„User Generated Content“

"Person of the year – You" – so das, mittlerweile schon berühmte, Cover des "Time"-Magazine zum vergangenen Jahresende. Alle, die die Netzwelt verändern seien die Personen des Jahres 2006. "User generated Content" ist das Zauberwort. Den dunklen Kontrast zum Time-Cover gab es dann kurz vor Jahreswechsel. Die Hinrichtung Saddam Husseins, aufgenommen mit einem Handyvideo, wurde zu einem Schlager im Internet.
Ganz ohne Paradoxie ist das nicht. Zu Lebzeiten schließlich wollte Saddam ein Großer auf der Weltbühne sein. …


Schließlich war er nicht irgendein Tyrann – eine gehörige Prise Größenwahn hat ihn vom Durchschnittsdespoten unterschieden. So gesehen hat es, gerade wegen der Widerwärtigkeit der Lynchparty, die Saddam Husseins Leben beendete, fast etwas Kurioses an sich, dass seine letzten 2 Minuten und 36 Sekunden millionenfach angeklickt, von Hunderttausenden weitergemailt oder auf das Handy heruntergeladen wurden.
Am Ende war er ein Star, der seinen letzten größten Auftritt nicht überlebte. Nie war das YouTube-Motto makabrer: "Broadcast Yourself".
Vier und einen halben Stern, Ausweis höchster Sehenswürdigkeit, verlieh die Netzcommunity der verwackelten Datei. "Ein Fünf-Sterne-Tod", so, extradry, der Kommentar des britischen "Guardian".
So schrecklich die Exekution, die zu einem konfessionellen schiitischen Racheritual entartete auch ist, und so fragwürdig auch scheinen mag, dass Millionen "Saddam Execution Full Video" (Welcome, Folks!) in ihre Suchmaschinen hämmerten, kaum dass die Nachricht von der Hinrichtung bekannt wurde, so sehr illustrieren die verwackelten Bilder doch den Zustand des heutigen Irak.
Wer noch irgendeine Hoffnung in eine Regierung setzte, die nicht einmal fähig ist, symbolisch derart entscheidende Momente unter Kontrolle zu halten, der ist davon wohl endgültig geheilt. Wie die Macht im Irak tatsächlich verteilt ist, darüber gibt es jetzt keine Illusionen mehr – nachdem die Muqtada-al-Sadr-Leute die Saddam-Exekution an sich gerissen haben.
All dies hätten wir nicht so genau gewusst, wenn das Video nicht bekannt geworden wäre. Manchmal bergen eben auch Snuff-Videos einen Erkenntnisgewinn.

Ein Gedanke zu „„User Generated Content““

  1. „eine gehörige Prise Größenwahn hat ihn vom Durchschnittsdespoten unterschieden“: – übrigens alles Beste im 2007 – ojojoj, Herr Misik, das wird aber nicht das wichtigste sein, oder? Größenwahn haben alle massenmordende Bestien, ick denke, dass das Numero der Opfer wichtiger ist. Wie viele Millionenmörder hatten wir in 20. Jh.? Nicht so viele: ang´faungt hat´s in der Türkei (Enver Pascha), dann kam Lenin mit seinen 5-8 Mille, Stalin, uff, Hitler, uff, Mao*** (Superstar, vielleicht 40-60 Mille! ließ hunderte Dörfer einfach verhungern, auch eine Methode…) … Mengistu lebt noch in Zimbabwe, aber der war vielleicht nur so Halbemiller, so wie jeder vom Vierspann Breschnew-Andr-Tsch-Gorbatschow (G. ist ein Vergessener mit einem noblen Preis!) bei der Brüderhilfe in Afghanistan… (gemeinsam ermordeten die 4 Russies ca. 1,3 Mille oder mehr).
    Jedenfalls – mit jeder Bestie, die krepiert (wir beide, Herr Misik, sterben mal, aber Diktatoren krepieren), ist die Welt schöner. Würde nicht so viel über sie nachdenken – und die Umstände des Todes sind auch nicht so wichtig. Ich werde mir den von Ihnen empfohlenen Film nicht anschauen, aber es wurde mir gesagt, dass es kein Lynch war, sondern Aufhängen mit Gejohle. Für seine fürchterlich gefolterten Opfer wäre so ein Tod sicher eine Art Paradies.

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