Ein talentierter Terrorist

 

Eigenhändig habe er Nicholas Berg den Kopf abgeschnitten, ließ er via Internet verbreiten: Abu Musab al-Zarqawi, der schon als neue Zentralfigur um Terror-Import-Export-Business gilt. Der Irak ist bloß seine Hauptoperations-Basis.

 

In der internationalen Geheimdienst-Community gilt er schon als eine Art Mythos, ein Phantom: Abu Musab al-Zarqawi, Kopf des Terrornetzes al-Tawihd, Djihadist mit Sitz irgendwo im Irak, Inspirator des dortigen Untergrundkrieges gegen die Amerikaner, der seine Fäden auch in Europa zieht. Wenn im Irak eine konzertierte Terroraktion gegen die Besatzung oder die Polizeikräfte der neuen Übergangsregierung stattfindet, wenn im Maghreb ein Anschlag verübt wird oder in Westeuropa eine Bombe hochgeht – prompt fällt der Name al-Zarqawi. Er gilt als Verbündeter von Osama bin Ladens al-Q’aida-Netz, aber als einer, der sich mehr als nur Unabhängigkeit erhalten hat. Er erinnert, sagt Bruce Hoffman, einer der führenden amerikanischen Terrorismus-Experten, „an einen Geschäftsmann mit einer guten Idee, der eine Geschäftspartnerschaft eingeht“. Er ist so stark geworden, dass er selbst schon „als Konkurrent Bin Ladens angesehen wird“, formulierte unlängst die Schweizer „Weltwoche“.

 

Eine Ergreifungsprämie von 10 Millionen Dollar haben die USA auf al-Zarqawi ausgesetzt. Dabei kursiert von ihm nur ein graustichiges Passbild, doch er ist das Gesicht des Alptraums, den sich die USA im Irak eingehandelt haben. Waren sich die US-Militärs vor einem halben Jahr noch sicher, der Großteil der Widerstandsaktionen werde von alten Kadern des Saddam-Regimes verantwortet, so sind sie sich jetzt ziemlich sicher, dass die meisten Kampfhandlungen und Anschläge von verschiedenen Djihad-Gruppen ausgeführt werden, die sich alle irgendwie mit al-Zarqawis al-Tawihd-Leuten verbunden fühlen – wenn auch teilweise eher lose.

 

Wie Osama bin Laden steht auch Zarqawi einem dezentralen Netzwerk vor, in dem er als „Mastermind“ (Time-Magazine) wirkt, als Inspirator, keineswegs immer als operativer Planer. Wenngleich er auch als ziemlich raffinierter Terror-Organisator gilt: „Der Typ versteht seinen Job“, ist anerkennend aus US-Geheimdienstkreisen zu hören.

 

Der 37jährige Jordanier al-Zarqawi hat wie viele andere Djihadisten in Afghanistan den Weg zum radikalen Islamismus gefunden. Dort schloss er sich in den achtziger Jahren dem Krieg gegen die Sowjets an. Zurück in Jordanien, wurde er wegen der Teilnahme an einer Verschwörung ins Gefängnis gesteckt und ging nach seiner Freilassung 1999 wieder in den Untergrund. Nach der Verhaftung einer Reihe seiner Mitstreiter floh er erst nach Peschawar in Pakistan, später machte er in Afghanistan ein eigenes Ausbildungslager für Gotteskrieger auf. Danach tat er sich mit der Terrorsekte Ansar al-Islam zusammen, die in den nordirakischen Kurdengebieten ganze Landstriche kontrollierte. Später setzte er sich in den Iran ab. Indes baute er auch stabile Kontakte nach Westeuropa auf. Al-Tawihd-Leute sollen, unter al-Zarqawis Direktive, in Deutschland ebenso Anschläge geplant haben wie in London. Vieles deutet auch darauf hin, dass er der eigentliche Inspirator jener Terrorzellen ist, die vergangenes Jahr in Marokko und im März in Spanien Terroranschläge mit mehreren hundert Toten verübt haben. Al-Zarqawi, so das Urteil von Terrorexperten, verfügt über einen nüchtern-realistischen Intellekt: er habe sich gewissermaßen ausgerechnet, Spanien mit den Anschlägen knapp vor den dortigen Parlamentswahlen aus der amerikanischen Kriegs-Allianz herauszubomben. Auch in seiner Heimat Jordanien soll er versucht haben, mehrere große Anschläge zu planen – zwei sind, glaubt man den dortigen Sicherheitsbehörden, aufgeflogen. Vergangenes Jahr wurde al-Zarqawi deshalb in Amman in absentia zum Tode verurteilt.

 

Schließlich gingen auch die Enthauptungen des amerikanischen Technikers Nicholas Berg und des südkoreanischen Übersetzers Kim Sun-il auf al-Zarqawis Konto – im Internet brüstet er sich, er habe die Morde eigenhändig durchgeführt.

 

Irakische Djihadisten und andere radikale Islamisten beschreiben al-Zarqawi als einen einnehmenden, faszinierenden Mann. Radikale Prediger, die mit ihm ein paar Stunden zusammensäßen, verließen die Zusammenkunft regelmäßig als überzeugte Djihadisten. Auch moslemische Gelehrte, die in der Legalität wirken, seien mit al-Zarqawi verbunden, glauben Irak-Kenner: die Rede ist etwa von Scheich Mahdi Ahmed al-Sumaidai, einen einflussreichen Mullah und von Harith al-Dhari, der ein islamisches Studiennetz leitet. Ihnen wird zugetraut, sie könnten für al-Zarqawi jene Rolle spielen, die der Taliban-Mullah Omar für Osama bin Laden spielte. Westliche Geheimdienstler attestieren al-Zarqawi jedenfalls ein "seltenes Talent" (Wall Street Journal), Radikale aus verschiedenen Milieus und unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen.

 

Zunehmend gelinge es al-Zarqawi auch, ehemals Saddam-Nahe sunnitische Militärs auf seine Seite zu ziehen, wird berichtet – die sehen sich, nachdem die Strukturen des alten Regimes nach einem Jahr Untergrundkrieg weitgehend zerrieben sind, nach einem neuen Paten um. Einstige säkular-nationalistische Offiziere, früher große Säufer vor dem Herrn, lassen sich jetzt Bärte wachsen, geben sogar das Rauchen auf und hängen dem rigide-puritanischen Islam an, der von Saudi-Arabiens Wahabiten propagiert wird. Dafür gibt es auf Umwegen Petro-Dollars, eine nicht zu unterschätzende Ressource im Untergrundkrieg.

 

In gewisser Hinsicht ist al-Zarqawi sogar radikaler als Osama bin Laden – gleichzeitig aber auch lernfähig. So propagiert er nicht nur den Krieg gegen Ungläubige, Juden und den Westen, sondern auch gegen „perverse Sekten“ im Islam. Er hat das Konzept entwickelt, den Irak in einen internen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu stürzen – denn für die strenggläubige Sunniten gelten die Schiiten als religiöse Häretiker, die es zu bekämpfen gilt. In einem Schreiben an Osama bin Laden, von den US-Besatzern auf einer beschlagnahmten CD-Rom gefunden, diente er im Frühjahr dieses Eskalationskonzept auch der al-Q’aida-Führung an. Die setzt aber auf Kooperation aller radikalen Islamisten, nicht auf innerreligiösen Zwist. Al-Zarqawi hat das aber nicht davon abgehalten, auch schwere Bombenanschläge gegen Schiiten zu verüben, wie im März in Nadschaf. Erst die Tatsache, dass sich die Bürgerkriegs-Strategie als höchst unpopulär erwies, führte dazu, dass die Zarqawi-Leute sie allem Anschein nach wieder aufgaben.

 

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