Lost in Transplantation

 

„Bin reich, krank und suche Niere“. Das globale Geschäft mit Körperteielen boomt. Besonders bizarr: In China werden Hingerichtete förmlich ausgeweidet. Jetzt nimmt UN-Sonderermittler Manfred Nowak die makabre Praxis auf’s Korn.  profil, 12. März 2007

 

 

Mabel Wu kümmerte sich nicht um die Bedenken ihres Facharztes. Gegen seinen Rat reiste die 69jährge aus Northridge, einer ruhigen Vorstadt von Los Angeles, im vergangenen Juli in die südchinesische Boomcity Dongguan in der Provinz Guangzhou. Dort wollte sie sich für 40.000 Dollar eine neue Niere beschaffen. Man teilt ihr bald nach ihrer Ankunft mit, dass diese von einem 30-jährigen Mann stamme. In dem Krankenhaus in Dongguan befanden sich noch vier weitere Patienten, alle aus Taiwan, die Nierentransplantationen hinter sich hatten. Nach ihrer Operation flog Wu zurück nach Kalifornien, „sehr glücklich“ mit der neuen Niere.

 

 

 


Chinesische Krankenhäuser brüsten sich ganz ungeniert ihres extravaganten Services. „Wenn Sie Nachfrage nach einem Organ haben, überweisen Sie 5000 US-Dollar“, heißt es auf der offiziellen Webpage des China International Organ Transplant Center. „Wenn wir den Eingang des Geldes bestätigt haben, dann braucht es meist nur eine Woche bis wir einen geeigneten Spender für Sie haben – und längstens einen Monat.“ Die 5000 Dollar sind natürlich nur die Anzahlung – für eine Niere sollten schon mindestens 30.000 Euro einkalkuliert werden, eine Leber (70.000 Euro) und ein Herz (140.000) sind empfindlich teurer.

 

Was den Patienten nur verklausuliert mitgeteilt wird – die Organe stammen in ihrer überwiegenden Mehrzahl von Hingerichteten, die noch leben, wenn die Empfänger anreisen. Dabei rühmen sich die chinesischen Stellen sogar zwischen den Zeilen ihrer bizarren Praxis: „Wir entnehmen unsere Organe keinen Menschen, die schon hirntot sind, denn das würde den Zustand der Organe beeinträchtigen.“

 

Neuerdings bestätigen auch höchste chinesische Stellen, dass Gefängnisse und Straflager als Vorratskammern für menschliche Ersatzteile dienen: „Außer einem kleinen Teil von Verkehrsopfern stammen die meisten Organe von hingerichteten Gefangenen“, gestand Vize-Gesundheitsminister Juang Jiefu vergangenes Jahr. Allerdings: Die Todeskandidaten hätten dem zuvor zugestimmt.

 

Davon kann keine Rede sein, sind David Matas und David Kilgour überzeugt. Matas, ein renommierter kanadischer Menschenrechsanwalt, und Kilgour, ehemals Staatssekretär im dortigen Außenministerium, haben die chinesische Organhandels-Praxis minutiös recherchiert und in einem Aufsehen erregenden Report zusammengefasst. Ihr Resümee: In den vergangenen sechs Jahren hat Chinas Transplantationsmedizin, davor noch praktisch inexistent, einen lukrativen Aufschwung genommen. Auffällig sei, dass das undurchsichtige Transplantationsbusiness zu florieren begonnen habe, als die massive Repression von Falun-Gong-Anhängern einsetzte – jener Praktikanten einer esoterischen Sekte, die die chinesischen Behörden für einen „bösen Kult“ halten und gnadenlos verfolgen. Allein aus Kanada, so Matas und Kilgour, reisten jährlich „mehrere hundert“ Kranke nach China, um sich Organe einpflanzen zu lassen, die sie für ihr Überleben brauchen.

 

Die Indizienkette, die die beiden präsentieren, ist jedenfalls dicht genug, dass jetzt auch die Vereinten Nationen formell Aufklärung verlangen. Manfred Nowak, der Wiener Menschenrechtsjurist und UN-Sonderberichterstatter für Folter, hat der chinesischen Regierung eine Frist gesetzt, die diese Woche ausläuft, die Vorwürfe detailliert auszuräumen. Höchstgradig „untersuchungswürdig“ sei die Sache, da vieles darauf hindeute, „dass auch Menschen hingerichtet werden, die noch nicht einmal verurteilt sind, sondern die nur zwecks Organentnahme getötet werden“ (siehe Interview Seite ???). Im Klartext: Damit Kranke aus den USA, Kanada, Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern überleben können, werden in China Menschen hingerichtet, die möglicherweise nicht hingerichtet würden, wenn es keine Nachfrage nach Organen gäbe.

 

In China werden mehr Exekutionen durchgeführt als in allen anderen Ländern der Welt zusammen, wie viele exakt, ist unbekannt. Offizielle Zahlen gibt es nicht, moderate Schätzungen gehen von 1.700 jährlichen Hinrichtungen aus. In den vergangenen sechs Jahren, sind in China nachweislich 60.000 Organtransplantationen durchgeführt worden. Selbst wenn jedem Todeskandidaten mehr als ein Organ entnommen würde, würden die Hinrichtungen nicht für eine derart hohe Zahl an Organspenden reichen. So steht der Verdacht im Raum, dass abseits des „regulären“ Exekutionsregimes Menschen Zwecks Organentnahme getötet werden – um den Markt zu befriedigen.

 

Der Grund für die explodierende Nachfrage ist natürlich der weltweite Mangel an Spenderorganen – wenngleich er in manchen Ländern dramatischer, in manchen Ländern weniger dramatisch ist. Wer ein Herz oder eine Lunge braucht, und sie in seiner Heimat nicht bekommt, ist praktisch auf die Dienste der chinesischen Exekutionsmedizin angewiesen. Wer eine Niere benötigt, hat größere Auswahl: In der Türkei, in Indien, auf den Philippinen, in Indonesien – in vielen Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern stehen genügend Arme bereit, die sich für 1000 Euro (Indien) oder 7000 Euro (Peru) eine Niere entnehmen lassen – zum Wohle eines reichen Organempfängers. Schließlich hat der Mensch bekanntlich zwei Nieren und kann auch mit einer weiter leben – aber nur ein Herz und eine Leber. 

 

Wien, Allgemeines Krankenhaus, Ebene Sieben. Hier sitzt Ferdinand Mühlbacher, Pionier und Vorstand der Transplantationschirurgie am AKH. Der drahtige 58jährige mit dem lässigen Vollbart wählt seine Worte mit Bedacht. Für sein Fach gilt: Der Tod eines Menschen kann einem – oder mehreren – anderen Menschen das Leben retten. Kein Wunder, dass deshalb, mehr noch als ohnehin üblich in der Medizin, Angstphantasien, tiefsitzende Emotionen und hochschießende Spekulationen in Mühlbachers Profession hineinspielen. Und dass sein Fach gerade deshalb keine schlechten Nachrichten brauchen kann. „Mir ist aus Österreich kein Fall bekannt, der sich wirklich dokumentieren ließe“, sagt der Professor. Von den Gerüchten, dass auch österreichische Transplantationspatienten die hiesigen Wartezeiten per Fernreise abkürzen, weiß natürlich auch er. Aus der Nähe aber kennt Mühlbacher das Problem aus seiner internationalen „Entwicklungshilfe“-Arbeit: „In Ägypten hatte ich eine Kollegin und einen Patienten, die sich beide in China Organe transplantieren ließen – es war damals davon die Rede, sie hätten 30.000 Dollar bezahlt.“ Und in Bosnien habe er „einmal einem jungen Mädchen eine Niere entnehmen müssen, die ihr in Indien transplantiert worden war – alles war fürchterlich entzündet.“ Mühlbachers Kollege Raimund Margreiter, renommierter Transplantationsarzt in Innsbruck, weiß vom Fall zweier türkischer Staatsbürger, die sich „irgendwo im Orient jeweils eine Niere besorgt hatten“ – die Sache sei seinerzeit aufgeflogen, weil die beiden die Kosten bei der Gebietskrankenkasse abrechnen wollten.

 

Tatsächlich ist der Druck auf Patienten, sich im Ausland um ein Spenderorgan umzusehen, in Österreich vergleichsweise gering. Die hiesige Gesetzeslage sieht schließlich vor, dass jedem Toten Organe entnommen werden können, es sei denn, er hat zu Lebzeiten noch Widerspruch eingelegt (in der Praxis werden auch Einwände der Angehörigen akzeptiert). In Deutschland dagegen gilt die Regel, dass nur derjenige zur Organspende herangezogen wird, der vorher ausdrücklich eingewilligt hat. In den USA wiederum muss sich, wer zur Organspende bereit ist, in ein Register eintragen lassen. Eine ähnliche Regelung gilt für Kanada, Australien und Großbritannien. Während die Wartelisten in Österreich seit Jahren auf dem selben Niveau bleiben und man damit rechnen kann, innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren beispielsweise eine Spenderniere zu erhalten, geht die Schere zwischen Angebot und Nachfrage in den USA immer weiter auseinander. „Die Regelung, dass man seine Zustimmung zu Lebzeiten geben muss, erscheint auf dem ersten Blick als die ethisch korrektere“, sagt Thomas Kopetzky, Medizinjurist an der Universität Wien, „führt aber im Endeffekt zu dem Organmangel, der die Nachfrage auf ethisch weit zweifelhaftere Märkte umlenkt.“

 

Kurzum: Die Ethik hat unmoralische Resultate. Oder, pointiert gesagt: Wer post mortem seine Organe der Medizin freigibt, rettet vielleicht nicht nur einem Kranken das Leben – sondern womöglich auch einem chinesischen Strafgefangenen. Die fortschrittliche Regelung in Österreich lässt sich rechtsgeschichtlich übrigens bis in die Zeit des aufgeklärten Absolutismus zurückführen, als Kaiser Joseph II. die Leichenobduktion legalisierte – vorher wurde auch hierzulande ausschließlich auf Hingerichtete zurückgegriffen.

 

Mag die chinesische Praxis der „Executions on demand“ auch eine besonders bizarre Form der Menschenrechtsverletzung sein, so ist der weltweite Organhandel überall ein Schattenreich aus organisierter Kriminalität, Ausbeutung von Armut und unmoralischer Geschäftemacherei. Und das Business blüht. Je größer der Mangel an Spenderorganen in reichen Gesellschaften, umso dreister werden Menschen in Dritt-Welt-Ländern als humane Ersatzteillager behandelt. 

 

So wie Laudiceia da Silva, eine junge Brasilianerin, die, nachdem sie in einem Krankenhaus in Sao Paulo eine Zyste entfernen hat lassen, bei der Nachbehandlung beim Arzt ihres Vertrauens eine Horrornachricht erhielt: die Chirurgen hätten sie nicht nur von ihrer Zyste befreit – ganz nebenbei kam ihr auch ihre Niere abhanden. Offenbar eine nicht unübliche Sitte der Ärzte und der lokalen Hospitäler, ihr Budget aufzubessern. In Russland wiederum verschwinden regelmäßig Straßenkinder. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass viele von ihnen am internationalen Organmarkt enden – als Detailware gewissermaßen. Lost in Transplantation.

 

Gruselgeschichten wie diese sind freilich nur die Spitze des Eisbergs. Die Routine des weltweiten Organbusiness ist durchaus unspektakulärer. Da gibt es Kliniken, wie die des indischen Chirurgen K.C. Reddy in Chennai, der sich rühmt, sein Krankenhaus sei keine schmuddelige Transplantationsfabrik, sondern ein Vorzeigeunternehmen. Unter besten medizinischen Bedingungen können hier vermögende Patienten aus aller Welt ein neues Organ erhalten – von armen Indern, die das Geld dringend benötigen, und die dafür künftig mit nur einer Niere, aber auch mit weniger finanziellen Sorgen durch’s Leben gehen. Rund 1000 Euro erhalten die Spender, zudem auch noch freie Gesundheitsversorgung für zwei Jahre nach der Transplantation. Die Verkäufer werden akkurat aufgeklärt und ordentlich versorgt. Alles geschieht auf gleichberechtigter Basis, sauber, gerecht und freiwillig.

 

Aber was heißt schon freiwillig, wenn, wie auf den Philippinen, das durchschnittliche Familieneinkommen eines Organverkäufers gerade einmal bei 25 Euro liegt? Besonders in Schwellenländern, in denen es zwar schon medizinische Hochtechnologie gibt, boomt die private Gesundheitsindustrie – meist ohne jede Kontrolle.

 

Wie etwa im „Sönmez Hospital“, einem schicken, im minimalistischen Glas-Beton-Stil gehaltenen Bau in Istanbul-Bostanci, auf der asiatischen Seite des Bosporus. Hier betreibt Dr.  Yusuf Ercin Sönmez nichts anderes als eine regelrechte „Klinik für Organhandel“ (so der TV-Sender Turk-CNN). Sönmez’ professionelle Biographie liest sich wie das Skript eines Schockfilmes. Bereits 2005 wurde Sönmez einmal die Lizenz entzogen – er war bei einer Razzia in Flagranti mit dem Skalpell in der Hand erwischt worden. Der Transplantationschirurg wurde wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung zum Zwecke des illegalen Organhandels“ rechtsgültig verurteilt,  die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Polizeiliche Ermittlungen ergaben, dass Sönmez Organspender aus der Türkei, Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Weißrussland und Russland anwarb und die Nieren israelischen, britischen und französischen Patienten implantierte. Die Spender erhalten oft nicht mehr als 1500 Dollar – die Empfänger bezahlen bis zu 150.000 Dollar. Die Differenz streift der Doktor ein – beziehungsweise die Organmafia. „Sie können mich Doktor Frankenstein nennen“, sagte Sönmez in einem Interview, „aber ich bin Arzt und erfülle nur meine Pflicht.“

 

Manfred Nowak sitzt im vierten Stock des Schottensstiftes, einem idyllischen Eck im 1. Bezirk in Wien, wohin das Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte eben übersiedelt ist und blättert durch seinen Briefwechsel mit den chinesischen Behörden. „Der Markt hat eine Nachfrage nach billigen Organen und sucht sich das Angebot“, sagt der UN-Sonderberichterstatter. Moralisch fragwürdig ist das in jedem Fall. „Aber das, was China vorgeworfen wird, ist schon noch von einer anderen Qualität. Hier trifft der Marktmechanismus mit einem staatlichen Unterdrückungsmechanismus zusammen.“

 

Markt, Autoritarismus, globale Ungleichheit – eine fatale Mischung. Ungläubig blickt Nowak in einen Brief der chinesischen Regierung, in der sie die Vorwürfe pauschal zurückweist. Zwei Seiten. „Das reicht sicher nicht“, sagt Nowak. Denn die Indizienkette, die der kanadische Mata-Kilgour-Report dokumentiert, ist einfach zu stichhaltig.

 

Stellenweise bleibt einem bei der Lektüre des Reports der Atem weg. So hatten chinesische Mitglieder des Rechercheteams einfach in Spitälern angerufen und sich als potentielle Kunden ausgegeben. Auf die Frage, ob er denn auch Organe junger, gesunder Falun-Gong-Anhänger im Angebot habe, antwortet etwa der ärztliche Leiter eines Transplantationsteams: „Ja, haben wir für gewöhnlich“ – „Und jetzt auch?“ – „Ja.“

 

Ein anderer Chirurg rät der Patientin, sie solle sich an das Universitätskrankenhaus in Guangzhou wenden. „Die haben Organe von Falun-Gong-Leuten?“ – „Korrekt“ – „Die Organe kommen von gesunden Falun-Gong-Praktikanten?“ – „Korrekt. Wir wählen die Guten aus, weil wir die Qualität unserer Transplantationen garantieren wollen.“ – „Wie alt sind die Spender üblicherweise?“ – „In ihren Dreißigern“.

 

So laufen Kundengespräche ab, wenn das Marktsystem und ein staatliches Repressionssystem eine makabre Liaison eingehen. China hat, werben die Kliniken ohne jede Scham, die Kooperation von Medizinern, Regierung „und Gerichten“ (!) perfektioniert. Wie ein geschmackloser Witz scheinen manchmal die alten Banner mit den kommunistischen Parolen, die an den Spitälern hängen.

 

Einer der Slogans, die da im Wind flattern, lautet: „Den Menschen in den Mittelpunkt stellen.“

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