN zu wählen, in Österreich FPÖ, in Großbritannien Brexit und in Deutschland AfD?“ John Harris fragt im „Guardian“ gar: „Hat die Linke noch eine Zukunft?“ Sie ist, grob gesprochen, in zwei Milieus zerfallen: die urbanen linksliberalen Mittelschichtsmilieus, die internationalistisch und optimistisch sind, und die proletarischen Milieus, die ihre Felle davonschwimmen sehen und eine Schutzmacht brauchen. Nur, so Harris: Diese Milieus sind selbst mit guter Politik kaum mehr unter einen Hut zu bringen. Hat er recht? Was folgt aus der Analyse aber dann für die Politik und für unsere Demokratie als Ganzes?

Link:

Didier Eribon in der „Zeit“

John Harris im „Guardian“

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Flattr the authorTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Buffer this pageEmail this to someone