„An die Wand gefahren“

Vor zwanzig Jahren war Jeffrey Sachs der Jungstar der neoliberalen US-Ökonomen. Heute will er die Welt retten, bevor ihr die Ressourcen ausgehen. Globale Lebensmittelkrise, Ölkrise, Klimawandel – alles lösbar, so Sachs’ Credo. Im profil-Gespräch plädiert der Harvard-Ökonom und UNO-Sonderberater für Mikrokredite an arme Bauern, für Solar- und Nuklarenergie und vor allem für einen neuen internationalen Kooperations-Ethos. profil, 2. Juni und taz, 31. Mai 2008

Die Lebensmittelpreise sind explosionsartig angestiegen. Was sind die Gründe für die plötzliche Krise?
 
Sachs: Wir haben seit vielen Jahren einen Anstieg der Nachfrage nach Nahrungsmitteln – gleichzeitig haben wir nur einen sehr langsamen Anstieg, in manchen Jahren sogar einen Rückgang in der Produktion von Korn, Mais, Reis und anderen Grundnahrungsmitteln. Es gab deshalb kaum irgendwelche Vorratslager. Im vergangenen Jahr sind wir buchstäblich an die Wand gefahren.
 
Das ist also kein kurzfristiges Phänomen?
 
Sachs: Ganz sicher nicht. Das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage ist strukturell. Das ganze wurde noch verschlimmert durch den Boom der Biotreibstoffe. Anbauflächen, die früher für Nahrungsmittelproduktion dienten, dienen nun der Spritproduktion. Und zum Teil spielen auch die niedrigen Zinssätze auf den Finanzmärkten eine Rolle – das führte zu spekulativen Ankäufen.
 
Wird es richtige Hungerrevolten geben? Katastrophen mit hunderttausenden Hungertoten?
 
Sachs: Es gibt auf dieser Erde viele extrem arme Menschen, die sehr schwer getroffen werden durch die Preisanstiege. Viele sind bereits heute unterversorgt. Nicht, dass sie gar nichts zu essen haben – aber sie nehmen kontinuierlich zu wenig Kalorien zu sich. Und die werden noch ein bisschen weniger bekommen. Das ist nicht Hungersnot, wie wir sie aus Katastrophenzonen kennen, aber Unterernährung, die die Widerstandskräfte schwächt.  Diese Menschen fallen dann schnell Krankheiten zum Opfer. Das wird ein sehr ernstes Problem. Wir dürfen das nicht unterschätzen.
 
Aber das ist paradoxerweise das Resultat wachsenden globalen Wohlstandes – weil jetzt auch die Chinesen und Inder zwei Mahlzeiten am Tag kriegen, wie Angela Merkel sagte?
 
Sachs: Ganz falsch ist das nicht, auch wenn man diese Wortmeldung in China und Indien als ziemlich aggressive und anmaßende Aussage aufgenommen hat. Wir im Westen haben mehr als drei Mahlzeiten…
 
…und eine vierte, die im Mülleimer landet…
 
Sachs: …da ist schon reichlich ungeschickt zu sagen, das Problem besteht daran, dass aufstrebende Gesellschaften jetzt zwei statt einer Mahlzeit haben. Also: War nicht klug, das so zu sagen. Aber der Kern der Aussage ist: Die Nachfrage steigt, und die Produktion kann damit nicht Schritt halten. Und der ist richtig. Wir brauchen also eine Steigerung der Produktion und wir dürfen die Nahrungsmittelproduktion nicht in Treibstoffproduktion umleiten.
 
Es war also keine gute Idee, Korn in den Benzintank zu füllen?
 
Sachs: Nein, eine sehr schlechte Idee. Die Produktion benötigt so viel Energie – die Düngemittel, der Transport, die Umwandlung in Sprit –, dass die Nettoenergiebilanz nicht sehr gut ist. Auch die Auswirkungen auf den Karbonausstoß sind eher gering. Wir sollten das stoppen.
 
Dabei hatten wir gedacht, das mit dem Biotreibstoff sei eine prima Idee – damit könne man der Ölknappheit begegnen und auch den Klimawandel bekämpfen. Müssen wir uns eigentlich eingestehen, dass wir immer, wenn wir ein Problem lösen wollen, ein anderes Problem verschärfen?
 
Sachs: Ja, in einem gewissen Sinn sind wir in dieser tragischen Situation. Und zwar, weil wir an verschiedenen Fronten simultan an Grenzen stoßen. Wir haben eine Reihe von Problemen: Die Bevölkerungsexplosion, die Wasserknappheit, die Lebensmittelknappheit, die Energieknappheit, die steil ansteigende Nachfrage nach Rohöl, die Klimakrise. Die Lage ist wirklich angespannt. Es ist dann aber sehr wahrscheinlich, dass etwas, das nach einer Lösung aussieht, ganz gravierende Nebeneffekte hat. Das soll um Gottes Willen nicht heißen, dass wir am besten gar nichts tun, aber man sollte verdammt gut nachdenken.
 
Das klingt alles sehr deprimierend.
 
Sachs: Vergessen wir nicht: Das sind die Früchte des Erfolgs, auch die Früchte des technologischen und ökonomischen Fortschritts. Milliarden Menschen in Asien, aber auch in Lateinamerika haben Anschluss an unseren Wohlstand gefunden. Die Wirtschaft wächst, ein Mittelstand entsteht. Die Globalisierung ist eine Erfolgsstory. Der erste Schritt war, durch den Import von Technologien die schlimmste Armut in weiten Teilen Chinas auszurotten. Das ist jetzt geschafft. Aber wenn wir fragen ob die Welt es verkraftet, wenn wir einfach die vorhandenen Technologien über den gesamten Globus verbreiten, dann ist die Antwort: Nein. Deshalb plädiere ich so dafür, dass wir uns über den Technologiewandel Gedanken manchen müssen. Gleichzeitig müssen wir jene Regionen über die erste Schwelle bringen, die das noch nicht geschafft haben – weite Teile Afrikas vor allem.
 
In ihrem neuen Buch präsentieren sie ja praktisch Lösungen für jedes Problem der Welt. Fangen wir mit der Lebensmittelkrise an. Ihre Lösung?
 
Sachs: Da gibt es eine kurzfristige und eine langfristige Antwort. Zunächst: Es gibt einen Notfall. Wir müssen den verwundbarsten Menschen Notfallhilfe zukommen lassen. Die erreicht sie gegenwärtig nicht. Längerfristig müssen wir die Produktion in den ärmsten Regionen der Welt ankurbeln. Das betrifft die afrikanischen Länder, aber auch Haiti oder manche Länder Asiens. Viele dieser Länder haben einen Output, der gerade einmal ein Drittel von dem ausmacht, was zeitgemäße Landwirtschaft erreichen sollte. Das Problem ist, dass die armen Bauern keinen Zugang zu Finanzmitteln haben um ihre Produktivität zu steigern. Ihnen fehlt gutes Saatgut, sie können sich keine Düngemittel leisten. Man muss ihnen Zugang zu Krediten geben, dann können sie ihre Produktion verdoppeln und verdreifachen.
 
Sie sprechen von sieben Milliarden Euro, die dafür nötig wären.
 
Sachs: Ja, ich plädiere für einen Fonds, in den die reichen Länder einzahlen.
 
Gute Idee, aber das werden sie nicht tun.
 
Sachs: Ich kann das nicht mehr hören, dass das Geld nicht da ist, dass die reichen Länder nichts hergeben wollen. Das ist nicht viel Geld! Sehen wir uns an: Was sind die Probleme? Gibt es einen Mechanismus, sie zu lösen? Wenn man das getan hat, dann soll man sehen, wie man Geld auftreibt. Ich rede gerade mit vielen Regierungen. Auch die reichen Ölstaaten des Nahen Ostens können einzahlen.
 
Warum soll eine solch einfache Lösung eigentlich funktionieren? Die klassische Entwicklungshilfe hat häufig doch gar nichts gebracht.
 
Sachs: Es gibt sehr ermunternde Beispiele. Nehmen wir nur Malawi. Dort hat der Präsident vor drei Jahren, mitten in einer schweren Lebensmittelkrise, gesagt: Genug ist genug! Wir müssen die Produktion ankurbeln! Daraufhin wurde ein sehr simples Voucher-System eingeführt. Die Bauern erhielten im ersten Jahr zwei Sack Düngemittel und im zweiten Jahr besseres Saatgut. Innerhalb eines Jahres hat sich der Output verdoppelt. Und im Folgejahr noch einmal. Wenn das in Malawi klappt, einem sehr rückständigen Land, dann klappt das überall.
 
Das geht also recht kurzfristig?
 
Sachs: Ich sehe das auch in den Dörfern in Afrika, in denen wir mit dem UN-Millenniumsprogramm Projekte vorantreiben: Verdoppelung und Verdreifachung der Nahrungsmittelproduktion in ein, zwei Jahren ist möglich.
 
So leicht kann man die Versorgungskrise lösen?
 
Sachs: Längerfristig müssen wir schon auch unsere Ernährungsgewohnheiten ändern…
 
Soll heißen: Weniger Fleisch essen?
 
Sachs: Weniger Fleisch essen, ja, das ist ja auch gesünder. Es ist einfach vom ökologischen Gesichtspunkt und vom dem der Energieeffizienz ein Problem, wenn wir viel Fleisch essen. Simpel gesprochen: Von dem Korn, dass ein Rind frisst, werden viel, viel mehr Menschen satt als von dem Fleisch des Rindes. Man sollte auch genetisch modifizierte Pflanzen nicht einfach verteufeln, wie das in Europa gelegentlich geschieht. Vor allem in armen Ländern mit extremer Trockenheit können Pflanzen, die mit wenig Wasser auskommen, sehr nützlich sein. Kurzum: Wir brauchen ein Ernährungssystem, das schon sehr bald acht Milliarden Menschen satt machen wird müssen. Das wird nicht gehen, ohne dass man Gewohnheiten ändert.
 
Aber wir leben in einer globalen Marktwirtschaft. Wollen Sie dem Konsumenten vorschreiben, was gut für ihn ist?
 
Sachs: Ach, in der Landwirtschaft haben wir doch keine freie Marktwirtschaft. Wir haben ein Marktsystem, aber mit einem undurchschaubaren Netz an Regulierungen, Regierungsinterventionen, Subventionen. Bis das Essen auf unseren Tisch kommt, wurde hundertmal steuernd in den Markt eingegriffen. Und es ist doch überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn wir unser Verhalten ändern, weil neue Probleme auftauchten. Das passiert doch dauernd.
 
Der Rohölpreis hat gerade bei 133 Dollar pro Barrel angeschlagen. Können wir die Energiekrise auch lösen?
 
Sachs: Das Energieproblem ist sicher grundlegender als das Nahrungsmittelproblem – ein Teil der Ernährungskrise ist eigentlich ein Resultat der Energiekrise. Die Nahrungsmittelpreise sind auch wegen der Biospritdiversion explodiert, teilweise auch, weil die Transportkosten sehr viel höher geworden sind und sich die Kosten für Dünger verdreifacht haben. Eine moderne Ökonomie ist einfach sehr energieintensiv. Es lässt sich nun nicht mehr leugnen, dass es in Zukunft nicht mehr genug Öl geben wird, um die steigende Nachfrage bei vernünftigen Preisen zu stillen. Der Ölpreis hat sich in einem Jahr verdoppelt! Wir werden ohne fossile Kraftstoffe nicht auskommen aber wir müssen massiv alternative Energien erschließen. Nuklearenergie und Solarenergie werden mittelfristig die Gewinner sein – in einem Ausmaß, das weit über unsere heutigen Vorstellungen hinaus geht.
 
Sie vertrauen darauf, dass wir mit Technologien die Probleme in den Griff kriegen?
 
Sachs: Wir haben doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir finden technologische Lösungen oder die Bürger der entwickelten Gesellschaften reduzieren ihren Lebensstandard dramatisch. Da gefällt mir die erste besser.
 
Weil sie realistischer ist?
 
Sachs: Und angenehmer. Ich kann mir auch keinen Politiker vorstellen, der mit dem Programm in die Wahl zieht, den Konsum auf etwa die Hälfte des Bisherigen zu reduzieren. Länder wie China und Indien werden ihre Entwicklung jedenfalls nicht stoppen, nur damit wir im Westen unseren Standard halten können.
 
Eines ihrer Schlüsselworte ist Technologie. Das andere ist Kooperation – globale Kooperation. Aber ist das realistisch? Wir leben im Zeitalter des Unilateralismus, des Kampfes der Kulturen und der Rivalität um knappe Ressourcen. Nicht die beste Zeit für ein kooperatives Ethos.
 
Sachs: Eine miserable Zeit, vor allem in den vergangenen Jahren. Nur war die politische Führung der USA auch besonders mies. Wir waren einfach auf einen falschen Kurs – und 81 Prozent der Amerikaner sehen das mittlerweile auch so. Es ist also ein Neuanfang möglich. Und vergessen wir nicht: Es sind vor allem die großen Staaten, die sich in ihrer Großmachtillusion gegen Kooperation stemmen. Die vielen kleineren Staaten wissen längst, dass sie auf sich allein gestellt kaum etwas zuwege bringen können. Sie sind alle für Zusammenarbeit. Also, es ist übertrieben zu sagen, dass es eine weltweite Opposition gegen kooperative Lösungen gibt.
 
Viele Menschen in Europa sagen: George W. Bush war vielleicht ein besonders dummer Typ, aber am Unilateralismus der USA würde sich auch unter McCain, Obama oder Hillary Clinton nichts ändern.
 
Sachs: Total falsch. Alle drei würden die Sache sehr viel anders machen als die gegenwärtige Regierung. McCain ist sicher der Kandidat, der am wenigsten ändern würde. Clinton ist irgendwo in der Mitte. Obama ist stets ein Fürsprecher kooperativer Lösungen. Er wird dafür dauernd kritisiert. Und sogar die gegenwärtige Regierung hat im letzten Jahr schon sanft umgeschwenkt – einfach, weil sie auf allen Linien gescheitert ist.
 
Also, das Pendel schwingt schon?
 
Sachs: Ja. Und es wird weiter schwingen. Die großen Themen sind in den letzten Jahren die Klimakrise, die Energiekrise und jetzt die Nahrungsmittelkrise. Kein Mensch, der bei Trost ist, kann heute noch leugnen, dass wir vor sehr ernsten Problemen stehen. Und jeder weiß, wir können diese Probleme nicht durch unilaterale Kraftmeierei lösen. Der Markt wird sie auch nicht lösen. Also braucht es eine globale, gemeinsame Anstrengung.
 
Eine Frage an Sie als amerikanischer Bürger: Sie sind ein Obama-Fan, wenn ich das richtig verstanden habe?
 
Sachs: Ich bin auch UNO-Funktionär und soll mich deshalb nicht zu direkt zu innenpolitischen Fragen äußern. Wir brauchen einen Präsidenten, der sich mit aller Kraft für gemeinsame Lösungen einsetzt. McCain klingt sehr oft noch nach „Wir“ gegen „Sie“. Das ist genau der falsche Weg.
 
Interview: Robert Misik
 
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Metamorphosen einen Ökonomen
 
Wie sich Jeffrey Sachs vom Doktor Schocktherapie zum Mr. Weltverbesserer wandelte.
 
Was der frühe Mick Jagger unter den Rockern war, war Jeffrey Sachs einmal unter den Ökonomen. Ein Jungstar. Einer, der abhob. Einer, der sich für den Besten hielt. Harvard-Professor mit 28 Jahren. Das Genie unter den Neoliberalen. Gerade 30 Jahre war er, da flog er nach Bolivien. Seine Aufgabe: Das ganze Land umzukrempeln. Die Inflation hatte gerade bei astronomischen 60.000 Prozent angeschlagen. Die Wirtschaft kollabierte. Aber Sachs hatte einen Plan: „Strukturanpassungen“. Löhne einfrieren. Staatsbedienstete entlassen. Privatisieren. Staatsausgaben einschränken. Sozialleistungen streichen. Einnahmen hochtreiben. Die Bevölkerung verarmte, Beamte saßen auf der Straße, aber der Staat musste kein Geld mehr drucken. Ein neuer Wirtschaftsterminus war geboren: „Schocktherapie“. Und Sachs war ein Weltstar, über den Kreis der Ökonomen hinaus. „Mr. Schocktherapie“ war eine global gefragte Marke.
 
Der Ökonom agiert wie ein Arzt – wo die Wirtschaft krankt, kommt Doktor Sachs mit seinen Rezepten. Argentinien, Brasilien, Ecuador sind weitere Stationen. Dann fällt der Eiserne Vorhang. Und Sachs hat seine größte Zeit. Er zieht nach Polen und schreibt einen Masterplan. Die Planwirtschaft wird ins kalte Wasser des freien Marktes gestoßen. Ob Estland, Slowenien, Kirgisien – für jedes Land soll Sachs’ Plan gelten. Und als Höhepunkt seiner Welttournee hält Sachs 1991 Einzug im Kreml. Präsident Boris Jelzin ruft ihn. Sachs erklärt, wie Marktwirtschaft funktioniert. Die 30 wichtigsten Politiker des Landes schlagen ihre Notizbücher auf und schreiben mit.
 
Staatswirtschaft wird abgewickelt, Privatwirtschaft hält Einzug – und wer nicht mithält, der muss hungern, während die Gerissenen sich bei der Privatisierung die schönsten Stücke unter den Nagel reißen. Jeffrey Sachs gilt als Mastermind des neuen Raubritterkapitalismus. 
 
Fünfzehn Jahre später. Jeffrey Sachs, derweil 53, hat sich neu erfunden. Er kämpft gegen die Armut auf dieser Welt. In einem ist er sich zwar treu geblieben: In der festen Überzeugung, dass es für alles eine Lösung gibt und dass er, Jeffrey Sachs, die kennt. Aber die Lösungen klingen doch ganz anders. Der Markt werde die Probleme der Welt nicht lösen – die Reichen müssten den Armen helfen und die wohlhabenden Länder müssten sich zusammentun, um die gravierenden Weltprobleme in den Griff zu bekommen: Klimawandel, Nahrungsmittelknappheit, Ressourcenmangel. Nach Raubritterkapitalismus klingt das nicht mehr. Sondern eher nach Globaldirigismus. „Oft klingt Sachs heute wie ein Linker“, schrieb die Hamburger „Zeit“. Und: „Er ist der einflussreichste Volkswirt auf dem Planeten.“
 
Neben seinem Job in Harvard steht Sachs heute dem Earth-Institut vor, zudem ist er für das „UN-Millenniumsprojekt“ verantwortlich und Sonderberater des UN-Generalsekretärs. Wenn man ihn fragt, wie das denn kam, dass er sich vom ultraliberalen Saulus zum humanistischen Paulus gewandelt habe, dann wird Sachs schnippisch: „Wenn man eine Planwirtschaft auflösen will, dann muss man liberalisieren. Wenn man die Malaria bekämpfen will, dann bedarf es staatlicher Intervention.“ In Polen musste man die Ökonomie in Bewegung bringen, in Tansania geht es um Auswege aus der Armutsfalle. Sachs: „Mein angeblicher Meinungswandel ist eher das Problem der Leute, die das Thema nicht verstehen.“
 
Gerade hat Sachs wieder ein Buch herausgebracht, in dem er darlegt, wie man Umweltzerstörung, Unterernährung, Artensterben, Klimawandel, Bevölkerungsexplosion, Energiekrise, den Ölpreis, den Reismangel und noch ein paar andere Krisen lösen kann. Keine Gelegenheit läßt er aus, um für seine Thesen zu trommeln. Sogar das Komödiantenprogramm „Comedy Central“ nützt er, wo sein Buch prompt so angepriesen wird: „Da drin sind alle Lösungen für die größten Probleme der Welt“.
 
Präsidenten, Premierministern, Kanzlern redet er jetzt Löcher in den Bauch, damit sie Geld locker machen für seinen Plan, mit sieben Millarden Euro jährlich die ärmsten Bauern zu unterstützen – das würde reichen, den Hunger auszurotten. Zu seinen engsten Freunden zählt heute Bono, Sänger der Rockgruppe U2. Gemeinsam trommeln sie für die Rettung der Welt. Neulich saßen die beiden im Wagen, da war das Auto von kreischenden Mädchen umricht gewesen, erzählt Sachs. Lachend fügt er hinzu: „Das passiert uns Makroökonomen ständig.“
 
Robert Misik
 
Das Buch:
 
Jeffrey Sachs: Wohlstand für viele. Globale Wirtschaftspolitik in Zeiten der ökologischen und sozialen Krise. Siedler-Verlag, München 2008, 475 Seiten, 25,70.- €
 
 

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