Die Multitude bei der Schreibarbeit

Die Literaten seien satt, feige und unpolitisch, hieß es im vergangenen Wahlkampf. Vergessen Sie’s! Die linken Literaten sehen sich heute bloß weniger als Anführer und mehr als Schriftführer des Fälligen. taz, Sonderbeilage Dutschke, Oktober 2005

 

Weblogs sind ja der letzte Schrei. Im vergangenen Wahlkampf hat die grüne Heinrich-Böll-Stiftung Autoren und Intellektuelle gebeten, in Form eines Weblogs die Kampagne zu begleiten. Die Berliner Literatin Annett Gröschner schrieb in ihrem: "Bei der SPD-Kulturwahlkampfveranstaltung hat mir Günter Grass in den Notizblock diktiert, dass ich wie die meisten meiner Kollegen ja nur aus Angst vor dem Feuilleton die SPD nicht öffentlich unterstütze. Das hat mich natürlich sehr nachdenklich gemacht."

 

Wer Gröschner kennt, weiss, wieviel von ihrem Sarkasmus Extradry in dem letzten Satz steckt.

 

Tatsächlich war das kleine feuilletonistische Zerwürfnis des aufgeregten Wahlkampf-Schlussverkaufs nur der neueste, leise ins Groteske gedrehte Akt im ewigen Debattendrama: Wie äußert sich das Politische in der Literatur? Allenfalls war die Botschaft diesmal noch dünner als sonst: ‚Die Literaten sind feige. Außer ein paar mutige. Die haben Mumm – und wählen SPD.‘ Der linke Literat – eine aussterbende Spezies? Schon wieder ein End of History? Echt wahr? Ach, vergessen Sie’s.

 

Die Geschichte des engagierten, linken Literaten ist keineswegs an ihr Ende gelangt, auch wenn die Tage der großen Geste à la Emile Zola (berühmt sein J’accuse in der Dreyfuss-Affäre), die Ära von Agitprop und Proletarischer Literatur und auch die des Grass’schen Wahlkampfkontors für seine "Es Pe De" vorbei sind. Auch, wenngleich nicht nur, weil "die neoliberale Politik in den vergangenen Jahren ja nicht von der CDU gemacht wurde, sondern von der SPD und den Grünen", wie Annett Gröschner sagt; auch, wenngleich nicht nur, weil es heute auf der Linken drei politische Formationen gibt und ein Aufruf für die eine ein Aufruf gegen die beiden anderen wäre; sondern weil sich auch das Selbstverständnis und das Weltverhältnis der linken Autoren selbst geändert hat.

 

Die Gründe hierfür sind: die Erfahrungen, die die Alten machten; der gesellschaftliche Wandel; der Wandel auf der Linken selbst; der Kompexitätszuwachs der Fragestellungen, vor denen Autoren stehen, wenn sie sich auf die Welt einlassen; schließlich die medialen Verkomplizierungen. "Das Hineingehen in die Praxis, in das Involviertsein findet bei mir woanders statt", formuliert das Kathrin Röggla, die aus Salzburg stammende, in Berlin lebende Autorin.

 

Röggla ist eine rastlose, metropolitane Schreiberin. Ihr Roman "Wir schlafen nicht" über die Subjektivierungen in der Consulterwelt hat im Vorjahr für viel Aufsehen gesorgt, ihre Theaterstücke wie "draußen tobt die dunkelziffer" stehen auf vielen Bühnen auf dem Spielplan. Wenn NGO’s ihre Unterstützung brauchen, ist sie da.

 

Sie ist eine aus einer langen Reihe von Autoren, die als prononciert links gelten können und deren Schreiben darum kreist, was Macht mit Menschen macht, wie herrschende ökonomische Imperative in sie einwandern und sie zurichten. Andere: René Pollesch, der mit seinen postdramatischen Theatertexten schon eine Berühmtheit wurde, Dramatiker wie Moritz Rinke, Falk Richter oder Armin Petras alias Fritz Kater, der Essayist und Romanautor Raul Zelik. Auch Ulrich Peltzer gehört in diese Reihe, die noch lange fortgeführt werden könnte. Gewiss, in Stil, Habitus und Themenwahl haben sie alle nicht viel gemeinsam. Eine Wahlaufruf für eine Partei würden sie wohl alle nicht unterschreiben (und wenn, wahrscheinlich nicht für die gleiche). Und noch ein auffälliges Charakteristikum: die Theaterautoren überwiegen.

 

Neulich, im Hundsturm, der im Subkultur-Chik gehaltenen, neuen Spielstätte des Wiener Volkstheaters: "Jemand muss für den ganzen Mist doch verantwortlich sein", ruft einer der Protagonisten von Fritz Katers Arbeitslosendrama "3 von 5 Millionen". Es ist nur eines jener Stücke, von denen es auf den Kulturseiten bei solchen Gelegenheiten dann heißt, sie seinen "brandaktuell", sie brächten die "Themen der Stunde" auf die Bühne. "Café Umberto" von Moritz Rinke ist ein anders. Es handelt von einem Arbeitslosen, der sich als Ein-Euro-Job dem Kaffeeausschank verschreibt – im Job-Center. Er ist der einzige dort, der zur Erwerbsarbeit zurückfindet – weil er sein Produkt an die Aussortierten verscherbelt. Gerade hat Rinke dem Fachblatt "Theater heute" ein großes Interview gegeben. "Man kann ja der Politik gar nicht vorwerfen, dass sie das Ende des alten Systems auch nicht mehr zu verhindern imstande ist, aber was man ihr vorwerfen muss: Immer noch definiert sie die untergehende Vollbeschäftigung als unersetzliche Norm für Würde und für ein sinnvolles Leben mit Selbstverwirklichung", sagt er. Und: "Wir gehen jetzt einmal davon aus, dass es zwei Arten gibt, kein Geld zu haben, die eine ist die wartende, demütig auf den Staat blickende, die andere ist die aktive, die Gegenwehr. … Wir haben die Wahl. Entweder weiter mit der eindimensionalen Gesellschaft bis in die Barbarei, … oder eben die soziale Antizipation einer Entkopplung des Bürgers vom Fetisch Arbeit. Mein Gott, das wäre doch mal eine Reform!"

 

Klingen so unpolitische, satte Autoren?

 

Die neuen rebellischen Autoren sind theoriesatte Schreiber. Rinke liest Andrè Gorz‘ und Wolfgangs Englers Manifeste über das Ende der Arbeitsgesellschaft, Rögglas oder Pollesch‘ Texte quellen über von Verweisen auf Foucault, Althusser, Deleuze & Family. Den Sound dieses Denkens mit seinen Vokabeln wie Selbsttechniken, Machtknoten, Postfordismus, Gouvernementalität haben sie gut drauf. Sie bewegen sich geübt entlang der Liste, die in dreißig Jahren Postmoderne abgehakt wurde. Deswegen sehen sie sich beispielsweise nicht auf Seite eines phantasierten "Volkes", sondern allenfalls, wenn man das so nennen darf, als Teil von minoritären Praktiken. Sie sind, um das mit dem hottesten Catch-Word unserer Tage zu sagen, die Autoren der Multitude. Man würde wohl schon zu kurz greifen, würde man sagen, diese Diskurse haben ihr Denken geformt. Es hat auch ihre Instinkte, ihre Reflexe eingefärbt.

 

Von der frühen Moderne, mit ihrem Pathos, mit ihren hierarchischen Repräsentationsmodellen, ihrem Geniekult sind sie Lichtjahre entfernt. Das alte Modell des "engagieren Literaten" war erstens getragen von der Idee des Erhabenen, die dem Autor eine privilegierte Sprecherrolle zuwies. Zweitens erschien die Schriftstellerei als im Grunde keine "wirkliche" Praxis, und wenn der Denker einmal etwas "echt" tun wollte, musste er die Denkerstube verlassen um sich ins Getümmel zu werfen. Heute ist Common Currency: So sympathisch die Motive des Autors auch sein mögen, der glaubt, er müsse den Entrechteten eine – nämlich seine – Stimme geben, ist ersteres auch ein wenig eine Anmaßung; mit der zweiten Idee, dass es nämlich "wirklichere" Praxen gäbe, die gegenüber weniger wirklichen Praxen privilegiert wären, haben Post- und sonstige Strukturalismen wahrscheinlich noch viel gründlicher aufgeräumt.

 

Der politische Autor und die politische Autorin heute sind gebrannte Kinder. Umso grotesker der Anspruch, sie sollen doch bitte die Antworten liefern, die wir alle nicht haben und uns verwegenen Schrittes leiten in eine bessere Welt. Die alten Klamotten passen nicht mehr und sie wären auch nur mehr Maskerade. Kann man sich eine politische Intervention vorstellen oder auch nur eine Geste, die man sich nicht sofort wieder verbieten müsste? Kann sich der Autor noch zum Spezialisten für das Allgemeine aufschwingen, ohne sofort unter Kitschverdacht zu geraten? Die linken Autoren heute sind bescheidenere Schreibarbeiter im Weinberg der Emanzipation. Ihre politische Praxis ist, hegemoniale Diskurse zu stören, "die Absurditäten von Ausbeutung und Selbstausbeutung in einer Welt des radikalen Effizienzdenkens und eines zugespitzten Ökonomismus", formulierte Kathrin Röggla in ihrer Rede aus Anlass der Verleihung des "Bruno-Kreisky-Preises" dieses Jahr. Aber was privilegiere ihre Meinung jenseits der Literatur etwa gegenüber der eines Klempners – von den aufmerksamkeitsökonomischen Vorteilen einmal abgesehen?

 

"Es bringt doch nichts", formuliert das Annett Gröschner, "wenn ich mit einer Fahne über die Straße laufe". Nicht ohne hinzuzufügen: "Aber wenn es was Tolles gibt, dann bin ich dabei".

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