Ziemlich zornig

Jürgen Habermas, der vielleicht bedeutendste lebende Philosoph, wird diese Woche 75 – und gönnt sich zum Jubiläum einen Essayband mit drängender Geste. Falter, Juni 2004

 

In meinem Fundus an Schnurren, Abteilung "Begegnungen mit großen Männern", hat die Folgende seit Jahren ihren fixen Platz: Es war irgendwann Mitte der neunziger Jahre, da ging ich gemeinsam mit einer Handvoll deutscher Geistesgrößen ins Kaffeehaus. Unter ihnen der bedeutendste lebende Philosoph, Jürgen Habermas. Ich war wie elektrisiert: vor mir eine unvergessliche Begegnung! Und es begann vielversprechend. An dem runden Kaffehaustisch kamen wir ziemlich nahe beieinander zu sitzen. Wir reichten uns die Hand. Ich sagte: "Misik". Er sagte: "Habermas".

 

Worauf sich der Großdenker den Rest des Abends der Dame an seiner Rechten zuwandte.

 

Ein Erlebnis war aber immerhin der gemeinsame Weg in das Kaffeehaus gewesen, von der Frankfurter Universität ein paar hundert Meter über die Bockenheimer Landstraße. Die Passanten blieben wie angewurzelt stehen und blickten entrückt, als handele es sich bei Habermas um eine Figur wie Michael Jackson oder Helmut Kohl. Ein Philosoph, der auf der Straße erkannt wird – damit ist schon viel über Jürgen Habermas öffentliche Stellung gesagt.

 

Am Freitag dieser Woche wird Habermas 75. Jahre alt. Und pünktlich brachte der Suhrkamp-Verlag einen neuen Band mit Einwürfen des Jubilars heraus, eines jener bunten Editions-Bändchen, die der Autor nunmehr schon seit Jahrzehnten und nicht ohne Understatement mit dem Untertitel "Kleine politische Schriften" versieht. Interventionen, mit denen er regelmäßig Stichworte liefert, die bald zu geflügelten Worten im deutschsprachigen Diskurskosmos werden: "Die Neue Unübersichtlichkeit" (1985 über die konservative Wende) beispielsweise, oder "Eine Art Schadensabwicklung" (die gesammelten Essays zum Historikerstreit von 1987).

 

Der aktuelle Titel ist schnörkelloser, gewissermaßen von unprätentiöser Evidenz: "Der gespaltene Westen". Zwei miteinander verbundene Großthemen treiben Habermas in den darin versammelten Aufsätzen, Interviews und Vorträgen um: die Frage der Identität Europas sowie die Folgen des 11. September und des Irakkrieges für das Völkerrecht im engen, die Welt im weiteren Sinn.

 

Die Spaltung, die dem Band den Titel gibt, verläuft zwischen den USA und Europa, auch mitten durch die Gesellschaften selbst, und sie zieht sich durch den alten Kontinent. Der transatlantische Hader traf hierzulande auf eine Konstellation des Gegensatzes zwischen Nationen, die eine Vertiefung der europäischen Integration wünschen und jenen, die den bestehenden Modus nicht verändern wollen – bedacht auf ihre nationalstaatliche Souveränität. Demgegenüber setzt Habermas auf zweierlei, und er hat das vor einem Jahr in einer spektakulären Initiative auch öffentlich gemacht: auf vertiefte Integration, wenn nötig in einem Kerneuropa, und auf die Entstehung eines Gefühls der Zugehörigkeit in einem "europäischen Gemeinwesen". Die Voraussetzungen dafür sieht Habermas jedenfalls gegeben: eine spezifisch europäische Mentalität, die von Achtung vor dem Sozialstaat, dem Respekt vor der Trennung von Religion und Politik geprägt ist und vor allem von der historischen Erfahrung der fatalen Folgen kriegerischer und imperialer Aktivitäten.

 

Alles Grundlagen eines europäischen Bewußtseins, das irgendwann womöglich mit dem modernen Nationalbewußtsein vergleichbar sein könnte, so Habermas Credo. Von daher könnte der stockende europäische Verfassungsprozess genährt werden, auch eine europäische Sozialpolitik könnte durch innereuropäische Solidarität Legitimität erlangen.

 

Bis in die neunziger Jahre, so Habermas‘ zweiter wesentlicher Punkt, waren europäische und amerikanische Mentalität zumindest in einem gemeinsamen Takt. Auch die USA, obzwar global stärkste Kraft, setzten auf eine Verrechtlichung der internationalen Ordnung. Erst die Bush-Dokrtin wandte sich davon ab, mit dem, was Habermas den "hegemonialen Liberalismus" nennt. Doch selbst wenn man voraussetzt, dass es diesem wirklich und ehrlich darum zu tun ist, die Welt freier und friedlicher zu machen, wie das die Rhetorik des Anti-Terror-Kriegs und des "Regime Change" in Diktaturen nahelegt, so schießt sich unilaterale Hegemonialpolitik mit der Abkehr vom internationalen Recht selbst ins Bein, hadert Habermas. Denn der Erfolg solcher Operationen hänge nicht nur vom guten Willen des Hegemons ab, sondern davon, ob dessen Argumente "auch von anderen Nationen geteilt werden könnten". Mit anderen Worten: Ob die Anderen dessen guten Willen auch anerkennen. Eine solche Anerkennung garantieren, auf globaler Ebene, nur die vorhandenen verrechtlichten Verfahren.

 

Völlig neu sind diese Thesen, bei einem Mann, der sich regelmäßig öffentlich äußert, natürlich nicht – und doch fällt beim (zum Teil: nochmaligen) Lesen der drängende Ton auf. Angesichts von Bush und Europhobie ist Gelassenheit Jürgen Habermas‘ Sache nicht.

 

Jürgen Habermas: Der gespaltene Westen. Suhrkamp-Verlag, 2004. 193 Seiten. 10,80 Euro.

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