Voltaire verhaftet man nicht

Der Intellektuelle im allgemeinen und im besonderen: Wolf Biermann wird heute sechzig Jahre alt

Berliner Zeitung, 15.11.1996

 

Wenn einer wie Wolf Biermann seinen sechzigsten Geburstag feiert, kann man den ewig jungen Barden rühmen, den Poeten preisen und hinzufügen, was ein Mann dieser Größe sonst noch treibt, sei nicht so sehr von Belang. Oder man redet über den deutschen Intellektuellen im allgemeinen und im besonderen, also: über Wolf Biermann.

Der Intellektuelle als Spezies ist nur unwesentlich älter als Wolf Biermann. Der Intellektuelle wurde 1894 in Paris geboren, als nach der Verurteilung des Obersten Alfred Dreyfus durch die französische Militärgerichtsbarkeit zuerst Emil Zola sein "J’accuse" formulierte und sich daraufhin die "hommes de lettres" des Landes diesem anschlossen. Schon daraus läßt sich messerscharf schlußfolgern, daß der Intellektuelle ein Franzose ist und der deutsche Intellektuelle somit ein wenig wie ein Wechselbalg wirkt. Im Duden, 19. Auflage, Jahrgang 1986, notiert der "Wechselbalg" übrigens als "mißratenes untergeschobenes Kind".

Wolf Biermann wurde, 41 Jahre nach dem Intellektuellen, 1936 in Hamburg als Sohn eines jüdischen Kommunisten und dessen nichtjüdischer Frau geboren. Er mußte zu jener Zeit, der einschlägigen Gesetzgebung entsprechend, als mißraten gelten. An dem Gefühl, fehl am Platz zu sein, hat sich nach 1945 nicht sehr viel geändert, so daß er 1953 in jenes Land übersiedelte, das er für die bessere deutsche Republik hielt.

Projektionsfläche

Doch auch den Machthabern in diesem besseren Deutschland galt Biermann, dieses fleischgewordene "J’accuse", schnell ebenso als mißratenes Kind, das sie am besten gleich wieder dem Klassenfeind zurückschieben wollten. Da aber bis dahin noch ein paar Jahre vergingen, wurde Biermann von einem Menschen aus Fleisch und Blut zu einem virtuellen Phänomen. Er war ein Sänger, der nicht singen durfte; er war ein Argument – für und gegen den "Sozialismus". Im Westen, dem man ihn dann untergeschoben hatte, durfte er zwar singen, aber auch hier war er nur in zweiter Linie ein Sänger. In erster Linie war er eine Staatsaffäre.

So verdichtete sich in Biermann, auf den alle alles mögliche projizierten, in beinahe reiner Form das Drama des deutschen Intellektuellen.

Im Osten war er einer gewesen, den sie am liebsten eingesperrt hätten und dem sie in grenzenloser Feigheit dann die Wiedereinreise verboten, nachdem er, mit Paß und Visum ausgestattet, die Grenze überschritten hatte. Im Westen war er eine Projektionsfläche: den Rechten war er recht, weil in seinem Schicksal sich der Unrechtscharakter der DDR erwies. Und die Linken verstanden sich auch sehr auf Wolf Biermann, weil er – trotz alledem – so schöne Lieder über Che Guevara und sonstige Menschheitshoffnungen sang: "O Gott, laß du den Kommunismus siegen". Und jetzt, im wiedervereinigten Deutschland, fällt er den meisten auf die Nerven, weil er sein ewiges "J’accuse" nicht endlich einstellen will und außerdem so schmutzige Worte über die Verlierer der Geschichte spricht: "Arschloch" (über Sascha Anderson), "aufsässiger Feigling" (über Stefan Heym), "Verbrecher" (über Gregor Gysi ).

In Deutschland begegnet man Wort- und Schriftkundigen wie Biermann zuallererst mit Ressentiment, und wenn’s denn sein muß, lobt man sie oder verleiht ihnen einen Preis. In zivilisierten Ländern hingegen zollt man ihnen in erster Linie Respekt, und erst in zweiter Linie kritisiert man sie für das, was sie sagen, schreiben und tun. In Frankreich, so heißt es, erwiderte der Staatspräsident, als Jean-Paul Sartre sich demonstrativ einer verbotenen maoistischen Kampftruppe anschloß: "Voltaire verhaftet man nicht." De Gaulle war kein Maoist. Sein Satz war mehr als ein bloßes Bonmot. Hier formulierte das historische Gedächtnis einer Nation.

In Deutschland dagegen darf jeder, wie unlängst ein ewig stänkernder Literaturkritiker in der "Süddeutschen Zeitung", einem Mann vom Format Biermanns ans Bein pinkeln, und er kann wohl noch damit rechnen, daß man ihm hierfür in den Salons der Republik auf die Schulter klopft. Auch das hat mit dem kulturellen Gedächtnis einer Nation zu tun – der deutschen eben.

Wurzelschläger

In der neuesten Version von Meyers Universallexikon, die soeben auf CD-ROM erschienen ist, finden sich zwei Eintragungen unter dem Stichwort Intellektueller: "Intellektueller (lat.), wiss. oder künstlerisch arbeitender Mensch; Kopfarbeiter", lautet die erste; "Jemand, der Denken auf Rationales reduziert" die zweite. Zwar wurde dem Aufbrauser Biermann letzteres wohl noch nie vorgeworfen, aber trotzdem ist dies in unserem Fall erhellend: das Wort, das im Deutschen einen "künstlerisch arbeitenden Menschen" bezeichnet, hat also einen zweiten, mittlerweile sogar lexikalisch verbürgten, pejorativen Sinn.

Ein Intellektueller in Deutschland ist somit immer ein bißchen fehl am Platz, und in wem bewiese sich dies nachhaltiger als in der Person Wolf Biermanns? "Dieses Land gehört mir ja auch", sagte er bei dem derweil berühmten Leipziger Konzert 1989, als er erstmals wieder in der DDR auftreten durfte. Aber natürlich hat er da längst wissen müssen, daß es für einen Intellektuellen eine immer prekäre Sache ist, in Deutschland Wurzeln zu schlagen. Denn Wurzelnschlagen fällt hierzulande in Wurzeln und Schlagen unerbittlich auseinander.

Als Biermann 1993 im Berliner Ensemble vortrug und vorsang, drei Stunden und noch eine halbe, da getraute sich das Publikum am Ende gar keine Zugabe mehr zu fordern. Als die Besucher längst aus dem Saal strömen, kommt Biermann zurück auf die Bühne, lehnt sich an den Lautsprecher und beginnt mit den vereinzelten Gästen zu plaudern: "Wir werden uns ja nicht so bald wiedersehen " Und man sah ihm die Hoffnung an, nicht recht zu behalten. "Echte Hoffnung", sagte Biermann einmal, "ist immer grundlos."

Auf seiner neuen CD "Süßes Leben, saures Leben" singt der junge Sechziger: "Weiß kein Wohin noch/ Seh keinen Sinn, doch/ Weiß ganz genau mein Woher".

Zu Hause ist Wolf Biermann seit zwanzig Jahren in Altona und überall sonst, wo seine Lieder gespielt werden. Wer hören kann, der weiß, was wir an ihm haben. +++

 

 

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