Ich leb‘ prekär

Sind in zerfasernden Gesellschaften Solidarität und Rebellion überhaupt noch möglich? Über Sinn und Nebensinn der aufstrebenden Vokabel Prekarisierung / Standard Oktober 2005

 

Avancierte Theorie kommt ohne Wortneuschöpfungen nicht aus. Zumindest eines verbindet neue Sichtweisen mit dem jeweils letzten Schrei in der Mode: sie müssen sich wahrnehmbar von Alten abgrenzen. Daran mag man mäkeln, wenn man will. Deswegen ist ein Vokabular, das das Neue zu beschreiben versucht, immer auch ein bißchen elitär und kreist um einen scharfen Sinn für Exklusivitäten. Und es muss, wenn das Neue ambivalent ist, selbst ein wenig in der Schwebe bleiben.

 

"Prekarisierung" ist ein solcher Begriff, der dieser Tage ziemlich Hot ist in der Welt der Diskurs-Jockeys, der Poplinken, der Anti-Mainstream-Aktivisten – und ebenso im Schoß eines sozial engagierten Christentums.

 

Zunächst ist Prekarisierung freilich einmal ein soziologischer Begriff, der die Tendenz zu neuen Ausschlüssen, das Entstehen neuer Unterklassen und die Ausweitung von Unsicherheitszonen beschreiben will. Er skizziert ein Panoptikum, das aus geringfügiger Beschäftigung, Leiharbeit, abhängiger Selbständigkeit, Telearbeit, Call-Centern, Gelegenheitsarbeiten ebenso besteht wie aus der Erosion arbeitsrechtlicher Schutzbestimmungen, Niedriglohnsektoren ("Working Poor") und das Phänomene zusammenfaßt, die bis in die zugigen Fugen elementaren Elends reichen: Migration, Illegalität, Arbeit ohne Arbeitsbewilligung.

 

Prekarisierung ist so gesehen ein doppelt negativer Begriff: Er umfasst zunächst alles, was nicht zum klassischen Normalarbeitsverhältnis zählt; prekär ist, was nicht typisch ist. Und er beschreibt die Härtezonen unserer Welt. Prekarisierung ist zudem eine Formel für die Unruhe, für die Kampfesstimmung, die moderne Gesellschaften durchzieht. Soviel, zum Unkomplizierten.

 

Doch weil gesellschaftliche Realitäten nie simpel, sondern immer komplex sind, wird die Sache sofort vertrackter. Zunächst, weil Prekarisierung nichts ist, was nur die wachsende Zahl der Randfiguren erleidet, sondern, wie Pierre Bourdieu schon vor Jahren schrieb, zu deren Folgen "für die direkt Betroffenen sich die Auswirkungen auf die von ihr dem Anschein nach Verschonten" gesellen. Zukunftsangst, wachsender Konkurrenzdruck macht sich auch in den geschützten Sektoren breit. Darum, so Bourdieu, ist Prekarität "allgegenwärtig". Sie ist nichts, was alleine an den "Rändern" geschieht, und die "Kerne" unberührt lassen würde.

 

Aber sie ist, und jetzt wird die Sache wirklich tricky, auch nichts, was einfach nur erlitten wird. Sie ist ja nicht bloß Resultat einer bösen neoliberalen Strategie, sondern auch von Befreiungsversuchen. Die fordistische Epoche, mit ihren Normalarbeitsverhältnissen in Büro und Fabrik, mit ihrer scharfen Hierarchisierung und ihren vorherrschenden Leitbiographien gehört der Vergangenheit an – und das ist auch gut so. Diese etablierte schließlich Kontrollmechanismen, gegen die rebelliert wurde. Stichwort: Gegen- und Alternativkultur. Schon sind drei, vier Generationen aufgewachsen, die das Bestreben haben, sich in ihrem Leben, in ihrem Job zu verwirklichen. Längst ist das über die traditionellen Kreise der "Kreativen" – die engen Zirkel der Künstler- und Intellektuellenexistenzen – hinausgeschwappt. Viele ziehen Unsicherheit dem sicheren Trott vor, Eigensinn und Selbstbestimmung der Aussicht auf lebenslange Subordination in der Firma. Die Prekarität, das A-Typische, ist selbst zu einer typischen Lebens- und Seinsweise geworden, deren spezifisches Gewicht kaum überschätzt werden kann: in den gesellschaftlichen Leitmilieus der "Wissensgesellschaft" ist der Freelancer so häufig wie der Angestellte.

 

Darum gibt es die Prekarität ganz unten – und gleichzeitig auch so etwas wie eine "Luxusprekarität". Man hüpft von Engagement zu Engagement, von Auftrag zu Auftrag. "Das Theater ist der Wegweiser für den Arbeitsmarkt der Zukunft" titelte unlängst das führende deutsche Bühnenfachblatt "Theater heute", weil heute die "normalen" Arbeitnehmer so leben, wie in früheren Zeiten nur Schauspieler, Regisseure, Komponisten, Schriftsteller. Alle tragen ihre Subjektivität auf den Marktplatz.

 

Das hat selbstverständlich eine Fülle von Folgen: jeder, auch die untergeordneten Arbeitnehmer agieren als "Unternehmer im eigenen Kopf". In Gewerkschaftskreisen ist von der "Kolonisierung der Köpfe" die Rede. Unsicherheit, auch auf höchstem Niveau, verändert die Welt-Auffassung. Karriereplanung ist nichts mehr, was mit langer Dauer, dem stetigen Hochklettern auf institutionellen Hierarchien verbunden ist. Man lebt radikal auf das Heute orientiert, täglich müssen die Subjekte ihr Marken-Ich pflegen. Wer das heute versäumt, ist morgen Out.

 

Prekarisierung ist also eng mit dem Gesamtkomplex von Individualisierung verbunden. Und wenn ein Individuum Charakteristika mit anderen Individuen teilt, entstehen erst recht daraus keine prägenden Milieus, sondern Szenen, die sich von anderen Szenen abgrenzen. Deswegen liegen die Begriffe Prekarisierung, Individualisierung und Tribalisierung eng beieinander. Es gibt keine Leitbiographien mehr, keine Normalzustände, von denen aus sich das A-Typische bestimmen ließe. Die Gesellschaft ist nicht nur in Ober-, Mittel- und Unterklassen geschieden, sondern sichtbarer noch in Stämme, die sich in Lebenstil und -kultur voneinander scheiden. Ironisch gesagt: das einzig Verbindende ist, dass jeder ganz "Er" oder "Sie selbst" sein will. Entstandardisierung ist die letzte Standardisierung. "Der Versuch völliger Eigenständigkeit schlägt in eine neue Gemeinsamkeit um – Individualisierung wird in paradoxer Weise zur uniformen Ungleichartigkeit", schrieb der deutsche Soziologe Gerhard Schulze schon vor zehn Jahren im seiner Monumentalstudie "Die Erlebnisgesellschaft"

 

Prekarisierung, kurzum, ist also ein Begriff, der sowohl Phänomene schärferer Ausbeutung und wachsenden ökonomischen Drucks als auch die Tendenzen zu mehr Vielfalt in den postmodernen Gesellschaften ausdrückt. Erst dank dieser Doppelbedeutung wurde er zur neuesten Catch-Vokabel in rebellischen, aufmüpfigen Milieus.

 

Er identifiziert Zustände, die als Grund zu Rebellion gelten können: existentielle Not, fremdenpolizeiliche Nachstellungen, Jobs für wenig Geld und viel Stress. Aber er identifiziert sogleich Lebenslagen, die dieser Rebellion günstig sind: Vielfalt, Eigensinn, die Unlust, sich gesellschaftlichen Imperativen unterzuordnen. Es ist kein Wunder, dass in Nachbarschaft zur Vokabel Prekarisierung in den letzten Jahren ein anderer Begriff einen regelrechten Siegeszug antrat: der Begriff "Multitude". Populär gemacht vom postkommunistischen Autorenduo Antonio Negri und Michael Hardt behauptet er die Existenz vielfältiger rebellischer Kulturen und Subkulturen, die wenig eint, die dafür die etwas nebulöse Nachfolgerschaft des klassischen "Proletariats" als ersehntes revolutionäres Subjekt antreten.

 

Natürlich hat dieser Begriff Schwächen und dass er oft mit unüberhörbar messianischen Sound vorgetragen wird, ist nur eine davon; eine andere, dass er die Vielstimmigkeit, die er attestiert, sofort dementiert – er unterstellt, bei aller "Vielfältigkeit der Singularitäten" etwas Verbindendes. Was aber kann das sein? Wie können die vielen prekären Existenzformen zu gemeinsamem Handeln werden? Das sind die Fragen, über die sich die avanciertere Sozialtheorie dieser Tage den Kopf zerbricht.

 

Es ist wahrscheinlich die Gretchenfrage unserer Zeit: Gibt es in zerfasernden Gesellschaften überhaupt noch Ressourcen für die Artikulation von Gemeinsamkeiten, ohne die sozialer Fortschritt schlechterdings unmöglich ist? Letztgültige Antworten sind darauf leider nicht erhältlich – weder in Subkultur noch in Parteizentralen und schon gar nicht in den Kirchen.

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