Mord war normal

Polen. Der Historiker Jan Gross hat ein Buch über den polnischen Antisemitismus nach 1945 geschrieben – und wird jetzt als Polenhasser und Nestbeschmutzer attackiert. profil, 28. Jänner 2008

 
„Hass“ spreche aus den Zeilen, „Verachtung“, das Schriftgut sei geeignet, „nationale Spannungen“ auszulösen – die Kommentare in den polnischen Zeitungen kommen kaum ohne alarmistische Vokabel aus. Doch was die Leitartikler in derartige Panik versetzt, ist nicht das Werk eines Hasspredigers oder fanatischen Volksverhetzers, sondern die Studie eines renommierten Historikers. „Strach“ – „Angst“ – lautet lapidar der Titel, und die Unterzeile kommt schon meinungsstark daher: „Antisemitismus in Polen nach dem Krieg. Geschichte des moralischen Niedergangs.“ Geschrieben hat es der polnische Geschichtsforscher Jan Tomasz Gross, der heute auf der angesehenen Princeton-University in den USA lehrt. Seit es vor ein paar Wochen in Polen auf den Markt kam, hat das Land eine hysterische Antisemitismus-Debatte.
 
Der Autor hatte seinem Heimatland schon vor ein paar Jahren eine schmerzhafte Geschichtsaufarbeitung beschert, als er den Hintergrund des Judenmordes von Jedwabne 1941 recherchierte. Bis dahin lautete die offizielle These, die deutschen Besatzer seien für das Massaker verantwortlich. Tatsächlich wurden die Juden von Jedwabne von ihren Nachbarn ermordet – die SS-Männer standen nur wohlwollend daneben und machten Filmaufnahmen.
 
Jetzt beschreibt Gross die Geschichte des polnischen Antisemitismus in den ersten Nachkriegsjahren. Und er spart nicht mit harten Formulierungen. Überall seien die aus den Todeslagern zurückkehrenden Juden mit Feindschaft empfangen worden, es kam zu Hetzkampagnen und Gewaltakten, sogar zu einzelnen Pogromen wie dem von Kielce 1946, bei dem 37 Juden ermordet wurden. 200.000 polnische Juden haben bis 1950 das Land verlassen. Dies war, so Gross, eine groß angelegte „ethnische Säuberung“.
 
Juden zu ermorden habe „sich in den Normen normalen Verhaltens“ bewegt, und vor allem die katholische Kirche sei zur „Kollaborantin“ geworden. So seien etwa vielen der Gewaltakten Gerüchte von jüdischen „Ritualmorden“ vorangegangen. Nur ein einziger Bischof, Teodor Kubin aus Tschenstochau, habe sich gegen diese Gerüchte gewandt und diese als verrückt bezeichnet. Dafür hätten ihn andere Bischöfe öffentlich kritisiert. Was die Kirche getan habe, „war schlecht“, so Gross in einem Interview.  Doch diese Ritualmordlegenden, so Gross, seien nur vorgeschobene Argumente gewesen: die meisten Polen, die den Juden nach 1945 Hass entgegenschlagen ließen, fürchteten sich schlicht davor, dass sie gestohlenes jüdisches Eigentum wieder verlieren würden.
 
Eine rationale Diskussion scheint darüber in Polen offenbar noch nicht möglich. Krakaus Erzbischof Stanislaw Dziwisz, der legendäre Ex-Privatsekretär von Papst Johannes Paul II., beklagte in einem wüsten Brief an den Verlag Znak (Zeichen), das Buch wecke „die Dämonen des Antipolonismus und des Antisemitismus“. Die Staatsanwaltschaft prüft, Gross wegen „Beleidigung der polnischen Nation“ vor den Kadi zu zerren. Nur der Erzbischof von Lublin, Josef Zycinski, zeichnete sich durch Gelassenheit aus: „Bücher sind dazu da, sie zu lesen und über sie zu diskutieren“.
 
Der Abwehrreflex hat nicht nur mit dem tief verwurzelten christlichen Antisemitismus zu tun. Es gibt auch eine Art Opferkonkurrenz, wie der Publizist Czeslaw Bielecki schreibt. Die Polen, die einen hohen Blutzoll durch den Nazi-Terror erlitten, nehmen kaum wahr, dass das Genozid an den Juden die Opfer der christlichen Polen bei weitem überstieg. Viele Polen wollen sich „ausschließlich in der Rolle der Kriegsopfer“ sehen, so der Philosoph Jakub Kloc-Konkolowicz, und können nicht akzeptieren, dass es auch polnische Täter gab.
 
Dass Gross seine Sätze eher mit der Axt zuschlägt und nicht in verklausulierter Akademikersprache schreibt, macht die Sache noch schmerzhafter. Er unterschlage, wie viele Polen Juden geholfen haben, dass Priester und Nonnen Verfolgte versteckt haben, wird dem Autor vorgeworfen. „Simple Generalisierungen, extreme Bewertungen und missglückte Interpretationen machen die Kritik an ‚Angst’ einfach“, meint der Historiker Dariusz Stola. „Ohne angriffigen Ton und Generalisierungen“, lässt sich eine Geschichtsdebatte nicht lostreten, meint dagegen die linksliberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza.
 
Ein „Nestbeschmutzer“ und „Feind“ der Polen sei Gross, heißt es mit offen antisemitischen Unterton. Schließlich hat der heute 60jährige jüdische Pole sein Land 1968 verlassen – nach der antisemitischen Kampagne des KP-Regimes gegen die meist liberale jüdische Intelligenz. Dass Gross den Freiheitskampf der Polen aus dem Exil unterstütze – publizistisch, aber auch durch Mitarbeit im Solidarnosc-Vorläufer „Komitee für die Verteidigung der Arbeiter“ (KOR) –, wird meist unterschlagen.
 
Das Buch:
Jan Tomasz Gross’ Buch „Strach“ („Angst“), das in Polen hohe Wellen schlägt, ist zwar noch nicht auf Deutsch, aber bereits auf Englisch erschienen. „Fear. Anti-Semitism in Poland after Auschwitz“. Random House, New York, 336 Seiten, 11,99.- Euro
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Ein Gedanke zu „Mord war normal“

  1. Bin schon sehr gespannt auf Buch. Polnische Zeitgeschichte, das ist immer eine extrem spannende Sache.
    Trotz aller Kritik an der oft sehr reaktionären polnischen Mainstream-Gesellschaft sollte nicht vergessen werden, das in Polen um das Thema „Antisemitismus“ immerhin heftig diskutiert wird (man denke hier z. B. an Adam Michnik, siehe http://www.perlentaucher.de/artikel/3354.html). Auch muss daran erinnert werden, dass Gesellschaften, die wie die polnische 1939–45 extrem traumatisiert und geschädigt wurden, sich eher nicht mehr in Richtung Humanismus etc. bewegen, sondern eher mehr Richtung „Verrohung“. Oder anders gesagt: NS–Herrschaft bedeutete sicher nicht kollektive „Besserungsanstalt“ (das dürfte durchaus auch für Österreich gelten.)
    In anderen Staaten (Ungarn, Rumänien, Slowakei, Estland, Lettland, Litauen…) wird über zum Thema „Antisemitismus“ ganz einfach geschwiegen, obwohl im Gegensatz zu Polen hier funktionierende Staatsstrukturen freiwillig oder sogar besonders willig beim Holocaust mitwirkten und auch nach dem Krieg keine besondere Anstrengung unternommen wurde, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Auch aus Tschechien oder Griechenland, (wieder andere Situationen) ist diesbezüglich nichts zu hören.

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