Die Mitte rückt westwärts

Für den Westen war der Osten der Traum von der Flucht aus der langweiligen Posthistorie. Dass dessen Einwohner gar nicht in einem History-Park leben wollten, konnten wir nicht verstehen. Und übersahen darum fast, welch grandioses historisches Ereignis der Beitritt der zehn neuen EU-Mitglieder darstellt. Falter, April 04

 

Als im Verlauf des Jahres 1989 die osteuropäischen KP-Regimes nacheinander fielen, erfüllte sich auch ein westeuropäischer Traum, ein Traum, der vielleicht gar nicht in einem engen Sinn politisch war. Die Landstriche jenseits dessen, was bis dahin der eiserne Vorhang war, waren in den Jahren davor mythologische Regionen geworden, eine Art europäisches Arkadien. Eine seltsame Sehnsucht nach dem Osten hatte sich in den achtziger Jahren ausgebreitet, erst kaum spürbar, dann nicht mehr übersehbar. Ausstellungen, in denen Ära und Raum der früheren Donaumonarchie in milde Farben getaucht wurden, waren Publikumsmagneten geworden, aufgeklärte Konservative begannen von "Mitteleuropa" zu schwadronieren und es gab vielgelesene Bücher mit programmatischen Titeln wie "Die Mitte liegt ostwärts". Man phantasierte über die Bohème der zwanziger und dreißiger Jahre und das war nicht nur eine Sehnsucht nach einer anderen Zeit, sondern auch nach einem anderen Zeitmaß, nach einer Epoche, in der Innenstädte keine Businessorte waren, sondern Lebensräume, nach Geschichte statt bloßer Gegenwart, nach ungeschrubbten Straßenpflastern und nach einer Art von Echtheit, die in den westeuropäischen Metropolen mit ihren Stahl-Glas-Bauten ebenso verloren gegangen war wie in den mit Touristenkitsch überzogenen Innenstadtquartien. In Wien etwa war der damalige Bürgermeister Helmut Zilk nicht davor zurückgeschreckt, am Graben Palmen aufstellen zu lassen.

 

So erfüllte sich ein Traum, als die Stacheldrahtverhauhe durchschnitten wurden. Es begann damit, dass echte Revolutionäre – nicht selten noch dazu Männer und Frauen des Geistes – die alte Ordnung ins Wanken gebracht hatten. Im Prag etwa war die Revolutionszentrale in der Laterna Magica, einem alten Kellertheater untergebracht, und durch die Gänge und Garderoben wuselten Mittvierziger mit Schnauz- und Vollbärten, dicken Wollpullovern und grünen Parkas. Mittendrin Leute wie Vaclav Havel und Jiri Dienstbier. Welche Heiterkeit herrschte bei den Massendemonstrationen, aber auch abseits von diesen. "Kommunist kaputt", lachte ein Taxi-Chauffeur auf, während er der Direktübertragung von einer Krisensitzung der Prager Kommunisten lauschte. "Haben Sie das verstanden? Der Kommunist hat seine Parteichefs gerade ,zittrige, kranke Greise‘ genannt." Noch einmal brüllte er auf und klatschte sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel.

 

Während sich westliche Politik in Technokratie verlor, bot der Osten echte Ereignisse, denen gegenüber man echte Gefühle haben konnte.

 

Denke ich an die erste Hälfte der neunziger Jahre, dann erinnere ich mich vor allem an Orte und an Menschen, die irgendwie lose an diese Orte angeschlossen waren, nicht selten durch sie hindurchgingen, an Reisende und an flüchtige Begegnungen.

 

Etwa an den alten Mann im Café Müvesz in der Budapester Andrassy ut, schräg vis-a-vis des Opernhauses, der fest in seine Schokoladentorte beißt, während er sagt: "Es wird eine Katastrophe geben". Ein paar Krümel kleben an seinem Schnauzbart, während er fortfährt: "Alles ist zusammengebrochen. Die Welt wird untergehen". Derweil blickte er in den Wirtschaftsteil der Zeitungen. "Die Peseta fällt seit einer Woche", erklärte er. "Man verliert sein Geld schneller, als man es ausgeben kann". Dann blickte er aus dem Fenster und sagte: "Früher waren das die Champs-Elysées von Budapest".

 

Oder an den 70jährigen Amerikaner im Zug von Berlin nach Prag, der in Deutschland geboren wurde, das Land aber 1936 verlassen hat, mehr dazu aber nicht sagen will, als das: "aus guten Gründen" sei das geschehen. Während der Zug durch das Erzgebirge nach Böhmen fährt, blickt er aus dem Fenster, fragt seinen Sohn: "Was ist das für ein Fluss?" – "Die Elbe", antwortet dieser. "Da war ich 1945", sagt der Vater plötzlich. "Hier trafen wir uns mit der sowjetischen Armee". Als er das letzte Mal in diese Landstriche gekommen war, hatte er die Uniform der US-Army an.

 

Oder ich erinnere mich an die junge Tänzerin, die eigentlich zum Ensemble des Prager Nationalballetts zählte, von der Gage, die dort zu erzielen war, aber nicht mehr leben konnte und darum ein paar Mal in der Woche im Varieté Alhambra neben dem Hotel Europa in Tüll, Pfauenfedern, Charleston-Kleidern und sonstigem Fummel auftrat. Meine alte Tante, bei der sie zur Untermiete wohnte, führte mich in das schummrige Etablisement, stellte uns vor; die Tänzerin lächelte scheu, machte einen Knicks, und huschte schon wieder zu einer ihrer Balletteinlagen, die sich mit den Strip-Nummern der anderen Girls abwechselten.

 

Und ich erinnere mich an den Geschäftsmann aus Bremen frühmorgens im Tragflügelboot, das uns entlang der Schilfgürtel der Kurischen Nehrung von Danzig nach Königsberg brachte. Während er sich Whisky in die Fanta-Dose schüttete, erzählte er, dass er Metallmüll aus dem Osten importiere, in Deutschland wiederverwerte und am Weltmarkt mit Gewinn verkaufe. "Eines der wenigen Geschäfte, die man zur Zeit in Russland machen kann. Schrott haben die mehr als genug." Währenddessen zog das Boot an den Wracks alter sowjetischer Kutter vorbei, die langsam vor sich hin rosteten.

 

Begegnungen wie diese, von denen es wohl tausende und abertausende gab, bestimmten den westlichen Europadiskurs und bestimmen ihn immer noch und er ist keine exklusive Eigenart westeuropäischer "Diskursjockeys". Hinter den sozialistischen Akronymrepubliken tauchten plötzlich historische Regionen auf, und sie boten ein Bild, als wären sie ein paar Jahrzehnte in einem großen kontinentalen Kühlschrank tiefgefroren gewesen: Böhmen, Schlesien, Ostpreußen usw. 

 

So berichetete unlängst der polnische Schriftseller Andrzej Stasiuk von einem Besuch in der Ostslowakei. Von der Höhe der Stadtmauer aus sah er "die Höfe, Gärten, Hintereingänge, Karnickelkäfige, Hühnerställe, Hundehütten, all das, was eine Kleinstadt lieber nicht zeigt, diese ganze Dörflichkeit, die sie in einen begrenzten, möglichst kleinen Raum zu pferchen versucht. Das war ein sanftes Schlachtfeld, ein schläfriger Sauhaufen, die Reste einst begonnener und nie vollendeter Unternehmungen, Stapel und Haufen von Dingen, die sich unmerklich in Müllhalden verwandelten, Folienfetzen, Kompost, Fallobst, Hühnerverschläge, Kräuter, ausgetretene Pfade, eine Art ewiger Gegenwart, die da im Schatten der Nuss- und Kirschbäume kauerte."

 

Diese Erzählung handelt von der melancholischen Liebe zu morschen Kastenfenstern, bröckelndem Kalkputz, moosbewachsenen Dachschindeln. Währenddessen träumen die Menschen in diesen Häusern nicht selten von Plastikfenstern mit Dichtheitszertifikat, Isolierputz und industriell gefertigten Badezimmerfliesen. Und um diese Differenz handeln im Grunde nicht wenige der west-östlichen Missverständnisse.

 

Für den Westen war der Osten der Traum von der Flucht aus der Postmoderne, der man langsam überdrüssig geworden war (auch wenn kurzfristig aus dem Traum ein Alptraum wurde, weil in den historischen Regionen plötzlich alter ethnischer Wahnsinn wucherte). Für den Osten war der Westen der Traum von Konsum und Wohlstand. Für den Westen war der Osten der Kontrast zu glatter Düsseldorfigkeit. Nicht wenige im Osten hätten Düsseldorf dagegen für das Synonym für das Paradies gehalten.

 

Erst wurden im Osten Helden in politische Ämter gewählt, deren Namen damals schon in den Geschichtsbüchern standen. Dann wählten sie die Helden ab, und ersetzen sie durch smarte Politiker, deren Namen man sich nicht mehr merkte. Wie heisst noch einmal der gegenwärtige Premier in Polen, in Ungarn, in der Slowakei, in Tschechien?

 

Für den Westen war der Osten ein grosses Freilichtmuseum mit Einwohnern, die man für glückliche, freilaufende, vom Kommerz, Werbung und Konsum noch nicht so entfremdete Menschen hielt, ähnlich den Hühnern am Biobauernhof. Im Grunde hätte man sich gewünscht, dieser History-Park würde weiter bestehen. Aber dessen Einwohner wollten aus irgendwelchen unverständlichen Gründen werden, wie wir.

 

So rückte Arkadien weiter nach Osten, in die Gegend rechts vom siebzehnten Grad östlicher Länge, in die man fahren kann, so man es "mag, wenn etwas zurückbleibt", wenn der Zerfall "unaufhörlich komplizierte Verbindungen mit dem Wachstum" eingeht (Andrzej Stasiuk). "Zwischeneuropa" dagegen spannte die Muskeln an und tat, was zu tun war, den Blick scharf nach Westen gewandt, auf Amerika, die Nato vor allem aber auf die Europäische Union. Die Mitte rückte westwärts.

 

Die westlichen Öffentlichkeiten schaffen es bis heute nicht, die historische Dimension der Osterweiterung richtig zu würdigen. Was, wenn der Grund dafür in der Ursache gründet, dass wir dieses Westwärts-streben der Osteuropäer für einen Verrat an einem Traum halten, an unserem Traum, von dem wir irrtümlich annahmen, es sei auch ihr Traum? Haben wir am Osten nicht so geschätzt, dass er eben nicht so langweilig und normal war, wie unser posthistorisches Westeuropa? Für den Osten dagegen war die westliche Normalität eine Utopie.

 

So erleben wir, am Vorabend des Beitritts der zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten eine wahrhaftig paradoxe Situation. Im Westen herrscht das Gefühl vor, es geschehe doch damit nichts Bedeutendes, jedenfalls nichts Grossartiges – allenfalls beginne ein ökonomisch riskantes Abenteuer. Im Osten wiederum spüren die Leute natürlich, dass diese supranationale Entität, der man demnächst zugehört, den Beitritt allenfalls als technisches Ereignis betrachtet. Pathos will da und dort keiner aufkommen. Dabei markiert dieser 1. Mai 2004 einen triumphalen ersten Höhepunkt einer fast unglaublichen Success-Story. Alle zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten haben in weniger als 15 Jahren ausreichend stabile demokratische Institutionen aufgebaut, ihr administratives Regelwerk dem der Europäischen Union angeglichen und ein politisches Personal herausgebildet, das mit Ansprüchen an politische Professionalität in modernen westlichen Demokratien mitzuhalten vermag, auch wenn es da und dort noch irritierende Korruptionsanfälligkeit und auch noch überdurchschnittliche Instabilität geben mag. All dies wäre ohne den Magnetismus der Europäischen Union nicht möglich gewesen. Das supranationale Europa, das ewig an sich selbst zweifelt, sich der Supermacht Amerika chronisch unterlegen fühlt, realisiert gar nicht, welche kulturelle Anziehung und inklusive Kraft von ihm ausgeht. Es ist unfähig, den Pathos dieses Augenblicks ausreichend zu würdigen, teilweise gewiss auch deshalb, weil sein Erfolgsgeheimnis gerade in der Bändigung des Pathetischen besteht, der Verwandlung und Insitutionalisierung historischer Geschehnisse in administrative Prozesse. Europa führt, zwecks Erweiterung seiner hegemonialen Zone, keine Kriege – Europa führt Beitrittsverhandlungen, lässt subalterne Beamte irgendwelche Acquis abhaken, deren Inhalte sich Uneingeweihten verschließen. Aber natürlich ist diese Europäische Union eine Art von Empire, jedenfalls wenn man darunter den Raum einer bestimmten Ordnung versteht, die Stabilität und damit gute Bedingungen für Prosperität garantiert und Unordnung und Instabilität nur jenseits seiner Grenzen zulässt; an der Peripherie des Empire muss Ruhe sein.

 

Eine Peripherie, die immer größere Räume umfasst. Bis an die Grenzen Russlands und der Ukraine im Osten, bis ins obere Drittel des Balkans reicht es schon; demnächst werden wohl Kroatien und Bosnien-Herzegowina dieser Zone angehören, bald womöglich die Türkei. Ein Europa, das das vermag, braucht sich vor Amerika gewiss nicht verstecken.

 

 Und es kann, für einen kleinen Augenblick vielleicht, aus seiner geschäftigen Routine erwachen und realisieren, dass am 1. Mai 2004 etwas wahrhaftig Großes geschieht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.