Das Landei

Christina Stürmer ist das interessanteste Phänomen im österreichischen Mainstream-Pop seit Falco. Das spricht für Christina Stürmer – vor allem aber natürlich gegen Österreich. taz, Oktober 2005

 

 

Um das, liebe Deutsche, schon vorneweg zu klären: Für uns Österreicher ist Deutschland die große, weite Welt. Wir können uns in unseren Breiten mit blinder Sicherheit bewegen, aber wenn wir die Grenze zu Euch überschreiten, ist’s mit dieser Lässigkeit vorbei. Das Verhältnis der Österreicher zu den Deutschen ist ein gut gepflegter Minderwertigkeits-Komplex. Viele, die in Wien etwas zuwege gebracht haben, sind voll der Sehnsucht, es jetzt auch in "der Welt" – also in Deutschland – zu versuchen, und doch gelähmt von der Scheu vor den Unwägbarkeiten und dem scharfen Wind da draußen. Deswegen gibt es in Wien so viele weltberühmte Philosophen, die westlich von Wiener Neustadt keiner kennt. All diejenigen Austros, die täglich über Eure Bildschirme flimmern oder durchs Feuilleton huschen, die Menasses, Fendrichs, Löfflers oder wie sie alle heißen, sind nur Ausnahmen von dieser Regel. 

 

Im Umkehrschluss gilt dann natürlich: Die von uns, die’s bei Euch geschafft haben, sind daheim Götter. If you can get it there, you can get it everywhere. Deshalb sind wir auch so stolz auf unsere Christina Stürmer. Denn die erobert jetzt Deutschland.

 

Christina wer? fragt Ihr jetzt. Noch nie gehört? Christina Stürmer ist eine 23jährige Rockgöre, die auf ihre Art sogar ganz gut ist. Klar, mit den Helden kann sie sich nicht messen. Aber schlechter als Silbermond oder Sportfreunde Stiller ist sie auch nicht – ganz zu schweigen von solchen Wiedergängern ihrer selbst wie Nena. Das ist viel in Österreich, wo man zum heimischen Pop nicht Pop, sondern "Austropop" sagt und wo seit dem Tod des legendären Falco im alternativen Mainstream nichts als Brache herrscht.

 

Christina Stürmer ist das Beste im Pop, was Österreich seit Falco hervorbrachte. Sicher: Das spricht nicht für sie. Sondern gegen Österreich. Jedenfalls ist sie die erste seit Falco, der der Sprung über die Austropop-Grenzen gelingen könnte. Mit ihrem Song "Ich lebe" hat sie es auch in den deutschen Single-Charts unter die Top-Five gebracht, "Schwarz-Weiss" stieg immerhin bis auf Platz sechs der Album-Charts. Jetzt tourt sie gerade durch Deutschland.

 

Christina Stürmer ist zumindest insofern ein Phänomen, als sie eine Grenzfigur ist. Sie ist ein Produkt der Instant-Pop-Industrie – und gleichzeitig eines, das sich von Beginn an auch gegen die Imperative des Business gesperrt hat; eine originelle Mischung aus Marktgängigkeit und moderatem Rebellentum. Man könnte auch sagen "kalkuliertem Rebellentum", das wäre aber auch wieder falsch, weil viel Kalkulation war da wohl nicht dabei. Ihr Stern ging auf, als auch das österreichische Fernsehen 2003 eine Casting-Show ins Programm hob von der Art "Deutschland sucht den Superstar". "Starmania" hieß die. Christina Stürmer, aufgewachsen in einem oberösterreichischen Kaff, Buchhändlerin von der Profession her, bewarb sich. Sie war die einzige die irgendwie anders war als die glatten Girls und Jungs. Die 10- bis 14jährigen Mädchen himmelten zwar mehrheitlich die soften Bubis an, alle anderen (Forty- und Fiftysomethings inklusive) hingen aber alleine wegen Christina Stürmer vor der Kiste, die damals noch "Christl" hieß. Sie verlor den Wettbewerb aus dem selben Grund, wegen dem sie ihn letztlich auch gewonnen hat: Weil sie sich nicht um den Publikumsgeschmack scherte. Im Finale coverte sie ein extrem deutschrockiges Stück der Sportfreunde Stiller, die hierzulande noch niemand kannte, während die Konkurrenz auf Elton John machte. Gewonnen hat darum ein Bubi namens Michael Tschuggnall, an das sich heute niemand mehr erinnert. Christina Stürmer grinste ihr Lausbubenlächeln in die Kameras, verkörperte dieses generationstypische "ich-mach,-was-mir-Spaß-macht,-wenn’s-Euch-nicht-gefällt,-ist’s-auch-gut". War irgendwie anders als die im Schnellverfahren zu Hochglanzprodukten ummontierten Mitbewerber. Und vor allem war hinterher bei ihr alles anders: Während die anderen den kurzen Ruhm mit Jahrmarkts-Auftritten büßen mussten, füllte sie die Stadthallen. Eigentlich ist Christina Stürmer das einzige, was von der Casting-Show-Ära im deutschsprachigen Raum geblieben ist. 

 

"Christina Stürmer verkörpert Jugend, Unbekümmertheit und einen gewissen Scheißdrauf, der typisch ist für die Grundstimmung der 10- bis 18-Jährigen", sagt Walter Gröbchen, Wiens führender Pop-Scout. Dabei ist an ihr keine Prise Extravaganz. Nichts Revoluzzerhaftes, nichts von genialischen Künstlertum. "Ich glaube, ich bin eine normale, durchschnittliche junge Erwachsene und mache das, von dem ich glaube, dass es richtig ist", sagt sie. Wenn etwas an ihr ins Aufreizend-Schrille geht, dann ihr Insistieren, sie sei total normal. Wenn Anderssein zum Normalsein wird, dann kann gerade das Normalsein Distinktion ermöglichen. Gewiss, der antikonventionelle, antikonformistische Gestus gehört seit jeher zum Betriebsklima des Rock, und Christina Stürmer ist nicht die erste, die ihn mit dem Mainstream versöhnt: Sie macht ihr Ding – ist ja das Normale. Das Antikonventionelle ist die Konvention.

 

"Mittelweg" und "Anmutung von Unangepasstheit" – nicht zufällig stehen diese Vokabel im Mittelpunkt eines Stürmer-Porträts, das das Wiener "profil" im Vorjahr brachte.

 

Sie ist, so abgelutscht das auch klingt, dabei nur extrem echt, und das auch, nachdem es sie aus dem Kleinstadtkosmos in die weite Welt verschlagen hat. "Warum sollte denn gerade ein Landei wie ich von irgendwo mit der Musik ganz weit noch oben kommen?" hat sie einmal gefragt. Sex, Drugs, Rock’n Roll, Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen? Nix für Christl. Christina Stürmer ist für das Gute (Band Aid) und gegen das Böse (gewalttätige Computerspiele). Christina Stürmer glaubt an Gott, wählt aber nicht die Christdemokraten und nimmt sich Zeit, Bücher zu lesen (zuletzt "Der kleine Prinz" und der neueste Paulo Coelho).

 

Christina Stürmer ist, so gesehen, ein Produkt des linksliberalen Mainstream. Sie ist eine extrem angenehme Erscheinung in einem Segment, das normalerweise von Britney Spears oder Tokio Hotel dominiert wird, sie ist eine Enttäuschung, wenn man vom romantischen Ideal des Rockmusikers den Glauben bewahrt hat, dieser müsse zumindest insofern sein Charisma entwickeln, als er sich gegen Widrigkeiten, Widerstände durchzubeißen habe. Zu den ersten, die Christina Stürmers Demo-Bänder hören darf, gehört ihre Mama (ihr großes Vorbild), in das Gymnasium mit Musikschwerpunkt in Linz haben sie ihre Eltern gesteckt. Man kann sagen, man hört das ihren Songs an: zu krachenden Riffs und lautem Gitarrenrock gibt es Lyrics, die im Grunde Schlagertexte sind, von jener Aufmüpfigkeit, die heute auch schon von Provinzpädagogen akzeptiert wird: "Sei einmal du selbst", heißt es da, oder: "Lass mich doch so wie ich bin"; "werd‘ nie anders sein, brauch keinen Heiligenschein." Oder: "Wir halten jetzt die Welt an." Christina Stürmer ist ein nettes Mädchen mit sympathischen Instinkten – aber sie ist keine Figur mit einer Biographie.

 

Interessant ist Christina Stürmer womöglich aber gerade deshalb – nämlich als ein Symptom: dafür, wie verallgemeinert die Authentizitätssehnsüchte, einst Spleens exaltierter Künstlernaturen, heute sind; für Leben als Abenteuer; für dieses "ich-mach-was-mir-wichtig-ist,-nicht-das-was-mir-nützt". Sie ist vielleicht die reine Repräsentantin einer Kultur oder Generation, gerade weil sie nichts Außerordentliches besitzt, was sie über diese Generation erhebt.

 

Sie ist der österreichische Beitrag zu dem Deutschrock-Kosmos, zu dem neben Wir-Sind-Helden und Silbermond auch Klee, Virginia Jetzt! und andere gehören. Das ist dann aber doch auch wieder etwas Erstaunliches, nämlich ein Exempel für die Globalisierung der Stile. Österreicher hatten in der Popwelt doch immer auch mit ihrem Österreichertum reüssiert: das galt nicht nur für die Dialektsänger des Austropop, von Ambros bis Danzer, sondern noch für Falco, auch wenn der schon ein wienerisch gefärbtes Hochdeutsch sang. Dass ein Mädchen aus Altenberg bei Linz auf die Bühne hüpft und auch nicht anders klingt als ihre Generationskollegen aus Hamburg oder Leipzig, zeigt auch, wie relativ Begriffe wie Zentrum, Peripherie oder Region geworden sind.

 

Die Landeier sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

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