„Kein Kaiser war mächtiger“

Jean Ziegler, Moralist, Ex-Nationalrat, Bestsellerautor und UN-Sonderberichterstatter über den Kampf gegen den Hunger. Er plädiert für einen „Aufstand des Gewissens“.

 

Sie sind nach Jahrzehnten als Universitätsprofessor und Parlamentsabgeordneter nun UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ist das auch eine Rückkehr zu ihren Wurzeln?

 

Ziegler: Mein Schlüsselerlebnis war im Kongo, da war ich ein ganz junger Mann. Ich arbeitete damals – Mitte der sechziger Jahre – für die UNO. Das war ja das erste Mal, dass die Weltorganisation ein Land übernommen hat. Wir saßen in unserem Luxushotel in Kinshasa, das war bewacht von den Gurkhas, den nepalesischen Blauhelmen. Täglich kamen Kolonnen halbverhungerter Kinder aus der Stadt. Die Köche warfen ihnen Speisereste über den Stacheldraht. Die Kinder kletterten in den Draht, rissen sich die Finger auf. Die Gurkhas schlugen ihnen auf den Kopf, damit sie nicht rüber kommen. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder auf der Seite der Henker zu stehen – auch nicht zufällig.

 

Später hatten Sie dann ein berühmtes Zusammentreffen mit Che Guevara. 

 

Ziegler: Zunächst fuhr ich mit der kommunistischen Jugendorganisation nach Kuba. Schon damals trafen wir Fidel Castro und Che Guevara. So habe ich die beiden kennengelernt.

 

Wie wurden Sie dann Ches Chauffeur?

 

Ziegler: Als Che Guevara zur Zuckerhandelskonferenz nach Genf kam, haben die Kubaner mich und ein paar andere gefragt, ob wir ihnen helfen – sie hatten ja keine Botschaft, nichts. Sie hatten drei Hotelzimmer für zehn Leute gemietet. Ich besaß einen kleinen Morris und wurde der Chauffeur von Che. Am letzten Abend habe ich zu ihm gesagt: ‚Commandante, ich möchte mit Euch gehen’.

 

Er war bestimmt begeistert?

 

Ziegler: Che, der ja etwas Rigides, Kaltes hatte, blickte aus dem Fenster über die nächtliche Skyline von Genf und antworte: ‚Schau, das ist das Hirn der Bestie, hier musst Du kämpfen’. Dann drehte er sich um und ging. Ich war zu tiefst verletzt. Ich dachte, der hält mich für einen verklemmten helvetischen Kleinbürger. Aber natürlich hatte er recht.

 

Seither kämpfen Sie gegen die Bestie. Neuerdings haben Sie sich den Welthunger vorgenommen.

 

Ziegler: Ich stehe jetzt damit dem gegenüber, was eigentlich die Essenz unserer Wirtschaftsweise ist. 100.000 Menschen sterben täglich an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 856 Millionen Menschen sind schwer unterernährt – einer von sechs Menschen auf diesem Planeten. Und das auf einem Erdball, der vor Reichtum überquillt. Schon heute könnten ohne Probleme 12 Milliarden Menschen ernährt werden – also das doppelte der Weltbevölkerung. Das heißt: Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.

 

Aber kann man das dem globalen Kapitalismus anlasten? Gehungert wird doch dort, wo er kaum Wurzeln geschlagen hat.

 

Ziegler: Der Hunger hat schon mit einer mörderischen Monopolisierung der Reichtümer zu tun. Die 500 größten multinationalen Konzerne kontrollieren 52 Prozent des Weltsozialproduktes. Sie haben heute eine Macht, die kein Papst, kein König, kein Kaiser je hatte.

 

Ist der Hunger ein Nebenprodukt oder ist er Folge einer inneren Logik des Systems?

 

Ziegler: Die Kausalkette ist kompliziert. Es gibt den konjunkturellen Hunger – der klassische Mangel, die Katastrophen, Klima, Heuschreckenplagen, Kriege, all das, was schwache Ökonomien kollabieren läßt. Zehn Prozent der Hungernden auf der Welt sind Opfer solcher Krisen. Viel bedeutender ist der strukturelle Hunger. Die Ursachen dafür: Kein Zugang zum Land, fürchterliche Pachtverträge, Kleinstbetriebe, die der Konkurrenz nicht bestehen und die die Menschen nicht ernähren können. Permanent fehlendes Einkommen, informelle Ökonomie. Und diese Struktur wird bestimmt von der Weltordung und der multinationalen Ökonomie. 90 Prozent der Hungertoten gehen auf das Konto des strukturellen Hungers. Die Konzerne betreiben Profitmaximierung – mit Renditen bis zu 100 Prozent -, und zahlen kaum mehr Steuern, was die öffentlichen Haushalte austrocknet. Also: Der Hunger ist kein Nebenprodukt, er ist ein zentrales Produkt dieses Systems.

 

Aber kann man nicht auch sagen: Wo der Kapitalismus Wurzeln schlägt, rottet er auch den eklatanten Mangel aus – Beispiel China?

 

Ziegler: Die neoliberale Irrlehre glaubt, wenn nur Bedingungen wie Liberalisierung, freier Kapitalverkehr, ein schlanker Staat verwirklicht würden, gäbe es einen wahren Goldregen – das ist so Irrational wie das Paradies im Christentum. Die Fakten sehen anders aus: Goldberge türmen sich auf und daneben Leichenberge. Infolge des Prinzips der Profitmaximierung bekämpfen sich die Multis untereinander – und sie führen Krieg gegen die Menschen. Natürlich kommen die Spitzenmanager nicht morgens ins Büro und sagen: ‚Heute hungern wir Bangladesh aus’. Aber sobald das Wort Gemeinwohl diffamiert und eliminiert wird, verschwinden hunderte Millionen Menschen. Auch in China gibt es noch ganz fürchterlichen Mangel. Und Indien, das boomende Indien mit Wachstumsraten von acht, neun Prozent, erwirtschaftet heute Reichtümer in der Hochtechnologie, gleichzeitig sind 400 Millionen Menschen unterernährt. Die Hälfte der unterernährten Menschen der Welt lebt in Indien.

 

Ginge es diesen Ländern besser, wenn der globale Weltkapitalismus an ihnen vorbei ginge?

 

Ziegler: In Brasilien sind 44 Millionen Menschen schwer unterernährt. Lula, der Präsident, will den Hunger bekämpfen, hat aber eine exorbidante Auslandsschuld geerbt. Hinzu kommt: Die Multis transferieren Devisen zu ihren Muttergesellschaften. Für Lizenzen, für Saatgut werden unerhörte Summen bezahlt. Das fruchtbare Land ist monopolisiert. All das bedeutet: Es gibt keinen Spielraum für Reformen. Am Ende steht der Hunger, stehen die Favelas, stehen die Kinder, die von Ratten gebissen werden, stehen die Frauen die mit 30 Jahren aussehen wie wenn sie achtzig wären.

 

Wie könnte man das ändern? Was etwa kann die EU tun?

Die EU müsste ihre Export-und Produktionssubventionen in der Landwirtschaft abschaffen. Alle Industrieländer zusammen haben 2004 für Produktions- und Exportsubventionen landwirtschaftlicher Güter 349 Milliarden US-Dollar ausgegeben – fast 1 Milliarde Dollar am Tag! Die Zerstörung der lokalen Märkte in Entwicklungsländern durch Billigexporte aus der EU ist ein schon lange bekannter Skandal. Auf dem Markt in Dakar im Senegal können Sie europäisches Gemüse aus Frankreich, Portugal oder Spanien zu einem Drittel des einheimischen Preises kaufen. Die senegalesischen Bauern rackern sich 16 Stunden unter brennender Sonne ab. Auf dem Markt entdecken sie dann das Dumpinggemüse der EU. Sie haben keine Chance. Was wir brauchen, sind gerechte Regeln.

 

Erscheint Ihnen ihr Kampf nicht manchmal aussichtslos?

 

Ziegler: Jeder Mensch hat ein Recht auf Glück. Dem muss die Natur, die Wirtschaft unterworfen werden. Ich möchte einen Aufstand des Gewissens befördern.

 

Jean Ziegler war Soziologieprofessor in Genf und langjähriger Parlamentsabgeordneter der schweizer Sozialdemokraten. Großer Moralist, Bestesellerautor („Die Schweiz wäscht weißer“), ist Ziegler eine streitbare, global operierende linke Kämpfernatur. Seit seinem Ausscheiden aus dem Parlament 1999 bekleidet Ziegler das Amt eines UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung. Er ist also gewissermaßen der Hungerbekämpfer der Weltorganisation. Sein Buch „Das Imperium der Schande“, in dem er die Strukturen der Hungerökonomie analyisiert, erschien 2005 im Bertelsmann-Verlag (315 Seiten, ??? Euro). Kommenden Donnerstag, 23. März, referiert Ziegler seine Thesen auf Einladung der AK. Der Falter ist Kooperationspartner der Veranstaltungsreihe. 

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