„Linke in Europa, gibt es sowas?“

Italiens Kommunisten-Legende Rossana Rossanda über ihr Rebellenleben, den Niedergang der europäischen Linken und den Schrecken, wenn Friedhöfe voller alter Freunde sind. Vergangene Woche führte ich in Berlin ein öffentliches Gespräch mit Rossana Rossanda aus Anlass der Präsentation ihrer Autobiographie "Die Tochter des 20. Jahrhunderts".  Dies ist die redaktionell bearbeitete Fassung, erschienen in profil 3. Dezember 2007

 

Sie haben ein sehr sentimentales Buch über ihre Zeit als Kommunistin geschrieben. Doch die Kommunistischen Parteien waren doch auch sehr rigide. Ist das so schade, dass sie untergegangen sind?

 

Rossanda: Ich war in der Kommunistischen Partei Italiens viele, viele Jahre, von 1943 bis 1969, also für eine lange Zeit. Dann bin ich ausgeschlossen worden. Sie hatte recht mich auszuschließen, weil ich mit ihrer Politik nicht einverstanden war. Die italienische Kommunistische Partei hatte aufgehört, Italien stark verändern zu wollen. 1945 waren wir in der Lage, dass wir überhaupt die Demokratie wieder aufbauen mussten. Erst gab es die schrecklichen Jahre des Faschismus, danach die Zweiteilung der Welt. Deswegen war man auch vorsichtig. Aber in den sechziger Jahren habe ich gemeint, man dürfte auch etwas mutiger sein. Die Kommunistische Partei war auch ein Netz, was die Linken zusammen hielt, ihnen Halt gab.

 

Es war Ihnen ja nicht in die Wiege gelegt, Kommunistin zu werden. Sie stammen aus gutbürgerlichem Haus, aber ihre Familie hat während der Weltwirtschaftskrise alles verloren. Und sie stammen aus Pula in Istrien, das wegen der k.u.k.-Geschichte kulturell sehr eng mit Österreich verbunden war.

 

Rossanda: Und wie! Meine Großmutter hat deutsch gesprochen. Ich habe noch den Geruch der Kipferl in der Nase. Aber ich bin nie wieder zurückgekehrt. Ich habe dann ja in Venedig gelebt, dann in Mailand, dann in Rom, jetzt in Paris.

 

Für Politik haben Sie sich erst als Studentin interessiert?

 

Rossanda: Das war ja nicht meine Entscheidung, die Politik hat sich sozusagen für mich interessiert. Ich war 15 Jahre alt, als 1939 der Krieg ausgebrochen ist. Wir haben den Faschismus verachtet, meine Familie und ich, aber wir dachten, wir können uns heraus halten. Man musste aber Position beziehen, vor allem nach Beginn der deutschen Besatzung. Ich habe dann im Widerstand ein paar unwesentliche Hilfsleistungen erledigt.

 

Die dunkle Seite des Kommunismus, Despotie und Zwangsherrschaft im Ostblock, haben Sie damals ziemlich ausgeblendet. Der deutsche Aufstand 1953 ist Ihnen gar nicht aufgefallen, Ungarn 1956 hat Sie nicht sonderlich interessiert. Sie beschreiben das sehr selbstkritisch. Fühlen Sie sich schuldig?

 

Rossanda: Dauernd werde ich jetzt gefragt, warum ich nichts gesagt habe, warum ich so verdrängt habe. Und es stimmt, ich spreche darüber sehr offen in meinem Buch. Aber wissen Sie, das ändert nichts an einem: Ich würde denselben Weg wieder gehen. Wir kamen aus dem Faschismus, der wäre nicht untergegangen ohne die Sowjetunion, und wir hatten eine neue Welt zu entdecken. Der Antifaschismus hat uns zusammen geschweißt.

 

Aber Sie können Ereignisse wie Ungarn 1956 doch nicht einfach nicht wahrgenommen haben?

 

Rossanda: Wissen Sie, wie unser Verhältnis zum Ostblock war? Wir haben permanent die Angst gehabt, dass wieder etwas Schlimmes passiert. Wir wussten, wir können dafür nichts, aber man wird es uns vorhalten und um die Ohren schlagen. Vor jeder Wahl dachten wir: Hoffentlich gibt es nicht noch ein Desaster! Mein Lebenspartner, der aus Polen stammt, sagte immer: Wie konntest Du dich nicht dafür interessieren? Aber ich habe mich nur für das interessiert, womit ich unmittelbar zu tun hatte.

 

Die italienische Kommunistische Partei hatte ja auch eine große Anziehungskraft auf Intellektuelle. Ein Denker wie Antonio Gramsci hat sie gegründet, Leute wie der Schriftsteller und Regisseur Pier Paolo Pasolini, der Verleger Gianfranco Feltrinelli, der Autor Italo Calvino gehörten dazu. Was machte die Partei so anziehend für freie Geister?

 

Rossanda: Ich war ja auch so eine Intellektuelle! Die KPI war keine geschlossene leninistische Partei wie die in Frankreich. Und vergessen wir nicht, wenn es um Italien geht: Da gibt es noch die katholische Kirche, die sich dauernd in die Politik einmischte. Da gab es erst unter Papst Johannes XXIII. eine Öffnung. Wäre der Ratzinger nur so einer. Aber Italien hat sich auch modernisiert, es gab eine rasante Entwicklung. Mir schien alles möglich.

 

Sie waren ja in der Parteiführung für die Kultur zuständig. Sie hatten mit den Großen zu tun, nicht nur in Italien: Sie kannten Bertolt Brecht, Sie kannten Jean-Paul Sartre.

 

Rossanda: Heute war ich am Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin Mitte. Als ich das erste Mal da war, lagen dort nur Leute, die ich aus Büchern kannte: Hegel etwa, oder Fichte. Heute ist er gefüllt mit Freunden von mir. Bertolt Brecht, liegt hier, den hab ich kennen gelernt, als Giorgio Strehler seine Dreigroschenoper inszenierte. Ich wusste übrigens gar nicht, dass Herbert Marcuse, der große linke Soziologe, auch hier begraben ist. Ich dachte, der liegt in den USA.

 

Ihnen schien alles möglich, die Parteiführung war dagegen übervorsichtig. Es gab die Studentenbewegung, spontane Streiks in den Fabriken. Für die Partei waren das Unruhestifter. Warum haben Sie sich auf die Seite der Unruhestifter geschlagen?

 

Rossanda: 1968 war eine große Chance für die Linke im Westen. Aber sie hat sie nicht genützt. Deshalb steht sie heute da, wo sie ist. Statt sich auf die Seite der Bewegung zu schlagen, hat die KP beschlossen, sich gegen uns zu wenden, die Gruppe, die die Zeitung „il manifesto“ gegründet hat. So sorgte man dafür, dass sich die neuen Bewegungen der Unzufriedenen isoliert haben.

 

In Ihrem Buch verlieren Sie darüber relativ wenige Worte. Warum? Kommt da noch ein Buch? Oder war alles, was nach 1968 passierte, nur mehr eine Geschichte des Niedergangs?

 

Rossanda: Der Kapitalismus hat einen weltweiten Siegeszug angetreten. Wir haben gesagt: Arbeiter aller Länder vereinigt Euch! Und dann hat sich das Kapital der Welt vereinigt. Ich werde versuchen, noch über die Jahre nach 1968 zu schreiben, es ist ja heute schon eine richtige Mode, die ’68er zu verurteilen. Wissen Sie, ich bin Kommunistin geblieben. Ich habe meine Eltern sehr geliebt, aber ich wollte nie wie sie sein. Wir dürfen die Welt nicht ihrem Lauf überlassen.

 

Sie sind auch mit mehr als achtzig Jahren noch aktiv? Noch voll dabei bei „il manifesto“?

 

Rossanda: Ich lass die nicht in Ruhe. Jeden Tag rufe ich an. Jeden Tag. Ich lebe ja jetzt in Paris. Aber mit Telefon, Computer und Internet ist die räumliche Distanz ja kein Problem.

 

Was wäre denn ihr Ratschlag für die heutigen Linken in Europa?

 

Rossanda: Linke in Europa, gibt’s sowas? Jedenfalls gibt es keine Kräfte, die wirklich etwas bewegen können. Wenn in Frankreich die Eisenbahner streiken, schicken die italienischen Bahnarbeiter nicht einmal ein Telegramm. Als ich Politik betrieb, da saß ich bei den Leuten, und ich hab auch gesehen, wenn ich sie langweile. Heute spricht man im Fernsehen zu den Wählern, da kriegt man gar nichts mehr mit. 

 

Jetzt regieren in Italien die Ex-Kommunisten. Romano Prodi ist Regierungschef. Sehr unzufrieden damit?

 

Rossanda: Zuerst hat sich die Kommunistischen Partei zur „Partei der Demokratischen Linken“ gewandelt, und gerade eben zur „Demokratischen Partei“. Jetzt haben sie zwar ein paar Millionen Mitglieder, aber sie wissen nicht, was sie damit wollen. Von den Kommunisten ist nichts übrig geblieben. Bin ich froh, dass sie mich ausgeschlossen haben! Die neue Partei ist ja nicht einmal so etwas wie eine europäische Sozialdemokratie, die wollen alles so machen wie Clinton oder Blair.

 

 

Zur Person

 

 

Rossana Rossanda, 83, ist die Große Alte Dame der italienischen Linken. 1943 trat sie in die Kommunistische Partei ein, 1959 wurde sie ins Zentralkomitee gewählt. Ausgeschlossen wurde sie zehn Jahre später, als sie die Zeitschrift „il manifesto“ gründete, die später ein Rolemodel der linken Publizistik werden sollte, an dem sich Zeitungen wie die französische „Liberation“ und die deutsche „tageszeitung“ orientierten. Ihre Autobiographie, in Italien ein Bestseller, ist jetzt auch auf deutsch erschienen: „Rossana Rossanda. Die Tochter des 20. Jahrhunderts“ (Suhrkamp-Verlag). profil-Mitarbeiter Robert Misik sprach auf Einladung des Suhrkamp-Verlags mit Romana Rossanda zur Buchpräsentation vergangene Woche in Berlin.

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