Benjamin Barber am Dienstag zu Gast in „Genial Dagegen“

„Ich will! Ich will!“ Der Konsumismus verdirbt den Charakter, zerstört die Demokratie und beschert uns Güter, die wir nicht brauchen, meint Benjamin Barber in seinem jüngsten Buch. Kommende Woche habe ich ihn zu Gast in meiner Reihe im Kreisky-Forum. Vorab gab er mir schon dieses Interview. Falter, 16. April 2008

 
Benjamin Barber, 69, ist einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der USA. Barber ist seit seinem vor zwölf Jahren erschienenen Buch „Dschihad gegen McWorld“ auch in Europa bestens bekannt. Gegenwärtig unterrichtet er an der Universität Maryland. In seinem neuen Buch „Consumed“ beklagt er, wie „der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt“. Kommenden Dienstag stellt Barber sein Buch in der Reihe „Genial dagegen“ vor, einer Kooperation von Kreisky-Forum und Falter.
 
Was ist so schlecht am Konsumismus?
 
Barber: Nichts ist schlecht am Einkaufen, nichts ist schlecht am Kapitalismus, nichts ist schlecht am Kommerz. Schlecht ist, wenn es nichts anders als Shopping mehr gibt, wenn wir dauernd dem Kommerz ausgesetzt sind. Wenn der Kommerz alle Lebenswelten durchdringt, Tag und Nach, dann ist das schlecht. Es ist nichts daran zu kritisieren, wenn die kommerzielle Seite ein Teil eines pluralistischen Lebens ist, in dem wir auch andere Dinge tun, in dem wir auch spielen, und einkaufen, und beten, mit unseren Kindern spielen, Sport betreiben, in dem wir auch Kunst und Liebe machen und auch einmal einen Spaziergang…
 
…aber das tun wir doch alles!
 
Barber: Nein, das ist der Punkt! In einer durchkommerzialisierten Gesellschaft ist nahezu alles, was wir tun, für Geld, für Profit. Wir gehen laufen, das stimmt, aber erst wenn wir uns einen schicken Turnschuh gekauft haben. Musik hören wir, nachdem wir uns einen I-Pod gekauft und für viel Geld Musik raufgeladen haben. Jede Aktivität wird eine kommerzielle Aktivität. Das betrifft sogar die Politik und die Kirchen: die Politik dreht sich nur um Spenden für die Kandidaten, und bei den Fernsehpredigern geht es auch nur um Geld. In den Künsten ist die zentrale Frage geworden: Lässt sie sich verkaufen? Das ist Hyper-Konsumismus.
 
Und der hat gefährlichen Einfluss auf unseren Charakter?
 
Barber: Ja, weil wir glauben, dass wir sind, was wir kaufen. Wir sind, was wir anhaben. Das ist die neue Identitäts-Politik, eigentlich: Identitäts-Shopping. Darum dreht sich ja alles beim Branding: Dass die Produkte nicht mit ihrem Gebrauchswert oder ihrer Qualität assoziiert werden, sondern mit einem Lifestyle. Du fährst einen Geländewagen, damit Du als harter Typ erscheinst, selbst wenn Du nie die Stadt verlässt. Oder Du kaufst einen Toyota Prius, damit alle sehen, dass Du ein grüner Bobo bist.
 
Das heißt aber doch auch, dass diese Leute wissen, wer sie sein wollen, und diese Identität dann mit Waren zum Ausdruck bringen. Dann helfen ihnen doch die Waren.
 
Barber: Nein. Du kaufst gesundes Essen, um zu zeigen, dass Du gesund und dünn bist. Du brauchst gar nicht wirklich dünn sein. Du musst gar kein Leben führen, das die Umwelt schont, es reicht, wenn Du Dir einen Prius kaufst. Die Brand ist der Ersatz für authentisches Verhalten.
 
Aber was ist daran infantil? Sie sagen in Ihrem Buch schließlich, der Konsumismus infantilisiert die Menschen.
 
Barber: Um Menschen dazu zu bringen, dass sie Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, müssen sie infantilisiert werden. Erwachsene Menschen, die vernünftige Entscheidungen zu treffen imstande sind, müssen zu kopflosen Kindern gemacht werden, die an der Supermarktkasse nur „Ich will, ich will“ rufen. Der Markt trainiert uns von unseren ersten Lebenstagen auf ein solches Verhalten.
 
Konsumenten sollen wie Kinder agieren, aber Kinder sollen auch zu Konsumenten werden…
 
Barber: Ja, so ist es. Der Hintergrund von all dem ist ein Kapitalismus, der so erfolgreich ist, dass die meisten echten Bedürfnisse der meisten Menschen in den entwickelten Ländern gestillt sind. Also, wie kann man da die Maschine am Laufen halten? Wenn man uns nicht dazu bringt, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, dann bekommt der Kapitalismus echte Probleme. Man sieht das gerade jetzt in den USA. Wir stehen ja an der Schwelle zu einer Rezession. Was sagt Präsident Bush? Dass wir die Leute in die Shopping-Mall bringen müssen, sie müssen wieder mehr ausgeben. Obwohl wir eine negative Sparrate haben, gibt man den Menschen mehrere hundert Millionen Dollar, damit sie einkaufen gehen. Man sagt: Egal, ob Du ein Haus brauchst oder Du Dir ein leisten kannst, Du musst es kaufen, weil wir es verkaufen müssen. Auf lange Sicht ist das ein Desaster für den Charakter der Menschen.
 
Aber wenn die Menschen nicht einkaufen, wäre es auch ein Desaster – und zwar nicht nur auf lange Sicht, sondern ziemlich unmittelbar.
 
Barber: Klar, wenn die ganze Welt wie Paris oder Charlottenburg aussähe. Unglücklicherweise für die Welt und glücklicherweise für den Kapitalismus gibt es viele Regionen der Welt, wo es noch echte Bedürfnisse zu stillen gibt. Und auch in der entwickelten Welt gibt es noch genügend wichtige Ding zu tun. Das Problem ist aber auch, dass wir einen Kapitalismus haben, der keine Risiken eingehen will. Unternehmer zeichneten sich bisher immer dadurch aus, dass sie Geschäftsideen hatten, nützliche Dinge entwickelten, und wenn es klappte, hatten sie Erfolg, wenn es nicht klappte, gingen sie bankrott. Heutzutage werden die Risiken sozialisiert. Wenn eine Bank kracht, dann rettet sie die Regierung. Wenn Chrysler eine dumme Strategie fährt, dann zahlt der Steuerzahler.
 
Was wären das für nützliche Dinge, die der Kapitalismus heute entwickeln könnte?
 
Barber: Wir wissen, wie schlecht unsere Abhängigkeit von Öl ist – ökonomisch, ökologisch, politisch. Alternativengergien sind ein vitales Bedürfnis. Es gibt neue Herausforderungen für die Architekten und die Bauwirtschaft – nehmen sie nur das Desaster von New Orleans. Solarenergie, gesundes Wasser für die Dritte Welt – es gibt genug zu tun.
 
Die Freunde der freien Marktwirtschaft würden jetzt sagen, dass es doch genügend Firmen gibt, die in diesen Branchen investieren. Wieso sollte das also nicht der Markt regeln?
 
Barber: Ich bin doch nicht gegen den Kapitalismus. Aber die heutigen Kapitalisten wollen sichere Gewinne, aber keine Risiken mehr eingehen, sie wollen in keine schwierigen Marktumgebungen mehr investieren. Sie haben auch nicht genug Geduld, sie lassen es nicht zu, dass neue Märkte entstehen. Hinzu kommt: Es braucht eine Balance. Kapitalismus braucht auch immer demokratische Kontrolle, ein Regelwerk, einen funktionierenden Staat. Nach dreißig Jahren Deregulierung gibt es keine Balance mehr.
 
Der Konsumismus ist gefährlich für die Demokratie?
 
Barber: Man sagt uns, Freiheit hat mit Wahlmöglichkeiten am Markt zu tun, mit der Auswahl, die der Konsument hat. Das ist aber nicht die Art von Freiheit, die die bürgerliche Freiheit meint. Die wichtigen Entscheidungen, die unsere Gesellschaften prägen, sind nicht Ergebnis privater Konsumentenentscheidung, sondern von demokratischen, öffentlichen Entscheidungen. Also: keine privaten Entscheidungen, sondern gemeinsame Entscheidungen. Wenn Sie nach Los Angeles gehen, dann haben sie eine unendliche Freiheit, was die Mobilität betrifft: Sie können zwischen 200 Automarken wählen, sie können sie kaufen, leihen oder leasen. Sie können eines um 11.000 Dollar kaufen oder eines für 200.000 Dollar. Aber es gibt ein Ding, das nicht zur Auswahl steht: öffentlicher Personenverkehr. Das gibt es nicht. Die wichtigsten Dinge für eine freie Gesellschaft sind öffentliche Entscheidungen – und die kann der Markt nicht ersetzen.
 
Bejamin Barber: Consumed. Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt. Dienstag, 22. April 2008, 19 Uhr. Kreisky-Forum, Armbrustergasse 15, 1190 Wien.

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