Bibelschulung III: Wenn Jesus am Freitag kommt

Heute wollen wir mal Paulus durchnehmen, besonders den Schlüsseltext des Christentums, den „Brief des Paulus an die Römer“, also an die römische Urgemeinde.

 

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„Römer“, wie wir bibelaffinen Menschen den Text zärtlich nennen, ist eine der wuchtigsten Schriften der religiösen Literatur, so wie Paulus, der sich zum jüngsten Apostel aufschwang, selbst eine der wirkmächtigsten Figuren der Weltgeschichte war. Paulus, der Jesus gar nicht gekannt hatte, war es, der überhaupt das Christentum begründete. Römer handelt von der Proklamation eines neuen Gottesvolkes. Paulus, der sich selbst den „Apostel der Heiden“ nannte, verwandelte die Jüngerschaft Jesu. Die war zunächst nichts weiter als eine jüdische Sekte, die eben der Meinung war, der Messias sei schon gekommen und werde bald ein zweites Mal kommen. Das war bis Paulus eine innerjüdische Angelegenheit. Aber mit Paulus wurde der Universalismus eingeführt – jeder war für ihn Teil des neuen Gottesvolkes, wenn er nur an Jesus glaubte. Eine ungeheure Provokation war das damals und gab dem „Christentum“ erst seinen antijüdischen Drall. Das Wort „Christen“ gab es ja noch nicht, auch Paulus hat es noch nicht benutzt. Die Evangelien, die Apostelgeschichte, wurden viel später geschrieben, redigiert, verfälscht – wie immer man das nennen will.

 

All das ist Philologiegeschichte, über die ganze Bibliotheken voll geschrieben sind. Worum es mir heute geht, ist ein kleines Exempel in kontextuellem Lesen. „Erkennt“, schreibt Paulus, „dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“ (Römer, 13. 11 u. 12). Im ersten Brief an die Korinther hatte er den berühmten Satz geschrieben: „Das Wesen dieser Welt vergeht“ (1. Korinther 7. 31).

 

Paulus, von messianischem Eifer wie alle in der Urgemeinde, war der Überzeugung, der jüngste Tag stünde nahe bevor, der Messias käme bald, wer weiß, vielleicht schon nächsten Donnerstag oder Freitag. Die Verachtung für alle irdischen Dinge, wie man sie in der christlichen Tradition findet, hat darin seinen Ursprung.

 

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat“, heißt es in Römer 13.1. Und weiter: „Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ Darum: „Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; (…) Ehre, dem die Ehre gebührt.“ All das hat ja kein Belang, angesichts des unmittelbar bevorstehenden Heils. Später mussten sich die Christen mit dem Gedanken anfreunden, dass der Messias eine Spur länger auf sich warten lässt. Da wurden diese Paulus-Sätze mit anderen Augen gelesen. Sie wurden als Lobpreisung der Obrigkeit ausgelegt und legitimierten die Kollaboration mit Kaisern und Fürsten – sie wurden zu Lehrsprüchen für fügsame Untertanen. Aber zu Paulus’ Zeiten, die ohnehin auf einen messianisch überspannten Grundton gestimmt waren, haben sie alle so verstanden: Die weltliche Obrigkeit, die ist ja wurscht, weil das Himmelreich bricht eh gleich aus.

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