„Wir brauchen jeden“

Nirgendwo gibt es klügere Schüler als in Finnland. Wie machen die das am Polarkreis bloß? Und vor allem: Was hat der schwarze Block dagegen, das zu kopieren? Falter, 19. Juni 07

 

 

 

Manchmal können kleine verbale Adaptierungen starre Debattenfronten auflockern. Das hat sich wohl auch Österreichs Bildungsministerin Claudia Schmied gedacht, als sie ihre Expertenkommission zur Schulreform einsetzte. „Gemeinsame Schule“, heißt jetzt das Ziel – schließlich ist das Wort „Gesamtschule“ ideologisch schwer aufgeladen, da ist der bedingte Nein-Reflex der Konservativen programmiert.

 

Genützt hat die Neuvokabel bisher nichts. Noch bevor die Überlegungen zur Reform der hiesigen Bildungseinrichtungen überhaupt begonnen haben, kam vergangene Woche das harte Nein des schwarzen Blocks. Eine Abkehr vom mehrgliedrigen Schulsystem werde es nicht geben, beschloss der ÖVP-Parteivorstand schon einmal vorsorglich.

 

Dabei hatte sich die überideologisierte Diskussion eigentlich schon entspannt. Auch ÖVP-Landeshauptleute und Parteivorsitzende, aus Tirol etwa und aus der Steiermark, haben für ein Gesamtschulmodell votiert. Der Grund ist einfach: Die Resultate des mehrgliedrigen Schulsystems sind fatal. In den ländlichen Regionen gehen die meisten bis zum 14. Lebensjahr in die Hauptschule – gewissermaßen die „Gesamtschule“ am Land. In den Städten gehen die meisten in Gymnasien – die Hauptschulen sind hier die „Restschule“ für die neue Unterklasse. Mehr kann man eigentlich staatlicherseits nicht tun, um grobe Chancenungleichheiten zu fördern, als an einem solchen System festzuhalten. Die Resultate kann man messen: In Ländern mit Einheitsschulen bleiben weniger Kinder unten hängen und mehr kommen oben an. Seit den Pisa-Tests lässt sich daran nicht mehr deuteln.

 

Nachdem im Jahr 2003 die Ergebnisse der großen internationalen Bildungs-Studie präsentiert wurden, pilgerten Bildungsreformer darum scharenweise nach Finnland. Das kleine skandinavische Land lag in zwei der drei Kategorien (Lesefähigkeit, Naturwissenschaften) auf Platz eins, in der dritten (Mathematik) auf Platz zwei. In Helsinki waren sie vom Tross der Besucher derart überfordert, dass man eine eigene Abteilung im Bildungsministerium einrichten musste. Aufgabe der dort Beschäftigten ist es allein, die Schar internationaler Pädagogen, die das finnische Erfolgsmodell studieren wollen, durch Schulen zu schleusen und mit Bildungspolitikern zusammen zu bringen.

 

1972 hat Finnland sein Schulsystem, das bis dahin dem hiesigen sehr ähnlich war, radikal umgekrempelt. Ironischerweise orientierten sich die Finnen damals ihrerseits an einem Modell. Eines, das es heute freilich nicht mehr gibt – der Einheitsschule der DDR.

 

Das finnische System ist leicht erklärt – aber das Erfolgsgeheimnis liegt im Detail. Es gibt eine Einheitsschule für alle 6- bis 14jährigen. Wer nicht mitkommt, wird nicht abgeschoben, sondern mitgenommen. „Sozialistischer Einheitsbrei“, wie die Kritik von konservativer Seite lautet, ist das dennoch keiner: Die Schulen selbst sind innerlich hoch differenziert, und jede Schule ist anders – denn sie sind viel autonomer als die hiesigen.

 

Das ist das Prinzip. Die gute Nachricht: Man könnte dieses Prinzip kopieren. Die schlechte Nachricht: Mit der Kopie des Prinzips alleine wäre es wohl nicht getan. Denn die finnische Bildungspolitik ist von einer Philosophie getragen, die tief in der politischen Kultur des Nordlicht-Landes verwurzelt ist. Finnland ist ein dünn besiedeltes Land am Rande der Welt. „Wir brauchen hier jeden, hoffnungslose Fälle können wir uns nicht erlauben“, fasste Jukka Sarjala, der Präsident des Zentralamtes für Unterrichtswesen in Helsinki schon vor Jahren die Grundhaltung der Finnen zum Schulsystem zusammen. Nur fünf Millionen Einwohner hat Finnland. Das ist der Mentalität günstig: Keiner darf zurückbleiben. Hinzu kommen ein paar wichtige andere Details, die mit dem Bildungswesen nur bedingt zu tun haben: Die skandinavische Gleichheitskultur etwa. Aber auch der an sich banale Umstand, dass ausländische Filme im finnischen Fernsehen unsynchronisiert, dafür mit Untertitel laufen. Selbst wer stundenlang vor der Glotze hängt, übt dabei, schnell geschriebene Texte zu begreifen.

 

Bildung hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Lehrer sind hoch angesehen. Die besten Abiturenten eines Jahrgangs wollen Lehrer werden. Lehrer zählen zur Elite, nie würden Lehrer von Politikern beschimpft werden. Die Universitäten können sich die Lehramtsstudenten aussuchen, so groß ist der Andrang. Jedes Jahr bewerben sich zehn Prozent der Schulabgänger für das Lehramtsstudium und müssen eine harte Prüfung überstehen. „Es gibt in Finnland keine schwierigere Prüfung wie diese“, sagt Matti Meri, Pädagogikprofessor in Helsinki. Lehrer werden nur die Besten.

 

So hart die Lehrer aussortiert werden, so emphatisch ist der Umgang mit den Schülern – ziemlich das Gegenteil von der kontinentaleuropäischen Bildungsphilosophie. Weil ein gutes Schulsystem nicht gratis zu haben ist, lassen die Finnen es sich auch viel kosten. Sitzenbleiben gibt es nicht. Wer zurückbleibt, wird durch Speziallehrer und Expertenteams aufgefangen, die es an jeder Schule gibt. Wer lernschwach und verhaltensauffällig ist, kommt in diese Teams – all jene mithin, die hierzulande schnell in die Haupt- oder gar Sonderschulen abgeschoben würden. 17 Prozent der finnischen Schüler kommen in den Genuss solcher Spezialförderungen. Und zwar von den ersten Schulwochen an. Schulschwäche soll von Beginn ab bekämpft werden. Der Erfolg spricht für sich: Die meisten Kinder „mit Diagnose“ sind ab der dritten Schulstufe wieder beim Regelunterricht dabei. Verstetigte Loser-Karrieren werden einfach nicht zugelassen. Das kostet anfangs viel, spart aber später Geld. In die Größeren muss dann nicht mehr so viel investiert werden.

 

Gerade dieses Modell ermöglicht es, durchaus anspruchsvoll den Lehrplan zu gestalten. Lehrer und Lehrerinnen in Finnland sehen es nicht als ihre Aufgabe an, so zu unterrichten, dass auch der Letzte mitkommt. Für die, die Probleme bekommen, stehen ja die Spezialteams bereit. Es gibt Schulen mit unterschiedlichstem Profil, so dass manche sagen, es sei gerade das Gegenteil von Einheitsbrei, es beruhe eher auf dem Prinzip: „Lasst tausend Blumen blühen.“

 

Gewiss haben es finnische Lehrer auch leichter. Die Ausländerquote liegt nur bei zwei Prozent, der Einwanderungsdruck am Polarkreis ist nicht sehr hoch. Dass Kinder eingeschult werden, die nicht einmal eine der beiden offiziellen Landessprachen (Schwedisch, Finnisch) können, kommt höchst selten vor. Aber Ausrede ist das nicht: Denn auch in den finnischen Städten gibt es Viertel mit 30 oder 40 Prozent Ausländern – und auch dort lagen die Schulen beim Pisa-Test nicht schlechter.

 

Ein Paradies für Eltern, Schüler, Lehrer also? Nicht ganz: Denn die weitgehend autonomen finnischen Schulen können Pädagogen aufnehmen und wieder entlassen, um damit schnell auf neue Anforderungen zu reagieren. Für die hiesige Lehrergewerkschaft wäre Finnlandisierung also nicht nur ein Versprechen.

Ein Gedanke zu „„Wir brauchen jeden““

  1. Lieber Robert Misik,
    Zu dem taz-Artikel über die heimlichen Verknüpfungen der vermeintlich säkularisierten Gesellschaft/“Allgemeinheit“ von Religion mit „Sitte und Moral“ habe ich so eine schöne Textstelle gefunden, die ich dir hiermit schenke. diejenny
    Max Stirner
    „… vor allen Dingen misstraut aber denen, welche nicht müde werden, Euch zu sagen, dass die Religion die Bedingung der Moral und der Sittlichkeit sei. Seid überzeugt, dass wo Ihr diese Redensart hört, immer im Trüben gefischt wird. […]
    Wer wahrhafter Mensch sein will, der greife in seinen Busen, der suche das Edle und Große in der Menschennatur und in der Geschichte der Menschheit, und wem das nicht genügt, der betrachte das als ein Kennzeichen, dass er der Freiheit nicht wert ist, und dass ihm wahre Menschwürde fehlt. Nein, Ihr Pharisäer, das werdet Ihr uns nicht vorreden, dass es außerhalb des Christentums keine Moral und keine Sittlichkeit gibt. Dieses hat vielmehr beiden Begriffen den Stempel des Eigennutzes aufgedrückt, indem es die Lehre der Vergeltung und der Belohnung einführte. Seien wir edler und tuen wir das Gute nicht im Hinblick auf das Jenseits, und den jenseitigen Lohn, sondern weil es unserer und der menschlichen Natur würdig ist. […]
    Max Stirner (1842) „Über die Verpflichtung der Staatsbürger zu irgend einem Religionsbekenntnis“. Am Rande steht eine Bemerkung des Zensors: darf nicht abgedruckt werden. D. 6. Juli Abegg.“ S. 111-113. Hier S. 112. In: Gustav Mayer (1913) Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärzlichen Preußen. In: Richard Schmidt (Freiburg im Breisgau) /Adolf Grabowsky (Berlin) (Hg.) (1913) Zeitschrift für Politik. Band VI. Carl Heymanns Verlag. Berlin. S. 1-113. Als unveröffentlichtes Dokument im Anhang.

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